21. August 1982 - 27. August 1982 - dritte Woche Krankenhaus - Jean Paul
# Die Eintragungen dieser Woche fasse ich zusammen. #
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die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel; ferner, Bindegewebsmassage, Schlammpackungen; Ruhe, Ruhe, festes Liegen.
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Lesen: Zeitungen und Zeitschriften - ND, BZ, Gärtnerpost, Weltbühne, “Sonntag”, “Neues Leben”, “Magazin” 6/82;
Illustrierte: NBI, “füe dich”, “freie Welt”
Jean Paul, „Flegeljahre“, Lj. Stanew, “Die Schuld”, I. Bachmann, Rilke, Lu Xun, “Der Farnkrautsammler”, “Reparatur des Himmels”, “Flucht zum Mond”,
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In der Weltbühne 33/82 bricht Kuczynski eine Lanze für die” Universalisten” im Unterschied zu den “Spezialisten”.
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Schwatz mit Zimmerkumpel Hein und Ulli - seine Erlebnisse im Griesinger-Krankenhaus, Frauengeschichten, Wetten.
Kleiner Schwatz mit Schwester Monika, die nicht zur Disco geht, der es in der Sinusbar im Palast Hotel gefällt, weil es dort Geschäftsleute gibt, die Geld haben, und mit denen man sinnvoll reden kann. Sie kenne dort mehrere, die an Botschaften sind. Man trifft sich oben in der Kaminbar.
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Lu Xun zur Macht: Die sie hatten, wollen sie zurück. Die sie haben, wollen sie behalten. Die keine haben, wollen sie erringen.
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Zimmerkumpel Ulli: 42 Jahre, Werkzeugmacher in der Schreibfedernfabrik, 124 kg, verheiratet, schon Opa, nicht im FDGB, Berliner
Zimmerkumpel Hein: 59 Jahre, Berufsschullehrer für Bauberufe, geschieden, wieder verheiratet, früher SS-Mann, Mitglied der SED, Mecklenburger.
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Große sozialistische Kunst der Zukunft:
- hat politisch - ethische Dimension (weltanschaulich)
- setzt sich mit dem Phänomen Wissenschaft auseinander
- wird von immer mehr Menschen verstanden (gebildeten aber nicht speziell vorgebildeten)
Einheit dieser drei Momente!
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reizende Schwester Evi.
Schwester Grit, unverheiratet, Kind sieben Monate, lebt seit einem Jahr mit Mann (Student) zusammen. Alle drei Leben von ihren Schwesternlehrgeld (300 M). Sein Geld, 400 M, geht auf sein Konto in Anklam, wohin sie nächstes Jahr sehen wollen.
Die Physiotherapeutin Frau Rudolph - lebensklug, alles was sie anpackt, macht sie richtig.
Schwester Heidi, 30 Jahre,” die Nachtigall”, ohne Mann (hat ein schweres Erlebnis hinter sich).
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Kein großes Bedürfnis zur Reflexion in diesen Tagen. Ich erlebe viel, nehme viel auf, befriedige mein Interesse. Erlebnisse, Schicksale siegeln sich mir auf, ohne unmittelbar etwas zu bewirken.
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Die ganzen dicken” Flegeljahre” Jean Pauls habe ich mit großer Freude (und etwas Anstrengung) durchgelesen. Neben dem Vergnügen auch ein aufschlussreiches Buch zwischen Klassik und Romantik. Obwohl er meint, wenn man mit Auszügen einfängt, solle man gleich das ganze Buch abschreiben, möchte ich doch einige wenige Zitate herauspicken:
” darf die Peitsche wohl je so dick sein als die Hand?” (I, 18)
” über das 17. Jahrhundert wird frei gesprochen, und über das 18. human, über das neueste wird gedacht, aber sehr frei -.” (Ebenda)
‘jedes Werk der Darstellung muss aus einem Spiegel in eine Brille umzuschleifen sein.’ (Ebenda, im Original aber sehr viel schöner formuliert)
Herrlich zur Diskrepanz von theoretischem Reden und praktischem Handeln! (I ,27)
“lieber einen Schlitz im Stumpf aufgerissen, als einen in der Wade zugenäht” (I, 32)
“So werden uns die Lebensbahnen wie die Ideen von Zufall angewiesen; nur das Fort - und Absetzen der einen wieder anderen bleibt der Willkür freigestellt.” (I,39)
