27. September 1981

Gestern im Museum für deutsche Geschichte, wo ich je öfter, je mehr entdecke. Wie die Urmenschen doch so viele ihrer Alltagsgegenstände verzierten! Sie delegierten ihren Schönheitswillen nicht auf Künstler.

 

„Parsifal“ am Abend. Ein großes Kunstwerk, aus einem Guß. Als Ganzes aber doch ein großes Götzenbild. Beeindruckend die Amfortasklage im 1. Akt. Und wichtig Kundry. Die Verteufelung des Weibes. Warum versuchten sich viele Künstler in dieser Zeit gerade durch Dämonisierung des Weibes der gesellschaftlichen Widersprüche bewußt zu werden (Corinth, Munch, Wedekind, Strindberg, Schnitzler, Freud)?

Wie turmhoch demgegenüber der Marxismus!

Im Individuellen, bei Mißachtung oder Unkenntnis (bzw. Nichtahnung) der gesellschaftlichen Gesetze den „Zeitgeist“ fassen zu wollen, bringt nur Zerrbilder, bringt sogar „Ungeheuer“ hervor. Andererseits erübrigt die Kenntnis der gesellschaftlichen Gesetze es nicht, das Individuelle als besonderen Gegenstand anzuerkennen. Davon handeln die letzten zig Seiten in diesem Heft und das bestätigt z. B. Gorki mit „Klim Samgin“.

Welche Dämonie der Kundry wird aus der (einer) Erbsünde abgeleitet! Wie durch und durch sachlich sieht demgegenüber Dürer Adam und Eva oder wieder anders Michelangelo. Zuzeiten, wenn die Gesellschaft zum „individuellen Ausdruck drängt“ („die Praxis selbst zum Gedanken drängt“), wenn eine Zeit ist, die „Riesen braucht und Riesen zeugt“, dann gibt es keine Art Dualismus „Individuum-Gesellschaft“ im Individuum (eher zwischen verschiedenen Individuen). Doch nicht immer sind solche Zeiten. Mir scheint, gesetzmäßig folgen auf solche „Hoch-Zeiten“ des gesellschaftlichen Fortschritts solche des „Verdauens“, des teils scheinbaren, teils tatsächlichen Stagnierens und Zurückschwingens. (Und diese soziale Situation bringt notwendig bestimmte individuelle Krisen hervor, krasser gesagt: Der gesellschaftliche Fortschritt vollzieht sich dann maßgeblich nicht auf der Straße, sondern über individuelle Krisen (wenn ich mal davon absehe, daß er letzten Endes immer in de rmateriellen Produktion wurzelt). Eine solche Zeit war die Romantik, war die Zeit zwischen 1850 und 1900. Kurze Pausen dieser Art waren in Rußland 1907-1913, vielleicht auch Sowjetunion 1931-1941, und eine solche Zeit erleben wir, zumindest seit etwa 1961.)

Daher können uns immer wieder selbst älteste Kunstwerke noch etwas sagen (ich denke an altägyptische Lyrik - das Reclambändchen), daher bleiben bestimmte Mythen, Legenden, Figuren ewig jung. Auch der Marxismus ist nicht das Ende all dessen. Wir werden die alten Mythen nicht aus Pietät und auch nicht nur aus Ironie und Überlegenheit weiter beleben, sondern weil wir ihre Wahrheit brauchen und uns mit ihr in Beziehung setzen müssen.

 

Eine kleine Metzkes-Ausstellung in der Galerie „Unter den Linden“. interessant, daß in derselben Zeit, in derselben Gesellschaft so unterschiedliche Künstlerhandschriften existieren, die jede auf ihre Art gültig sind - Metzkes, Quevedo, Libuda.

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