Archive for the ‘Gedanken zur Persönlichkeit’ Category

29. Januar 1990 – eine Erinnerung an meine stalinistische Zeit

Freitag, Dezember 9th, 2011

Gestern 2 Std. im Fernsehen.

Käthe Reichel liest aus der Autobiografie Robert Havemanns.

Viele Erinnerungen an diese Zeit (1964-66), in der ich auf der stalinistischen Seite stand.

Mit C. über meinen PDS-Beschlußentwurf debattiert.

 

24.Januar 1990 – Besuch beim DGB Westberlin

Mittwoch, Dezember 7th, 2011

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Ab Mittag nach WB zum DGB-Landesverband. Dort lerne ich Herrn Rainer Heinrich kennen. Ich frage nach den Mitbestimmungsrechten der Gewerkschaften in der Marktwirtschaft, und er überrascht mich mit der Mitteilung, daß sie keine Mitbestimmung haben. Dafür hätten wir in unserem Arbeitsgesetzbuch viel bessere Voraussetzungen, die bloß nicht zum Tragen gekommen seien. Wir seien, statt eine sozialistische Marktwirtschaft aufzubauen, auf dem besten Weg, die kapitalistische Marktwirtschaft zu übernehmen. Wir seien konzeptionslos, die BRD habe schon seit 60er Jahren eine detaillierte Konzeption für diesen Weg (an der übrigens auch der DGB mitgearbeitet habe). Wir einigen uns schnell darauf, dass er bei uns im Lehrgang dazu spricht. Er beansprucht keinerlei Honorar.

Es ist eine Schande, dass wir auch solche Beziehungen in der Vergangenheit nicht gepflegt haben. Wir durften es nicht aber es ist mir auch gar nicht in den Sinn gekommen.

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Danach bummel ich noch längere Zeit in der Stadt herum. Da keine Schlange davor ist, momentan, „besteige“ ich auch erstmals den Beate Uhse Laden am Bahnhof Zoo und ergötze mich lange an den dort zugänglichen pornographischen Magazinen und Büchern. Besuch im Sexkino um die Ecke, wo ich mir eine Stunde lang wechselnde Geschlechtsakt anschaue, zeitweilig angeregt, später abschweifend ernüchtert.

 Zu Hause ist C. Wir besuchen abends noch „Hundeherz“ in der Volksbühne.

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Auf die heutige Versammlung zum Bürgerkomitee Arkonaplatz bezogen sagte sie, ich könne ihr ja erzählen, was dort war. Ich lehnen das brüsk ab. Wenn es sie interessiere, könne sie selber hingehen, sage ich. Informationsübermittler zu spielen, habe ich keine Lust. Sie erzählt noch paar Einzelheiten aus dem Gespräch mit Rolf L. – weinerliche Tatsachenbeschreibung, wie das Leben immer schlechter wird.  

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23. Januar 1990 – wahrhafte Demokratie

Mittwoch, Dezember 7th, 2011

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Gestern den ganzen Tag, 5 Std., Runder Tisch gesehen.

Ich brauche engeren Kontakt zur Plattform „3. Weg“. Muss mich beraten, wie die Erneuerung der Partei geführt werden soll und wohin. Gestern nach (und vor) dem guten Film über die DDR-Skins Überlegungen gemeinsam mit C., woran die Erneuerung der Partei zu messen wäre.

So könnte mein PDS-Flugblatt aussehen:

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Eine wahrhafte Demokratie (eine sozialistische), die noch nirgends verwirklicht ist, besteht darin, keinerlei Verselbständigung der Macht (jedweder) gegenüber der demokratischen Basis zuzulassen. Machtkonzentrationen muss es geben, Sie müssen aber jederzeit von der demokratischen Basis nicht nur kontrolliert werden, sondern aufgelöst werden können. Dies Prinzip bezieht sich auf alle Arten von sozialen Machtkonzentrationen in einer Gesellschaft ohne Ausnahme, also ausdrücklich auf die politischen ebenso wie die ökonomischen. 