“das närrische, verhüllte, träumende Ding, das bekannte Leben, den langen Traum” (I,47)
In der Begeisterung werden uns “alle Menschen zwar näher und lieber, aber kleiner.” (I, 53)
‘ein mehr von der inneren als der äußeren Welt ausgebildetes Gesicht’! (I, 55)
“Selbstkrummschließer” (I,65)
‘Die Musik reizt Nachtigallen zum Schlagen aber Hunde zum Heulen.’ (I, 68)
“vielleicht darf nur einer, der im Stande ist, denselben Infinitiv, von welchem Zeitwort man will, im Genitiv, mehrmals hintereinander zu schreiben, zu sich sagen: ich philosophiere.”(I, 81)
“Die heilige Musik zeigt den Menschen eine Vergangenheit und eine Zukunft, die sie nie erleben.” (I, 88)
Rezensenten - “wie Kochbücher arbeiten sie für den Geschmack, ohne ihn zu haben.” (I, 95)
‘Freundschaft, diese Doppelflöte des Lebens’ (I, 116)
‘heilige Freundschaft und ihr hoher Unterschied zur Liebe’ - “das Trachten… eines Ganzen nach einem Ganzen,… eines Gottes nach einem Universum, mehr um zu schaffen und dann zu lieben, als um zu lieben und dann zu schaffen” (I, 124)
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In seiner Knappheit, im Erklingen des Ungesagten erinnert mich Lu Xun manchmal an A. Platonow. Glänzende Satire der Würdenträger in der ” Regulierung des Wassers”, beklemmend geradezu.Weiter mit der Jean Paul - Ernte:
“Er selber setzte sich an ein einsames Tischchen, um kein geselliges zu stören.” (I, 127)
“So sehr setzt der Mensch, der älter kaum bedeutenden Menschen und Büchern zuläuft, jünger schon bloß neuen Leuten und Werken feurig nach.” (I, 129)
Die Weiber kehren “stets im Leben und sonst wie an ihren Fächern, gerade die reichste bemalte Fläche anderen zu und behielten die leere” (I, 130)
“Reisen, die immer das Hölzerne aus den Menschen wegnehmen, wie das Versetzen das Holzige aus den Kohlrüben” (I, 132)
“Wenn wir uns recht fragen, so erzürnt uns nie der Stolz selber, sondern nur sein Mangel an Grund - daher kann uns Demut ebenso gut quälen” (II, 138)
“So geht eigentlich in dieser Minute kein Jüngling in ganz Jena, Weimar, Berlin und so weiter über den Markt der nicht glauben müsste, als Schrein, Sacramenthäuschen, Heiligenhaus oder Mumienkästchen irgendeines jetzt oder sonst lebenden Geisterriesen heimlich herum zu laufen….. Ja, Schreiber dieses war früher fünf bis sechs große Männer schnell nacheinander….Kommt man freilich zu Jahren, nämlich zu Einsichten, besonders zu den größten, so ist man nichts.” (II, 140)
“Die Leidenschaften sind doch wenigstens kecke, großmütige, obwohl zerreißende Löwen; der Egoismus aber ist eine stille, sich einbeißende, fortsaugende Wanze. Der Mensch hat zwei Herzkammern, in der einen sein Ich; in der anderen das fremde, die er aber lieber leer stehen lasse als falsch besetze. Der Egoist hat, wie Würmer und Insekten, nur eine.” (II, 144)
“Ach, auf jedem frischen Druckbogen des Lebens kommt immer unten der Haupttitel des Werkes wieder vor.” (II, 145)
‘abreisen, um mit den Menschen nicht schon zu zanken, sondern noch zu lieben’ (II, 146)
“In gewissen Jahren versteht das männliche und das weibliche Geschlecht unter Niemand das eigene und unter Jemand das andere.” (II, 159)
“Sie war eine blonde Witwe von 30 Jahren, also um fünf oder sieben Jahre jünger als eine Jungfrau von 30 Jahren.(II, 161)
Glänzend der Vergleich der Großen der Welt mit Quecksilber (II, 168 folgende)
Herrlich auch ein ” feines Gespräch” zwischen Graf und Madam (II, 170)
“Ehren-Punctirkunst” (II, 171), (Orden und Urkunden ausstellen)
‘Wenn der Mensch an seine Geburt denkt ist er so wenig lächerlich, als wenn an den Tod denkt. “da wir zwischen zwei langen Schatten oder langen Schlummern laufen, so ist der Unterschied nicht groß.” (II, 172)
Geburtstagsfeiern, besonders an Höfen: Das neue Dasein wird mit der lärmenden Wiederholung des Alten gefeiert, anstatt mit neuen Entschlüssen (II, 172f)
# Und hier eine Beilage des Protokolls, monströses realsozialistisches Zeitdokument. #

