08. Oktober 1982 – Dresdner Kunstausstellung und Sozialismus
Hören: Haydns “Die Schöpfung” in der Schloßkirche Buch
Gestern beim Spazierengehen erzählt L. von der Dresdner Kunstausstellung. Unsere Auffassungen harmonieren sehr in diesen Fragen. Das Malerische habe keine Chance in dieser Ausstellung. Riesenformate dominieren und “Leipziger Schule”. Sie vermißt die Haltung der Künstler. Jedoch, das Schlimme ohne erkennbare eigene Haltung darzustellen, sei auch wieder eine Art Realismus. Den Politikern müßte, recht besehen, bei vielen dieser Bilder grausen. Sie sagt, man könne nicht den Arbeiter malen, wenn man ihn mal 4 Wochen studiere. Mayerl habe das gekonnt. Vieles in Dresden sei auch Rekordjagd, etwas Ausgefallenes bieten. Viele Arrivierte wiederholen sich. Plenkers sei ihr aufgefallen.
Vieles, was sie da sagt, klingt wie Zustimmung zu mir. … Sie meinte, ich solle ruhig etwas zu Dresden schreiben. Diese Absicht hatte ich nicht, da an eine Veröffentlichung nicht zu denken ist. Jedoch jetzt faßte ich den Entschluß. Ja, ich betrachte diese Ausstellung sehr genau und schreibe rückhaltlos, sogar zugespitzt meine Meinung: für mich, für die Schublade, für einige Freunde (Bernd Wagner, Hans Vent, Dieter Goltzsche, Karl Heinz Schatte, Kurt).
Eigentlich ist der Sozialismus ein umgestülpter Imperialismus. Er schafft die ersten, die allerelementarsten Grundlagen dafür, daß der Mensch einmal anders werde. Diese sind Frieden und sinnvolle Arbeit (Das sagte auch mal Andersen-Nexö.) Wir sind noch weit davon entfernt, diese Grundlagen sicher geschaffen zu haben.
Insofern ist der “vergessene Humanismus” in unserer Praxis einfach Ausdruck dafür, daß sich das Wesen unserer Entwicklung real deutlicher ausprägt. Nur das Bewußtsein dieser Tatsachen dürfen wir anscheinend noch nicht haben. Die Künstler beginnen es zu formen (Granin, Aitmatow). Die Theorie darf (und kann) es bei weitem noch nicht formulieren.