Die einzige nicht durch demokratische Entscheidung auflösbare Machtballung kann die Ausstrahlung einer faszinierenden Persönlichkeit, eines anziehenden Menschen sein.

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13. Januar 1990 - Ein Versuch der Besinnung im Handgemenge – Vorschläge lokale Selbtverwaltung

Montag, November 28th, 2011

# Ich greife zur Orientierung beim Lesen noch einmal auf die kommentierende Bemerkung zurück, die ich bereits zum 8.12 1989 gepostet habe:

Die letzten Wochen des Jahres 1989 und die ersten des Jahres 1990 waren voller politischer (und auch menschlicher) Dramatik. Für mich persönlich war es die Zeit, in der mir klar wurde, daß die DDR untergehen würde. Mein Tagebuch zeugt von intensiver Informationsaufnahme. Es enthält besonders viele Zeitungsausschnitte (die ich hier nur in Auswahl posten konnte) und andere Dokumente. Eigene Notizen sind dagegen fast immer kurz und bruchstückhaft. Es war einfach nicht die Zeit für lange Betrachtungen. Die Ereignisse ermöglichten blitzartige, klare Einsichten. Aber auch verzerrte Wahrnehmungen und extreme Wertungen passierten mit mehrfach. Am 13. und 14. Januar fand ich erstmals ein wenig Zeit zur Reflexion was sich in einem längeren Text niederschlägt. #

Gestern Abschiedsbegegnung mit Dieter Papsch. Er hat einen Brief an Gysi geschrieben (Anlage dazu von Dr. Exner). Wider die Kadermafia des ZK. Papsch sympathisiert mit der Plattform Michael Brie. Er geht jetzt zum KAB # „Kraftwerksanlagenbau“#  -Beimlerstr.

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Mit C. „Juvenilmeer“ # Platonow # weiter gelesen.

Nach WB, Ausstellung der Russin Werefkin (Jawlenski) im Haus am Waldsee (Empfehlung von L.) Es war nichts Besonderes. Danach sind wir um den Schlachtensee spaziert.

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Flugblatt des NF hier im Wohngebiet, Leerstandswohnungen betreffend. Ich bin unheimlich ärgerlich auf mich – da haben sie uns mit unseren eigenen Waffen mich auf meinem ureigensten Gebiet geschlagen. – (Daraus muß gelernt werden!) 

„ND“ meldete am 11.1.90 den Zusammenschluß von Bürgerinitiativen zur Stadterneuerung. Das berührt sich direkt mit meinen Vorstellungen vom Bürgerrat. Auf diesen – jetzt in Bewegung kommenden Zug – werden wir WBA 12 (und wenn er mitmacht der WBA14) aufspringen zur Frage: Endgültige Gestaltung des Wohngebietes Arkonaplatz. Eine große Einwohnerversammlung vorbereiten.

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 Und das gehört noch zur Informationsflut des Tages:

-                      die Neugründung der SPD aus der SDP

-                      die Gründung einer Deutschen Gesellschaft (für die Helga Schubert erklärt, dass sie nicht noch einmal ein Sozialismusexperiment erleben möchte)

-                      die offene Situation nach Gorbatschows Besuch in Litauen.

-                      der beginnende Krieg zwischen Armenien und Aserbaidshan. Der Zerfall (zumindest der bisherigen) Sowjetunion wird Realität.

-                      unser Spaziergang durch das Nobelwohngebiet Zehlendorf (Haß und zunehmendes Gefühl d Ohnmacht gegenüber dieser Ausbeuterwelt)

-                      die Erfahrung der „Baugrube“

-                      die bundesdeutschen Politiker und Industrieherren, die sich in unserem Fernsehen wie die Herren aufführen, die sich mit gerade noch geduldeten Statthaltern abgeben.

 

Meine Urlaubswünsche: 2.- 4.5. – 3 Tage, 28.4. – 6.5. – Rügen, 15.8. -7.9. – 18 Tg. Bulgarien, 27. u 28.12.  – 2 Tg Skaby

 

Wo hat unsere Niederlage angefangen?

