Archive for the ‘Gedanken zur Persönlichkeit’ Category

25. Februar 1990 – im Garten

Mittwoch, Januar 11th, 2012

So schön wie das Wetter war der ganze Aufenthalt in Schmachtenhagen. Gestern habe ich alle Bäume und Sträucher geschnitten…und war fleißig beim radikalen Aufräumen… Nun ist Raum für Neuwuchs. Er soll jung und dicht werden, Zitterpappeln vor allem, die nun mal zu diesem Grundstück gehören, durchsetzt mit einigen Schönheiten, wie Vogelbeeren, Haselnüssen, Sanddorn, Heckenröschen. Lebenskräftig und dicht soll es an etlichen Stellen wachsen, damit Unterschlupf da ist, für Vögel und für uns…

So viel junges Grün, so viel Knospen! Geschlafen habe ich dort, wie immer, ausgezeichnet. Beim Aufwachen träumte ich von Hans Modrow. Er saß neben mir auf einer Bank. Ich fasste ihn um, zog ihn an mich uns sagte: “Hans, wenn du nicht kandidierst, ist die Partei kaputt, wenn ja, dann haben wir eine Chance.“ Dann wachte ich auf. Als ich im Rundfunk den Mitschnitt vom Parteitag hörte, den erleichterten Beifallsaufschrei, als er „Ja“ sagte, kamen mir die Tränen in die Augen.

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Irgendwo las ich von den Problemen des Mannes jenseits der 50. Pro Jahr nehme seine Kraft um 1% ab…. Fast immer wollen Männer in dieser Situation Leistung erzwingen. Eigentlich aber müssten sie etwas Neues tun, was ihren abnehmenden Kräften angemessen ist. Auch unter diesem Gesichtspunkt sehe ich meinen  Entschluß, die andere Arbeit zu machen.

Ich fühle mich gut erholt – abgelenkt und aufgeheitert  - durch Schmachte.

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23. Februar 1990 – Streit um Weiterbildung. Wer ist der beste Kapitalist?

Dienstag, Januar 10th, 2012

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Nun, 16 Uhr, nach der Beratung bei Dr. W., ist wohl entschieden, daß meines Bleibens hier nicht länger ist.

# Im Tagebuch steht nur dieser Satz. Dahinter verbirgt sich aber eine Erfahrung von Gewicht. Dr. W., vormals Kaderchef des Ministeriums für Elektroindustrie, war nun Kader- und Bildungschef des neuen Wirtschaftsministeriums. Er war ein äußerst flexibler Mensch und konzentrierte sich zu diesem Zeitpunkt bereits (wie ich später erfuhr) voll und ganz auf die Bildungszusammenarbeit mit der Wirtschaftsakademie Schleswig-Holstein in Kiel. (Später sollte aus dieser Zusammenarbeit seine eigene private Weiterbildungsakademie hervorgehen; doch ich greife vor.) In irgendeiner Form die Zusammenarbeit mit Dozenten aus der DDR fortzusetzen, diesen allesamt belasteten Kadern, kam ihm nicht in den Sinn. Folgerichtig hatten wir in dieser Beratung sofort einen Frontalzusammenstoß. Ich war sofort und komplett abgemeldet.

Zwei Tage später wurde das von mir vorgeschlagene Sofortprogramm der Weiterbildung von Dr. W. voll und ganz akzeptiert und in Kraft gesetzt. Was war geschehen? Eine Gewerkschaftsberatung hatte stattgefunden und Dr. W. war auf das Heftigste kritisiert worden, daß er nichts für die Weiterbildung der Mitarbeiter tue. Da holte er mein Konzept aus der Tasche, es war genau das Richtige. Er war gerettet. Ich war gerettet. Und die Mitarbeiter hatten ihren Rettungsstrohhalm Bildung. #

 Auf der Suche nach Schreibpapier für den folgenden Brief habe ich diese Zeitungsauschnitte gefunden („Sonntag“ Nr. 45 von 1982).

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# Im Tagebuch folgt hier ein Brief an meinen Freund Kurt. Ausnahmsweise habe ich dessen vollen Wortlaut nicht hier, sondern ins opablog eingestellt. #

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20. Februar 1990 – Kleine Ereignisse, Einzelmomente, aus denen sich der historische Prozess zusammensetzt

Sonntag, Januar 8th, 2012

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Mir scheint, daß dieser Brief viel Wahlkampfdemagogie enthält. Vielleicht ist das aber die Form und der Ausgangspunkt des Weges, der damit beginnt, daß man irgendwie versucht wieder miteinander zu sprechen.

