1. Oktober 1980 (Bulgarienreise)
Kadir (53) und Hatike (50) sind Vater und Mutter Kadirow.
Rebschet (29), das älteste ihrer Kinder arbeitet in Madan.
Ismet Kadirow (26 oder 27) ist mit Sabiha verheiratet. Sie haben die Kinder Schirin (4) und Gülschan (2).
Ismigül ist mit Salim (29) verheiratet und hat die Kinder Dschefret, Jüner und Seki.
Nefise (23) ist mit Achmed verheiratet. Sie ist schwanger. Außerdem gibt es da noch die Schwester von Achmed, die Emine heißt und 12 J. alt ist.
Und schließlich ist da noch Kadir (16), der jüngste Sohn des alten Paares.
Außerdem schwirrt da noch Zwetomir (13) herum, der Sohn von dem Nachbarpaar Kobrinka und Stefan, die Bulgaren sind.
Die vielen Namen sagen deutlich genug, daß ich nun bei den Kadirows gelandet bin. Leider ist Ismet für 6 Monate seit August in der Sowjetunion, als Schweißer auf dem Bau, im Gebiet Tjumen, wo er 600 Lewa verdient.
Nach anfänglicher Ratlosigkeit der jungen Frauen werden wir miteinander bekannt, die Geschenke lassen sie auftauen, und an Hand der Photographien werde ich identifiziert.
(L. und ich hatten Ismet Kadirow zwei Jahre zuvor während unserer zweiten Bulgarienreise kennen gelernt. Wir hatten Quartier in einem kleinen Rhodopendorf genommen, in einer Gegend, in der viele Türken und Pomaken wohnten. (Pomaken sind Bulgaren, die eine türkische Lebensweise angenommen haben.) Während einer Wanderung hörten wir fröhliche Klarinetten- und Dudelsackmusik. Wir gingen der Musik nach und landeten bei einem frei an einem Berghang stehenden Gehöft, in dem eine türkische Hochzeit gefeiert wurde. Es waren hunderte Gäste und Schaulustige anwesend. Wir wurden als gleichsam vom Himmel geschickte, unerwartete Gäste mit vielen Ehren empfangen und waren bald mittendrin im Feiern. Dabei lernten wir einen fröhlichen jungen Musikanten, ebenfalls einen Gast, näher kennen. Es war Ismet, der früher auch hier gewohnt hatte, dann weggezogen und jetzt zu Besuch gekommen war. Am nächsten Tag gingen wir noch einmal zu dem dreitägigen Fest, jetzt mit Geschenken bewaffnet. Dem Musikanten Ismet (Klarinette und Saslan) schenkten wir unsere Flöte und eine Mundharmonika. Seine schier überwältigenden Freudenäußerungen habe ich noch heute in Auge und Ohr. Wir tauschten die Adressen und verabredeten, ihn später einmal zu besuchen. Später, von Berlin aus, schickten wir auch einige Fotografien.)
Stolz berichten sie gleich, daß Ismet über Radio Sofia gesungen habe, und sie spielen mir Bandaufnahmen von ihm vor.
Es kommt Vater Kadir, der Plattenleger beim Wegebau ist. Wir essen Mittag. Er zeigt den Garten, mit vielem Wein, Paprika, Mais, Kürbis, Eierfrüchten usw.
Und als ich glaube, langsam aufbrechen zu müssen (Die Unterhaltung fließt recht schleppend, schon wegen der Sprachschwierigkeiten, Kadir spricht nur wenig bulgarisch.), lädt er mich zum Übernachten ein.
Rundgang durch Slawjanowo, das ganz schön groß ist, zwischen Dorf und kleinem Städtchen.
L. würde ihre Motive finden, sowohl im Dorf, als auch in der Umgebung.
Abends kommt die ganze Familie zusammen. Die Männer sitzen in der „guten Stube“ am Tisch beim Rakija, und die Frauen schwirren drumherum. An den Tisch setzt sich später noch die Bulgarin Kubrinka, die Russischlehrerein ist. Sie hat Ismets Briefe an uns aufgesetzt. Atmosphäre wie einst in den Rhodopen. Von dort sind die Kadirows zugezogen, vor 10 Jahren, aus Jabolkowez, weil dort das Leben allzu mühsam war. Hier gibt es zwar auch nicht mehr Geld, aber im Garten wächst dafür alles reichlich. Das Anwesen hier haben sie für 4000 Lewa gekauft. Vater Kadir hatte immerhin für sechs Kinder zu sorgen. Jetzt werden sie langsam flügge. Neben den Eltern Kadir, besonders der Frau, schämt man sich fast, mit 40 noch so jung auszusehen.
In der Unterhaltung bestätigen Türken und Bulgarin, daß sie gut miteinander auskommen. Wenn nicht, seien das seltene Ausnahmen. Hochzeiten zwischen Türken und Bulgaren seien aber selten.
Türkisch wird nicht mehr in der Schule gelehrt. Es gibt aber Zeitungen, die teils türkisch sind. Kadir meint, es gäbe knapp 2 Millionen Türken in Bulgarien. Er würde gerne mal die Türkei besuchen, hat einen Bruder dort. Leben wollen sie aber nicht in der Türkei, wegen des politischen Terrors dort.
Er spielt etwas auf der Flöte, die wir Ismet geschenkt haben. Sie ist schon ganz abgenutzt.
Dann wetteifern Achmed, Salim und Kobrinka, mich für den nächsten Abend einzuladen. Ich muß den Tag noch bleiben, 14 Uhr Pilze suchen mit Kubrinka, 17 Uhr bei Achmed, 19 Uhr bei Kubrinka. Am liebsten sollte ich bei jedem einen Tag wohnen und übernachten. Daß ich weiter will, um das Balkangebirge und die Leute dort kennen zu lernen, überzeugt sie.
Achmed lädt mich mit Frau und Kind hierher ein. Er will mit Ismet zusammen in zwei Jahren uns in Berlin besuchen. Er trinkt ziemlich viel, die anderen nicht. Auch Ismet soll nicht viel trinken.
Die Tischsitten sind auch an den normalen Tagen so, wie wir sie aus den Rhodopen schon kennen.
Die Frauen sind wegen der kleinen Kinder zu Hause. Ismigül ist Melkerin, Sabiha ist Schneiderin.
Wenn die Männer an ihrer Tafel gar zu lange mähren, dann werden die Frauen auch energischer, und die Männer richten sich danach.
Zum Schluß des Essens kommt der Dankesrülpser. Dazu konnte ich mich bisher nicht überwinden, obwohl ich ihn „drauf hatte“.
Es scheint so, als ob diese Familie hier recht harmonisch zusammenlebt.
Es ist doch interessant, wie die Menschen mit dem modernen Leben zu tun haben (Hier gibt es Eisenbahn, moderne Rindergroßställe, eine Fabrik, Fernsehen sowieso, Kino, Krankenhaus, zwei Schulen, dorthin gehen sie 11 Klassen.), und wie sich ihre Lebensweise, ihre Mentalität, ihre Sitten doch andererseits nur sehr langsam ändern. Andereseits: Warum sollten sie auch? Wer sagt denn, daß unsere Sitten das Beispiel dafür sind, wie ein modernes Leben aussehen muß. Die Sofioter Bekannten sind das Beispiel dafür, daß sie, sobald sie die Chance haben durch Streben etwas zu erreichen, auch nur in die Richtungen streben (Auto, Datsche, Jeans, Schrankwand), die uns bekannt sind und uns anöden.
Das einzige, was hier gar nicht in die Harmonie paßt, ist das Wetter. Fast jeden Tag regnet es, immer windig und kalt.