Vielleicht mit dem Einsatz von Gewalt gegen persönliche Arbeit (vgl. „Baugrube“)?

Mit der Abkehr von Lenins „festen Stegen der materiellen Interessiertheit“ (Okt. 21) und der Ersetzung durch Stalins Marsch der Gewalt?

 

Für mich ist dies eine durchaus schwere, persönlich tiefgreifend krisenhafte Situation.

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Auf der ganz allgemeinen Ebene meiner Ideale wird es anscheinend Verschiebungen geben (ich möchte ja im Sinne Tucholskis sehr radikal prüfen). Es geht um die Bedeutung dieses Gefühls „der Freiheit im Blut“ # Siehe Artikel Weltbühne 2/90 #.

Es geht um die „Souveränität des Individuums“ als dem Grundwert.

Ist es nicht erst dieser Ansatz, der es dem Marxismus erlaubt, auch eine vollgültige Theorie des Überbaus zu entwickeln? Es kann doch kein Zufall sein, daß es der Marxismus zu einer solchen Theorie nicht gebracht hat.

Nach der Anerkennung der Souveränität des Individuums (die aber absolut notwendig ist) folgt dann gleich die Krux:

Souveränität des ausbeutenden Individuums versus

Souveränität des ausgebeuteten Individuums. 

Ich spreche nur von einer Verschiebung des Ideals, denn angenähert an diesen Standpunkt bin ich schon lange.

Die großen Veränderungen, keine Verschiebungen, sondern wahrhaft einen Zusammenbruch, gibt es hinsichtlich der REALITÄT meiner Ideale. 

Der Glaube, wir würden uns auf dem Weg der Verwirklichung dieser Ideale befinden, d.h. wir hätten bestimmte Grundwerte (Enteignung des Privateigentums an den Pm als Grundlage der Gesellschaft) unumkehrbar gesichert, dieser Glaube ist im Begriff völlig zusammenzubrechen. Zumindest die reale Möglichkeit, dass wir alles Erreichte, die doch wichtigen Grundlagen des Sozialismus verlieren (nämlich die Entmachtung des Privateigentums), diese reale Möglichkeit muß ich anerkennen.

Für mich persönlich kann das bedeuten, mich in der Position eines deutschen Kommunisten der 20er Jahre wieder zu finden. 

Da ist es schade, dass ich schon 50 Jahre alt bin. Meine 20, 25 besten Jahre sind verschlissen. Ich glaube, weder die geistige Frische noch die physische und nervliche Kraft für einen großen Aufbruch zu haben. Da ist Müdigkeit. Da fehlt der Tatenmut, einfach frei ins Ungewisse zu handeln. Jetzt sich an den Anfang eines Handlungsbogens stellen, der erst jenseits meines 80. Jahres wieder den Boden berühren würde? Nein, das wäre töricht.

Nein, ich kann nur – ohne jede Illusion über meine realen Wirkungsmöglichkeiten – das mir Mögliche beitragen:

-                      indem ich für eine wahre Erneuerung meiner Partei eintrete

-                      indem ich versuche, meine Stimme in meiner Partei hörbar zu machen (im Rahmen der Plattform 3. Weg)

-                      indem ich in neuer, viel kühnerer Weise versuche Bürgerinteressen zu kennen, zu formulieren, zu organisieren.

 

Es geht um den Bürgerrat „Arkonaplatz“ und um eine Konzeption zur Selbstverwaltung des Wohngebietes Arkonaplatz.

Was gehört dazu?

-                      Abriß des Holzteils der Baubaracke

-                      Umwandlung des massiven Teils der Baubaracke in ein Wohngebietszentrum mit guter Speisegaststätte

-                      gärtnerisch-kulturelle Ausgestaltung des Platzes (Pergola, Sitz- und Spielmöglichkeiten, Konzerte)

-                      Eröffnung von Läden in unmittelbarer Nähe des Arkonaplatzes

-                      Fortführung der Buslinie bis zum Grenzübergang Eberswalder Str.

