Archive for the ‘Antike’ Category

14. August 1982 - 20. August 1982 - zweite Woche Krankenhaus

Montag, Februar 11th, 2008

# Die Eintragungen dieser Woche fasse ich zusammen. #

[…]
die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel; ferner Blutanalysen, Reizstrom, Schlammpackungen; Ruhe, Ruhe, festes Liegen.
[…]
Lesen: Zeitungen und Zeitschriften - ND, BZ, Wochenpost
Aitmatow, „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“, Jean Paul, „Flegeljahre“, Homer, „Odyssee“, Lu Xun,
[…]
Viele Gespräche mit den Zimmerkumpeln, Tier-, Armeerlebnisse, Kriminalfälle, Witze, Garten-, Kindheitsstories, Armee-, Russen-, Nachkriegsstories, Fernstudium,

# Ich lag mit 4 bis sechs Mitpatienten im Zimmer. Sie waren (mit einer Ausnahme) Adipositas-Patienten, bis zu 150kg schwer und machten eine vier- bis fünfwöchige ärztlich gesteuerte Abmagerungskur. Ihre einzige Ernährung bestand aus Wasser und Fruchtsaft, sowie einmal am Tag aus irgendeinem Schleim. Sie fuhren täglich (in ärztlicher Begleitung) 20 bis 40 km Fahrrad, machten Gymnastik, Wasser treten und Sauna. Außerdem gab es eine psychologische Beratung (Besprechung von Lebenskonflikten). Sie nahmen im Laufe der vierwöchigen Behandlung mindestens 12 kg ab und konnten auf Wunsch eine Woche verlängern. Alle hatten Ausgang. Nicht alle hielten diese Kur durch. Im Zimmer gab es eine lebhafte bis laute, grimmig-fröhliche Atmosphäre, viel Humor, tolle Menüschilderungen vor dem Einschlafen. Paralell gab es eine weibliche Adipositas-Gruppe. Ich konnte miterleben, wie zwei “Kummerspeckies” zarte Bande knüpften, eine toll erfolgreiche Kur machten und sich tatsächlich dauerhaft verbanden. #

[…]
Gespräch mit der Wirtschaftshilfe Annette, die Epileptikerin ist, 22J., bei den Eltern, kein eigenes Zimmer;
schöner erotischer Tagtraum mit Schwester Evi,
Magenspülung bei einem Zimmerkumpel - “große weiße Wolke”,

14.8.: Die Wunder der Erinnerung: Die süß verträumte Straßenbahnschaffnerin, die ich vor einem Vierteljahrhundert in Gehlsdorf sah.
Die alte Frau, die L. und ich in Helmers trafen, die von ihren beiden gefallenen Söhnen, U-Boot-Fahrern, erzählte.

Schreckliche Bilder von verwundeten Palästinenser-Kindern.
Je älter ich werde, um so weicher werd’ ich zu Kindern, um so mehr lieb’ ich den Frieden und haß’ ich den Krieg. Entsetzliche Ohnmacht gegenüber den israelischen Kriegsverbrechen.

Ziemlich oft Traumwirrnis in den Nächten, buntes Durcheinander, fast nie belastend. Gelange halbwegs gut in den Schlaf. Träume, dass A. sich während eines Krankenbesuchs zu mir ins Bett legt. Träume mir Szenen mit Iris. Solche ablenkenden, doch nicht aufstachelnden Szenen, sind gute Schlafhelfer. Träume einen Krankenbesuch von Heidi.

Gutes Gespräch mit Karl-Heinz Schatte. Er erwähnt, dass die Verlage zum Zwecke des Exports terminologische Zugeständnisse an den Westen machen.

Aus den erzählten Armeeerlebnissen wird spürbar, wie sich der Ton in der Armee mit dem Übergang zur Wehrpflicht anscheinend gewandelt hat (in Richtung auf Drill und Willkür).

Letztendlich Schmerzzunahme durch Reizstrom?

