Archive for the ‘Alter’ Category

25. Februar 1990 – im Garten

Mittwoch, Januar 11th, 2012

So schön wie das Wetter war der ganze Aufenthalt in Schmachtenhagen. Gestern habe ich alle Bäume und Sträucher geschnitten…und war fleißig beim radikalen Aufräumen… Nun ist Raum für Neuwuchs. Er soll jung und dicht werden, Zitterpappeln vor allem, die nun mal zu diesem Grundstück gehören, durchsetzt mit einigen Schönheiten, wie Vogelbeeren, Haselnüssen, Sanddorn, Heckenröschen. Lebenskräftig und dicht soll es an etlichen Stellen wachsen, damit Unterschlupf da ist, für Vögel und für uns…

So viel junges Grün, so viel Knospen! Geschlafen habe ich dort, wie immer, ausgezeichnet. Beim Aufwachen träumte ich von Hans Modrow. Er saß neben mir auf einer Bank. Ich fasste ihn um, zog ihn an mich uns sagte: “Hans, wenn du nicht kandidierst, ist die Partei kaputt, wenn ja, dann haben wir eine Chance.“ Dann wachte ich auf. Als ich im Rundfunk den Mitschnitt vom Parteitag hörte, den erleichterten Beifallsaufschrei, als er „Ja“ sagte, kamen mir die Tränen in die Augen.

900225-2.jpg

Irgendwo las ich von den Problemen des Mannes jenseits der 50. Pro Jahr nehme seine Kraft um 1% ab…. Fast immer wollen Männer in dieser Situation Leistung erzwingen. Eigentlich aber müssten sie etwas Neues tun, was ihren abnehmenden Kräften angemessen ist. Auch unter diesem Gesichtspunkt sehe ich meinen  Entschluß, die andere Arbeit zu machen.

Ich fühle mich gut erholt – abgelenkt und aufgeheitert  - durch Schmachte.

900225.jpg

13. Januar 1990 - Ein Versuch der Besinnung im Handgemenge – Vorschläge lokale Selbtverwaltung

Montag, November 28th, 2011

# Ich greife zur Orientierung beim Lesen noch einmal auf die kommentierende Bemerkung zurück, die ich bereits zum 8.12 1989 gepostet habe:

Die letzten Wochen des Jahres 1989 und die ersten des Jahres 1990 waren voller politischer (und auch menschlicher) Dramatik. Für mich persönlich war es die Zeit, in der mir klar wurde, daß die DDR untergehen würde. Mein Tagebuch zeugt von intensiver Informationsaufnahme. Es enthält besonders viele Zeitungsausschnitte (die ich hier nur in Auswahl posten konnte) und andere Dokumente. Eigene Notizen sind dagegen fast immer kurz und bruchstückhaft. Es war einfach nicht die Zeit für lange Betrachtungen. Die Ereignisse ermöglichten blitzartige, klare Einsichten. Aber auch verzerrte Wahrnehmungen und extreme Wertungen passierten mit mehrfach. Am 13. und 14. Januar fand ich erstmals ein wenig Zeit zur Reflexion was sich in einem längeren Text niederschlägt. #

Gestern Abschiedsbegegnung mit Dieter Papsch. Er hat einen Brief an Gysi geschrieben (Anlage dazu von Dr. Exner). Wider die Kadermafia des ZK. Papsch sympathisiert mit der Plattform Michael Brie. Er geht jetzt zum KAB # „Kraftwerksanlagenbau“#  -Beimlerstr.

 900113-1w.jpg

Mit C. „Juvenilmeer“ # Platonow # weiter gelesen.

Nach WB, Ausstellung der Russin Werefkin (Jawlenski) im Haus am Waldsee (Empfehlung von L.) Es war nichts Besonderes. Danach sind wir um den Schlachtensee spaziert.

900113-2w.jpg 

900113-3w.jpg

900113-4w.jpg

900113-5w.jpg

Flugblatt des NF hier im Wohngebiet, Leerstandswohnungen betreffend. Ich bin unheimlich ärgerlich auf mich – da haben sie uns mit unseren eigenen Waffen mich auf meinem ureigensten Gebiet geschlagen. – (Daraus muß gelernt werden!) 

„ND“ meldete am 11.1.90 den Zusammenschluß von Bürgerinitiativen zur Stadterneuerung. Das berührt sich direkt mit meinen Vorstellungen vom Bürgerrat. Auf diesen – jetzt in Bewegung kommenden Zug – werden wir WBA 12 (und wenn er mitmacht der WBA14) aufspringen zur Frage: Endgültige Gestaltung des Wohngebietes Arkonaplatz. Eine große Einwohnerversammlung vorbereiten.