-                      großzügiger Ausbau einer verkehrsberuhigten Zone vom A. bis zur Mauer bei gleichzeitiger Entwicklung eines Gestaltungskonzepts für das Grenzgelände/Mauerstreifen. (Diese Gestaltung sollte Park- und Kinderspielzonen vorrangig berücksichtigen daneben aber auch Raum für kommunale Dienste, Handwerker, Gewerbe schaffen.

-                      Erarbeitung eines entsprechenden Gesamtkonzepts Arkonaplatz als Bestandteil eines Projektes „Stadterneuerung“.

-                      Konstituierung eines (ehrenamtlichen) Bürgerrates „Arkonaplatz“, (der in sich wesentliche Teile der Wahlkreise 3 und 4 vertritt) und ein Mitspracherecht bei der bei der Planung und Durchführung des o.g. Konzepts hat (und überhaupt bei allen kommunalpolitischen Fragen im allgemeinen und das eigenen Gebiet betreffend)

-                      Sicherung der materiellen und finanziellen Bedingungen des Bürgerrates, hauptamtlich ist der Sekretär des Bürgerrates (der bisherige staatliche Beauftragte)

-                      Fixierung der Stellung und Kompetenz gewählter (im wesentlichen auf Wahlkreisebene) Bürgerräte in einer neuen Kommunalverfassung („Legislative zum Anfassen“). (Die gewählten Mitglieder der Bürgerräte sind zugleich Abgeordnete der Stadtbezirksversammlung (Personenwahl) und beanspruchen 50% der Mandate. Die andere Hälfte der Mandate wird von den Parteien nach der Verhältniswahl belegt.

-                      Die Bürgerräte entscheiden selbständig über den lokalen Haushalt und setzen lokale materielle und finanzielle Kapazitäten selbständig ein. Sie verfügen (u.a.) auch über eigene lokale Einnahmequellen.

-                      Vergesellschaftung (Vergenossenschaftlichung) der KWV in Korrespondenz mit der Entwicklung eines Hof- und Hausmeistersystems.

 

04. Januar 1990 - Parteiaustritte, Wohnparteiorganisation formiert sich

Sonntag, November 27th, 2011

Gestern WPO-Versammlung der alten WPO.

Mein alter Bekannter Kannewurf, WPO-Sekretär, ist aus der Partei ausgetreten – wegen “seiner Enttäuschung durch die Honecker-Clique”. Den WPO-Sekretär hatte er unter der Bedingung übernommen, eine Wohnung zu bekommen und mit einem neuen Wartburg beliefert zu werden. Die Wohnung, so weiß ich, hat er nicht bekommen. Übrigens war er früher Armeeoffizier.

Die WPO ist – mit beträchtlichem Zeitaufwand für Verständigungsdiskussionen untereinander – auf dem Formierungswege.

Über A. – Döring – Frau Zimmermann erfährt man, Gerhard Zimmermann habe in einem Abschiedsbrief gewünscht, nicht in derselben Erde wie „diese Verbrecher“ (der damaligen Partei- und Staatsführung) bestattet zu werden.

 # Plötzlich erfuhr man so etwas. Gerhard Zimmermann, früher Minister für Schwermaschinen- und Anlagenbau, mir persönlich gut bekannt. #

Weltbühne 1790:

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 Mit F. in der Modellbahnausstellung und im Tierpark. Das große Elefantenhaus (und die badenden Elefanten )! kino mit ihm: “Die Olsenbande fliegt über die Planke”

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22. Dezember 1989 - Menschenänderung

Donnerstag, November 24th, 2011

# Artikel v.  A. Brie gegen die Wiedervereinigung. Wie sich Menschen verändern können, darüber, muß ich aus diesem Anlaß mal im opablog nachdenken. #

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Unsere, meine Schuld besteht darin, auf die Kontrolle der Macht verzichtet zu haben. Diese Pflicht haben wir missachtet und uns freiwillig mit diesem Zustand abgefunden. Das bisherige Machtsystem war demokratiefeindlich. 