Mein gestriger ötv-Partner in WB jedenfalls lehnte eine Teilnahme an der Veranstaltung am 27.2., an einer PDS-Veranstaltung, ab. #Vergl unser Flugblatt# Man akzeptiere PDS nicht als Partner, kaum den FDGB, der ähnlich diskreditiert sei.

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# Damals freute man sich noch über Bonmots dieser Art. Das war doch mal ein Parteiführer, der rhetorisch etwas drauf hatte. Erst später begriff ich, daß nun Bonmots und rhetorische Floskeln klare (und theoriegeleitete) Aussagen ersetzen würden. #  

Der Linie des nebenstehenden Briefes entspricht übrigens der von Henrich vor einigen Tagen im ND, der das weiterbestehende Medienmonopol meiner Partei anprangerte. Diese Leute reden schon mit uns in unseren Zeitungen aber noch und vor allem, um uns anzuklagen und uns möglichst viel zu unterstellen. Ihr Verhalten ist noch zweispältig.

Übrigens gestern auch bei der AL in WB. Sie wollen nach Möglichkeit jemanden zu uns schicken.900220-7.jpg

 Ich war dann noch in der dortigen Staatsbibliothek und hab mich orientiert. Dort gibt es passable Arbeitsbedingungen. Eigenartiges Erinnern an Studentenzeiten. Bei mir leider alles von sexueller Unbefriedigung überschattet.

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 # Den guten Herrn Thomae hab’ ich dann doch nicht geschafft, gründlich zu lesen. # 

Auf dem Rückweg treffe ich Peter ..?  von der Betriebsschule M-L. # Marxismus-Leninismus # Für seine Arbeit „Berufsbildung“ sieht er auch künftig eine gute Perspektive. Auch für ihn löst die völlige Niederlage des Systems des realen Sozialismus die Frage aus, ob nicht das kapitalistische System für den Menschen das bessere sei. Den guten, den reformierten („sozial-ökologisch“) Kapitalismus wollen viele enttäuschte Fortschrittler (so auch Günther Just im Fernsehen). Sozialdemokratismus.

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Erstaunlich, dass in dieser Zeit weitreichender Verwirrung, meine innere Stimme nicht im geringsten zweifelt an der Notwendigkeit, dass große Privateigentum an den Pm abzuschaffen. Und ich glaube auch nicht, dass das 1917 anders als gewaltsam möglich war. Diese Enteignung bleibt die größte Tat des realen Sozialismus (der damals übrigens noch kein stalinistischer war). Seine größte Untat war, dass ihr keine gesellschaftliche Aneignung folgte.

Parteigruppenversammlung abends. Wir sind wenige. Aber wir werden optimistischer. Wir beginnen zu handeln.  

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17. Februar 1990 - Arbeiten für den Kapitalismus

Freitag, Januar 6th, 2012

# Zu den Tagebucheintragungen dieser Tage auch mal im opablog aus Sicht von 2012. #

Ich gehe morgens einkaufen (ND mit Statutenentwurf PDS). C. geht zu ihrer Meinungsbefragerschulung.

Vormittags lese ich viel, # u.a. kluge Gedanken des Schrifstellers Joochen Laabs #

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mache sauber in der Wohnung, koche mir was, nachmittags dann wieder zur ötv, audi max der TU. Und wieder findet dort nichts statt. Es ist ärgerlich. # Politisch habe ich das damals nicht interpretiert. # Das folgende Papier ist aus der TU, aus dem audi max, wo die ÖTV-Versammlung stattfinden sollte.

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Ich mache einen langen Spaziergang durch die Straße des 17. Juni, zur Siegessäule und durch den Tiergarten zum Übergang Potsdamer Platz.

Abends, gegen 20 Uhr, kommt C. (Sie hatte übrigens keine Lust mitzukommen, weder zu Eva Gürtler, noch zur ötv - was mich kränkte – aber es interessiert sie nun einmal meine PDS-Arbeit nicht.)

