20. März 1982 - Cezanne

Wie Empfindungen täuschen: Heute lief ich wieder ohne Leistungsziel.

(Meine Laufstrecke, die „Große Weißenseer Runde“ erstreckte sich über 2 x 3,5 km.)

Es fiel mir schwer (Seitenstechen, Magenschmerzen). Ich dachte das sei die Quittung für die vergangene Woche. Die Zeit aber (30’30,5“, ohne Endspurt) erweist sich als ziemlich gut. Cierpinski gibt als Pulsschlagempfehlung 180 minus Zahl der Lebensjahre, für mich also 140. Ich hatte 164. Diese Läufe sind eine der wenigen Situationen, in denen ich regelmäßig eine bestimmte Fähigkeit messe. 

Durch Hans-Dieter Schmidts Bemerkung in seiner „Entwicklungspsychologie“ über den Expressionismus (Rückgriff aufs Kindliche bzw. Primitive um die Jahrhundertwende) wurde ich angeregt, mir erneut Gedanken über Cezanne zu machen, insbesondere auch über das Bild seiner Utopie „Die großen Badenden“, das ich meist übergangen hatte. Der Text der Teillandier (Südwest Verlag München) weist darauf, wie sorglich, einzelne überstarke Gestaltungsmittel meidend, er seine Ziel (Volumen, Farbe) erreichte. So erscheint mir Cezanne als Genie des Realismus , als Maler, der alle Mittel in den Dienst des realen stellt. (Nicht wie kleinere Maler, die eine Seite der Realität verabsolutieren > die ganzen Ismen) Natürlich ist er als bürgerlicher Künstler nur im Natürlichen in diesem hohen Masse Realist. Im Sozialen bleibt er abstrakt.

Für den „sozialen Realisten“ ist auch die Kleidung der Bildgestalten sehr wichtig. Das stete Bevorzugen von Akten oder Verkleidungen aller Art ist ein Ausweichen (bei vielen Gegenwartsmalern!). (Vgl. den „Wurf“ zum „sozialen Realismus“ (bestimmter Prägung) den W. Mayerl machte.) […]

Hebbel-Schätze: Prinzip, das all meinem Streben zu Grunde liegt, „daß bei dem Menschen nie von äußerer Erleuchtung, sondern nur von innerem Tagen die Rede sein könne, … mein Evangelium ist, alles Höchste, in welchem Gebiet es auch sei, erscheint nur, und wird selbst durch den geweihtesten Priester vergebens gerufen; man entdeckt nichts durch die Wissenschaft, sondern nur bei Gelegenheit der Wissenschaft; dies aber gibt der Wissenschaft noch Würde genug.“ (S64) 

üble Laune höherer Menschen (nicht aus Mangel an Genuß), sondern aus unerträglichem Zustand innerer Leere, halb unbewußtes „Haschen der Seele nach irgend einer Art von Tätigkeit. Sie verwundet sich selbst, um nur zu erwachen.“ (64)

[…]

 

 

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