Der Verbrecher Ceauchescu wurde gestürzt.

Am Brandenburger Tor, das heute geöffnet wird, deutsche Nationalfarben. Auf dem Rückweg treffe ich R.s Mann und habe zur Weiterbildung (ZF) gleich einen Wortwechsel mit ihm. 

# Der Mann meiner langjährigen Kollegin R. Wir waren durchaus einander freundlich gesinnte Bekannte gewesen. Man half sich gelegentlich. Man war auch mal  in derselben Zeit in demselben Urlaubsheim. Jetzt überraschte er mich mit einer triumphierenden Bemerkung, daß es nun mit unserer Art der Weiterbildung an der ZF (meiner Arbeitsstelle), der marxistisch-leninistischen zu Ende sei. Ein kleines Beispiel dafür, wie in dieser Zeit Normalitäten, Gewißheiten (ob berechtigte oder nicht) von einer Minute zur anderen zusammenbrachen. #  

 

Dies halte ich hier fest als die letzte Zuckung des Pfaffenschlager-Sekretariats (das aber eine appetitliche Sekretärin hatte).

 # Es geht um das Kreissekretariat der NF („Nationalen Front“), auch das ein trauriges Kapitel des endlosen Themas „formale, inhaltsleere sozialistische, zudem noch piefige Demokratie“. #

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22. November 1989 - erster Besuch in Westberlin

Sonntag, November 22nd, 2009

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Heute war die Arbeit ausgesprochen schwer. Auch A. und R. sagen, daß sie schwer arbeiten. # Auch meine Kolleginnen A. und R. leisteten irgendwo “sozialistische Hilfe”. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wo sie eingesetzt waren. #

Wegen der Schwere entschloß ich mich, nicht zum Kreisausschuß der Nationalen Front zu gehen. Vernünftige Gespräche mit den Kollegen auf Arbeit.

Hab’ übrigens gestern die Aktivitätsklasse “1.17 A5″ eingeführt, für (schwere) körperliche Arbeit. Desgleichen “1.14 Sq” - Ausdruck für sinnloses Warten. Sq - “Bedürfniskomplex” Sinnlosigkeit.

# Hier ausnahmsweise einmal ein Hinweis auf meine laufende statistische Erfassung von Zeit- und Geldaufwendungen für Aktivitäten und Bedürfnisse. Diese lief kontinuierlich neben dem Tagebuchschreiben einher. Wie früher bereits erwähnt, habe ich die Auswertung dieser Daten “auf Eis gelegt”. #

In der Kaufhalle hängt unsere WBA-Information nicht. Kiwitz # der Kaufhallenleiter # sagt, daß es bei seinen Kollegen dazu “einen Proteststurm” gegeben habe. Ich dränge. Sie wollen unsere Information zusammen mit einer Stellungnahme von ihnen aufhängen - bis zum Wochenende.

# Gestern in Westberlin:#  Einen Falt-Taschenplan von Berlin habe ich nicht bekommen – ausverkauft. Nähe Chausseestr.-Übergang falle ich unvermutet in einen Sex-Shop. Ja, das ist die kapitalistische Freiheit, die Befreiung des Einzelnen ohne Würde des Menschen. 

Wenn der Sozialismus die Freiheit des Einzelnen mit der menschlichen Würde verbinden könnte!

Mit mehr Freude sehe ich mir einige erotische Zeitschriften bzw. Herrenmagazine an. Jedoch, die Substanz dieser Freiheit bleibt ärmlich. Auf dem Rückweg in der Bernauer Str. an einem Haus:

Die Freiheit, die sie meinen, ist die der Deutschen Bank. DDR-ler lasst euch nicht kaufen.“

Tief beeindruckend - der Blick von einer Aussichtsplattform über die Mauer in den Osten. Das ist das entlarvendste Bild von uns, das wir ihnen seit Jahren geliefert haben. (Der stalinistische Sozialismus hat den Imperialismus stabilisiert.)

19.November 1989 - Zäsuren

Freitag, November 20th, 2009

Wofür muß ich mich schämen?