900113-6w.jpg

 Und das gehört noch zur Informationsflut des Tages:

-                      die Neugründung der SPD aus der SDP

-                      die Gründung einer Deutschen Gesellschaft (für die Helga Schubert erklärt, dass sie nicht noch einmal ein Sozialismusexperiment erleben möchte)

-                      die offene Situation nach Gorbatschows Besuch in Litauen.

-                      der beginnende Krieg zwischen Armenien und Aserbaidshan. Der Zerfall (zumindest der bisherigen) Sowjetunion wird Realität.

-                      unser Spaziergang durch das Nobelwohngebiet Zehlendorf (Haß und zunehmendes Gefühl d Ohnmacht gegenüber dieser Ausbeuterwelt)

-                      die Erfahrung der „Baugrube“

-                      die bundesdeutschen Politiker und Industrieherren, die sich in unserem Fernsehen wie die Herren aufführen, die sich mit gerade noch geduldeten Statthaltern abgeben.

 

Meine Urlaubswünsche: 2.- 4.5. – 3 Tage, 28.4. – 6.5. – Rügen, 15.8. -7.9. – 18 Tg. Bulgarien, 27. u 28.12.  – 2 Tg Skaby

 

Wo hat unsere Niederlage angefangen?

Vielleicht mit dem Einsatz von Gewalt gegen persönliche Arbeit (vgl. „Baugrube“)?

Mit der Abkehr von Lenins „festen Stegen der materiellen Interessiertheit“ (Okt. 21) und der Ersetzung durch Stalins Marsch der Gewalt?

 

Für mich ist dies eine durchaus schwere, persönlich tiefgreifend krisenhafte Situation.

900113-7w.jpg 

Auf der ganz allgemeinen Ebene meiner Ideale wird es anscheinend Verschiebungen geben (ich möchte ja im Sinne Tucholskis sehr radikal prüfen). Es geht um die Bedeutung dieses Gefühls „der Freiheit im Blut“ # Siehe Artikel Weltbühne 2/90 #.

Es geht um die „Souveränität des Individuums“ als dem Grundwert.

Ist es nicht erst dieser Ansatz, der es dem Marxismus erlaubt, auch eine vollgültige Theorie des Überbaus zu entwickeln? Es kann doch kein Zufall sein, daß es der Marxismus zu einer solchen Theorie nicht gebracht hat.

Nach der Anerkennung der Souveränität des Individuums (die aber absolut notwendig ist) folgt dann gleich die Krux:

Souveränität des ausbeutenden Individuums versus

Souveränität des ausgebeuteten Individuums. 

Ich spreche nur von einer Verschiebung des Ideals, denn angenähert an diesen Standpunkt bin ich schon lange.

Die großen Veränderungen, keine Verschiebungen, sondern wahrhaft einen Zusammenbruch, gibt es hinsichtlich der REALITÄT meiner Ideale. 

Der Glaube, wir würden uns auf dem Weg der Verwirklichung dieser Ideale befinden, d.h. wir hätten bestimmte Grundwerte (Enteignung des Privateigentums an den Pm als Grundlage der Gesellschaft) unumkehrbar gesichert, dieser Glaube ist im Begriff völlig zusammenzubrechen. Zumindest die reale Möglichkeit, dass wir alles Erreichte, die doch wichtigen Grundlagen des Sozialismus verlieren (nämlich die Entmachtung des Privateigentums), diese reale Möglichkeit muß ich anerkennen.

Für mich persönlich kann das bedeuten, mich in der Position eines deutschen Kommunisten der 20er Jahre wieder zu finden. 

Da ist es schade, dass ich schon 50 Jahre alt bin. Meine 20, 25 besten Jahre sind verschlissen. Ich glaube, weder die geistige Frische noch die physische und nervliche Kraft für einen großen Aufbruch zu haben. Da ist Müdigkeit. Da fehlt der Tatenmut, einfach frei ins Ungewisse zu handeln. Jetzt sich an den Anfang eines Handlungsbogens stellen, der erst jenseits meines 80. Jahres wieder den Boden berühren würde? Nein, das wäre töricht.

