27. Februar 1982 - Objektivierung durch Tagebuch

Wohl den Menschen, die nach dem Aufwachen noch liegenbleiben und sinnen können, wie ich heute. Das heißt, das Gold zu bergen, das die Morgenstunde im Munde hat. Am Abend bis du ganz von Streben, vom Handeln, vom Ausgesetztsein des Tages zerfetzt. Am Morgen bist du in allen Teilen, besonders in deinen besten Teilen, die am schnellsten ermüden (dem Geist), hellwach, bist ganz.

Eine Menge Träume; wußte morgens keinen mehr. Doch ein Bruchstück fiel mir ein: Wir hatten Besuch (eine Legierung aus Bernhard Zmsyslony und Leifer) und von einem Dritten erfuhren wir, was er über uns gesagt hatte: „Bei ihnen wird nicht gesungen…..“

Mit Erstaunen stelle ich fest, daß „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, die ich gerade anfange, ziemlich erotisierend auf mich wirken. Dabei gibt es doch kaum äußerliche Anreize dafür. Ich denke immer entschiedener: Alles ist wert, erlebt zu werden. Freilich, manches wird man halten, bewahren (und „aufheben“), manches wird man hinter sich lassen. Ich kann auch das Miese, das mir anhaftet, nur dann hinter mir lassen, wenn ich es durchlebt habe. So muß ich mich auch in Zukunft dazu bekennen, wenn das Sexuelle sich bei mir verselbständigt. Bekennen heißt, es hier im Protokoll als Tatsache aufschreiben und es bedenken.

Aber sich sexuelle Wünsche einzugestehen heißt nicht gleichzeitig, sich jeden sexuellen Wunsch zu erfüllen. Es darf verantwortlich gehandelt werden. Natürlich heißt, seine sexuellen Wünsche kennen, auch, sie nicht in alle Ewigkeit (und eigentlich aus Schwäche) zu verdrängen.

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Durch das Protokoll wird vieles nur Empfundene, unterhalb der Begriffsschwelle Liegende objektiviert (Eigentlich objektiviert in diesem Sinne jeder Künstler.), wenn auch zunächst nur in Schrift- bzw. Sprachgestalt, aber diese liegt dann ebenso vor, wie die Äußerung eines Fremden.* Ich kann sie mir wieder aneignen, mich erneut und von anderer Seite bzw. „unvoreingenommen“ damit auseinandersetzen. Ich werde von solcher Objektivierung mehr bestimmt, angeregt, eventuell fixiert als von der flüchtigen Empfindung. In diesem Sinne wirkt das Buch wie ein Katalysator, der Empfindung, denken und Handeln näher zusammenbringt….

Dabei scheint es so zu sein, daß nicht schlechthin das Bewegende, sondern das problematisch Bewegende niedergeschrieben wird. Die Politik Reagans, die Ereignisse in Polen u.v.a. bewegen mich außerordentlich, aber sie sind in diesem Buch kaum zu spüren.

Interessant, daß ich hiermit die genannten Ereignisse nicht als „problematisch bewegend“ einordnete. Sie schienen mir zwar wichtig, aber waren nicht Anstoß zu tieferem Nachdenken. Ich glaubte, die richtigen Wertungen zu kennen. Weiterdenken war nicht angesagt.

 

Viele tiefe, handlungsbestimmende Gefühle können an dieser Art Protokoll nicht abgelesen werden, doch es wäre nicht richtig, sie deshalb zu leugnen. (Sie müssen aus Taten rekonstruiert werden? In der ersten glücklichen Zeit der Liebe z. B. habe ich gar nichts ins Tagebuch eingetragen.)

Ich glaube, das ist eine wichtige Frage jeglicher Tagebuchschreiberei: In welchem Verhältnis steht das Aufgeschriebene zum nicht Fixierten. Gerade weil im Protokoll so viel aufgeschrieben wird, verdient das Beschwiegene besondere Aufmerksamkeit.

 

 

* Dieselbe Rolle spielen die hier gesammelten Aktfotos. Sie täuschen (berechtigt) einen weiteren Schritt der Objektivierung vor. Dabei kommt, glaube ich, ein starkes pornographisches Moment hinein, obwohl die Bilder selbst ja leider nicht pornographisch sind. Aber ich trage es hinein, indem ich völlig willkürlich, völlig nach meinem subjektiven Ermessen (gedanklich) mit der im Bild gegebenen Frau verfahre. Ich bin von allen Tabus befreit, und sie ist mir völlig willenlos ausgeliefert. Das kann man mit gutem Recht als säuisch (tierisch) bezeichnen, da frei von sozialer Wertung. (Dabei kommt es in meinem Erleben nicht zu irgendwelchen Perversionen, zu keinen Handlungen, die dem Objekt Schaden zufügen, wohl aber zum (gedanklichen) Ausschöpfen aller nur möglichen sexuellen Genußweisen. Die Geneigtheit des Objekts wird nicht mitgedacht, sondern von vornherein unterstellt.)

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