Archive for the ‘Gedanken zur Persönlichkeit’ Category

12. Juli 1989 – vergnügt im Haus der DSF

Sonntag, Juli 12th, 2009

# Haus der DSF - “Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft” in Berlin am Festungsgraben. Solche Häuser gab es wohl in jedem Bezirk der DDR. Öffentliche Häuser mit einem reichhaltigem Angebot von Kunst-, Kultur-, Wissenschaftsveranstaltungen, sowie mit einer recht guten (Zumindest in Berlin war es so.) Gaststätte. #

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Bei Popper das Bild der Wege: Alle kommen von woher, alle führen wohin. (Mehr kannst Du als Individuum eigentlich nicht wissen.)

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10. Juli 1989 - Soldatenbriefe - Zusammenbruch des Individuums

Freitag, Juli 10th, 2009

Tagesschau gestern sendet einen langen Spitzenbericht über die Republikaner. Waigel bestätigt seine revanchistischen Äußerungen. Honecker mit Gallenreizung in Bukarest ausgeschieden.

# Soweit ich mich richtig erinnere, erklärte auf dieser Tagung der Warschauer Vertragsstaaten Gorbatschow das Ende der “Breshnew-Doktrin”. #

Lektüre Popper - wichtig! N. Schmeljow ebenfalls wichtig.

“Zieh dich warm an” - Soldatenbriefe an Großvater Hebig zu seinem 75. Geburtstag geschickt.

Popper sagt - was ich zutiefst teile - der schwerste Angriff auf die Würde des Menschen ist die Angst. Gewalt gegen Menschen anwenden, heißt Kraft, Energie vernichten (statt sie Arbeit verrichten zu lassen). Bei uns werden unliebsame Vorschläge, so formulierte einst Rolf, “geerdet”. Seine Energie wirkungslos zu sehen, kann kein Mensch ertragen. er sucht nach anderen Formen der Kraftverausgabung. Unter ungünstigen sozialen und/oder subjektiven Bedingungen findet er diese nicht. Findet er auch keine Ersatz- oder Betäubungsformen, zerstört er die Energiequelle in sich selbst. (Wie alles Menschliche ist diese Energiequelle kein Fixum, sondern hat ein sozial und subjektiv bestimmtes (also veränderbares) Maß.)

Die Soldatenbriefe zeigen schreiend deutlich, wie der Radius meines Lebens kümmerlich bleibt, wenn ich nicht anders will. Der Mensch muß sich total als soziales Wesene verhalten, soll heißen:”als wenn er der König wär”. Marx: “enormes Bewußtsein”. Jedes Individuum ist ursprünglich “eNorm”. Die Soldatenbriefe enthüllen die unerbittliche Logik des totalen Zusammenbruchs. Sie besteht in der vollständigen Unterordnung unter einen fremden Willen. Formale Disziplinierung ist der Keim des totalen Zusammenbruchs. All das sehr heutig gemeint.

Mit großer Freude beobachte ich den Flug der Schwalben in Skaby und der Mauersegler am Arkonaplatz.


# Damit, am 10. Juli 1989, endet der Band 33 meiner Tagebücher, den ich beginnend mit dem 03. Januar 1989 hier im Blog begonnen hatte. #

06. Juli 1989 - politische Krise und persönliche Krise bedingen sich

Montag, Juli 6th, 2009

Ruhiges Gespräch mit C. über das Deprimierende unserer Lebenssituation. (Ihre Kollegin, Frau Schmidt, war in grotesker Weise 1 1/2 Monate in den Kampf um eine Jugoslawien-Reise verwickelt, die ihr nun abgelehnt worden ist. Frau Müller erzählte von einigem Drumherum um den Hausbau für Katharina Witt und erzählte, daß es in Hohenschönhausen Häuser bzw. Wohnungen für Stasi-Angehörige gebe, deren jede mit Sauna ausgerüstet sei.)

