27. Juli 1982 - das Schöne und meine Praxis
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Lesen: Goethe, “West - östlicher Diwan”, Hölderlin, “Empedokles”, Walter von der Vogelweide, Brentjes “Mittelasien”,
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In der Nacht vor Schmerzen wieder mal munter. Manchmal glaube ich, es bessert sich gar nichts. Eigentlich warten die Ärzte bloß. Nächste Woche rufe ich Eberhard Quietzsch an und frage genau nach Dr. Jurk.
Ich las Hölderlin, las “Faust” (meist im Urlaub), lese jetzt “West - östlicher Diwan”, wieder Hölderlin (wieder in einer besonderen Zeit). Das normale Leben und diese Lektüren fallen auseinander. Einerseits das Leben der Bedürfnisse, Ziele und Tätigkeit, andererseits das Leben der tieferen Wahrheit und des Schönen. Ich selbst bin die Klammer zwischen beiden. Doch ich weiß selbst am besten, wie wenig ich das bin, wie wenig ich, in dem einen Bereich zuhause zugleich und unvermittelt auch in dem anderen Bereich zuhause bin. Viele Zeitgenossen sind überhaupt nur in einem der beiden Bereiche zuhause und erleben den anderen nur negativ.
Unsere Zeit des gewaltigen Antagonismus zwingt die Millionen zur zweckmäßigen, bewussten Tat. Dabei geht es noch immer um das elementare Bedürfnis: Ums nackte Leben. Diese Bedürftigkeit gebietet die Übermacht des Zweckhandelns und die Ohnmacht, das Randleben, des seligen Spiels der Schönheit. Das ist eine historische Gesetzmäßigkeit, die ich nicht ignoriere oder gar bejammere, sondern begreife und der ich mich unterwerfe. Die damit gegebene Deformation ist unvermeidlich. (Und wir sind unvermeidlich alle deformiert, in individuell verschiedener Weise.) Jedoch Gesetz bleibt es natürlich, daß Wahrheit nur im Ganzen liegt. Meine oben genannten Lektüren stärken ja dieses andere Organ, dieses “zweite Bein” des Ganzen, dessen mangelnder Integration zum wirklichen Ganzen ich mir so schmerzlich bewusst bin. Welche Momente von Ganzheit gibt es bei mir?
Einerseits: Bei der Erfüllung meiner praktischen Aufgaben bewahre ich eine gewisse “lebensphilosophische” Abgeklärtheit. Von Karrierestreben bin ich frei. Von den Diktaten oder Lockungen des sozialen Status wie der Konsumtion (in sehr vielen ihrer Bereiche aber nicht in allen) bin ich nicht korrumpiert.
Andererseits: Beim Genuss der Weisheit und des Schönen bleibe ich mit den Füßen auf der Erde, bleibe Materialist, gebe weder meinen Verstand, noch meinen Bauch, noch meinen Schwanz ab.
Das ist nicht wenig aber auch schon alles.
Worin bin ich durchaus kein Ganzer?
Meine “Ganzheit” ist vor allem eine der Reflexionen, der Einsicht, nicht so sehr der Praxis. Ich produziere fast keine Schönheit. Vom Lebendigen flüchte ich mich oft ins Rationale, ins Abstrakte, ja sogar Zweckhafte (im besten Fall in die Einsicht). Das ist eine Form der Abwendung vom Lebendigen, während das Schöne immer am Lebendigen bleibt. Dem Schönen gegenüber bin ich fast nur Konsument, nicht Produzent. Also geradezu ein Vernichter von Schönheit? (allenfalls ein Umwandler von “Schönheit” in” Weisheit”).
Kann ich Schönheit produzieren? (Noch nicht einmal wer liebt, produziert automatisch Schönheit.) Vielleicht im Garten: Manche Bohnenranke, Tomatensäule, die Eberesche,die Heidelbeeren).
Mit Aktfotografien? Wenn sie ehrlich sind, muß in ihnen zuerst mal mein Unterworfensein unter den Sexus sichtbar werden, eine Zwangssituation, nicht schön. Und dann? Wenn ich die Scheu überwunden und das durchlebt habe. Wird dann das Bedürfnis nach Schönheit zum Hauptbedürfnis und so auch produktivem Antrieb werden?
Und noch dazu:
Ich preiße bei mir in Gedanken immer “die heilige Nüchternheit”, Goethe aber preißt den Wein:
Adam: “Der Klumpe fühlt sogleich den Schwung,
sobald er sich benetzt,
so wie der Teig durch Säuberung
sich in Bewegung setzt.”
(”Erschaffen und Beleben “, Buch des Sängers, West - östlicher Diwan)
Und ebenso Goethe: Wissen blähet auf.
Jedoch: Diese ganze Problematik (die Widersprüchlichkeit) darf ich auch nicht mystifizieren, bzw. allzu sehr auf das Problem des Schönen einengen. Ich habe ja in diesen Tagen auch die Geschichtsbücher von Brentjes gelesen. Da geht es ja mehr um Wissenschaft.
Im Grunde geht es wohl um die Horizonte des Lebens im Gegensatz zur Tretmühle.
Jedoch: diese ganze Problematik (die Widersprüchlichkeit) darf ich auch nicht mystifizieren, beziehungsweise allzu sehr auf das Problem des Schönen einengen. Ich hab ja in diesen Tagen auch die Geschichtsbücher von Brentjes gelesen. Da geht es ja mehr um Wissenschaft.
Im Grunde geht es wohl mehr um die Horizonte des Lebens, im Gegensatz zur Tretmühle.