15.8.: Die wiederkehrenden, formelhaften Wendungen der Odyssee:
“und sie hoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle” oder
“als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte” oder
“und sie traten ins Schiff und setzten sich hinauf die Bänke, saßen in Reihen und schlugen die graue Woge mit Rudern”
“Also steuerten wir mit trauriger Seele von dannen, froh der bestandenen Gefahr, doch ohne die lieben Gefährten.”
Solche Wendungen halten den Hörer/Leser wie an einem langen Seil, sind Momente des Vertrauten in diesen Geschichten voll fremdartiger Erlebnisse, sind wie Bekräftigungen des Subjekts, das aus allem Wechsel immer wieder als das Unwandelbarer auftaucht (Vergl. Marx: “Grundrisse” Seite 600).
Zugleich wollen diese Wendungen nicht extra bedeutungsschwer sein, was sie sympathisch macht (Das ist Aitmatow mit seinen Motiv-Sätzen zum Beispiel von den Zügen, die nach Ost und West fahren, nicht so gut gelungen.)
Die vielen Einzelerlebnisse und Gedanken, die in die Odyssee eingegangen sind! Zum Beispiel Elpenors Tod, zum Beispiel X. Gesang, Vers 84/85. Schade, dass man durch Übersetzungen nur ungefähr erfahren kann, wie die Odyssee wirklich ist.

Die größten Kunstwerke haben einen gewissen Objektivismus: Faust, Odyssee, Klim Samgin, Rembrandt.

16.8.: Ziemliche Schmerzen. Es geht weder vorwärts noch rückwärts. Am Tage ist das Befinden besser.

Der 42. - Hälfte des Lebens!

Wieder solche Einzelheit aus der Odyssee: Die Geschenke des Alkinoos für Odysseus (13. Gesang, 14f, 20ff). Höchst charakteristisch:”Lasst uns noch jeden ein groß dreifüßig Geschirr und ein Becken ihm verehren. Wir fordern uns dann vom versammelten Volk wieder Ersatz, denn einen belästigen solche Geschenke” und rührend:
“Aber die heilige Macht Alkinoos legte das alles, selber das Schiff durchgehend, mit Sorgfalt unter die Bänke, dass es die Ruderer nicht an der Arbeit möchte verhindern.”
Oder auch ebenda Vers 30 bis 35. Begeisternde Odyssee!

17.8.: Die Odyssee gipfelt im Blutbad des O. an den Freiern und Mägden, Verstümmelung des Ziegenhirten.
Mein weichliches Herz will daran keinen Gefallen finden. (Es will sich wohl vor den Tatsachen des Lebens drücken.) Gehört es zum Leben, dass auch Leben ausgerottet wird?

Unzweideutige Annonce in der BZ von heute:
“Lustiges Pärchen sucht gleich gesinntes, dass alles mitmacht und genießt, Feiern, FKK und Wasserspiele mag. Wenn ihr denkt wie wir, dann schreibt uns.”

In Granins “Gemälde” beeindruckt mich die dialektische Sicht auf die Figuren. Oftmals lässt der Autor den Leser unmittelbar miterleben, wie sie ihre Meinung ändern, anders werden. Oder er zeigt, wie sie in anderen Beziehungen anderes sind. In diesen Roman geht viel Wissen, sogar Wissenschaft ein, was ich geradezu für ein Merkmal der Kunst der Zukunft halte.
Doch Granin greift nicht direkt ans Herz (wie oftmals Aitmatow).
Alle drei bedeutenden Russen, die ich jetzt las, blicken voller Skepsis auf die Repräsentanten der Gegenwart ihres Landes. Im Grunde ist das die Frage: wie groß ist der Sozialismus wirklich? Die Antwort fällt nicht berauschend aus. Ich finde, wir alle sind auf dem Wege, erst langsam den Sozialismus wirklich zu begreifen. Der Rauch der Kämpfe und der Nebel der Vorstellungen weicht der Realität. Wenn Ursel schreibt, Ute habe wohl noch gar nicht begriffen, was Sozialismus ist, so fängt die wirkliche Frage hier erst an.

