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20.30 Uhr. Nach dem Tag, anstrengendem Rheuma-Bad, 1 Std. Schlaf fühle ich mich jetzt ganz zerschlagen. Aber jetzt beschäftige ich mich, denn jetzt zu schlafen wäre Garantie für eine unerträgliche Nacht, und die fürchte ich sowieso.

Schmerzen, Anstrengungen, Hitze, Medikamente haben mich in einen kollapsähnlichen Zustand versetzt. In den letzten 10 Minuten sind mir mindestens 1 Dutzend Gegenstände aus der Hand gefallen, darunter eine volle Tasse Kaffee. Mein Phlegma reicht aus, nichts an die Wand zu schmeißen. Ich sehe verschwommen, und die Augen brennen. Doch jetzt höre ich Musik und schreibe, denn ich muß wieder Fuß fassen. Jetzt zu schlafen wäre Wahnsinn. Das Telefon strafe ich wutentbrannt mit Nichtachtung.
Seit einer Woche haben wir Temperaturen von 30°, jetzt zeigt das Thermometer 34°! Und ich konnte noch nicht einmal ins Wasser.
Orchestersuite Nr. 2 von Bach, die immer wieder geeignet ist, einen Menschen wieder aus mir zu machen.
Rothensee: Habe noch nie eine so gewaltige, so technisierte Gießerei gesehen. Da ist die Kraft der Arbeiterklasse materielle Gewalt geworden. (Auch in WD # Westdeutschland # gäbe es eine solche Gießerei nicht.) Die Redensarten mancher Künstler, L.s, („Dann sollen sie es doch nicht machen.“) können einem da nur ein müdes Lächeln entlocken.
Wirklichkeit einer solchen Industrieanlage,
Wirklichkeit einer Aktstudie (meiner Intension) oder Wirklichkeit eines Orgasmus mit HeGrü!
Wirklichkeit der Orchestersuite Nr. 2 von Bach!
Oh Wirklichkeit, Du Donnerwort!!
Und weiter: Wirklichkeit einer Rhönwiese im Mai, Wirklichkeit der neu gepflanzten Stachelbeere, die wir Blatt um Blatt durchbringen werden.
Ich bleibe weiter der ganzen Wirklichkeit verschrieben, zugetan, offen; auch um den Preis, daß ich es auf keinem Gebiet zu einer großen Leistung bringe. […]
Jetzt geht es auf 22 Uhr. Das Thermometer zeigt weiter 28 oder 29°. Doch mir geht es besser. (Bin wieder im Geschirr des Geistes. Dieses Geschirr ist nachts, im Schlaf, abgelegt. Darum herrscht dann der Schmerz so unumschränkt. Heute will ich ihn überlisten: Ich bleibe lange auf, schreibe noch Briefe, wenn ich dann sehr müde bin noch ein Rheuma-Bad, 2 Zäpfchen und dann wird wohl der Schlaf herrschen.)
Die Platte bringt gerade aus der 3 Orchestersuite ein Stück… - Ich denke an den toten Helmut.
# Helmut war der erste Mensch, der mir vor Jahren Bach nahegebracht hatte. #
Er bleibt einer der Menschen, dessen Tod für mich immer etwas Unwirkliches, nicht ganz Ernstzunehmendes hat. Irgendwie bleibt er gegenwärtig als das Leben selbst. Seinen Freund Hans Dy werd’ ich mal besuchen.
Eindrücke in Rothensee:
Politische Losungen, mit Kreide an die Wand gemalt: „Laß das Atom zu friedlichen Zwecken!“
„Gegen NATO-Raketen“
In einer anderen Abteilung kriege ich (zum ersten Mal in meinem Exkursionsleben?) Dreck in den Rücken geschmissen.
Ein flott und sinnvoll arbeitender Roboter! […]

# Aus einem Brief an U., Witwe des erwähnten Helmut. #
„… Ich schreibe, höre dabei Bach, und auf einmal ist mir (das geschieht nicht zum ersten Mal) der tote Helmut ganz und gar gegenwärtig. Ich empfinde wieder, wie von der ersten Stunde an, daß dieser Tod etwas Unwirkliches, nicht ganz Ernstzunehmendes hat. Nach so langer Zeit schreibe ich das natürlich nicht als billigen Trost (zudem sinnlosen), als Versicherung. („Er lebt in uns fort.“) Nein, es ist einfach eine erstaunliche und höchst freudige Feststellung: Beweglichkeit dieses Kerls, einschließlich gewisser Moralitäten und Amoralitäten, sind einfach nicht totzukriegen. Da ist er wie das Leben selbst. („Tod, wo ist Dein Stachel, Hölle, wo ist Dein Sieg?“)
All das soll nicht billige Verklärung sein. Zum Schluß hätte er wohl gern all das hingegeben, wenn er noch hätte einen Monat leben dürfen. Er hat von solcher Wirkung nichts, ja, keiner wußte, keiner weiß, ob er solche Wirkung auslöst.
Nein, ich will den Toten ihre Ruhe lassen, will nicht so tun, als könnt ich die Tragik versüßen. Doch es ist eine Tatsache, daß doch etwas von dem Schönstmöglichen eingetreten ist - sich ein bißchen in seiner Pflicht zu fühlen, ein Winziges für sein Hoffen zu tun.
