08. Februar 1982 - Sex im Kopf

blog820208-1.jpg

Auf dem Wege zur Arbeit, erst halbwach (zu Hause war noch Stromausfall), im milden gelben Dämmerlicht der Friedrichstraße sehe ich eine ganz kleine Frau, fast knabenhaft und doch sind da weibliche Formen angedeutet, an den richtigen Stellen zu ahnen, keimhaft. Doch es war kein Kind, eine erfahrene, propere, flinke Frau war es. (Die eine Verkäuferin in der Sämereienhandlung Friedrichstraße ist derselbe Typ.)
Ich stelle mir vor, diesen Grashüpfer zu ficken, in diesen leichten, grazilen Körper mein Glied zu bohren. Ich werde wieder erstaunt sein (ähnlich wie früher bei anderen kleinen Frauen), daß, mit den Worten des Apulejus „das ganze große Gerät Platz findet“, und es ist ebenso überraschend, wie lustvoll, zu spüren, wie dieser winzige Körper fiebert, wie er preßt und reißt und wie das Erleben, unabgelenkt von sekundären Reizen, sich ganz auf den Geschlechtsteil konzentriert.
Und dann ermatten, der männliche Hochmut ist davongespült. Demütig ziehe ich meinen Schwanz ein und erkenne wieder, daß es fast einem Floh gelingt, meine 80 kg zu bändigen. Dankbar bin ich dem kleinen Wesen für die gemeinsame Lust.

Während des ganzen Aktes habe ich nicht einmal daran gedacht, daß auf diese Weise Kinder entstehen, daß der kleine Körper vielleicht eine riesige Frucht tragen muß, daß er mit Schmerz und Blut einstmals für diese Lust bezahlt - und ein Kind herausbringt.
Weit entfernt ist das von unserer diesmaligen Lust. Das sind Ereignisse, die mich dann von außen treffen; anders die Frau, deren Lust in einer direkten körperlichen Weise im Kind aufgehoben ist.
Daran ändert sich Vieles im modernen Leben, mit der Gleichberechtigung der Geschlechter und neuen technischen Mitteln.

Wer erlaubt mir, so etwas aufzuschreiben? „Der Bär tanzt“, wie Tucholsky sagt?
Ich versuche Tatsachen, auch innere, ungeschminkt hervorzuzerren (aber nur für mich, nicht für andere) und faßte meinen Entschluß, bevor ich Henry Miller las. Was kommt dabei heraus, wenn ich versuche, die Wahrheit rückhaltlos herauszureißen?
Die Wahrheit über das, was in mir liegt, will ich sachlich-objektiv formulieren. Oder falle ich hier in einen logischen Widerspruch? Es gibt keine direkte Entsprechung von Empfindung und Sprache (= Gedanken); der Inhalt von triebhaften Begierden ist kaum mit der Sprache faßbar, die die Menschen zum Austausch ihrer Überlegungen benutzen.
Die Formen der Kunst sind geschaffen, um auch Empfindungen auszudrücken und Triebe zu umschreiben.

Und wie drücken wir Triebe direkt aus? Durch verstohlene Gesten, durch Augensprache, durch Tasten, durch alle möglichen Handlungen - fast immer stumm oder doch wortarm oder durch Worte, die gegen die Gesellschaft gerichtet werden (Zynismen z. B.)

Mein Schreiben ist noch von einer weiteren Halbheit durchdrungen: Einerseits versuche ich kraß und unbewertet zu äußern, was in mir sich abspielt, und fast im selben Moment beginne ich darüber zu reflektieren, d.h. die Sprache der Gesellschaft, der mitmenschlichen Beziehung zu benutzen.
Kein sehr genießbarer Brei, der hier entsteht.

Doch ich will noch auf diesem Wege bleiben, denn für mich ist er neu, wenn er sich auch als Irrweg herausstellen sollte.
Tatsache ist doch, daß Triebe wirken, daß Unbewußtes wirkt, daß wir auch biologische Wesen sind. Den Menschen ganz zu befreien., heißt ihn auch als biologisches Wesen zu befreien. Das sind doch ernstzunehmende Fragen, ihnen will ich mich weiter stellen (auch wenn es mir nüchtern betrachtet, peinlich ist), zunächst halt so dilletantisch, wie ich das kann.