18.8.: Der “Schmerzpegel” steigt - nach dem Wohlgefühl im Gefolge des Geburtstags - wieder etwas an.

Anna Seghers meinte zur Plenzdorf-Diskussion, daß Talent etwas Kostbares sei und man sorgsam damit umgehen müsse. Sehr wahr! Diese Sorgfalt ist auch von dem Talent selbst im Umgang mit sich zu verlangen.
Talente, die sich trotz größter Sorgfalt ihre Umwelt selbst zu Grunde richten, wie Wolf Biermann.
Überhaupt dürfte das der häufigste Fall sein, dass Talente aus sich selbst nicht das Bestmögliche machen, aus inneren Gründen. Das Talent wird von eigenen Schwächen gehindert, ein großer Meister zu werden.

Ältere Kranke, die sich als ein einziger Vorwurf an die Welt empfinden. (” Haben wir das verdient?”)
Drum warte nicht darauf, dass dir einstmals mit paradiesischen Wonnen oder auch nur mit Dank “vergolten” wird. Allein auf Vergeltung zu warten, ist schon eine Ungezogenheit.

Der Mensch will persönlich angesprochen werden. Vermisst er dies, sehnt er sich danach. Das merke ich besonders als Kranker. (Bei der Bewertung der Schwestern und Ärzte zählt dies Moment ganz besonders.) Ein starrer demokratischer Zentralismus, wie bei uns, bringt die Tendenz mit sich, statt persönlicher Beziehungen formale aufzubauen.

19.8.: Spekulation: Mir scheint die sozialistische Gesellschaft der DDR bringt eine Unmenge von Mittelmaß hervor. Mittelmaß ist charakteristisch für uns. Vielleicht ist die Tatsache der Existenz und Stabilität dieser Gesellschaft eine solche historische Größe, dass jeder ein Gutteil seiner möglichen, speziellen, persönlichen Größe opfern muss, um jene zu erhalten. Auch die (notwendige) Mauer pfercht uns zusammen. Die einzelne Leistung ist gefesselt, überall, in Wirtschaft, Wissenschaft, Technik, Kunst. Weltspitze sind wir im Sport - ist das nicht der schlagenste Ausdruck unserer Mittelmäßigkeit? (Nur im Fußball, vielleicht die einzige Sportart in der alle um die Spitze ringen, sind wir auch Mittelmaß.)
Der Einzelne bei uns trifft überall Grenzen, muss überall fragen. Wenn er diese Grenzen verinnerlicht hat, schafft er keinen “Wurf” mehr. Wenn er die Grenzen überspringt bricht er sich das Genick (W. Biermann), nicht unbedingt physisch, das heißt, er wird bedeutungslos.
Wie das Leben der Menschen an die Grenzen drängt, darin kocht, zeigen auch Gerichtsberichte, Annoncen, Hobbys (Krankheiten auch).
Du siehst dieses Leben und fragst: “Wofür das alles?” Und antwortest: “Für den Frieden!” (In dieser Frage und Antwort liegt unsere ganze Größe und Tragik beschlossen.)

Wie A. Q. (des Lu Xun) all seine Niederlagen zu Siegen macht, hat viel Ähnlichkeit mit dem Walt (Gotwald Harnisch) von Jean Paul. Natürlich deckt sich diese Ironie nur partiell, und im Grunde sind das völlig verschiedene Gestalten.

20.8.: In den letzten Tagen habe ich nur selten Westrundfunk gehört, kein Westfernsehen, kein “horizont”, “Weltbühne”. Meine Informationsquellen waren fast nur ND und BZ. Dabei schwindet das Gefühl, gut informiert zu sein sehr schnell. Nein, der Informationsgehalt dieser Organe ist sehr ausgesucht, auf wenige Themen beschränkt, die in zweckbewusster Weise dargestellt werden. So entsteht bald das Gefühl, schon Bekanntes wieder zu lesen und daraus entsteht Desinteresse. Keine gute, keine freie Informationspolitik (in dem Sinne, wie Lunatscharski über Lenins Auffassung dazu berichtet), keine konkrete, keine komplexe, keine dialektische, ungenügend historische Information, und natürlich auch nicht genügend anschaulich und “menschlich”.

