09. März 1982 - Beziehungsgrübeln

[…]

Ich bin dem „Logikprinzip“ unterworfen („Faust“ oder „Wagner“).

Sie ist dem „Phantasieprinzip“ unterworfen („Mephisto“).

Für sie hat es keinen Wert, etwas mit „letzter Klarheit“ gesagt zu haben. „Wahrheit um jeden Preis“ - was für mich wie der letzte Anker, der absolute Anker, erscheint (und unsereins hat nur nicht die Kraft, sich fest daran zu halten - da beginnt der subjektive Selbstbetrug), ist für sie kein Wert. Ihr „letzter Wert“ ist „das Leben“, „die Spontaneität“, die kein Letztes kennt, die das Erreichte sofort in Frage stellt, die absolute Bewegung. Daher muß sie da, wo ich „absolute Wahrhaftigkeit“ fordere, irrlichtern, ausweichen, feige erscheinen dem tumben Geist. Ja, wenn ich allzu nachdrücklich bin, dann regt sich ihr Widerstand, je mehr ich versuche durch Systematik, durch scharfsinnige Analyse das Unfaßbare zu fassen, umso mehr ist sie versucht, sich nun gerade nicht fassen zu lassen und mich auch bewußt und absichtlich an der Nase herumzuführen, auszutrixen, den Selbstgerechten für dumm zu verkaufen, zu beobachten, wie der ach so Logische sich an den unwahrscheinlichsten Strohhalm klammert, letzten Endes zu erleben und zu genießen, wie der verhaßte „Wagner“ untergeht.

Mit L. nach meiner Fasson leben zu wollen, heißt den Wind in meine Kammer einzusperren. - Entweder die Kammer wird gesprengt oder der Wind entartet zum Furz und stirbt.

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Daß L. letztlich Widersprüche nicht auflöst, sondern lebt, hat auch mit ihrer Kunst zu tun und ist ein Urquell dieser Kunst.(Daher weiß ich, daß ich im Tiefsten unfähig bin, Kunst zu schaffen.) Die künstlerische Gestalt muß diesen Widerspruch tragen, darf ihn nicht aus sich herausgereinigt haben. Freilich gibt es oberflächliche und tiefere Widersprüche - hier muß wieder die Logik des Lebens zu ihrem Recht kommen. […]

Ohne Abstraktion keine Tiefe! Freilich geht es um spezifisch künstlerische Abstraktion.

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Heute morgen am Bahnhof Friedrichstraße ein Mann und eine Frau - es sah wie eine Dienstreisebekanntschaft aus - deren Münder buchstäblich ineinander verbissen waren. (Bildmotiv: Das sich verschlingende Paar.)

Eindruck vorige Woche: Mann und Frau (Mitte/Ende 60J.) steigen aus dem Bus. Sie, ungeschickt, behindert ihn. Er, mit großem Gesicht, riesigem Mund, mächtiger, hängender Unterlippe (ein altes Schwein-Ungeheuer) brummt irgend etwas. Sie (während des Aussteigens, kläglich):“Du hast mir doch gesagt, daß ich das so machen soll.“ Ich sehe sie draußen stehen. Er, über sie gebeugt, redet scheltend auf sie ein. Sie (kleiner), weggebeugt, den Unterarm wie zum Schutz vor einem Schlag erhoben, vor ihrem Gesicht, lamentiert weinerlich. (Das war am 4.3., vergl. dort letzten Absatz) Danach hatte ich keine Freude mehr, mit der schönen Frau zu äugeln. (Sie hatte die Szene übrigens übersehen.)

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Je mehr sich eine Frau schön macht, umso mehr macht sie es für sich selbst.

Überhaupt Menschen, die vor allem sich selbst erleben.

Während der Mittagspause blicke ich krampfhaft nach Frauen, die mir gefallen könnten.

Der Mann kann nicht wissen, was es heißt, die Frau zum Lustobjekt zu machen, solange er nicht selbst als Begattungswerkzeug benutzt wurde.

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Zwei Äußerungen bedeutender Künstler der DDR zum Tode von Konrad Wolf.

Dieses Bild hätte ich ohne Hebbel nicht richtig verstanden:

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„Die Klage ohne Trauer ist mehr noch als die Trauer ohne Klage, dasjenige, was die Menschenseele, wo sie auch sehen oder hören mag, erdrückt. Es ist das Leben selbst, hingestellt in seiner vollen Bedürftigkeit.“ (6.8.1836)

weiter Hebbel: (18.7.36) „Unendlich viele Menschen haben nie einen Gedanken gehabt und sehen doch wie Denker aus; sie sind wie Kartenspieler: unendliche Kombinationen durch wenige, gegebene Blätter. Solchen Menschen ist nichts begreiflich zu machen.“

„Mensch mit Mensch im Verhältnis will immer Steigerung dieses Verhältnisses, wenigstens die Möglichkeit derselben. Darum ist der Kulminationspunkt solch eines Verhältnisses oft zugleich der Gefrierpunkt…“(2.9.36)

„Ach, die leidige Halbheit, die Mutter innerer Verzweiflung und jedes äußeren Konflikts.“

„Es wäre ein geistiger Zustand denkbar, wo der Mensch, indem er sich ganz und gar an den irdischen Kreis gewöhnt hätte, in einen anderen nicht mehr eintreten könnte; und die wäre, was Verdammnis heißen sollte.“ (S. 42)

„Töten, das Aufheben einer eigentümlichen Lebensrichtung.“(S. 43);

[…]

 

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