Archive for the ‘Krieg’ Category

30. Juli 1989 – Post von Heiner H.

Donnerstag, Oktober 15th, 2009


# (70. Geburtstag des ehemaligen Lehrers, früheren Flaksoldaten) #

Lieber P.!

Recht herzlichen Dank für Deinen Brief mit den Geburtstagswünschen und das Buch. Ich habe ja 8 Bücher bekommen, noch mehr Getränke und Blumen… Die Geburtstagsfeier verlief sehr harmonisch. Es war ein herrlicher Sonnentag. Gretl und Heide hatten alles gut vorbereitet, so daß die Gäste sehr zufrieden waren. Schule und Partei kamen schon am Vormittag. Zum Abendbrot waren beide Tische mit 15 Personen besetzt. Die Gehschwachen wurden mit dem Auto geholt und auch zurückgefahren.

Lieber P., das Buch von Dir habe ich gleich gelesen, weil ja doch Erinnerungen wachgerufen wurden. Es gibt ja einen Einblick von einfachen Leuten. Die Erlebnisse des Flaksoldaten kann ich mir sehr gut vorstellen. Ich habe ja eine viel größere und wechselhaftere Reise mitgemacht. Die stärksten Bombenangriffe erlebte ich in Bremen. Doch die heikelsten Situationen kamen noch später, als man schon die Stimmen aus den Panzern hörte, der Chef war an der Schlagader verletzt, ein “Sani” drückte sie ihm ab, alles ging schön durcheinander. Das war noch linksrheinisch, später waren wir auch in Düsseldorf, wovon im Buch vom Einsatz die Rede ist. Obwohl der Soldat von einer durchaus angenehmen Zeit schrieb, hat er dann das Gefangenenlager nicht überstanden. So sind die humanen Amerikaner mit den Deutschen umgegangen…”

10. Juli 1989 - Soldatenbriefe - Zusammenbruch des Individuums

Freitag, Juli 10th, 2009

Tagesschau gestern sendet einen langen Spitzenbericht über die Republikaner. Waigel bestätigt seine revanchistischen Äußerungen. Honecker mit Gallenreizung in Bukarest ausgeschieden.

# Soweit ich mich richtig erinnere, erklärte auf dieser Tagung der Warschauer Vertragsstaaten Gorbatschow das Ende der “Breshnew-Doktrin”. #

Lektüre Popper - wichtig! N. Schmeljow ebenfalls wichtig.

“Zieh dich warm an” - Soldatenbriefe an Großvater Hebig zu seinem 75. Geburtstag geschickt.

Popper sagt - was ich zutiefst teile - der schwerste Angriff auf die Würde des Menschen ist die Angst. Gewalt gegen Menschen anwenden, heißt Kraft, Energie vernichten (statt sie Arbeit verrichten zu lassen). Bei uns werden unliebsame Vorschläge, so formulierte einst Rolf, “geerdet”. Seine Energie wirkungslos zu sehen, kann kein Mensch ertragen. er sucht nach anderen Formen der Kraftverausgabung. Unter ungünstigen sozialen und/oder subjektiven Bedingungen findet er diese nicht. Findet er auch keine Ersatz- oder Betäubungsformen, zerstört er die Energiequelle in sich selbst. (Wie alles Menschliche ist diese Energiequelle kein Fixum, sondern hat ein sozial und subjektiv bestimmtes (also veränderbares) Maß.)

Die Soldatenbriefe zeigen schreiend deutlich, wie der Radius meines Lebens kümmerlich bleibt, wenn ich nicht anders will. Der Mensch muß sich total als soziales Wesene verhalten, soll heißen:”als wenn er der König wär”. Marx: “enormes Bewußtsein”. Jedes Individuum ist ursprünglich “eNorm”. Die Soldatenbriefe enthüllen die unerbittliche Logik des totalen Zusammenbruchs. Sie besteht in der vollständigen Unterordnung unter einen fremden Willen. Formale Disziplinierung ist der Keim des totalen Zusammenbruchs. All das sehr heutig gemeint.

Mit großer Freude beobachte ich den Flug der Schwalben in Skaby und der Mauersegler am Arkonaplatz.


# Damit, am 10. Juli 1989, endet der Band 33 meiner Tagebücher, den ich beginnend mit dem 03. Januar 1989 hier im Blog begonnen hatte. #

10. Februar 1989 - Nagorny Karabach

Dienstag, März 10th, 2009


Gestern Rückfahrt von Wasungen, Fernsehertransport, Bücherkäufe in Meiningen,

viel gelesen, viel geistige Arbeit. Nichts spiegelt sich hier.

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# Solche Informationen hatte es bisher noch nie gegeben. #

07. Oktober 1982 – Heiner Lau

Donnerstag, Juni 26th, 2008


[…]

Wehmut nach dem Krankenhaus, d.h. nach den einfachen, mit viel Sympathie angereicherten Beziehungen dort. Hier muss ich erst lernen, mich richtig (gut für die Gesundheit) zu verhalten. Hab’ ziemlich viel geackert, um das Zimmer ein wenig zu säubern und herzurichten, hoffentlich nicht zu viel.