Nein, ich kann nur – ohne jede Illusion über meine realen Wirkungsmöglichkeiten – das mir Mögliche beitragen:

-                      indem ich für eine wahre Erneuerung meiner Partei eintrete

-                      indem ich versuche, meine Stimme in meiner Partei hörbar zu machen (im Rahmen der Plattform 3. Weg)

-                      indem ich in neuer, viel kühnerer Weise versuche Bürgerinteressen zu kennen, zu formulieren, zu organisieren.

 

Es geht um den Bürgerrat „Arkonaplatz“ und um eine Konzeption zur Selbstverwaltung des Wohngebietes Arkonaplatz.

Was gehört dazu?

-                      Abriß des Holzteils der Baubaracke

-                      Umwandlung des massiven Teils der Baubaracke in ein Wohngebietszentrum mit guter Speisegaststätte

-                      gärtnerisch-kulturelle Ausgestaltung des Platzes (Pergola, Sitz- und Spielmöglichkeiten, Konzerte)

-                      Eröffnung von Läden in unmittelbarer Nähe des Arkonaplatzes

-                      Fortführung der Buslinie bis zum Grenzübergang Eberswalder Str.

-                      großzügiger Ausbau einer verkehrsberuhigten Zone vom A. bis zur Mauer bei gleichzeitiger Entwicklung eines Gestaltungskonzepts für das Grenzgelände/Mauerstreifen. (Diese Gestaltung sollte Park- und Kinderspielzonen vorrangig berücksichtigen daneben aber auch Raum für kommunale Dienste, Handwerker, Gewerbe schaffen.

-                      Erarbeitung eines entsprechenden Gesamtkonzepts Arkonaplatz als Bestandteil eines Projektes „Stadterneuerung“.

-                      Konstituierung eines (ehrenamtlichen) Bürgerrates „Arkonaplatz“, (der in sich wesentliche Teile der Wahlkreise 3 und 4 vertritt) und ein Mitspracherecht bei der bei der Planung und Durchführung des o.g. Konzepts hat (und überhaupt bei allen kommunalpolitischen Fragen im allgemeinen und das eigenen Gebiet betreffend)

-                      Sicherung der materiellen und finanziellen Bedingungen des Bürgerrates, hauptamtlich ist der Sekretär des Bürgerrates (der bisherige staatliche Beauftragte)

-                      Fixierung der Stellung und Kompetenz gewählter (im wesentlichen auf Wahlkreisebene) Bürgerräte in einer neuen Kommunalverfassung („Legislative zum Anfassen“). (Die gewählten Mitglieder der Bürgerräte sind zugleich Abgeordnete der Stadtbezirksversammlung (Personenwahl) und beanspruchen 50% der Mandate. Die andere Hälfte der Mandate wird von den Parteien nach der Verhältniswahl belegt.

-                      Die Bürgerräte entscheiden selbständig über den lokalen Haushalt und setzen lokale materielle und finanzielle Kapazitäten selbständig ein. Sie verfügen (u.a.) auch über eigene lokale Einnahmequellen.

-                      Vergesellschaftung (Vergenossenschaftlichung) der KWV in Korrespondenz mit der Entwicklung eines Hof- und Hausmeistersystems.

 

11. September 1989 – “alte Leute”

Freitag, Oktober 16th, 2009

Schönes sommerliches Wochenende in Schmachte. Weinstöcke „Blauer Portugieser“ und „Siegerrebe“ gesetzt. Pflanzung weißer Johannisbeere und zweier Loganbeeren. Badefahrt zum Tonsee.

Wichtige Artikel in der BR („Budapester Rundschau“) 36/89 und NZ 34/89 zum Hitler/Stalin-Pakt und seinem Umfeld.

F. erzählte im Gespräch von älteren Leuten…? - von 40- bis 45-Jährigen. So stehe ich auf einmal im Reich des Alters! Er erzählt, daß er Mückenlarven für eine Fische fängt:”Sie sind etwa 8x so lang wie eine Blattlaus.”

06. September 1989 – Rolf Henri

Freitag, Oktober 16th, 2009

890906.JPG

Ein würdiges Bild aus unseren Tagen – dachte ich auf den ersten Blick. (Es geht aber um die Verleihung von Mutterkreuzen 1941 in Berlin-Köpenick.)

Gestern Beendigung der Lektüre des Rolf Henri (”Der vormundschaftliche Staat“, Rowohlt 1989). Es findet sich immer Anregendes bei solch rücksichtslosem Schreiben. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, daß wenig Substanz zu finden ist. (Was soll mir Rudolf Steiner als Theoretiker?)

