09. Februar 1982 - Liebe und Sex

Habe jetzt 4 Std. Studium Vorwerg, „Grundlagen einer persönlichkeitspsychologischen Theorie sozialen Verhaltens“ hinter mir. Vieles verstehe ich nicht und erhoffe mir doch
- theoretische Grundlagen für die Optimierung des ZF-Lehrgangs
- theoretische Grundlagen für diese meine Protokolle
- sowie Vorbildung für die Gespräche mit Dr. Heyse und Dr. Schmidt.

Ich vergegenwärtige mir, wann ich gestern „Natur“ wahrgenommen habe. Oder was blieb als Sinneseindruck haften? Es war das Gesicht der Straßenbahnfrau. Und es war die eigentümlich gelbe Beleuchtung der Friedrichstraße im Morgendunst. Mehr an sinnlichen Eindrücken hat der Tag mir nicht hinterlassen.

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Heute bin ich nicht gut ausgechlafen, Im Bett gestern gegen 23.40 Uhr. Vor allem aber aufgekratzt durch die Beschäftigung mit diesem Buch….

In der Jugendzeit und manchen Ehejahren bedrängte mich unbefriedigte Sexualität, so daß erst wiederholte Selbstbefriedigung mich schlafen ließ. Mit den Jahren gaukelte ich mir einige müde erotische Phantasien herbei, um von ihnen in den Schlaf hineinzugleiten. Gestern wollte ich auch mit Hilfe erotischer Vorstellungen in den Schlaf dämmern und wählte mir als „Partnerin“ R.R. Da hatte ich mich aber ganz schön verrechnet. Die Person wurde mir immer lebendiger, immer neue Erinnerungsfetzen wurden wach, die meine Lüsternheit anheizten, die Wirklichkeitsnähe war zu groß. Es dauerte wohl bald ‘ne Stunde bis der Schlaf siegte. Aber geblieben ist der nun schon realere Wunsch mit dieser Frau zu schlafen, die Möglichkeiten zu ertasten, die dahin führen.

Heute früh in der Straßenbahn traf ich Norbert. Er hat sich z. Z. mit seiner Frau zerstritten (Freundin), arbeitet als Heizer bei der KWV Prenzlauer Berg.

KWV-Kommunale Wohnungsverwaltung

Schicht von 6-18 bzw. 18-6 Uhr, reale Arbeitszeit ca. v. 6-16 Uhr, zu zweit, ca. 3 1/2 t Rohbraunkohle bewegt er pro Tag, dazu „Asche ziehen“ u.a., im Winterhalbjahr für 1500,-M. im Sommer Ersatzarbeiten, Malerarbeiten, Pflegearbeit (600,-M); viele kaputte Typen (Alkoholiker, Haftentlassene, alle Berufe), viel freie Zeit, er liest viel, viel Sauferei, große Anscheißerei untereinander. Der Brigadier wird hofiert.

L. erzählte von Frau Leiba. Typisch ihr Besuch bei ihrer Freundin im Westen, die immer klagte, wenn sie selbst in der DDR bei Frau Lei. zu Besuch war. Dort eine Pracht und Herrlichkeit in der Wohnung und - eine ganze Tasse Kaffee als Angebot für einen langen Nachmittag.
Frau Lei. will unbedingt einen Mann finden, sonst macht sie irgendwann Schluß. Jedoch „99% der Männer müßte man vergasen“.

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Ihr Mann hat gesoffen und sie geschlagen und ausgebeutet. Er war schon 1 1/2 Jahre bei seiner Freundin polizeilich gemeldet, bevor sie sich scheiden ließ. einmal ging sie zu dieser Wohnung, traf die Freundin an: „Wer sind Sie?“ „Ich bin die Frau und Sie sind die Sau.“

Vier Stunden Diskussion mit Evelyn und L. 0.00 Uhr ins Bett. 1 Std. Linde im Arm, ca. 1 Uhr Schlaf.
Der Sinneseindruck des Tages: L. im Arm zu halten. Sie war voller Unruhe und Herzbedrängnis. Ihre Brust (über dem Hemd) zu halten und zu massieren. Unsere beiden großen schönen sauberen Körper aneinander. Wie selten sind eigentlich die gegenseitigen Sinneseindrücke bei uns?