In der Wochenpost ist ein Interview mit dem Stabschef Generalmajor Stechbarth. Darin wird auch erwähnt, was er liest (in seiner Freizeit): Tschakowski, “Die Blockade”, Memoiren von Heerführern, Biografie Honeckers, Bastian, “Gewalt und Zärtlichkeit”, irgendeinen Roman über die NVA. Also mit anderen Worten (gemessen an Lenins Worten, dass die Kommunisten sich die Schätze der ganzen Menschheit aneignen müssen) ein Analphabet. Die erdrückende Mehrheit unserer politischen Führer ist in diesem Sinne nach meiner Überzeugung Analphabet.

18. Juli 1982 - Burchard Brentjes, Hans Mottek

Donnerstag, Januar 31st, 2008


[…]
Lesen: Burchard Brentjes:”Völker am Jordan”
Hören: SFB III, Brechts Verhöre in den USA, Nordsee Verschmutzung
[…]
Viel geträumt in der Nacht. Große ausgedehnte Szenarien, Fahren mit Rolf, erst Auto, dann Motorrad, in der Dunkelheit unter konspirativen Bedingungen, große Auseinandersetzungsszene zum Ende des Lehrgangs mit G. Habe keine Lust, mehr davon aufzuschreiben.
Fühle mich wieder schlechter, das Bein brennt. Die Taubheit erfasst alle 4 Zehen und den großen Onkel halb. Ob das von den Bädern und Einreibungen kommt? Das Warten und machtlose Registrieren nervt.

Das Buch von Brentjes entrollt ein großes Panorama. Ich erfahre von Kulturblüten, von denen ich nach wie vor viel zu wenig weiß. Das mal selbst erleben!

# Hier ist eine der seltenen Stellen, wo ich mal eingestehe, daß ich gern reisen würde. Die Felsenstadt Petra, von der Brentjes berichtet, hatte meine Phantasie  angeregt. Allerdings habe ich diese Reise bis heute nicht unternommen. #

Goethe, “West - östlicher Diwan”! Es ist ungemein befreiend, mal über unseren griechisch - römischen Kulturkreis hinaus etwas zu erfahren.
Jetzt hat es für mich einen Inhalt bekommen, wenn Motteks Schwester sagte, Begin sei ein Mystiker. Danach sieht tatsächlich die vorsätzliche Schreckenstat von Dar Yasin aus, die jetzige Blockade Westbeiruts hat etwas davon; ein imperialistischer Politiker, der zugleich in einem historischen Wahn handelt, darin Hitler ähnlich.

# Zu Prof. Dr. Hans Mottek siehe hier. L. hatte den Auftrag für ein Portät von Hans Mottek. Wir blieben darüber hinaus in freundschaftlichem Kontakt. Seine Schwester lebte in Israel. Wir lernten sie bei einem ihrer häufigen Besuche in der DDR kennen und tauschten natürlich intensiv unsere Meinungen aus. #

Borniertheit, Unwissen; Verachtung, nur weil etwas anders ist (die Bauarbeiter und der Barfuß-Mann am U-Bahnhof Thälmann Platz). Das materielle/politische Interesse und nicht die Einsicht!

27. September 1981

Mittwoch, Mai 16th, 2007

Gestern im Museum für deutsche Geschichte, wo ich je öfter, je mehr entdecke. Wie die Urmenschen doch so viele ihrer Alltagsgegenstände verzierten! Sie delegierten ihren Schönheitswillen nicht auf Künstler.

