20. Juli 1982 - Reime aus der Matratzengruft
[…]
Ich weiß kaum zu sagen, wie mein Befinden ist, ständiges Auf und Ab, Schmerzen wechseln mit Taubheitsgefühlen. Gestern, von der Arbeit abgelenkt, fühlte ich mich recht gut. In den letzten Tagen kann ich besser sitzen. Doch zwischendurch kann ich kaum 10 Schritte gehen. Wie wirken die Bäder? Sollte ich weniger liegen? Übermorgen die Ärztin Fragen.
Doch es scheint mir in den schmerzfreien Phasen eine Stabilisierung zu geben. Nach dem kurzen Abendbad glaube ich sogar, dass erstmals die Taubheit in den Zehen nachzulassen beginnt.
# Ich liege nun schon drei Wochen und vertreibe mir die Zeit mit einem Reimspaß. #
Horizontal
Wir Menschen sind fast jeder zeigt
modern und wach und tatbereit.
“Auf Arbeit” packen wir den Plan,
im Haushalt wird auch was getan.
Für kurze Zeit nur stoppt uns mal
gesunder Schlaf - horizontal.
Der Fleiß schenkt mir ein braves Leben.
Die Würze soll die Liebe geben.
Ohn Rast und Ruh kreist unser Herz,
reimt sich auf Liebe, Lust, auf Schmerz,
doch allerhöchster Wonnen Zahl
genießen wir - horizontal.
Ob liebesreif, ob arbeitsmatt,
sie finden ihre Lagerstatt.
Sie drehn sich in die Kissen ‘rein,
doch da - liegt schon ein armes Schwein.
Des Kranken widerwärtge Qual
ereilt ihm meist - horizontal.
Es zuckt zurück der Arbeitsmann.
Vielleicht ist da ein Virus dran?
Es zuckt zurück die Liebesfrau,
zwar Viren sieht sie nicht genau,
doch eines sieht sie allemal.
Der Kerl ist schrecklich - horizontal.
Der kranke Bein beißt in seine Kissen,
er muss die Schwestern, Brüder missen.
Doch ewig man nicht beißen kann.
Er fängt erneut zu denken an
und fragt sich ein - ums andremal:
wie wurd ich nur - horizontal?
Am Anfang stand des Arztes Wort:
“Schern Sie sich in ihr Bette fort.”
Er fängt von “Arbeit” an zu stammeln.
(Dort kann er fette Mäuse sammeln.)
Der Arzt sagt nur:”Na, hörn Sie mal…”.
Er ist gefällt - horizontal.
Nun hat der Ruhe für sein Bein
und reibt es mit Essenzen ein
und wärmt und badet zielbewußt
schleckt auch Tabletten voller Lust
und krümmt sich manchmal wie ein Aal,
doch alles brav - horizontal.
Nun täglich eine Reise lockt,
die hat sein lieber Chef verbockt.
Zementtransporte müssen rollen,
wie kann ein Kranker da was wollen?
Mein junger Freund, beweg dich mal,
sei nicht so lasch - horizontal.
Doch jetzt genug vom Klagereigen.
Das Gute will ich nicht verschweigen.
Der Optimist soll laut erschallen
von dieses Lagers Deckenwallen.
Ihn trifft ein warmer Sonnenstrahl.
Schon freut er sich - horizontal.
Ihr draußen hab zwar Himmel viel,
doch seht ihr ihn im Tagsgewühl?
Mein Himmel ist nur eckig klein,
doch tausend Wolken schaun herein,
sind Fabeltiere ohne Zahl.
Die Kindheit blüht - horizontal.
Und gar die heiße Sommerzeit!
Wie Teer ist das Gehirn euch breit.
Ich brauch der Wärme nicht zu jammern.
Es freun sich meine Wirbelkammern.
Ja, selbst der Ischias lächelt mal,
leider nur schwach - horizontal.
Und was ich alles lesen kann!
Ganz blass vor Neid seht ihr mich an.
Die Länder durchstreif ich,
die Zeiten durcheil ich,
zuletzt bis in das Industal!
Grad noch mein Corpus blieb - horizontal.
Und erst des Radios offener Mund!
Tut stets mir allerneuestes kund,
dazwischen Rock und harter Beat
durchzuckt mich bis ins letzte Glied.
Schon denke ich laut: “Jetzt tanz ich mal!”
Doch vorerst nur - horizontal
So bin ich aller Arbeit frei,
genieß die Faulheit gleich für drei
und selbst an Gartenmüh’ und - pracht
wird allerhöchstens mal gedacht.
O, Leben, du verwöhnt mich mal!
Ich danke dir - horizontal.
Am Ende möcht’ ich Künstler sein,
dann nähm ich einen Riesenstein.
Den braucht’ ich für ein Ehrenmal,
meinetwegen für Baal oder Aal oder Copyrkal.
Aber dieser Stein, verdammt nochmal,
der stünde nie und nimmer horizontal.