22. September 1989 – “Scheißstaat”

Bei herrlichem Spätsommerwetter (26°C) Fahrt raus nach Schmachte. 13 Uhr auf dem Bahnhof Schönhauser:

In unser Abteil drängt – wegen Pendelverkehr – eine Menschentraube. – Unzufriedenheit, Schimpfen auf die Reichsbahn.

Ein Mann (beide Arme tätowiert, vielleicht 35 J.) mit Hund (sehr laut):”Nicht Reichsbahn – Scheißstaat!”

Ein ziemlich alter Mann:”Nein, ich bin von der Reichsbahn…” Der Zug fährt an. Der Alte schimpft halblaut vor sich hin, dabei lauter werdend:”… da müßten sie eben ein Gleis legen… früher hat man da ein Gleis gelegt… sogar während des Krieges hat man da ein Gleis gelegt… (ziemlich laut): Das war ja sogar im Krieg besser als heute.”

Eine vielleicht knapp 50-jährige Frau, sehr laut, sehr scharf: “Wann hört denn mal das Meckern auf! Dann steigen Sie doch aus…!”

Der Alte (wohl erschrocken, gleich):”Gut, da steige ich aus.” (Er steigt schnell aus. Der Zug hielt wohl gerade in Pankow.)

Gleichzeitig der Mann mit dem Hund sehr laut, fast brüllend:”Dieser Scheißstaat, Du Rote Sau!”

Ein junger Mann, der neben dem Hundemann saß, sagte sofort:”Hier in der S-Bahn brauchst Du für Deinen Köter einen Maulkorb.” ((Du selbst hast den Maulkorb wohl nötiger – diesen Satz, glaube ich, wenn auch undeutlich gehört zu haben. C. sagt, sie habe diesen Satz nicht gehört.))

Die Frau schimpft noch einige Sätze gegen die Meckerer, leiser werdend, erbittert: “Diese Saubande”.

Regungen gab es auch von anderen Fahrgästen aber die genannten Worte standen im Raum. Der Hundemann schwieg im weiteren. Wir sagten nichts. Es ging alles unwahrscheinlich schnell. In Blankenburg stiegen alle pendelnd aus.

Ich habe mir zurechtgelegt, wie ich künftig in solchen Situationen auftreten werde. Man muß auf extreme, extremistische und quasifaschistische Äußerungen eingestellt sein! Faschisten muß das Maul gestopft werden, und die Anderen müssen von den Faschisten getrennt werden (und bei Quasifaschisten ebenso).

Auch Stephan Götz vom Lehrgang erzählte von einer Kneipenberührung mit Faschistischem.

Und unsere Führung ist weiter unfähig, auf die Zeichen der Zeit klug zu reagieren. Mit ihrer Art gießen sie weiter Öl ins Feuer. Ich, wir Genossen im Lehrgang, haben das Gefühl, daß der Krug noch eine Weile zu Wasser geht, dann bricht er, und wir hoffen, daß wir nur naß werden und nicht ganz weggespült werden. (So sprachen wir.)

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