09. April 1982 - Liebe und Sex



[…] Warum hab ich die Zeichen bröckelnder Liebe nicht begriffen? Wie hab’ ich L. überschätzt? […] Was hat mich ihre menschlichen Schwächen immer so verkleinern lassen? Im Grunde kommt das aus der Sehnsucht, bei einem Menschen ganz und gar geborgen zu sein. Meine Schwäche, meine Angst vor der Einsamkeit, habe ich ihr aufgeladen. Ich wollte mich ihrer Vollkommenheit anheimgeben und hab sie so zum Götzen erhoben. Alleinseinkönnen, damit fängt (wie L. so oft betonte) das wirklich freie Verhältnis zum Adern an. Hoffentlich bin ich jetzt soweit.

Der Mensch kann nie bloßer Punkt sein, solang er lebt. Er muß sich immer beziehen. Aber der freie Mensch bezieht sich primär auf selbst gesetzte, objektive Ziele und erst über diese auf andere Menschen. Der Massenmensch bezieht sich primär auf Menschen, zwecks Produktion seines Glücks.

Marita ist von „Lady Chatterly“ beeindruckt. Als sie nach meinem Orgasmus weiter erregt bleibt, kommt sie auf die Stelle zu sprechen, wo der Schoß der Frau mit einem gierigen Schnabel verglichen wird. Ihre Äußerungen sind schwer zu werten. Sie scheint diesen Vergleich absurd zu finden, amüsiert sich darüber, zugleich glaube ich, daß sie doch irgendwie betroffen ist von diesem Gedanken. Wie ich ihre andauernde Aktivität erlebte? Nicht unangenehm. Sie hatte mich mehr oder weniger genotzüchtigt, ich fühlte kaum Verantwortung für ihr Lusterlebnis und keine Schuld, als es nicht eintrat. (Was aber trat bei ihr ein?) Diese Gefühle (des Verpflichtetseins) sind eigentlich das Belastende in solchen Situationen, zu Sollen, zu Müssen und nicht zu Können. Ihr Mühen an mir war daher eher angenehm. Wohin kommen wir, wenn ich sie mit Kraft und Begierde (aber mit Beherrschung) nehme? Wie war ihr Ablehnen meines starken Bewegens zu verstehen? Woran stellte sie das „Animalische“, das Freisein von Tabus und Hemmungen fest? Was bedeutet es ihr? Warum wollte sie mich unbedingt? Sie sagte Koketterie. Das hat sie doch nicht nötig. Wohl aber wollte sie die Frau auslöschen, von der ich kam…[…] Will sie noch mehr von mir? Ich glaube sicher. L. wird sie auch in mir „besiegen“ wollen. Aber außer diesen Motiven. Was erstrebt sie eigentlich? Lust? Glück? Wärme? Ich weiß es nicht. Weiß sie es? Frauen bzw. Situationen mit Frauen (nämlich ohne Liebe), bei denen Du Dir vorkommst, wie auf dem Prüfstand (bei L., bei Marita), nicht so bei Helga, nicht so bei Margot, die, ganz unerwartet, meine schönste, menschlichste Beziehung in dieser Zeit ist. Ist Marita schon mal Gewalt angetan worden? Wie frühzeitig fing sie mit dem geschlechtlichen Verkehr an? Leidet sie? Ich weiß nichts.

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