Sie erzählt von ihrer Einweisung (USUMA), ist ganz begeistert, praktisch ist sie EMNID-Befragerin. Ich sage ihr, daß nicht auszuschließen sei, daß sie damit Unterlagen zu erarbeiten helfe, die Kohl und Dregger im Kampf gegen die DDR brauchen. Sie könne es aber machen, denn sonst mache es ein anderer. Für mich verbiete es sich ja schon von vornherein, eine Arbeit zu machen, bei der ich politisches Wohlverhalten zeigen muß (keine frühere SED-Mitgliedschaft). Sie kriegt pro Interview (30‘-60‘) 6,- bis 15,-DM, was sie angeblich schon vergessen hatte. Zur Wahl am 18.3. machen sie eine spezielle Untersuchung. Sie will pro Woche 5 Std. dafür verwenden. Ich nehme an, daß es ein ziemlicher Aufwand wird. 

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Was für eine Arbeit ist es? Es ist eine „ganz normale“ Arbeit, die der Markt verlangt. Es ist daher eine Arbeit, die ganz normal denjenigen BRD- Kräften dient, die den Markt beherrschen. Wenn sie einst die absoluten Herrscher sind, muß jeder ihnen dienen. (Auch ich werde in meinem Kiosk entsprechende Zeitungen verkaufen.) Solange sie nicht die absoluten Herrscher sind, werde ich meine Kraft meiner Partei und nicht ihnen geben, und ich werde ihnen immer so wenig wie möglich geben. So, wie es einst die Opposition in der DDR tat.

C. reizt die Befragungsmöglichkeit, das zuerst; ihr imponiert die Seriosität der Unternehmung; sie findet das Geld sehr passabel.

Für uns ergibt sich Konfrontation, Spaltung, Nebeneinanderherleben? 2x Sb  #Selbstbefriedigung#

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16. Februar 1990 – bei einer alten Genossin

Freitag, Januar 6th, 2012

Gestrige erweiterte WBA-Sitzung erfolgreich.

C. die sich bei der USUMA-Firma beworben hat wegen Intervieweranzeige, findet sich dort am Samstag zu einer Beratung ein. Sie hatte angerufen, war am Telefon gefragt worden, ob sie ehemaliges SED-Mitglied sei, hatte das bestätigt und sich dazu noch etwas länger ausgelassen # ihre Maßregelung erwähnt # Nun will sie mal hin, „um zu sehen“. C. – im Denken oft radikal, oft illusionslos (und immer mit diesem Anspruch), im Handeln dagegen manchmal gerade dann kompromißlerisch, wenn es darauf ankäme. Na gut, ich fühle mich nicht zum Richter berufen.

Es beginnt die Zeit, wo man zum ersten Mal stolz darauf sein kann, Mitglied der Partei (PDS) zu sein.

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Frau Luft ist zu einer politischen Wertung solcher Meldung nicht fähig.

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Solche Meldungen (ND von heute) charakerisieren einmal mehr, wie konsequent die „Große Koalition“ funktioniert. Es gibt gelegentlichen SPD-Theaterdonner aber davon abgesehen ist die SPD auch heute was sie immer war, kleinbürgerlicher Partner, Helfer, auch Korrekturfaktor der großbürgerlich-imperialen Partei.

Anruf bei Frau Beringer mit meiner 90%igen Zusage, daß ich bei der Post anfange.

# Diese später nicht realisierte Perspektive wäre mit erheblichen Gehaltseinbußen verbunden gewesen. #

Fahrt nach WB zur ÖTV-Veranstaltung, die aber ausfällt (auf morgen verschoben). 

Dann zu Eva Gürtler, # eine alte Genossin aus meinem Wohngebiet #  anderthalb Stunden Gespräch. Es passiert eigentlich nichts weiter; wir sprechen eben miteinander; man darf sich nicht allein lassen; und besonders die Alten sollen nicht denken, daß jetzt gar nichts mehr zählt und daß auch die neuen Genossen sie jetzt möglichst schnell vergessen wollen. 

Abends warten wir auf den Erotikfilm in SAT1 – C. schon im Bett, ich bleibe bis spät auf – so ein Unsinn.

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15. Februar 1990 – Parteiaustritte

Donnerstag, Januar 5th, 2012

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 Einsam bei ZF.

 Vorbereitung der heutigen WBA-Beratung.

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Die Austritte aus der PDS gehen munter weiter. Rolf Bauer sagte mir heute, dass er auch ausgetreten sei. Der Druck auf die Seele ist nicht gering.

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14. Februar 1990 – Letzter Tag meines Arbeitskollektivs (bzw. des von ihm verbliebenen Restes)

Donnerstag, Januar 5th, 2012

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Letzter Tag mit R. und Nasdala. Ab morgen allein.

