21. September 1982 – Einladung von Evi
[…] 7 Zimmerkumpel, 6 Schwesternschüler
Behandlungen: Lakenbad, Wickel; große Visite
[…] Lesen: Hebbel, Tagebücher 1 Und 2 S. 125-158
[…] Hören: (Kopfhörer): O. Resphigi („Römische Feste“), Beethoven, Schubert. „Thema“ gegen B. Engelmann (Friedensbewegung)
[…] Wie ich mich über die flüchtigste Begegnung, das kürzeste Gespräch mit Evi freue – ganz närrisch. Ich koste diese Augenblicke aus, die Möglichkeit und Fähigkeit so zu empfinden, so jugendlich. Solche „Jugendeselei“ werde ich nie verlieren und mich ihrer nie schämen.
Schreibe Bernd Wagner meine Evi-Verse. (Grad während ich dies schreibe, flimmert die Sonne durch die windbewegten Bäume auf dies Buch, ein zauberhaftes Spiel.) Schildere Bernd meine Situation und kam beim Schreiben darauf, daß es ein Erstickungsgefühl ist, das mich an ihn schreiben ließ.
Abends sitz ich, auf ihre Einladung, lange bei Evi. Ihr Familienname ist übrigens Steppan. Neu, diese Aktivität von ihr. Sie erzählt mir bald von ihrem Zukünftigen („Instandhalter“), der ihr kürzlich einen 10 Seiten lange Brief schrieb. (Er ist noch bis Anfang 83 bei der Armee.) Was war? „Durchzuckte es mich heiß“? Schmerzte mich der Verlust des noch nicht Gewonnenen? Es war auch in meinem Innern ganz undramatisch, obwohl ich doch wirklich auf eine Liebesbeziehung aus war, wenn auch keineswegs forciert. Geht in Wirklichkeit die Sehnsucht nach einer innigen, zärtlichen Freundschaft, die sich erst später zur Liebe entwickelt? (Vergl. Hebbel, S. 58. Manchmal denke ich schon:Freundschaft, die zur Liebe verkommt. Zur Freundschaft hat es nicht gereicht, also „liebten“ sie sich.) So habe ich doch auch meine Beziehung zu Marita angefangen und einstmals zu L. Jedenfalls fühl ich mich nun, da es nun keine Liebesträume mehr gibt, fast gar nicht ärmer in Bezug auf Evi. Nur von diesem vagen Traum mußte ich mich trennen und habe dabei – wie schön! - deutliche Äußerungen ihres Vertrauens und ihrer freundschaftlichen Offenheit und Zuneigung gewonnen.
Sie sehnt sich zweifellos nach einem Vater. Aber ich – erstaunlicher Gedanke – freue ich mich auf ein großes Kind, noch dazu eine Tochter? […]
Wichtig: das Erlebnis der Naivität, Zartheit, „Unverdorbenheit“ solcher jungen Menschen (Grit, Evi, Martina). Evi fragt mich, ob sie sich schminken solle – einstmals ein Thema zwischen Christel und mir. Ihr (Evis) aktiveres, freieres Verhalten zu mir ist zweifellos Folge ihres Zusammenseins mit ihrer „Mutti“, am Sonntag. (Meine Verse wird diese Frau in ihrer Situation gut verstanden haben. Was für eine Frau mag sie sein, von der die Tochter so liebevoll spricht? Ihr Mann, auf Kur, habe ihr jeden Tag einen Brief geschrieben. (Er war auch nicht fürs Schminken.))