Ich spüre auch Gefahren auf diesem Weg. Die Selbstanalyse, zumal des so interessierenden Sexuallebens , kann einen immer weiter von der Welt wegführen, sich verselbständigen, selbst zur Lust werden. Deshalb muß ich darauf achten, in der Tagesarbeit, in der Familie, zu L., immer ein tätiger „normaler“ Mensch zu sein, um so möglichst den ganzen Spannungsbogen in mir zu erhalten.
Im Augenblick gelingt mir das, wie ich an vielen Ideen spüre, die mir zu allen möglichen Problemen und nicht zuletzt zur Arbeit kommen. (Beiläufig: Heute ist mir zum ersten Mal irgendwas von Pornografie verständlich geworden.) Was nützt hier die schnelle moralische Wertung? Millionen konsumieren Pornografie. Sie ist zur Industrie geworden. Auch ich würde mich gern an manchem davon ergötzen. Ja, viel der Aktbilder auf diesen Seiten schaue ich keineswegs nur ästhetisch und auch nicht nur frivol, sondern ganz eindeutig sexuell bzw. pornografisch an.

Ein anderes Erlebnis des heutigen Tages war auch das Referat des Ministers auf der Betriebskonferenz des MSAB. Diese Klarheit und Konzentration und zugleich Differenziertheit!
Viele neue Ideen für unseren Lehrgang - einer der wichtigsten: Wir müssen Wege finden, um die Leitungsprobleme der Kombinatsebene in unserem Lehrgang zu fassen. Mit etlichen genossen des MSAB habe ich mich verabredet, um die Führungsproblematik der verschiedenen Fachabteilungen besser zu erkennen. Nicht reden will ich hier von der Menge neuer Gedanken zu den Formen des Lehrgangs.

Die Woche habe ich begonnen mit 30,-M. Wenn ich nächst Woche nochmal mit 30-40,-M hinkomme, bin ich wieder im Sparrythmus drin.
Meine Wunsch-Monatsbilanz:
1180,- brutto

240,-Unterhalt
100,- Beiträge
90,- Miete
300,- eig. Unterhalt und Familie
400,- Sparbetrag

Das schaffe ich fast nie. aber seit ich mir das Geld pro Woche zuteile, gelingt es mir doch einigermaßen zu sparen.

Die heute sichtbaren Gartenarbeiten des Jahres:
Obstschnitt, Winterspritzung, Holzgerümpel, Obstpflanzung, Mistversorgung, Dachrinne der Laube, ihr Anstrich, Kackecke, Graunke-Tür, Kultur von Kartoffeln, Broccoli, Fenchel, Tomaten, Zwiebeln, Kürbis, Gurken, Salat, Radies, Bohnen. Spaliere, Kompost, Düngung u.a.

Festzuhalten ist Friederikes Brief und das Thema Margot:

Friederike ist eine Studienfreundin von L. Sie hatte einen polnischen Mitkommilitonen, Jacek, geheiratet. Beide sind „praktizierende Katholiken“. Damals lebte sie inmitten einer Schar von sechs oder acht Kindern glücklich in Krakow. Bei einem Besuch erzählte mir Jacek mit leuchtenden Augen, daß eines ihrer Kinder vom Papst Johannes Paul II als der noch Bischof in Krakow war, gesegnet worden sei.

Bei diesem Besuch hörte ich von Jacek zum ersten Mal, daß die Morde von Katyn von sowjetischer Seite begangen worden seien. Ich glaubte es nicht, aber er war sich völlig sicher.

Fr. schreibt, das Volk sei sich einig wie noch nie, seinen passiven Widerstand nicht aufzugeben. Durch Leid und Krieg müßten sie durch, dann kommt das Glück.

Margot schrieb einen Brief voller brennender Sehnsucht. Ihre Qual tut mir weh. Von der ersten Stunde an kann ich in ihr immer nur das mißhandelte Kind sehen. Wozu war meine Zuwendung gut, wenn ihr nun doch bloß die verzweifelte Sehnsucht bleibt? Wo habe ich einen Fehler gemacht, so daß ich ihr jetzt von dem wieder wegnehme, von dem ich ihr gegeben habe und viel geben wollte?

Ich hätte nach dem Theater den Bus nehmen müssen. Bei ihr zu übernachten war ehrlich von mir aber es war sträflich naiv (und auch eine Spur bequem).

blog820208-2.jpg

 

Leave a Reply