Mit C. darüber gesprochen, ob wohl ein Mensch, der mit Gefühl (mit innerer Verbundenheit) für das Leben der Pflanzen lebt (an ihm innerlich teilnimmt), ob der nicht notwendig psychisch gesund und ausgeglichen ist.

Nach einem Einkauf behindert mich ein kleines Kind mit seinem Fahrrad. Seine sehr junge Mutter:“Laß doch mal den Opa vorbei.“

 

03. Januar 1989 - Zukunft mit C.?

Donnerstag, Januar 15th, 2009

Protokolle Band 33

# So sieht er aus, der äußerlich etwas lädierte 33. Band meiner Tagebücher. #

 

 

…  Am Wochenende sprachen wir über das Altern, über die Situation im Alter. C. erzählte, daß sie sich darüber auch mit Wulf unterhalten habe (sicher ausgehend von Bernlef).

# J. Bernlef: “Hirngespinste”, ein Roman aus der Spektrumreihe von Volk und Welt, Berlin 1988. Bernlef ist ein niederländischer Autor (geb. 1937), über den Google auch heute noch nicht viel mitzuteilen hat. “Hirngespinste” beschreibt den geistigen und körperlichen Verfall eines Einundsiebzigjährigen aus der Sicht dieses Einundsiebzigjährigen. Das Buch hat mich tief beeindruckt. #

Bernlef

 

Er habe ihr gesagt, sie C. sei dann vielleicht ähnlich wunderlich geworden, er, Wulf, sei dann vielleicht bewegungsunfähig (# W. war früher Spitzensportler, Leichtathlet über 400 m. #) und mich gäbe es dann wohl gar nicht mehr in ihrem Gesichtskreis.

Das ist ein anschaulicher Einblick für mich in die Art und den Inhalt ihrer Beziehung - eine Beziehung, in der für mich kein Platz ist .

Und weiter: C. kultiviert Beziehungen bzw. eine Lebensvariante ohne mich. Zu ihrer Sicherheit hat sie immer eine Variante ohne mich.

 

26. Oktober 1982 – Frauen, Kälte, Aussteigen

Samstag, Januar 3rd, 2009

Lesen: Gedichte Czechowski, Katalog IX Kunstausstellung

Gartenarbeit. Nach der Gartenarbeit heute bin ich völlig kaputt. Die Gesundschreibung erfolgte zu schnell.

Als nun älter werdender Einspänner wird’ ich wohl öfter Frauen treffen, die sexuelle Probleme haben. (Das könnte ein Grund sein, Witwen zu bevorzugen.) Eigentlich sind solche so genannten kalten Frauen wie Marita oder Heidrun tragische Figuren. Wie sie sich fiebernd endlos unterhalb des Gipfels quälen! Letztendlich freudlos an die Kette der Lust gelegt! Innerlich (einschließlich des sexuellen Reizes) bin ich mit Heidrun fertig. Nur eine Frau, die mich überwältigt, wie einst L. und nur solange sie es kann, kann mich leidenschaftlich sehn. Ist das nicht der Fall, ergibt sich spontan, daß ich mit großer Sympathie ihre Lebensgeschichte aufnehme, daraus Zärtlichkeit schöpfe und sobald die Wiederholungen deutlich werden, erkalte. Mein Interesse zieht diese Frauen an. Ich bin mir frühzeitig klar, daß keine Liebe bei mir ist. Was ist mein Motiv? Ein Grundbegehren ist sexueller Art, doch wird es interessanterweise von der zärtlichen Anteilnahme überformt, die wie eine Quasi-Liebe wirkt und den gedankenlosen sexuellen Genuß be- oder verhindert. Ja, das Grundbegehren ist wohl das nach zärtlicher Anteilnahme, gütig zu sein. Doch scheint es, als erweisen sich diese Partnerinnen als dafür nicht aufnahmefähig genug. Die bloße physiologische Befriedigung des Mannes ist nur wenig von der Frigidität der Frau verschieden.

Verrückter Traum heut Nacht: Vor einem Betrieb ein billiger Marktstand . Darauf Bücher aus der ZF-Bibliothek, Teilnehmerlisten der Lehrgänge, einige Grafiken von L. Alles wahllos angeboten. Als ich später aus dem Betrieb komme hatte es geregnet, und alles ist durchweicht. Ich nehme zuerst Grafiken an mich, schiebe sie vorsichtig in meinen schon recht vollen Campingbeutel, stopfe Bücher und vertrauliche Dokumente hinterher.