- jahrelang gutes Geld eingesteckt zu haben, ohne dafür ausreichend zu leisten

- die Familienbande nach Coburg skrupellos gekappt zu haben

- in meiner parteikritischen Position nicht radikal genug gewesen zu sein

- die ganze Macht der Wünsche des Volks nicht gekannt zu haben

- zuwenig “Ich” gewesen, zuviel geglaubt.( Auch jetzt muß ich mich immer vor zu schnellem Glauben hüten, so z. B., wenn die neue Qualität unserer Presse behauptet wird.)

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Wenn ich sonnabends arbeiten gehe, # die freiwillige Arbeit, vergl. Eintrag vom 15.11. # so auch aus Reue.

Der Marxismus hat das Problem der Gewalt und der Dialektik von Gewalt/Gewaltlosigkeit nicht tief genug erfaßt. 

Meine Position ist eine der Identifikation mit meiner Partei. C.s Position konzentriert sich auf Reflexion. Ich weiß bei allen Wirrnissen ziemlich sicher, woran ich glaube (und wußte es immer). C. glaubt an fast nichts (Sie glaubt an Schmerz und an Schrecken.)

Aus dieser Position handle ich (WBA, jetzt die freiwillige Arbeit). Sie handelt höchstens mir zuliebe (WBA) bzw. gar nicht. (Vergleiche das mit den Handlungsbedürfnissen von Frau Lathan, Frau Kluge.) (Oder sie muß das freie Handeln auch erst lernen? Ihr Vorschlag mit der Kaufhallenöffentlichkeit ist originär. Er bringt ein Teilstück in diesen kleinen demokratischen Prozeß, das unbedingt nötig war, auf das aber kein anderer gekommen war. Danach wollte sie wieder beobachten. “Ich bin gespannt…” Ich:”Kiwitz # der Kaufhallenleiter # wird erst etwas ‘raushängen, wenn ich die zusammenfassende Information geliefert habe. An mir liegt es.” Das hat sie dann auch begriffen und mir beim Fertigstellen dieser Information geholfen.)

(So führt die etwas genauere Betrachtung dieser Vorgänge zu dem Schluß, daß sie doch handelte und lernfähig war.)

Sie ist theoretisch weniger nachdrücklich auf eine Weiterentwicklung des Sozialismus orientiert. Meine Hinweise z. B. auf Jakowlew # Lektüre # greift sie nicht auf. Mehr interessiert sie die Weiterentwicklung der Demokratie schlechthin. Möglicherweise habe ich noch Illusionen über die Qualität der SED.

Die Divergenzen mit C. würden an sich ein freundschaftliches Verhältnis nicht ausschließen. Vielleicht schließen sie aber die Lebensgemeinschaft aus. Liebesbeziehung lebt auch von unmittelbarer emotionaler Gewißheit des Anderen, richtiger gesagt - Geborgenheit.

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So geht dies Buch mit einer Zäsur zu Ende. Zäsur auch in der Arbeit, da ich ab Montag # d.i. morgen # Broiler ausfahre. Als nächstes gilt es, den Entwurf eines ZF-Konzepts auf den Tisch zu legen.

# Damit, am 19.11.1989, endet der Band 34 meiner Tagebücher, der mit dem 11.7.1989 begonnen hatte. Es folgt ab morgen die Abschrift meiner Eintragungen des Bandes 35, beginnend mit dem 20.11.1989. Einige Überlegungen aus heutiger Sicht zu den Ereignissen des Bandes 34 habe ich in meinem opablog gepostet.

Zum Abschluß des Bandes 34 dokumentiere ich die ersten beiden Umschlagseiten von Heft 46/89 der Zeitschrift “Neue Zeit”, Moskau.#

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06. September 1989 – Rolf Henri

Freitag, Oktober 16th, 2009

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Ein würdiges Bild aus unseren Tagen – dachte ich auf den ersten Blick. (Es geht aber um die Verleihung von Mutterkreuzen 1941 in Berlin-Köpenick.)

