12. September 1982 – Gorki: „Klim Samgin“
[…] heute Sonntag keine Behandlungen, Schmerzen im Bein deutlich
[…] Lesen: Gorki, „Klim Samgin“, Tendrjakow, „Nofretete“, keine rechte Konzentration,
[…] 6 Zimmerkumpel anwesend, Träume in der Nacht.
Gorki spricht davon, wie sich die Menschen erfinden. Ist es wirklich nur Erfindung? Wo hört die Erfindung auf und fängt die Wirklichkeit an (das Ursprüngliche)? - All das hab’ ich auch schon oft erlebt. Jetzt gerade erfinde ich mir Evi. (Eben war es still. Jetzt wieder Radiodusche, Quatschen und jede Stimmung ist zerstört. Nichts geht mehr zu Finden oder zu Erfinden.)
Das Leitmotivische im „Klim Samgin“: „Ist denn überhaupt ein Junge dagewesen? Vielleicht war gar kein Junge da?“ Mir sind auch solche leitmotivischen Eindrücke, Erlebnisse bewußt (Mutters erschrockenes „ Ach, ja“ als der Ball in der Ostsee abtrieb, die Schallplattenrede von Peter E. bei meiner Schulentlassung, später ein Filmtitel: „Never lets go!“).
Gern möchte ich wissen, wie es anderen geht. Mich trifft der Gorki mit vielen Charakterisierungen des Klim Samgin schmerzhaft genau, ärgerlich genau.
Gemessen an den Gesprächen meiner Zimmerkumpel dominiert eindeutig die bürgerliche Welt in ihrer geistigen Welt.
Eine eigenartige Fesselung durch „Klim Samgin“ (bis S. 105). Wieder (auch beim 2. Lesen) bleiben mir viele Gestalten etwas blaß, unanschaulich. Zugleich habe ich das Gefühl, daß Gorki z. B. in den geschilderten Teegesprächen soviel mehr sagt, als ich verstehe, Perlen verstreut, für die ich Sau bin. (Ob der Roman an diesen Stellen doch „zu russisch“ ist?) Und Gorki hat einen Reichtum solcher Perlen, wie ihn nur die Größten haben. Er steckt in drei Zeilen, woraus andere eine ganze Erzählung machen. […] Es steht soviel zwischen den Zeilen. Bei Andrej Platonow steht auch viel „zwischen den Zeilen“. Dort ist es ein Springen von Stein zu Stein, von Scholle zu Scholle. Nach jedem Sprung steht der Leser wieder fest und zugleich an einem neuen Punkt und erschrickt oft im Nachhinein über den Sprung, über das, was er übersprungen hat; doch diese Sprünge entlang einer Linie!
Bei Gorki aber: Sprünge in einem Netz, in einem Geflecht mehrerer Linien, in einem Feld, Beziehungsgefüge vieler Individuen. Bisher kann ich das nur ahnen, kaum nachvollziehen, aber schon diese Ahnung ist atemberaubend. […]
Manfred Krüger, der viel und gut erzählt, ist der Erste hier, der mir in seiner Widersprüchlichkeit faßbarer wird. Grobheit und Zartheit. Es gibt keine Frau, mit der er es länger als 5, 6 Wochen aushält. Er ist allein. […]
Leseanfang Tendrjakow „Nofretete“. Dabei eine Erinnerung aus den Jahren 1961 oder 62. Die Rede ist von einem Uni-Dozenten, der nach dem 13.8. 61 in seine Vorlesung einflicht, daß er froh sei, sich vor der Mauer noch einmal die Nofretete (in Westberlin) angesehen zu haben. Wir sind empört ob dieser infamen, hinterhältigen Kritik an der Mauer.
Wie glücklich wäre ich heute, die Nofretete gesehen zu haben.
Eigentlich hören die Leute ungemein viel Musik, Unmengen! Welche Musik hören sie? Wie hören sie? […]
Besuch von L. und F. F. kommt herein und stürzt sich begeistert auf mein Nachtschränkchen (in dem eine Straßenbahn ist). Auf dem Bett sitzend, essen wir gemeinsam Abendbrot.