10. März 1982 - Leidenschaft
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Mein Körper, „meine Maschine“ funktioniert. Manchmal, in großen Zeitabständen, mache ich mir bewußt, welch großes Geschenk das ist. Genauer: Ich denk mal dran. Aber ich erlebe es nicht gut genug.
Zur Bezeichnung eines bestimmten Bereichs habe ich eigentlich ein dürftiges Vokabular: Liebe, Erotik, Sex. Auf mich bezogen sollte ich nicht auf die Begriffe „Lust“, „lüstern“ verzichten. Auf L. bezogen ist unerläßlich der Begriff „Leidenschaft“. (Ebenso wie bei „Genuß“ sollte ich auch bei diesen Begriffen mehr über den Wortsinn, über die Wortgeschichte wissen.)
Leidenschaft verlangt die völlige Hingabe ans Ziel meiner Wünsche, Leidenschaft schließt Verschmelzung ein. Eine „geteilte Persönlichkeit“ wird der Leidenschaft in Teilen frönen. Andere Teile (die Persönlichkeit selbst?) bleiben unberührt. Der wichtigste für Leidenschaft reservierte Teil ist der Geschlechtsteil, auch bei mir. Eine integrierte, ganzheitliche, einheitliche Persönlichkeit wird ganz von einer Leidenschaft erfaßt; aus Freude am Ästhetischen, Klugen, Sinnlichen, am Andern mit Haut und Haar. […]
Leidenschaft als Drang zur Verschmelzung ist zeitbegrenzt und Anspannung aller Kräfte (und Entladung). (Von „Leidenschaft zur Arbeit“ spricht man in etwas anderem Sinne, jedoch verwandt.) Anspannung der Kräfte, um die Verschmelzung möglich zu machen (Überwindung von Hindernissen, zumindest von Grenzen > Freiheit). Das mir mühelos Zugängliche entzündet keine Leidenschaft. Jedoch Leidenschaft lebensnotwendig, andernfalls erfahre ich nicht die größte Anspannung, Bestätigung und Befriedigung meiner Kräfte, also des Lebens überhaupt (bin schon etwas gestorben).[…]
In dem Augenblick, wo unser Zusammenleben von uns verlangt, die Leidenschaft zu zügeln, zu verdrängen, ist das Urteil gesprochen.[…]
Ein Zusammenleben ist möglich (in dem noch nicht mal sexuelle Leidenschaft völlig ausgeschlossen ist), wenn es Raum hat, die eigenen Leidenschaften ungehemmt zu erleben. Kameradschaftlich, zuverlässig, inhaltsreich miteinander leben (befriedigend) und bestimmte Leidenschaften in der Arbeit bzw. mit Dritten erleben. Das klingt ziemlich beschissen. Es ist aber -davon bin ich überzeugt - die Praxis fast aller langjährigen ehelichen oder nichtehelichen Gemeinschaften von Mann und Frau (solange sie noch zur Leidenschaft fähig sind). (Natürlich ist hier die Rechnung ohne den Dritten, den Gegenstand meiner Leidenschaft gemacht.)[…]
Ich verwechsle oft Leidenschaft oder auch nur Sinnlichkeit mit Lust oder gar Lüsternheit. […] Einen großen Teil meiner Lebenskraft wendete ich bisher dazu auf, meine Lebenskraft zu hemmen.
Goltzsche - nachdrückliche Behauptung des Rechts der Kunst! Seine Ausstellung ruft in mir des Gefühl hervor, in der Fülle des Schönen zu ertrinken. (Gerhard meint, Goltzsche meditiere über die gegenständliche Realität.)
Hebbel (S.39): „Farben, die durch die Sprache kaum angedeutet werden können.“
„Der Künstler sieht nichts als das Ganze, und in jedem Gliede sein Spiegelbild;…“ (S.40)
In seinem Sinnen, Empfinden ist dem Menschen die Realität in aller ihrer erscheinenden Nuanciertheit gegeben. Das macht er sich durch die Kunst bewußt. In der Ratio, im Denken ist ihm das Wesen der Realität gegeben. Das macht er sich durch Wissenschaft bewußt. (Seine Tat gehört selbst der Realität an.) Das Bewußtsein, eben weil es nur Widerspiegelung, nicht Realität selbst ist, aber doch als Widerspiegelung Quasirealität sein will, übernimmt sich damit. Es zerfällt in relativ eigenständige Formen, in denen es einzelnen qualitativen Zügen der Realität weitgehend gerecht wird. Die verschiedenen Bewußtseinsformen aber zusammenzubringen ist mühselig und letztlich nur aus „dem Wissen, dem Erahnen dessen, was Leben ist“ im Tun halbwegs möglich. Kunst versucht ihren „Mangel“ bloß sinnlich zu sein durch darauf (auf dem Sinnlichen) fußende Abstraktion zu überwinden. Wissenschaft versucht den ihr anhaftenden Mangel, bloß rational zu sein durch darauf (auf dem Rationalen) fußende Sinnlichkeit zu überwinden.
Das sind Grundzusammenhänge, die, wie mir scheint, auch in den Widersprüchen zwischen L. und mir wirken. Die reale Dialektik erlaubt verschiedene Denkstile: Der Eine denkt mehr das Gleichzeitige, das Ineinanderbestehen der Widersprüche, das „Unentschiedene“ der Realität, das Unbewegte, den Nuancenreichtum, das „Dahingelagertsein der Widersprüche, ihr Fließen > L., Goltzsche, Vent - Künstler.
Der Andere denkt mehr die Lösung der Widersprüche, die Zuspitzung des Vielfältigen zum Einfachen (das die Vielfalt aufhebt, (enthält und auslöscht), die Klärung zur Ruhe > ich, Wissenschaftler.
Wenn es nicht gelingt, beide Denkstile zu verbinden (bei aller Bevorzugung eines mir näher liegenden), schlägt uns das Leben. Sie sind letztlich nur durch Handeln, nicht durch Reflexion zueinander zu bringen (und durch Diszipliniertheit sich anzupassen schon gar nicht).
Auch das Erlebnis der Leidenschaft unterliegt diesen Gesetzen.
Ist es mehr Erlebnis einer Klärung, einer bestimmten Befreiung (wie bei mir bisher), Aktion einer Fixierung, Einseitigkeit, Abstraktion, Erlebnis der bestimmten Widerspruchslösung (daher dann (Schein-)überwindung des Vorher, sogar Abwertung des Triebes und seiner Aktion)?
Oder ist es mehr Hochschlagen, -peitschen, triumphierend Genießen aller Widersprüche, höchstes Erleben des Alles in Einem, Alles zugleich? (Dann wird es positive Erinnerung, muß aber auch als Erinnerung abgespeichert werden, da nicht ständig alles weiterführbar, lebbar ist.)