# Nach 23 Jahren Zusammenarbeit mit R. und A. auf dieser Arbeitsstelle! Leute im Realkapitalismus, die nur „Jobs“ machen, können nicht ermessen, was das bedeutet. #

Diese Stunden und Tage zeigen: Wir haben kein Konzept, uns selbst zu erlösen. So werden wir zu Recht untergehen. Bestehen wird nur, was wir uns selbst nehmen.

Abendliche WPO-Versammlung mit sehr geringer Beteiligung. Wir kommen nur unter sehr großen Mühen und Zeitaufwendungen in Gang. Ich habe eine öffentliche Diskussionsrunde vorgeschlagen und werde sie durchführen.

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Erfahre, dass der Schuldirektor Schuster aus der PDS ausgetreten ist. Das ist ein Gewinn.

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13. Februar 1990 – Pressekonferenz Modrow – Kohl

Montag, Januar 2nd, 2012

R. hat mich heute in die Arbeit als Finanzsachbearbeiter eingewiesen.

# Ich war als einziger der früheren Mitarbeiter der ZF übrig geblieben und mußte nun alle Arbeiten der Abwicklung dieser Einrichtung erledigen. #

Seit Mittag war ich zu Hause – für den WBA und den Fensterputzer.

Pressekonferenz Modrow/Kohl original gesehen. Modrow hat nicht kapituliert und keinen Stich verschenkt. Es bleibt die Hoffnung, dass die DDR ein zu sperriger Fisch ist, als dass sie ihn einfach schlucken könnten. 

Brief an meinen Freund K.:

„… daß Euch zu allem Überfluß nun auch noch die LPG beunruhigen muß! Oder haben sich Eure Befürchtungen inzwischen nicht bestätigt?

Deine Gefühle der Müdigkeit, der Resignation, sind mir sehr vertraut. Darüber soll mein „progressives Papier“ nicht hinwegtäuschen. Diese Gefühle sind kostbar. Dieses unser Unglück müssen wir annehmen. Diese Niederlage, diese Schmach und Schande sind unsere Chance. (Du solltest wegen solcher Worte keine christliche Anwandlung bei mir vermuten.)

Zu diesem Thema die Kopie eines Tucholsky-Briefes von Dezember 1935….

# Diese Kopie findet sich nicht in meinem Tagebuch. Es handelt sich zweifellos um die bekannten Äußerungen Tucholkskys, in denen er die Unfähigkeit aller Demokraten und Linken anprangert, aus der historischen Niederlage gegen die Faschisten wirklich tiefschürfende Lehren zu ziehen. #

Nur so können wir uns von allen Wendeärschen wirklich absetzen. Du bist natürlich viel stärker als ich betroffen, gegenwärtig, weil Du viel direkter und ausschließlicher auf praktische Umsetzung orientiert warst. Für mich ist es dagegen schon ein gewisser „Trost“, daß das, was wir heute erleben unsere vergangenen 40 Jahre in keiner Weise wirklich geistig überwindet. Das, was heute –nach massenhafter Übereinkunft – tot ist, wird so leicht keine Ruhe finden/geben. Ob es nun erstmal 15 Jahre lang nur in Zirkeln weiter existieren wird oder doch bald wieder einen politischen Raum findet – das weiß keiner, ist mir auch nicht so wichtig.

Ich mache jedenfalls aus meinem Herzen keine Mördergrube und bekenne mich sehr deutlich zu dem, was ich in mir lebendig spüre.

Auf Brüche muß man sich einstellen.

Die Zentralstelle scheint mir zwar noch weiter Lohn und Brot zu geben, aber ich werde immer schwankender, ob ich das wollen sollte. Neugier und „Ungebundenheit“ (was natürlich eine andere Art Gebundenheit ist) könnte für uns (C. und mich) die Übernahme eines kleinen Buchladens oder Zeitungskiosks bedeuten (ist ernst gemeint).

Vielleicht für Dich/Euch käme in diesem Sinne die Übernahme der künftigen LPG-Nobel-Pension auf Rügen in Frage. Könntest Du Dich der LPG nicht als Aufbauplaner und –leiter unentbehrlich machen oder auch als Chefökonom? (Auch diese Vorschläge meine ich ein bißchen ernst.)…“

 Keinerlei Illusionen darüber, daß es in der Frage des DDR-Anschlusses in der BRD – mit Ausnahme der Grünen – eine große Koalition gibt.

