08. April 1982 - bei Jörg-Heiko Bruns in Molsdorf



[…] W. Shakepeare (in „Magazin“ 1/81, S.12):

„Wir sind aus dem gleichen Stoff,

aus dem ein Traum besteht,

und unser kurzes Leben ist eingebettet

in einen langen Schlaf.“

G. B. Shaw, „Magazin“ 7/81, S. 21

„Menschen sind weise nicht proportional zu

ihrer Erfahrung, sondern zu ihrer Fähigkeit,

Erfahrungen zu machen.“

„Den Abstand wahren ist das Geheimnis der Kultur.“ […]

Schöne Stunden in Molsdorf bei den Bruns’

Jörg-Heiko Bruns hatte ich anläßlich einer Ausstellung von L. in Magdeburg kennen gelernt. Er war damals in der 70-er Jahren einer der Ersten in der DDR, die eine kleine Kunstgalerie (unter der Schirmherrschaft des Kulturbundes in Magdeburg) eingerichtet hatten und erfolgreich betrieben. In der Zwischenzeit hatte er die Leitung des Barockschlosses Molsdorf bei Erfurt übernommen.

Beide sehr aufgeschlossen und kameradschaftlich. Er erzählt mir von den Empfängen der Parteibonzen (13 Teilnehmer) im Schloß, Axen und die „pazifistischen Jagdteilnehmer“, der lebenslustige Schloßherr Gotter, das Erlebnis eines solchen Baus (von ihm geführt), z. B. auch der „Tränensalon“, auch schöne Malereien, das Deckengemälde als Tisch oder Tanzfläche nutzbar, Gipsmotive (mit Anzüglichkeiten) im Damensalon. Die Sammlung Erotica - was eigentlich zur Allgemeinbildung gehören sollte. Die kanadische Schreigans, die den Pfau liebt, der Kirchenbau, die ganze schöne Anlage, des Bild „alte Zigeunerin“, Frau mit geöffnetem Vogelbauer (das bedeutet, wie da sein Vogel einfliegen kann), das Bidet im Eckschrank.

Einige hübsche Erfurterinnen machen mir wieder Lust auf Frauen. Bin gespannt, wie mich Marita nächstens empfängt (Sie hatte es einmal fast haßerfüllt abgewiesen, Ansprüche aus einem Beischlaf abzuleiten.) Ihre eifersüchtige Abneigung, wenn sie sich nach L. erkundigt. Sie könnte Lust haben, mich „um den Finger zu wickeln“. Eine Beziehung voll der „gewöhnlichen“, lebendigen Kompliziertheit, die mich interessiert. Ihr späteres Eingeständnis, wie dringlich sie einen Mann sucht (für dauernd, für’s Heiraten). Ihre Reaktion, als ich ihren Wolfgang, ihren langjährigen Liebhaber, nach dem Bild, als dumm bezeichne (der doch so clever ist). Möchte mehr wissen, was sie beim Akt erlebt. Ihre Falten, ihre nicht erreichten Orgasmen.

Ich bin begierig darauf, mehr Mensch zu erfahren. Viel genauer möchte ich wissen, wie das Liebesleben verschiedener Menschen verläuft. Das macht Marita so interessant. Bei mir handelt es sich hierbei wohl kaum um Flucht oder Betäubung. Diese Studien werden bereichern aber nicht im tiefen Sinne glücklich machen. Das erwarte ich nicht. Nach den (partiellen) Befriedigungen wird es notwendigerweise auch Krisen geben. Darüber muß mich der Gewinn an Leben, an Einsicht hinwegbringen. […]

Margot ist fähig, sehr innig, zart und tief zu empfinden. „Immer, wenn ich aufwachte, spürte ich Deine Hände.“ Als sie spätnachts ins Nachbarbett sprang (weil sie neben mir nicht schlafen konnte) und ich mich dann besorgt daneben kniete, weil ich dachte, ihr sei übel - dies hat sie bemerkt und sagte, wie froh es sie machte. Die Sensibilität ihrer Hände. Wie schön sie von ihrer Arbeit sprechen kann. Unsere innige Harmonie beim Tanzen, ihre Spontaneität dabei. Der Abschied mit lachendem Gesicht. Wie fest sie mich umfaßte bei der Begrüßung.

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