 

„Parsifal“ am Abend. Ein großes Kunstwerk, aus einem Guß. Als Ganzes aber doch ein großes Götzenbild. Beeindruckend die Amfortasklage im 1. Akt. Und wichtig Kundry. Die Verteufelung des Weibes. Warum versuchten sich viele Künstler in dieser Zeit gerade durch Dämonisierung des Weibes der gesellschaftlichen Widersprüche bewußt zu werden (Corinth, Munch, Wedekind, Strindberg, Schnitzler, Freud)?

Wie turmhoch demgegenüber der Marxismus!

Im Individuellen, bei Mißachtung oder Unkenntnis (bzw. Nichtahnung) der gesellschaftlichen Gesetze den „Zeitgeist“ fassen zu wollen, bringt nur Zerrbilder, bringt sogar „Ungeheuer“ hervor. Andererseits erübrigt die Kenntnis der gesellschaftlichen Gesetze es nicht, das Individuelle als besonderen Gegenstand anzuerkennen. Davon handeln die letzten zig Seiten in diesem Heft und das bestätigt z. B. Gorki mit „Klim Samgin“.

Welche Dämonie der Kundry wird aus der (einer) Erbsünde abgeleitet! Wie durch und durch sachlich sieht demgegenüber Dürer Adam und Eva oder wieder anders Michelangelo. Zuzeiten, wenn die Gesellschaft zum „individuellen Ausdruck drängt“ („die Praxis selbst zum Gedanken drängt“), wenn eine Zeit ist, die „Riesen braucht und Riesen zeugt“, dann gibt es keine Art Dualismus „Individuum-Gesellschaft“ im Individuum (eher zwischen verschiedenen Individuen). Doch nicht immer sind solche Zeiten. Mir scheint, gesetzmäßig folgen auf solche „Hoch-Zeiten“ des gesellschaftlichen Fortschritts solche des „Verdauens“, des teils scheinbaren, teils tatsächlichen Stagnierens und Zurückschwingens. (Und diese soziale Situation bringt notwendig bestimmte individuelle Krisen hervor, krasser gesagt: Der gesellschaftliche Fortschritt vollzieht sich dann maßgeblich nicht auf der Straße, sondern über individuelle Krisen (wenn ich mal davon absehe, daß er letzten Endes immer in de rmateriellen Produktion wurzelt). Eine solche Zeit war die Romantik, war die Zeit zwischen 1850 und 1900. Kurze Pausen dieser Art waren in Rußland 1907-1913, vielleicht auch Sowjetunion 1931-1941, und eine solche Zeit erleben wir, zumindest seit etwa 1961.)

Daher können uns immer wieder selbst älteste Kunstwerke noch etwas sagen (ich denke an altägyptische Lyrik - das Reclambändchen), daher bleiben bestimmte Mythen, Legenden, Figuren ewig jung. Auch der Marxismus ist nicht das Ende all dessen. Wir werden die alten Mythen nicht aus Pietät und auch nicht nur aus Ironie und Überlegenheit weiter beleben, sondern weil wir ihre Wahrheit brauchen und uns mit ihr in Beziehung setzen müssen.

 

Eine kleine Metzkes-Ausstellung in der Galerie „Unter den Linden“. interessant, daß in derselben Zeit, in derselben Gesellschaft so unterschiedliche Künstlerhandschriften existieren, die jede auf ihre Art gültig sind - Metzkes, Quevedo, Libuda.

05. Oktober 1980 (Bulgarienreise)

Sonntag, Mai 6th, 2007

Auch die Tage von Warna gehen dem Ende zu. Drei Tage reichen, waren aber auch nicht vertan. Heute war: Ethnografisches Museum – interessant, aber die lebendige Ethnografie ist mir lieber. (Übrigens: Wir in der DDR zeigen in unseren Heimatmuseen meist im Vordergrund das Leben der armen Leute. Sie zeigen mit großem Nachdruck auch das Leben wohlhabender Leute.)

Römische Festungsmauer, neues römisches Bad – unwillkürlich denkt man, daß unter halb Warna römische Grundmauern liegen, sicher kann man die nicht mehr alle ausbuddeln. Aber wäre nicht doch mehr Akribie bei ihrer Sicherung und Darbietung nötig?