 

 

08. Februar 1990 – Blick in die Zukunft

Donnerstag, Dezember 29th, 2011

Die Wochen rasen. 

Brief von Kurt gestern. Er ist sehr deprimiert, müde. Es trifft ihn nun vielleicht auch noch, daß ihn die LPG aus dem Wochenendhaus rausschmeißt.

Das spektakuläre Angebot der BRD-Regierung zu Verhandlungen für eine Währungsunion (nachdem noch gestern der Bundesbankpräsident dies abgelehnt hatte, stimmt er heute zu!) beweist einmal mehr den klaren, geraden Kurs dieser Regierung auf die Zerstörung der DDR. Es gibt keine politische Kraft, dies aufzuhalten. Modrow kann nur (und jede Folgeregierung) unser Fell so teuer wie möglich verkaufen. Unser stellvertretender Bildungsminister Abend (?) (CDU-NF) kündigt auch auf diesem Gebiet die Restauration an. Berghofer in Davos präsentierte sich als Groß-Liquidator.

Schewardnadse warnte vor dem Revanchismus, der sich unter dem Deckmantel der deutschen Vereinigung kräftige. Carmen findet das nun doch übertrieben. Ich werfe ihr vor, dass sie Entwicklungen erst sehe, wenn sie eingetreten sind. Dabei erinnere ich sie, dass wir uns noch vor 14 Tagen erbittert über meine Worte stritten, dass es der BRD einzig und allein um den Anschluß der DDR gehe. Unter dem Eindruck des Ministers Abend (o.ä.), der sie auch deprimiert hatte, widerspricht sie diesmal meinen Vorwürfen nicht.  

Fernsehinterview mit Bärbel Bohley. Ich begreife deutlicher, dass diese Leute, diese wenigen Leute, die einzigen Helden unserer jüngsten Geschichte waren. Ich meine die Oppositionellen, die Verfolgung auf sich genommen haben, weil sie für die Demokratie kämpften. Sie waren vor ein, zwei Jahren eine verschwindende machtlose Minderheit und sie wir sind es auch jetzt und werden es auch in absehbarer Zukunft sein. Es geht – ich wiederhole es – heute nicht mehr um Demokratie in der DDR, sondern um die Zerstörung der DDR, d.h. die Vollendung dieses Prozesses und das Aufsaugen der Reste durch die BRD.

Was ich für die Zukunft erwarte:

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Die BRD (der BRD-Imperialismus) landet ohne einen einzigen Schuß abzugeben, ausschließlich mit ökonomischer und politischer Überlegenheit, einen absoluten Sieg über die DDR (Einverleibung). Die DDR wird entwaffnet bei Fortbestehen der Bundeswehr. (Ebenso ist der Warschauer Vertrag zerfallen, bei Fortbestehen der NATO, die sich nur modifiziert, auch militärisch gesehen)

Die „Verdauung“ der DDR bedeutet für die BRD eine große Anspannung, die sie aber – mit gelegentlichem Magendrücken – bewältigt (in 5-10 Jahren). Der BRD-Imperialismus (genauso der USA-Imperialismus) haben ein ungeheures Erfolgserlebnis. Die im Osten liegenden Ziele dieses Imperialismus (Polen, CSSR, Königsberg) werden zu Zielen realer Politik. Dabei beschränkt sich die BRD weiter auf den Einsatz ök. und pol. Macht (während sie die militärische Macht in Reserve hält, teilverringert, konserviert). Das Erringen einer gravierenden Herrschaft Dominanzposition im EG-Raum, d.h. in Europa überhaupt, wird weiter betrieben, läuft parallel zur offensiven Ostpolitik.

In Deutschland besteht immer und zunehmend eine nationalistische Komponente bzw. Alternative.

All dies ist wahrscheinlich, weil die UdSSR in den nächsten 15 Jahren ihre Rolle als Supermacht nicht voll wahrnehmen kann, vielleicht einige dieser Funktionen erfüllt aber in anderer Hinsicht (ich glaube einschließlich der Königsberger Frage) nur die Kräfte einer Regionalmacht aufbringen kann.

Welche neuen strategischen Ziele sich in dieser Situation der USA-Imperialismus setzt, ist mir unklar, aber sie werden auf jeden Fall offensiv sein, die SU in ihrer Handlungsfreiheit einschnüren und auf solider oder überragender (?) militärischer Stärke basieren.

Die Widersprüche zu den Armen der Welt werden in vieler Hinsicht unerträglich werden. Natürlich erstmal für diese. Es kann zu offenen Kämpfen kommen, die aber mit Niederlagen für die Zivilisation enden, egal, welche Seite siegt.

