28. Oktober 1982 – zwei Arten Orgasmus

Hörspiel Günter Rücker “Einer Reise zusehen”

Lesen: “Temperamente” 2/82 Report “Kutscher und Solotänzer” (Hanusch), “Deutsche Zeitschrift für Philosophie” 9/82, Geerdts über Goethe 74-96)

Nach dem Hörspiel von Rücker: Kunst darf es, schafft es, uns innerst anzuregen, spricht uns aus dem Herzen. Darf, kann Wissenschaft das heute nicht mehr, speziell die Philosophie?

Es gibt Zeiten, wo Gedanken für dies Tagebuch geradezu sprudeln, Gedankenknäuel würgen sich hervor. Es wäre gut, dazu Näheres mitzuteilen. Doch dazu nachher. Jetzt erstmal das Knäuel zu Tage gebracht:

Das Sinken meines sexuellen Begehrens Heidruns geht einher mit einem (noch schwachen) Aufflackern meines Aktinteresses. […]

Davon ausgehend wurde ich zum Nachdenken, eigentlich nur Staunen, über mich angeregt: Mit welcher Gier betrachte ich meist Aktfotos. […] Wobei die Gier das eindeutige Ziel hat, das weibliche Geschlechtsteil in den vielfältigsten Darbietungen oder Verstecknissen zu erspähen. Was hab’ ich nur davon? Da hast du eine Viertelstunde lang, meinetwegen auch eine halbe Stunde, dies Teil nach Herzenslust ausgekaut (wobei Geschäftigkeit waltet, Bemühtheit aber nicht Erschütterung). Und nun?

Der Stier stößt nach dem roten Tuch, in Wirklichkeit aber in die Luft.

Mephisto lässt die Studenten in Auerbachs Keller begehrlich zugreifen, der Zauber entgleitet, Nasen und Ohren haben sie gepackt.

Diese Entzauberung (meine, nicht die der Studenten) wird durch die Triebbefriedigung vermittelt. Also: Ich bin vor dem Geschlechtsverkehr ein anderer Mensch als nachher. Mein ganzes Empfinden ist geändert (aus physiologische Ursachen). Mein ganzes?

Es gibt auch einen anderen Erlebnisablauf. […]

Der sexuelle Ablauf entsprach dem oben erwähnten (und war durchaus momentan relativ verselbständigt), jedoch war er eingebettet in einen “Orgasmus des Menschlichen, Psychischen, Sozialen”. Ich war von Gier auf diesen Menschen, diese Persönlichkeit erfüllt und schleuderte mich selbst als ganze Persönlichkeit in sie hinein. Mir entriss sich Samenflüssigkeit, und dies gab die bekannten elementaren Emotionen ; doch dieser Vorgang verschmolz mit einem anderen. Er war nur das Pferd, der andere der (spornende) Reiter. Es war zugleich mein menschlich Innerstes, Keimhaftes, Zartestes, Zukünftigstes, das sich mir entriss, also verschenkt wurde (und gleicherweise von mir empfangen wurde).

Dieses Erlebnis war Seligkeit […], und dies Erlebnis zerstörte keinen Zauber, sondern machte ihn eigentlich ganz wirklich. (All das ist etwas Besonderes, nicht beliebig reproduzierbar, obwohl es sicher viele Menschen irgendwann mal erleben. Hoffentlich machen sie es sich bewußt.) Das menschliche Erlebnis ist nur maximal als zugleich physischer Vorgang. Die Physis drängt, soweit geschlechtlich, rhythmisch auf Betätigung, gleichgültig ob all die anderen Bedingungen für solch Gipfelerlebnis erfüllt sind oder nicht. Sind sie es nicht, so gaukeln die Reflexe Erinnerungen als Erwartungen vor, und schon kommt es dazu, daß ich vom Reiben des Schwanzes ein Paradies erwarte.

Übrigens, wenn menschliche Beziehungen als physische maximal sind, so ist zu fragen, welches die physische Gestalt von Freundschaftsbeziehungen sein kann.

Wenn dies alles so halbwegs durchdacht, was also tun?

Natürlich offen sein für die Menschen, für die Liebe. Jedoch solange sie nicht kommt? Die Verzauberung nicht schmähen! Die Entzauberungen durchleben! So wie der Schmied das Eisen immer wieder in die Glut legt, dann ihm einige Schläge versetzt, dann wieder in die Glut usf., viele Male wiederholt, bis dem plumpen Kloben seine Schlacken herausgedroschen sind und Festigkeit, Leichtigkeit, vielleicht sogar edle Form erreicht sind (manchmal zerbricht ein halbfertiges Stück).

Leave a Reply