Gestern: Den Dichter Czechowski empfinde ich besonders in seiner Kritik an unserem Sozialismus als geistesverwandt. Ich fühlte mich bestätigt in Vielem und konnte nicht einschlafen. Meine freie Meinung zur IX. Kunstausstellung werde ich aufschreiben und als Brief an Bekannte schicken.

  • Ich möchte weiter eine verantwortliche, normale Arbeit machen. Wirkliche oder innere Emigranten, Ausflipper gibt es genug. Um Kritik dieser Gesellschaft konstruktiv machen zu können, muss man Teil dieser Gesellschaft, möglichst wesentlicher Strukturen dieser Gesellschaft bleiben, sein.

  • * Wenn die Arbeit bei Sero nicht klappen sollte, möchte ich trotzdem von der ZF weggehen, oder nein, genauer gesagt, kann ich an der ZF nicht so weiterarbeiten, wie bisher, werde ich eine prinzipielle Kritik geben und prinzipielle Vorschläge machen.

  • * Dies mir vorstellend, kommt mir zum 1. Mal der Gedanke (ernsthafter Gedanke), wenn notwendig auszusteigen. Kohlenträger kann ich nicht mehr werden. Vielleicht Imker? Wann kann dieses Aussteigen notwendig werden? Dieses Aussteigen wäre ein anderes Einsteigen!

03. Oktober 1982 – Traum

Mittwoch, Juni 25th, 2008


5 Zimmerkumpel,

[…]

Hören: (Kopfhörer): Klaviersonate op posthum von Schubert

Behandlungen: Sonntagsruhe, Gymnastik, Duschen,

Traum: Familienspaziergang (Meine Frau ist klein, ähnelt aber L.) Die Straßen sind spiegelglatt vereist. Mit bloßen Schuhen kann man wie mit Schlittschuhen laufen. Ich sause los, die Kinder auch. Ich komme zurück, schnappe mir Christof, er ist so groß, wie jetzt F., und wir laufen zusammen. Er klammert sich begeistert an mich. Dazu erklingt Musik:“Vöglein, sie singen so schön…“ und noch etwas im ¾-Takt, nach dem wir weit schwingend laufen.

[…]

Die langen Ausflüge gestern und heute überstehe ich gut, so daß die Entlassung auf die Tagesordnung kommt. Stationäre Behandlung ist nicht mehr notwendig.

[…]

Kinder und Alte haben viel Möglichkeit, wenig Wirklichkeit, aber aus entgegengesetzten Gründen.

22. Juli 1982 - Lebensmitte

Samstag, Februar 2nd, 2008


[…]
Jetzt werde ich 42 Jahre alt: Das heißt, ich gehe in die zweite Hälfte des von mir anvisierten Alters (84).
Doch man kann es auch anders sehen: Bald gehe ich auf die 50, und lass es nicht zur 84 kommen, sondern nur zu, sagen wir, 75. Dann heißt das, ich bin schon weit in der zweiten Hälfte, gar schon beim letzten Drittel.
Als ich L. kennenlernte, war ich 35. Das waren noch die letzten Ausläufer des Jung-Mann-Alters. Sind es auch diese Dimensionen, die diese sechs Jahre so bedeutsam und ihren Verlust so schwerwiegend machen?
Mir scheint, dass jetzt jedenfalls eine neue Arbeit einen wichtigen Aufschwung bringen könnte.
[…]
Bisky stellt fest, dass heute viele Informationen des Rundfunks, auch zum Teil des Fernsehens beiläufig aufgenommen werden, als Nebenaktivität. Andersherum kann man sagen, viele Sendungen sind so flach, dass man sie überhaupt nur nebenher konsumieren kann.
Unsere Zeit der ewig hämmernden Beat-Schläge.

Dax # Freundin von L. # fragt (in L.s Gegenwart) was im Garten mir gehört. Ich sage:” Mir gehört hier gar nichts. Ist alles nur geborgt.”