Die sozialen Konflikte in den triumphierenden Ländern der Kapitalherrschaft verschärfen sich. Es ist mir unübersehbar, welche Folgen die Beseitigung der realen stalinistischen Alternative haben kann. Ist es möglich, dass nach einer Etappe von vielleicht 20, 30 Jahren der Kapitalismus reale innere Reform- und Revolutionskräfte gebiert + in der SU ein demokratischer Sozialismus entstanden ist + die armen Länder (einschließlich China) Bedingungen und sogar Zwänge für eine grundsätzliche Reform des Kapitalismus schaffen? Das steht in den Sternen.

Heute, denke ich, geht es darum das Überleben bisheriger sozialistischer Ideen zu sichern und eine für die Zukunft mögliche sozialistische Idee zu entwickeln. Es wird - für wie lange? – keine Einheit der Linken geben. Sie werden also auch keine starke Vertretung im Bundestag haben (vielleicht gar keine). Freilich, nach der gegenwärtigen absoluten Niederlage der stalinistischen „Linken“, könnten einige zusätzliche Impulse für linke Positionen entstehen, so dass diese Kraft überlebt.

Für mich folgt: „Links“ (sozialistisch) wird wieder zu einer Frage von Zirkelpolitik (Machtlosigkeit). Handlungsmöglichkeiten bestehen auf demokratischer Ebene (Basisdemokratie).

Zukunft der Weiterbildung im Ministerium, meines Arbeitsgebietes… Sollte ich mich nicht davor bewahren, mich mit der ideologischen Formierung des neuen Systems zu beschmutzen. Das würde ich doch als Ideologe/Organisator machen. Sollte ich mich nicht lieber als Verkäufer meiner Ware Arbeitskraft ehrlich auf den Markt begeben. Mit den Marktgesetzen leben, spekulieren und ihr Opfer sein. Diese Linie des „Widerstand Leistens“ im System selbst, die bringt doch nichts, wie mir meine bisherige Praxis bestätigt (bringt nichts für die moralische Integrität und Gesundheit).

Hab‘ soeben unsere Flüge gebucht (im August nach Burgas und zurück). Ab morgen wären sie um mehr als 200,-M/Person teurer gewesen.

Soeben Termin gemacht mit Frau Beringer, der Kaderleiterin des Hauptpostamts 8.

Auf dem S-Bahnhof Alexanderplatz traf ich Eberhard Ackermann aus Moskau kommend hier zum Soziologenkongreß, seit Oktober 89 nicht mehr in der DDR gewesen. Er findet vieles einfach unbegreiflich. Wir reden kurz über die Vereinigungseuphorie. Auch er ist noch in der Partei.

Lesend in „Initial“ 1/90, Brie, Peche, Sozialismuskonzeption ergeben neue Anregungen, fast möchte man sagen, aus der Theorie hergeleitete Hoffnungen. Nach dem Motto: Was geistig nicht wirklich überwunden wurde, kann nicht sterben. Aber andererseits sind es dann immer wieder Fakten des Tages, die solche Hoffnungskeime niederschlagen.

Für die Konzeption „Zentralschulen“ habe ich noch nichts aufgeschrieben, mache mir Gedanken, muß aber morgen ‚was zu Papier bringen.

31. Januar 1990 – am Punkt 0

Mittwoch, Dezember 14th, 2011

Anruf von Kerstin Kluge, die wohl wegziehen wird.

Filter # unser vorläufiger WPO-Sekretär # stimmte gestern meinem Beschlußpapier zu.

Ich erlebte mit den Parteiaustritt des Oberstleutnant Jeromin - schäbige Typen.

Heute bei Döring, der energisch die Auflösung der ZF betreibt. Wir sind für weitermachen. Dem  Minister wir der Entscheidungsvorschlag zugeleitet. 

Kurzer Besuch bei Anneliese. # unsere langjährige Sekretärin an der ZF, die bereits eine andere Arbeit angenommen hatte # Dann im „Haus der Demokratie“ Programmpapiere eingesackt.

15x mein Beschlußpapier für die WPO abgezogen und noch einmal 15 x.

Döring meint, nach aufgelöster ZF soll ich im Bereich Weiterbildung des MMB anfangen. # MMB – neugebildetes Super-Ministerium für Maschinenbau #

Ich stehe am 0-Punkt.

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