Langes Studium des „ND“ vom 26./27.9. im Park bei schöner Sonne. Dabei zum ersten Mal außerhalb einer Gaststätte so etwas, wie ein leichtes Mädchen gesehen.

Im Restaurant zu Mittag; Ali und Atanas. Der Türke sieht aus wie ein schmuggelnder Seemann, der Bulgare wie ein Seeräuber; ich bin leider nicht aus „FGR“ („BRD“), leider nur „Bruderland“, Ali braucht sofort irgendeinen Apparat, der irgend etwas auf der Erde macht, 2 m - ???

A. und A. machen es gerne mit den Mädchen, das entsprechende Fingerzeichen ist ziemlich international, doch „djewotschki nima“. Ich verstehe: „Mädchen sind zur Zeit rar.“ und sage, „besser in der Saison“. Ali protestiert: Er kann immer, mindestens 2 bis 3 Mal. „Chljab“ (Brot) macht stark, sagt er mit Seitenblick auf mein brotloses Mittag (das 5,20 Lewa kostet).

14.30 Uhr in der Volksoper, Ballett „Coppelia“. Wer Berliner Theater kennt ist halt verwöhnt.

Im Theater Schwatz mit einer alten, apfelhaft aufgefrischten Tante aus bei Wuppertal. Sie kommt schon das achte Mal nach Warna „zum Kuren“. Die drei Wochen kommen sie (zu dieser Jahreszeit) 1180,- WM, davon Kurbehandlung für 280 Lewa (täglich mehr als fünf Stunden Behandlung). So billig hat sie es sonst nirgends, obwohl die Krankenkasse hierher nichts dazu gibt. Aber alles sei teurer geworden (voriges Jahr noch 190,-Lewa für den Arzt) und die Kellner solche Räuber, wie in keinem anderen Land.

In der Ballettvorstellung viele Pioniere mit roten Halstüchern. Sie: „Wie bei uns früher. Die sind wohl gezwungen hier.“

Abends:

Jetzt bin ich „zu Hause“, habe letzte Karten geschrieben, werde etwas essen (immer noch Brot aus Popowo) und mache mich dann fertig zum letzten Abendbummel (einschließlich Versuch Telefonat nach Berlin).

Über mir wird wieder Klavier geübt.

Noch einmal zu bulgarischer „Erotik“: Im Theater: Wie der Coppelius leidenschaftlich erschüttert um die vermeintliche Coppelia wirbt, die sich als Swanilda zu erkennen gibt. Wie er ihr dabei den Hintern packte, war einfach köstlich. er rüttelte richtig an der Arschbacke, wie man bei uns vielleicht an der Schulter rütteln würde, gleichsam: „Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn.“

 

04. Oktober 1980 (Bulgarienreise)

Donnerstag, Mai 3rd, 2007

Frühstück in Warna, in einem Privatquartier, das ich für drei Tage gemietet habe (21 Lewa, 2-Bett-Zimmer). Seit Bahnhof Gorna Orjach. Hat sich Ljonka (25 J.) mit mir bekannt gemacht. Die ganze Fahrt bis Warna geplaudert. Beginnt nun Liebe auf bulgarisch? Meine Lust zu sexuellen Spielchen ist nicht besonders groß, würde sich aber hervorlocken lassen. Sie versichert, Zigeuner und auch Türken seien „plochie, otschen plochie Ljudi“ („schlechte, sehr schlechte Leute“), die nur am Rande von Ortschaften wohnen. Sie ist aus Gabrowo. Mehr darüber später. Jetzt will ich zusehen, daß ich für den 6.10. einen Rückflug kriege, dann ins Puppentheater, dann mit Ljonka treffen.