C. klagte über Magenschmerzen, sie meinte, aus diesen Gründen. Mir geht es ja ganz ähnlich, wenn ich gegen Beton renne.

Der kürzliche VP-Geburtstag, die Agitatorenanleitung - das Fehlen jeglichen Selbstzweifels bei dieser Nomenklatura. Das Fehlen jeglicher Wahrhaftigkeit. Es läuft darauf hinaus auf das unverblümte Bekenntnis zur Macht. Jedes Mittel ist Recht und wird geheiligt, das die Macht stabilisiert. Absolute Verneinung jeder anderen Position. Massenhaftes offenkundiges Mittel: Das Totschweigen.

Das Trommeln an der Kirche gegenüber der Ackerhalle klingt mir (leider?) wie Musik (auch gestern wieder).

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Was tun? Wo doch fast jedes Tun unmöglich ist.

Möglich ist - Anpassung, Resignation x

- Märtyrer/Kampf xx

- Aussteigen xxx

x Das kann ich nicht wegen Gewissen und F.

xx Das kann ich nicht aus Schwäche und Realismus.

xxx ?

C. erzählte, wie sie eingesetzt werden sollte, um von dem Verbandssekretär Prof. Ulbrich (”PU”), der am Moskauer Filmfestival teilnimmt, früh um 6 Uhr ein Telefonat aus Moskau entgegenzunehmen, mit dem er das Freßpaket anmeldet, das ihm (natürlich auf Verbandskosten) nachgereicht werden soll.

R. will nach Westberlin zu einem Begräbnis fahren. Ich werde ihr Urlaub geben.

In der gestrigen Agitatorenanleitung wurde informiert, daß in diesem Jahr, verglichen mit dem Vorjahr, 50% weniger junge Leute den Weg zur Partei gefunden hätten. Deshalb Honeckers “großzügige Geste”. Es sei nicht gelungen, die Jugendlichen an die Wahlen heranzuführen. Wieder habe man den Fehler “großer Foren” gemacht. (So werden am Schluß die armen Schweine, die “vor Ort” organisieren, noch beschimpft.)

 

# Die Eintragungen dieser Tage geben mir zu denken. Mehr dazu im aktuellen Opablog. #

04. Juli 1989 – Pekingtrommeln, mein Schweigen

Samstag, Juli 4th, 2009

C. las mir ein Interview mit dem Prawda-Korrespondenten in Peking vor (aus der “UZ”).

Gestern als WBA-Vorsitzender zum “Tag der VP” im neuen Revier Brunnenstraße gratuliert. Man unterhält sich über das gleichzeitig (15-18 Uhr) stattfindende Pekingtrommeln, das herüberschallt. Der VP-Revierleiter sagt, er könne nicht einschreiten, weil niemand wegen “ruhestörenden Lärms” eine Anzeige erstattet. Man sagt: “Bei uns wird es das (Tien an men) nicht geben.” Es heißt, daß die Kirche weiterhin die Wahl angreifen werde.

Ich sage dazu nichts,… hätte sagen müssen, daß auch in meinem Wahlkreis andere Ergebnisse als die offiziellen erreicht wurden. Ich “fresse es in mich hinein” - spüre es am Magen - und denke zum 1. Mal, daß ich bei der nächsten derartigen Situation (Wahl) demonstrativ den WBA-Vorsitz niederlegen sollte.

In Gewi 2/89 M. Mamardaschwili - zu Descartes, Kant, Kafka - Rolle der Individualität in der Zivilisation. Auch heute ein Lesetag - in sowjetischen, gesellschaftswissenschaftlichen Publikationen.

Ich bin ein politisch-ideologisch enorm aktivierter und zu weitgehender Untätigkeit gezwungener Mensch.

Doris erzählte, daß wir ab September 89 keine Hörer mehr an die Parteihochschule der KPdSU schicken. Sie erwähnte den Aufbau der Freidenkerbürokratie.