# In den Garten, der L. gehörte, hatte ich viel Zeit aber auch einiges Geld eingebracht. #

 

04. April 1982

Freitag, Oktober 12th, 2007



Rückfahrt Bad Elster - Berlin, Bacon-Essays, von Marita, an die ich immer wieder viel denke auf dieser Fahrt - eigenartig: aus dem Bett der einen Frau (und ihrem Herz) zum Herz der Anderen - „Weite meines Herzens“ (!). […]

„Frauen sind die Geliebten der Männer in der Jugend, die Gefährtinnen auf der Höhe des Lebens, die Pflegerinnen im Alter.“ (29)

„Das Reisen dient in jüngeren Jahren der Erziehung, in reiferen der Erfahrung. wer in ein Land reist, bevor er einigermaßen in dessen Sprache eingedrungen ist, sollte lieber zur Schule gehen, aber nicht auf Reisen.“ (73)

„Es ist seltsam, daß Leute auf Seereisen, wo sie nichts als Himmel und Wasser erblicken, Tagebuch führen, dagegen sie auf Landreisen, wo es viel zu beobachten gibt, es meistens unterlassen. Als ob Zufälligkeiten sich besser zum Aufzeichnen eigneten als sorgfältige Beobachtungen.“ (73)

„Denn wer gewohnt ist, vorwärtszuschreiten und trifft auf einen Halt, zerfällt mit sich selbst und ist nicht mehr der vorige Mensch.“ (77)

„Der größte Vertrauensbeweis der Menschen liegt darin, daß sie sich voneinander beraten lassen. (84) […]

Ein großes, großes, ein ungeahnt großes Problem ist es, den tieferen psychologischen Sinn (Bedeutung, Wert) des tatsächlichen Handelns aufzudecken. Wohlgemerkt, ich spreche nicht von der mehr oder weniger bewußten Motivation, eher vom psychologischen Hintersinn. […]

Übermut, Mutwillen gegenüber anderen Menschen (L. mir gegenüber, ich gegenüber Chr.) - eine kräftig negative Eigenschaft, Eigenschaft der Unreife, der Selbstüberschätzung.

28. Dezember 1981

Sonntag, Mai 27th, 2007

Von Maxi Wander, der Lebensphilosophin, ist noch nachzutragen, daß “Optimismus um jeden Preis nur die brauchen, die ihrer selbst unsicher sind.” Auch zitiert sie:”Wir ziehen von der Stadt aufs Land. Und auf dem Land bewundern wir den Mut der Sumpfottern und Bisamratten.”

Es gibt noch etliche kluge Ideen und Zitate aber sie erscheinen mir bei diesem schnellen Lesen wie vorübergespült. Im übrigen: Die Einen arbeiten, ohne viel Lebensphilosophie zu treiben, die Anderen machen es sich zur Berufung, feinsinnig zu denken, tragen aber keine klare Verantwortung.

Das ist die alte abscheuliche Trennung von Hand und Kopf.

Was sich so ansammelte:
Kurt las im letzten Jahr:
Memoiren Nerudas, Biografie Allendes, Lenin-Reclam-Biografie, Ehrenburg Memoiren.

Westfernsehen meldet mitunter als Tatsache, was der Zuschauer für möglich hält. Daher kommt er gar nicht auf die Idee zu fragen, ob manch unwahrscheinliche “Tatsache” nicht vielleicht gelogen ist. Er schluckt alles (Vergl. Selbstmordversuch von Babrak Karmal oder z. Z. Jaruselzki habe dem Einmarsch der SU zuvorkommen wollen.)

Ich sollte die alte Ausdrucksform des Briefeschreibens für mich entdecken.

Kunst für sich genommen kann nichts aber die Vollendung des Menschen kann es nur durch die Kunst geben.

Bewertungen im Gespräch:
Aufschieben, um nicht impulsiv zu sein,
Aufschieben, um nicht zu schnell zu sein,
Nicht dort, wo mit “ja” oder “nein” Tatsachenfeststellungen nötig sind,
Um abzulenken bzw. offensiv das Gespräch in eine andere Richtung zu drängen.

Aus dem Spruchbeutel für Ursel zu “Alter”:
- Nichts macht so alt, wie Glück.
- Du bist Deinem Gott noch einen Tod schuldig.
- Der Antwort ernsteste ist das Grab.
- Goethe: Der Mensch geht vom Sensualisten über den Skeptiker zum Quietisten (indisch).
- Alt wird nicht Altes, alt wird nur das Neue.
- Die Jugend ist schüchterner, trotz dreister Erscheinung. Das Alter ist dreister, trotz ehrwürdiger Erscheinung.

Heute am Zeitungskiosk Rathausstraße:
Eine Kundin zeigt auf ein “Magazin”, das auf einer “Sowjetunion” liegt: “Kann ich das Magazin noch haben?” Die Verkäuferin (nach kurzem Zögern): “Wenn sie die (”Sowjetunion”) auch nehmen… Ich stehe im Wettbewerb.”