Abends:

Nichts mit bulgarischer Liebe. Ljonka hat mich versetzt. Dabei hatte sie sich so verhalten, als setze sie voraus, dass jeder Mann jederzeit „Stangenfieber“ habe. (Dabei erinnerte sie mich an Sawwina von ehemals.) Es kam ihr aber wohl weniger darauf an, das Abenteuer zu haben, als vielmehr, mit dem Abenteuer zu spielen. (Das war Sawwina auch wichtig, sie machte dann aber doch Ernst, als sich die Gelegenheit bot.) Oder sie kriegte Angst vor der eigenen Courage.

Damals wie heute jedenfalls das Gefühl, dass sich die Sache nach kurzer Zeit totläuft. Den Leuten fehlt irgendwie eine Dimension. So bleibt mir (ob ich will oder nicht) die Rolle des nicht sehr begeisterten Liebhabers erspart. Auch dem Puppentheater fehlte eine Dimension, laut, grob, unsensibel. Morgen will ich (auch damit der Tag rumgeht) in die Oper. Es gibt „Coppelia“. Am 6.10. dann, 18 Uhr 40, ab nach Dresden.

Vielleicht klappt morgen Abend die Telefonverbindung nach Berlin, um mich entweder für den 6. 10. nachts noch anzukündigen oder bei Ch. W. in Dresden zu übernachten.

Sonst war ich noch im „Aquarium“, wo es eine Fischart gibt, die nur aus Weibern besteht. Der Same verwandter Männchen regt ihre Eientwicklung (ohne Befruchtung) an.

Beeindruckend die römischen Thermen aus dem II. Jahrhundert, allein schon wegen des Ausmaßes der Anlage. Leider wurde ich nicht schlau aus dem Gewirr der Ruinenstücke, die offensichtlich umgebaut, restauriert, umbenutzt, wieder zerstört usw. waren. Von einer sorgfältigen (und umfassenden) Freilegung des römischen Teils kann wohl keine Rede sein. Offensichtlich wären weitere Grabungen nötig. Ich habe mir jedenfalls, was ich bei jedem anderen Touristen verurteilen würde, ein „garantiert echtes Stück“ römischer Therme, 1700 Jahre alt, aufgeklaubt und eingesteckt.

Auch eine Gemäldeausstellung gesehen (vgl. Puppentheater).

Warna scheint die Prachtstadt Bulgariens zu sein. Obwohl Aushängeschild bleibt es doch südländisch-heiter. Wie man den Auto- und Fußgängerverkehr im Zentrum führt, das ist phantasievoll und großzügig verwirklicht.
Das Leben (und besonders Fahren) in Bulgarien ist anscheinend erheblich teurer geworden. (Aus dieser Sicht sieht man erst richtig die relative Stabilität der DDR.) Das Warenangebot erscheint mir reichhaltiger. Ich konnte keine Unruhe unter den Leuten wegen der Teuerung spüren. Für 100 Westmark kriegt man ungefähr 72 Lewa.

Spekulation über die Ursachen der inneren Stabilität Bulgariens:

- die Tradition des nationalen Befreiungskampfes

- die Tradition der Russenfreundschaft

- ein relativ günstiges Verhältnis von Stadt und Land.

(Die Stadt hat das Land sozusagen „im Griff“, führt es, ohne es zu erdrücken. Das Land andererseits orientiert sich an der Stadt, hat aber noch sein relative Selbständigkeit, sein Eigengewicht. Diese Verhältnisse werden nicht so einfach bleiben.) Vielleicht erklärt diese rel. Unabhängigkeit von Stadt und Land die so verschiedenen Antworten zum Zigeuner- und Türkenproblem.

- In den Zigeunern und vielleicht auch in den Türken haben sie ihre Parias, haben sie diejenigen ständig lebendig vor sich, gegenüber denen sie sich als Bulgaren (bei Bedarf sicher einschließlich der Türken) groß, edel, frei, kultiviert usw. fühlen können.


Folgt zum Schluß ein Speisezettel von heute. Das Bier war holländischer Import. (Ein Kilo Weintrauben kostete 0,50 Lewa.)
im Restaurant