22. April 1982 - mein unerotisches Ich
[…] Tagebuch: Das Aufschreiben dient immer auch dazu, bestimmte Möglichkeiten zu objektivieren und dabei zuzuspitzen zum Extrem. Danach können sie wie fremde Tatsachen geprüft und eventuell auf ihr reales Maß zurückgeführt werden. (Sich was von der Seele schreibe, das ich vielleicht selbst nicht ganz ernst nehme.)
Marita lehnte eine gewisse Art des Küssens ab, die sie „Zutschen“ nannte, ebenso gewisse andere (unsinnliche) Spielereien. (Dabei erinnerte ich mich an meine damalige Negerin, die sagte, ich küsse sie - weil ohne Zunge - wie ihr Vater. Sie wurde richtig verlegen.) Mar. war so frei, mir zu sagen oder vorzumachen, was sie unter richtigem (sinnlichem) Küssen versteht. (Am Morgen, ausgeruhter, gelang mir dies auch selbstverständlich und ohne Anleitung.)
Dieser ganze Komplex von Empfindungen und Verhaltensweisen spielte auch zwischen L. und mir eine entscheidende Rolle. Es ist ein Nicht-wirklich-in-den-Partner-Hineingehen, ein Beisichbleiben, ein Unerregtsein bei mir, ein Woanderssein, das die Partnerin dann unbefriedigt läßt […]. Solches Verhalten von mir drückt wahrscheinlich bei Marita neben meiner Ermüdung vor allem Unsicherheit, anderweitige Belastung aus, bei L. aber vor allem meine Selbstzufriedenheit, Routine, eine Einstellung: Ich hab den Anderen ja sicher und bediene mich gelegentlich seiner zum Vergnügen (durchaus beidseitigem). Das ist die bei mir liegende Wurzel, die L.s Liebe abgekühlt hat. Die Frau will immer wieder, unter Einsatz von allem, was der Mann hat, erobert sein, d.h. von ihm mit allen Sinnen wahrgenommen und mit allen Sinnen angeeignet sein. Das ganze soll möglichst noch explosionsartig, wie im Rausch vor sich gehen.
Für solches Verhalten (als Dauerverhalten in einer Liebesbeziehung) bin ich zu kühl und zu schwach, zu rational. Jedoch war da auch überhebliche Selbsteinschätzung im Spiel, die Überzeugung, mich doch recht gut auf die Partnerinnen einzustellen und sie zu befriedigen. Die ernsthafte Kritik dieses Egoismus ist wohl sehr angebracht.