29. Juni 1989 – Frau Kottke

Sonntag, Juni 28th, 2009

Frau Kottke

# Sie war die Leiterin des in meinem Wohngebiet gelegenen “Clubs der Volkssolidarität” in der Rheinsberger Straße. Solche Clubs, von denen es viele gab, waren in den Wohngebieten die Anlaufpunkte vor allem für die Alten, Einsamen und Bedürftigen. Es gab Mittagstisch und Kaffe und häufig kulturelle Veranstaltungen. Bei mir war Frau Kottke die Seele des Ganzen, eine zurückhaltende Frau und Ur-Berlinerin, so etwas gibt es. Sie machte ihre Arbeit sachlich, ruhig, freundlich, aufopferungs- und ideenvoll, kurz mit Verstand und Herz. Von “ihren Schäfchen” wurde sie geliebt. Solche Menschen bekommen nie ein Denkmal und sind doch die einzigen, die es verdienen.#

erzählte mir gestern ganz deprimiert, daß ihre Helferin, Frau Steinke, seit vergangenen Montag in die BRD ausgereist sei.

Gestern in “Solaris”, erst 21.00 Uhr, 2 1/2 Stunden, das war anstrengend, aber ein guter Film. Magie Tarkowskischer Filmkunst!

Bin zum anerkannten, ja gefeierten Joghurtmacher aufgestiegen.

Wichtige Artikel in “Gesellschaftswissenschaften” 2/89, so besonders von Ametistow zur Reform des politischen Systems. Interessant S. 175, 183ff über demokratischen Persönlichkeitstyp (und sozialistischen und autoritären).

Dagegen unsere Verhältnisse, die mich immer wieder in Resignation (und Auflehnung) treiben.

24. Januar 1989 - Abrüstungsmaßnahmen der DDR

Montag, Februar 16th, 2009

Gestern # eingeladen als Gast in meiner Funktion als WBA-Vorsitzender # bei der Jahreshauptversammlung der LDPD… 

C. erzählt, daß ihr Kollege P. sie vor ihrem neuen Chef gewarnt habe (was sie beeindruckt).

Abends lesen wir “NZ”. C. trifft sich heute Abend mit L.

Ich sage, daß ich zu dem polnischen Film gehe.

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Danach werde ich 20 Uhr zur Komischen Oper gehen, wo im Foyer “junge Musiker spielen”.

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Vorher gehe ich zum Computerzirkel im Jugendklub Wilhelm Pieck Str., so daß dieser Abend gut ausgestaltet ist.

DDR reduziert einseitig ihre Rüstung.

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C. sagt, sie freue sich über diese Abrüstungsmaßnahmen, aber… Im selben Atemzug prangert sie an, daß sich “das System” deshalb noch lange nicht ändere. Die Systemkontroverse hindert sie sehr, reale Schritte gebührend zu werten.

Sie liebt das Groteske, das Absurde, das Zerstörte. Das ist nicht nur Rhetorik. Sie lebt auch so. Mit der Beziehung zu L. pflegt sie gerade die Ruine einer Beziehung. Sie tut etwas dazu, daß die Ruine erhalten bleibe. W. und sein Verhalten haben ähnliche Tendenz. Solche Menschen (und sie gehört teilweise dazu) haben keine Inhalt, wenn sie kein unlösbares Problem haben. Sie müssen Aussichtslosigkeit erleben, um sinnvoll dazustehen. Kultivierung des Absurden: L. C. und ich sitzen zusammen im Kino (z. B. an einem Tisch im Becher-Club oder nicht an einem Tisch im Becher-Club).