Eine Tatsache ist es: Wenn eine Karriere für mich völlig reizlos ist, und wenn ich manchmal die Kraft habe, etwas nur aus Gewissen zu tun, selbst für Nachteile ( - und das ist ja eine ziemliche Freiheit, die man sich da schafft - ), so ist es ebenso wohl Leben, wie Sterben von Helmut, das mit dabei wirklich nachdrücklich hilft.
Leicht wäre es mir jetzt, gewisse gemeinsame Erlebnisse, Szenen heraufzubeschwören, die sehr erfüllt waren, die in mir bis an Ende meiner Tage leben werden, ganz Alltägliches, warum nur? Wahrscheinlich sind es oft solche Winzigkeiten, wie die Sandkörnchen am FKK-Strand von Rosenort, die zu den Sternstunden eines Lebens gehören und irgendwann auf unerforschlichen Wegen in’s Bewußtsein treten…“
# Aus einem Brief an die Eltern von L. #
„Wenn ich Euch schreibe, möchte ich mich auch ablenken. Mein Ischias/Nervenentzündung macht mir doch ziemlich zu schaffen, da ich den letzten Tage auch tatsächlich nicht die Zeit hatte, […] ihn mit Ruhe und Wärme zu kurieren. So fresse ich z. Z. ´Tabletten, doppelte Portion und nachts Zäpfchen, vierfach, und komme dann in den letzten Nächten doch immer nur zweistundenweise zum Schlafen. Jetzt am Wochenende schone ich mich aber und hoffe nun endlich über den Berg zu kommen. […]
Gerade höre ich von draußen ein klatschendes Geräusch, während vom Plattenspieler die Matthäuspassion erklingt. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite geht ein junge Frau, die sich das Gesicht hält und schluchzt. Auf unserer Seite steht ein angetrunkener Kerl. Er ruft rau:“Komm her!“ Sie antwortet etwas und geht weiter. Er nochmal: „Komm her!“ Dann sucht er irgend etwas, wie eine Scheibe, sucht aber noch weiter. Dann pißt er umständlich mit starkem Strahl an den Baum vor unserer Haustür. Dann geht er umständlich schwankend ihr nach. Viele Fenster sind geöffnet. Aus meinem klingt kulturvoll Bach, wie gesagt, aus den anderen verschiedene Fernseh-Krimis - Berliner Szene! […]
Mein herzliches Dankeschön für das Hemd und die Socken im West-Paket! Alles paßt wie angegossen, steht mir und kann ich gut gebrauchen, wenn ich zu L.s Verdruß z. B. festlich in’s Theater gehe. […]
Im übrigen bin ich gespannt, wie es im Garten weiter gegangen ist (Dienstag war ich zum letzten mal da.) Bei dieser Wärme, und L. hat sicher viel gegossen! (Das ist bei uns ja das A und O.) Es ist ungeheuer, welche Produktivität aus jedem Winkel hervorbricht. Am meisten ans Herz gewachsen ist mir aber ein scheinbar völlig verdorrtes Stachelbeerhochstämmchen, das ich trotzdem nach Ostern und ohne rechte Hoffnung pflanzte. Es hat ganz zögernd Knospen schwellen lassen, schließlich einige Blätter getrieben, so daß es erstmal zum Überleben reicht. Jetzt scheint gar ein neuer Trieb hervorbrechen zu wollen. (Ich hatte extrem kurz geschnitten.) Damit wäre es ja über den Berg für die Zukunft! Alles übrige aber steht kraftvoll, auch z. B. „Jonathan“ und „Ostheimer Weichsel“ (die auch geblüht, aber nichts angesetzt hatte). Naja, Garten ist ein unerschöpfliches aber für Euch nicht gerade neuartiges Thema.
Ich war jetzt zwei Tage zu Besuch in der Stahlgießerei Magdeburg-Rothensee. Das waren imposante Eindrücke (und auch einfach gute Eindrücke) in dieser wohl größten Stahlgießerei Europas. Wenn man solche Produktionsstätten sieht und was die „hinten rausschmeißen“ begreift man gegenständlich, warum unsere Wirtschaft/Staat trotz der vielen Lücken einfach nicht totzukriegen ist. Riesige Hallen, in denen die Technik und wenige Menschen arbeiten. Leicht war es nicht, 40° die Sonne + 8 Elektroschmelzöfen.
Und erst die Schicksale, die an solchem Betrieb hängen, einige kenne ich zufällig näher: Der Betrieb produziert seit 10 Jahren. Vor 15 oder 17 Jahren war Grundsteinlegung. Erinnerungsfoto: Der Minister - ist inzwischen mit Herzinfarkt Rentner, der damalige Generaldirektor, zwischendurch Herzinfarkt, abgelöst, wieder eingesetzt, heute Invalidenrentner mit freier Arbeitszeit, sozusagen z.b.V. beim Betriebsdirektor. Ich kannte ihn noch unmittelbar als „General“, heute führte es unseren Lehrgang, vermittelte Erfahrungen, auch welche, die man nirgends lesen kann.
Schade, all das kein Gegenstand für Künstler! Weil 95% von ihnen (oder 99%?) von diesem menschlichen Leben so viel verstehen, wie der Esel vom Integral. Aber was hilft das Klagen. Materielle und künstlerische Produktion gehen weiter ihre getrennten Wege, und irgendwann haben beide eine Reife, die eine Art Verschmelzung ermöglicht (in fernen Zeiten, die dann das Ende mancher Borniertheit bringen).
Ich grüße Euch alle herzlich.“