Gestern Beendigung der Lektüre des Rolf Henri (”Der vormundschaftliche Staat“, Rowohlt 1989). Es findet sich immer Anregendes bei solch rücksichtslosem Schreiben. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, daß wenig Substanz zu finden ist. (Was soll mir Rudolf Steiner als Theoretiker?)

Mit C. darüber gesprochen, ob wohl ein Mensch, der mit Gefühl (mit innerer Verbundenheit) für das Leben der Pflanzen lebt (an ihm innerlich teilnimmt), ob der nicht notwendig psychisch gesund und ausgeglichen ist.

Nach einem Einkauf behindert mich ein kleines Kind mit seinem Fahrrad. Seine sehr junge Mutter:“Laß doch mal den Opa vorbei.“

 

25. August 1989 – Wir Komunisten und die Macht

Freitag, Oktober 16th, 2009

Tatsachen, wie die Regierungsbildung in Polen oder die Zusammenarbeit der ungarischen und der BRD-Behörden bei der Räumung der BRD-Botschaft in Ungarn von DDR- Bürgern – die spielen in meinem Protokoll kaum eine Rolle.

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Noch vor 1, 2 Jahren hätten solche Meldungen Heiligtümer verletzt. Heute begreife ich, daß die Kommunisten eben von ihrer führenden Rolle verdrängt werden, wenn sie es nicht fertigbringen, wirklich zu führen.

Wenn sie Führung mittels Gewalt und Druck behaupten müssen (nicht gegen irgendeinen Klassenfeind, sondern gegen ihr eigenes Volk), wird das Volk Wege finden, sich ihrer zu entledigen und bemüht sein, bessere Vertreter an ihre Stelle zu setzen. Das beweisen – und dafür sind sie hochwichtige Tatsachen – besonders die Bergarbeiterstreiks im Juli in der SU.

Die Revolution geht weiter“ – ein zutiefst wahres aber offensichtlich viel größeres Wort als noch vor zwei Jahren zu ahnen war. Es sind wahrhaft titanische Anstrengungen notwendig, um den administrativen Kommandoapparat durch ein flexibles, dialektisches, demokratisches Macht- und Leitungssystem zu ersetzen. Anstrengungen dieser Art kann nur die Arbeiterklasse aufbringen. Den alten Stil mit dem Kommunisten weiter an Einfluß verlieren, weil sie nicht zur Wahrheit vordringen, sondern sich auf Zweckpropaganda beschränken, beweist die SED z. B. mit nebenstehendem Kommentar.

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Man muß (wir müssen) den Weg zum „Neuen Denken“ finden und beschreiten, gerade auch unter der Bedingung, daß der imperialistische Hauptgegner unser Bemühen nicht honoriert, sondern zäh am alten Denken festhält. Er will kein neues Denken und muß durch die Macht der Verhältnisse und Tatsachen dazu gezwungen werden! (Das beweist eindeutig die USA-Politik gegenüber Afghanistan, Angola, Panama, SDI und andere qualitative Rüstung usw.)

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Mich kritisch betrachtend vermute ich, daß meine (spezifische) Schädigung durch dieses System darin besteht, Ansprüche reduziert zu haben. Und zwar in solchem Maße, daß ich, würde mir plötzlich die Möglichkeit zur Befriedigung dieser Ansprüche geschenkt, kaum Lust hätte, diese zu befriedigen (die damit verbundenen Mühen auf mich zu nehmen). Das Sichbescheiden, die Orientierung nach Innen (auf Null), ist mir zur Natur geworden.

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Übrigens nochmal nachgelesen Materialien KPdSU vom 18.7. – Äußerungen Ligatschow. Im Grunde formuliert er ein Junktim zwischen allgemeiner Abrüstung und Perestroika. Das ist gefährlich. Das könnte auf eine „Begründung“ für die Unmöglichkeit der Perestroika hinauslaufen.

Die Mauer“ - die Mauer hat zwei Seiten: Sie sperrt die Anderen aus und uns ein.

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