# Heute bin ich verblüfft, wie gut sich dieses beobachtetete menschliche, psychologische Problem mit der Stellung der Individuen in der beginnenden Endkrise der DDR erklären läßt. Damals war ich natürlich weit von solcher Deutung entfernt. Kein Jahr später war es an mir, mit der Aussichtslosigkeit zu leben. Im Persönlichen entpuppt sich (oftmals aber schwer erkennbar) das Soziale. #

# Brief an den Leiter eines beliebten Grafikabonnements #

” Sehr geehrter Herr Rentsch!         24.1.89

Ich bedanke mich für Ihr “Mahnschreiben” vom 7.1.89. Tatsächlich habe ich nicht die Absicht, aus der Plauener Grafikgemeinschaft auszuscheiden. Nach weniger eiliger Durchsicht des Heftes zur Auswahl 20 bestelle ich hiermit von

- Christ Jahr, “Angler”, (Nr. 21)

- Thea Kovar, “Sich ankleidende Frau”, (Nr. 25)

- Max Uhlig, “Männerkopf”, (nr. 62).

Ich hab’ mir auch Besserung gelobt und will nun endlich die beiden bei mir verbliebenen Transportrollen zurückschicken.

Mit freundlichem Gruß”

20. Januar 1989 - Mozart

Mittwoch, Februar 11th, 2009

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 C. geht heute Abend mit Wulf und Werner in “Germania”.

# Heute, 12.2.2009, wird in der Zeitung über den Dokumentarfilm “Material. Deutschland 1988-2008″ von Thomas Heise berichtet. Ein Film, der mich enorm interessiert. Darin spielt auch diese Inszenierung von “Germania” eine Rolle:

“1988 inszeniert Fritz Marquardt Heiner Müllers »Germania Tod in Berlin« am BE. Das Stück ist da 18 Jahre verboten, durfte weder gespielt noch gedruckt werden. Ein Jahr vor dem Mauerfall verstand Klaus Höpcke nicht mehr, daß er es einmal mit auf den Index gesetzt hatte. Wer die Geschichte von 1989 erzählen will, muß spätestens 1988 beginnen. »Material« zeigt die Quälerei, die Ernsthaftigkeit der Probenarbeit.”#

Für mich habe Werner keine Karte mehr bekommen. Das ist zwar schade, auch weil sie damit unser Skaby-Wochenende platzen läßt. Ich habe aber keine Probleme damit, weil ich die Begründung glaube und kein absichtliches Ausschließen vermute. Daß Wulf freilich dieses Motiv haben könnte, ist dennoch nicht auszuschließen.

Wir waren gestern im Schauspielhaus (trafen G., Krebsverdacht bei K.). Ich sagte C., daß in Mozarts Musik immer vorhanden sind (verbunden, widerstreitend, immer recht hart und unvermittelt gegeneinander gesetzt) zarte, spielende (unschuldige) Kindlichkeit und Gewalt, erhabene oder/und erschreckende Macht. Und ich sagte ihr, daß das genau auch ihr Persönlichkeitserleben, ihre Persönlichkeitstruktur sei. (Sie fand das treffend.)

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Wie doch der sexuelle Reiz einer Frau allein durch etwas mehr Fleischlichkeit zunimmt.

 

11. Januar 1989 - Beziehungszwiespalt, Beziehungsqual

Donnerstag, Januar 22nd, 2009

Es ist z. Z. eine absolut zwiespältige, geradezu unehrliche Situation: Ich stehe unter dem Eindruck

* ihrer Lügnerei vom Freitag und Montag

* daß sie sicherlich ohne mich zu Wulfs Geburtstag zu gehen beabsichtigt

* vorher ihrer extremistischen Reaktion am 1.1. abends im Zusammenhang mit der Mauer

* ihrem Abkehrverhalten danach (vorige Woche).