Nach der Arbeit rief ich R. R. an. Sie erkannte mich zuerst nicht („Wolfgang?“), ist dann aber sehr freundlich, Gespräch über Fasching, über die Bilder vom vorigen Fasching. Sie läßt L. ganz herzlich grüßen, (was echt klingt), während ich daran denke, sie zu vögeln.
In dem Moment empfinde ich das so, als sei mein schwüler Dunst von einem frischen Luftzug in alle Richtungen zerstoben. Doch schon eine Viertelstunde später denke ich: Warum nicht? Sie hat immer noch ihren Wolfgang und ich meine L. und beide haben wir Lust auf eine Abwechslung - eine günstige Gelegenheit herbeiführen und wir genießen unsere Sündenlust.“
Zugleich denke ich daran, daß Eva V. und so L. davon erfahren wird, und mein Gewissen sagt mir, daß ich das nicht machen kann.

Abends das riesenlange sinnvolle Gespräch mit den beiden Frauen… Im Gespräch geht es (von Evelyn ausgelöst) massiv um Liebe und Sex. (Ihr verheirateter Liebhaber betrügt sie mit einer Dritten.)

Es wird die Triebhaftigkeit der Männer behauptet und die persönliche Liebe der Frau dagegengesetzt.
Wir versuchen rigoros ehrlich zu sein und der Wahrheit auf den Grund zu kommen. Ich z. B. betone meine Liebe zu L. und gestehe zugleich meine anderen Sexualbegierden und -taten ein (was ja bereits zwischen L. und mir ausgesprochen war). sie zeigt nach außen eine bewundernswürdige Haltung (Beherrschung). Sie erklärt auch offen ihr eigenes Interesse an einer gelegentlichen sexuellen Befriedigung durch Abenteuer. Ich ahne trotzdem hinter dieser Äußerung auch eine Spur von Revanchegefühlen. Sie fürchtet für sich zugleich ein solches Abenteuer, weil weil daraus Liebe entstehen könnte. Das Abenteuer ohne Liebe , für unsereins selbstverständliche Möglichkeit, ist für die Frau überhaupt offensichtlich kaum vorstellbar.

In der Nacht, nachdem ich L. die Stunde umfangen hatte und in mein Bett ging, nachdem sie fast eingeschlafen war, sagte sie, wie schön es war, so gehalten zu werden. In mir zugleich die bitterste Verzweiflung über ihre Gleichgültigkeit ihre Unkenntnis und Missachtung meines liebevollen Begehrens, die mich sozusagen zur Kastration verurteilt. (Ich spreche nicht nur von diesem einen Mal, von dieser Müdigkeit, es war spät, usw. usw. Ich spreche davon, daß sich diese Szene schon hundertmal und mehr so bei uns abgespielt hat und mir - bei Eínhaltung aller Regeln der Moral - nur die Wahl läßt zwischen Herzinfarkt, Wahnsinn oder Kastration.) Das muß man vielleicht wissen, wenn man die Seiten dieses Hefts liest.

In dem langen Dreiergespräch spreche ich zum ersten Mal aus die andere Seite der Liebesdialektik: Gib deinen Trieben nach, einmal ist keinmal. Zweimal ist auch keinmal. Ist dreimal auch keinmal? Viermal usw.?
Triebe auszuleben und zugleich zu lieben, führt in einen unlösbaren Widerspruch, weil (auch bei absoluter Toleranz der Liebespartner) objektiv, ob sie wollen oder nicht, die Liebe geschädigt wird. Die Frage ist nur verschoben. Sie lautet nicht, gehe ich einmal fremd oder tue ich es nicht?
Sie lautet jetzt: Zwei-, dreimal fremd gegangen bin ich in fünf Jahren, tue ich es nun zwei-, dreimal im Jahr oder zwei-, dreimal im Monat?
Der Punkt des Verzichts, der Selbstüberwindung des Schmerzes ist unvermeidlich, wenn man liebt.

Nach allem langen Reden das Fazit:
Es gibt nicht
die Antwort auf die Fragen des Lebens. Diese Antwort kann nur das ganze Leben selbst sein. Das wußte jeder aber bereits vorher.

Das ist auch das Fazit des ganzen großen „Faust“.
Es währet, wenn es hoch kommt, 80 Jahr, und wenn es Müh’ und Arbeit gewesen ist, so ist es gut gewesen.
L.: Es darf nicht sein Krieg und Krankheit. Wenn dann noch Arbeit ist, müßte alles andere doch zu bewältigen sein.
Gespräche über Liebe und Sex können nicht vom Leben gesamt, von seinem Sinn, der durch Arbeit gefunden/geschaffen werden kann, getrennt werden.

Aus heutiger Sicht fällt mir auf, wie selbstverständlich klar uns war, daß die Arbeit von grundlegender Bedeutung für alle anderen Lebensfragen ist.

Heute ist es ebenso selbstverständlich, daß man um Arbeit betteln muß und wenn man sie hat, ist sie Einem oft in höchsten Maße fremd.

Wie kann der Mensch solchen Perspektivenwechsel überstehen? Muß er nicht traumatisiert sein?

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