So bin ich in meiner Beziehung zu ihr erschüttert. Die Zweifel sind da, ob uns wirklich genug verbindet. Welche gemeinsamen Ziele? Innere Kühle? (Bloß, wenn sie dann schlicht sagt:”Na, dann müssen wir uns eben trennen.” dann ist mir gar nicht mehr kühl.) …

Ich glaube, daß sie ihre Heimlichkeiten gleichsam als eine Sicherheitszone braucht, einen Bereich ihrer Intimität, den keiner kontrolliert, in den keiner eindringen darf. (Die Vertraulichkeiten mit Wulf könnte ich als solche Sicherheitszone aus Selbstzweck verstehen.) Ich muß diese Zone ihrer Heimlichkeit akzeptieren. Darauf kann ich nur meinerseits mit derselben Zone reagieren. Ich kann unmöglich in dieser Situation weiter so völlig offen bleiben. Das heißt, wir dulden Zonen der Sprachlosigkeit, der Fremdheit zwischen uns. Wenn solche “Zonen dominieren”, also Sprachlosigkeit herrscht, brauchen wir nicht beieinander zu sein. Das sind dann verlorene Zeiten.

Also sollten wir nur aufeinander zugehen, wenn wir wirklich etwas voneinander wollen. (Ich kann nicht ausschließen, daß der eigentliche Kern, der uns unvereinbar macht, eine politische Haltung bei ihr ist, die Feindseligkeit zum realen Sozialismus mit einschließt.)

Immer wieder derselbe Widerspruch: Ich kann nicht, will nicht glauben, daß ihre Heimlichtuerei einen ernsten Grund hat. Und zugleich die Befürchtung, daß das Wunschdenken ist. Denken: Wer so konsequent verheimlicht, der muß einen Grund haben.

Soll ich mich, ob Grund für Heimlichkeit oder nicht, zu mir bekennen und sagen: Ich ertrage diese Art nicht - also trennen.

Oder kann ich sagen: Ich toleriere jede Heimlichkeit, da ich glaube, daß sie sie zu nichts Schlechtem benutzt.

Kann ich uneingeschränkt an sie glauben? Ohne jeden Vorbehalt? Nein.

Wenn sie aber nun gerade diesen Glauben braucht? Wie auch immer: Diese Quadratur des Kreises geht nicht.

So handeln: Prinzip: Im Bestreben, ihr jedes Recht auf Heimlichkeit zuzugestehen zugleich bei mir bleiben.

* Heute Abend wie o. angedeutet sprechen. Das Problem des Verheimliches artikulieren.

* Ihr offen und entschieden und ganz konsequent das Recht auf jede Art von Heimlichkeit zugestehen (dies sagen und tun!)

* Entsprechende Handlungen von ihr werden mich schmerzen (bzw. befremden). In solchen Situationen mein Befremden, meinen Schmerz ihr gegenüber aussprechen, ausdrücklich aber mit meiner erklärten Bereitschaft, sie gewähren zu lassen.

* Den Schmerz nicht durch Zuwendung zu ihr, durch Kampf um sie aus der Welt schaffen wollen, sondern durch Abwendung von ihr und Besinnung auf das Eigene überwinden.

Das ist der Weg des konfliktarmen (an äußerlichen Konflikten armen) Auseinanderlebens.

Übrigens wird vermutlich die “BR” nicht mehr ausgeliefert.

# Ich habe keineAhnung, wie dieses deprimierende Beziehungs-Hin und Her auf einen außenstehende Leser wirkt. Mich berührt es noch heute sehr ernst. Und zwar gar nicht wie eins der üblichen, lange zurückliegenden Beziehungsprobleme. Heute wird mir viel klarer, wie damals kolossale gesellschaftliche Prozesse in unseren Alltag hineinwirkten. Ich sehe uns als zappelnde Figürchen in einem Bergrutsch. # 

04. Januar 1989 - Angst in unserer Partnerschaft

Donnerstag, Januar 15th, 2009

…  Ich bin enttäuscht von C.

Ich muß ihr meine Meinung klar machen, ohne dabei Vorwürfe zu erheben.

Angst und Schwäche sind starke Komponenten, Hauptkomponenten ihrer Person. Das ist mir vielleicht jetzt erst richtig bewußt geworden. Ich möchte hier viel Rücksicht nehmen, viel verstehen - aber natürlich gibt es dafür Grenzen.

Ich werde ihr die Feststellung nicht ersparen, daß sie sich von uns weg bewegt hat, seit der Auseinandersetzung von Sonntag, nicht auf den Partner zu, wie ich es versucht habe.

18.20 Uhr: Von der Kreisschule Marxismus-Leninismus kommend bin ich seit anderthalb Stunden in weitem Bogen hierher gelaufen, habe berührt Haus der jungen Talente, Fernsehturm, ungarisches und polnisches Kulturzentrum, französisches Kulturzentrum, Becherclub und etliche Cafes - immer in der Hoffnung (aber dies natürlich absurd) auf C. in Begleitung zu stoßen. Dabei natürlich viel Zeit zum Nachdenken (und immer Belastung im Magen). Ergebnisse bis hierher: Momentan scheint mir C.s ganze Lebensstrategie ganz entscheidend auf Angst und der “Rettung” vor der Angst gegründet und zwar Letzteres durch

a.) Verdrängung und

b.) Sicherung von Alternativen (fast um jeden Preis).

In beiden Fällen Vermeiden des Durchlebens existentieller Angst.

Auf diesen Grundpunkt gestellt, scheint mir fast alles folgerichtig erklärbar.

Als wir uns kennenlernten, fragte ich sie beim ersten Konflikt, ob sie einen Anderen liebe. Das verneinte sie. Mit der heutigen Lebenserfahrung würde ich darüber hinaus zu ergründen suchen, ob sie sich ein vollkommenes Lieben (in Liebe aufgehen) für sich überhaupt vorstellen könne.

Zur Angst C.s in unserer Beziehung:

Gibt es eine Entwicklung, Vertiefung, Festigung unserer Beziehung? Ich möchte “ja” sagen. Mein Gefühl sagt das deutlich. Praktische Beweise sind wesentlich dünner gesät.

Ihre Worte letzten Sonntag, daß sie, wenn ich so spreche, Angst vor mir habe, haben dies zum ersten Mal so deutlich verbalisiert. - Ist das ein Vertrautheitsbeweis? War es nur ein spontaner Leidensausbruch?

Unsere ernste Auseinandersetzung hatte große Schärfe, auch Einsicht und führte so relativ schnell, noch am selben Abend uns in Richtung Versöhnung. War das für sie zu schnell? Hat sie selbst ihrem Wunsch nach Zueinander zu schnell nachgegeben, so daß sie die Abwendung der letzten beiden Tage machen mußte?

Liegen noch tiefere Angstpotentiale/Sachkonflikte zwischen uns? Ich glaube ja.

Es geht um die Frage der Gewalt, gar des Terrors, für den Sozialismus. Kann sie dem von ihrer tiefsten Lebenswurzel aus nicht zustimmen?

Wenn es so ist, haben wir dann überhaupt eine Chance?

# Heute, mit dem Wissen, wie sich alles weiterentwickelt hat, finde ich es immer noch bedrückend aber auch verblüffend, was da so fundamental in unser Leben hineinwirkte und von uns nicht begriffen oder “bewältigt” werden konnte. #

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# Ein  interessantes Thema in der Zeitung und Theaterkarten. Niemals vorher oder nachher besuchte ich soviel Kulturveranstaltungen aller Art. #

28. Oktober 1982 – zwei Arten Orgasmus

Sonntag, Januar 4th, 2009

Hörspiel Günter Rücker “Einer Reise zusehen”

Lesen: “Temperamente” 2/82 Report “Kutscher und Solotänzer” (Hanusch), “Deutsche Zeitschrift für Philosophie” 9/82, Geerdts über Goethe 74-96)

Nach dem Hörspiel von Rücker: Kunst darf es, schafft es, uns innerst anzuregen, spricht uns aus dem Herzen. Darf, kann Wissenschaft das heute nicht mehr, speziell die Philosophie?

Es gibt Zeiten, wo Gedanken für dies Tagebuch geradezu sprudeln, Gedankenknäuel würgen sich hervor. Es wäre gut, dazu Näheres mitzuteilen. Doch dazu nachher. Jetzt erstmal das Knäuel zu Tage gebracht:

Das Sinken meines sexuellen Begehrens Heidruns geht einher mit einem (noch schwachen) Aufflackern meines Aktinteresses. […]

Davon ausgehend wurde ich zum Nachdenken, eigentlich nur Staunen, über mich angeregt: Mit welcher Gier betrachte ich meist Aktfotos. […] Wobei die Gier das eindeutige Ziel hat, das weibliche Geschlechtsteil in den vielfältigsten Darbietungen oder Verstecknissen zu erspähen. Was hab’ ich nur davon? Da hast du eine Viertelstunde lang, meinetwegen auch eine halbe Stunde, dies Teil nach Herzenslust ausgekaut (wobei Geschäftigkeit waltet, Bemühtheit aber nicht Erschütterung). Und nun?

Der Stier stößt nach dem roten Tuch, in Wirklichkeit aber in die Luft.

Mephisto lässt die Studenten in Auerbachs Keller begehrlich zugreifen, der Zauber entgleitet, Nasen und Ohren haben sie gepackt.

Diese Entzauberung (meine, nicht die der Studenten) wird durch die Triebbefriedigung vermittelt. Also: Ich bin vor dem Geschlechtsverkehr ein anderer Mensch als nachher. Mein ganzes Empfinden ist geändert (aus physiologische Ursachen). Mein ganzes?

Es gibt auch einen anderen Erlebnisablauf. […]

Der sexuelle Ablauf entsprach dem oben erwähnten (und war durchaus momentan relativ verselbständigt), jedoch war er eingebettet in einen “Orgasmus des Menschlichen, Psychischen, Sozialen”. Ich war von Gier auf diesen Menschen, diese Persönlichkeit erfüllt und schleuderte mich selbst als ganze Persönlichkeit in sie hinein. Mir entriss sich Samenflüssigkeit, und dies gab die bekannten elementaren Emotionen ; doch dieser Vorgang verschmolz mit einem anderen. Er war nur das Pferd, der andere der (spornende) Reiter. Es war zugleich mein menschlich Innerstes, Keimhaftes, Zartestes, Zukünftigstes, das sich mir entriss, also verschenkt wurde (und gleicherweise von mir empfangen wurde).

Dieses Erlebnis war Seligkeit […], und dies Erlebnis zerstörte keinen Zauber, sondern machte ihn eigentlich ganz wirklich. (All das ist etwas Besonderes, nicht beliebig reproduzierbar, obwohl es sicher viele Menschen irgendwann mal erleben. Hoffentlich machen sie es sich bewußt.) Das menschliche Erlebnis ist nur maximal als zugleich physischer Vorgang. Die Physis drängt, soweit geschlechtlich, rhythmisch auf Betätigung, gleichgültig ob all die anderen Bedingungen für solch Gipfelerlebnis erfüllt sind oder nicht. Sind sie es nicht, so gaukeln die Reflexe Erinnerungen als Erwartungen vor, und schon kommt es dazu, daß ich vom Reiben des Schwanzes ein Paradies erwarte.

Übrigens, wenn menschliche Beziehungen als physische maximal sind, so ist zu fragen, welches die physische Gestalt von Freundschaftsbeziehungen sein kann.

Wenn dies alles so halbwegs durchdacht, was also tun?

Natürlich offen sein für die Menschen, für die Liebe. Jedoch solange sie nicht kommt? Die Verzauberung nicht schmähen! Die Entzauberungen durchleben! So wie der Schmied das Eisen immer wieder in die Glut legt, dann ihm einige Schläge versetzt, dann wieder in die Glut usf., viele Male wiederholt, bis dem plumpen Kloben seine Schlacken herausgedroschen sind und Festigkeit, Leichtigkeit, vielleicht sogar edle Form erreicht sind (manchmal zerbricht ein halbfertiges Stück).