[…]Schwester Cordula, Heiner Lau - zwei Menschen, die einen völlig deprimierten, sogar gebrochenen, Eindruck machten. Bei H. Lau hab’ ich dies nur gespürt und verdrängt.

 

# Heiner Lau ist einer der Menschen, die ich getroffen und nicht begriffen habe, ein Mensch, zu dem eine Beziehung entstanden ist, die aber nie wirklich ausgesprochen bzw. definiert wurde. Er war ein grundoptimistischer, lebensfroher Typ.

 

 

Erstmals begegnet sind wir uns in jungen Jahren während unseres freiwilligen NVA-Dienstes (1958-1959). Er wurde zum FDJ-Sekretär unserer Batterie gewählt und versuchte, etwas „Schwung in den Laden“ zu bringen. Ich gehörte auch zur FDJ-Leitung, und unser gemeinsames Anliegen war es, eine interessante Wandzeitung zu machen. Eines Tages überraschte er uns damit, daß er eine neue Wandzeitungstafel mitbrachte – in ovaler Form, mit einem Loch darin. Wir diskutierten skeptisch, ob eine Wandzeitung solche Form haben dürfe (!) und „wagten“ schließlich das Experiment. (Einige Ausgaben unserer Wandzeitung wurden schließlich richtig populär, weil wir das Zeichentalent eines unserer Soldaten entdeckten und seinen Karikaturen viel Raum gaben.)

 

Unser Politoffizier, zu dem ich ein richtiges Vertrauensverhältnis hatte, war Heiner Lau gegenüber immer skeptisch eingestellt (ohne eine Begründung zu nennen). Ich verstand das nicht, übernahm aber tendenziell (in abgeschwächter Form) diese Haltung.

 

Nach der Armeezeit traf ich Heiner Lau, der ebenfalls in Berlin studierte und später dort als Dolmetscher oder Übersetzer arbeitete, gelegentlich in Berlin. Er war immer sehr erfreut, mich zu sehen. Beruflich kam er nur unter Schwierigkeiten voran. Seine Hoffnungen auf Auslandseinsätze erfüllten sich nicht. Gab es da eine republikflüchtige (wie es damals hieß) Schwester? Gab es da einen kirchlichen Hintergrund der Eltern?

 

 

Ich verspürte von seiner Seite mir gegenüber Offenheit, ich dagegen hielt immer eine gewisse Distanz. Weil mir seine Zuwendung zu heftig war? Weil ich vom „Politmißtrauen infiziert“ war?

 

Seit unserer Zufallsbegegnung während meiner letzten Krankenhaustage 1982 habe ich ihn nicht mehr gesehen. #

Als ich es bei Schwester Cordula verspürte, hab’ ich ein paar gute Worte gesagt. Es freut mich, daß L. (die all dies genauso empfindet) für Schwester Cordula eine Grafik zu überbringen hat.

Zum „Tag der Mitarbeiter des Gesundheitswesens“ werde ich „meine Klinik“ bedenken, das ist am 11.12.

Nun zu hause werden auch wieder Bilder usw. in dies Buch einkehren.

Fühle mich in einem Schwebezustand nicht belastender, fast schon wohltuender Einsamkeit.

Von Evi (und ihrer Generation) möcht’ ich wissen, wofür sie sich leidenschaftlich einsetzen.

Kollwitz, zum Kriege 1914-18, interessiert sie nicht.

W. Borchert, „Draußen vor der Tür“, interessiert sie nicht.

Sie wirkt eigenartig abgeklärt (sich nicht übernehmen). Für den Frieden kann man nichts tun. Ihre Freude an handwerklicher, dekorativer Arbeit.

26. September 1982 – unnütze Klarsicht

Dienstag, Mai 6th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel, Männix, Mischa und Reiner erzählen Armeestories:

“Schildkröte”, “Musikbox”, “Cremen und Löffeln”, “Schwarze Kuh”, “Schmeicheln”.

[…] Lesen: „Wissenschaft und Fortschritt“ 9/82. (Ökosystem Müggelsee), Goethe: „In meinem Beruf als Schriftsteller

Hören: (Kopfhörer): Schostakowitsch, Sinf. Nr. 5 Op.47, Lieder mit Ernst Busch, Robert Schumann, Messe op. 147 (nicht hinreißend)

Hebbel:

Kriege zu führen, ist die menschlichste Versuchung eines Fürsten“ (S.151) Und wenn er Recht hätte? Auch für unsere sozialistischen Fürsten? Gibt es Machtmißbrauch, so gibt es jeden Machtmißbrauch (zumindest der Möglichkeit nach). (Ist es ein Vorteil, wenn wir eine Art menschliche Automaten (anscheinend) an der Spitze haben? Sie kommen nicht in menschliche Versuchung? Aber als Automaten der Macht?)

 

# Eine charakteristische Eintragung: Hebbel regt mich zu einem sehr „bösen“, sehr „schlimmen“ Gedanken über unsere realsozialistischen Führer an. Mehr nicht. Ich bildete mir etwas auf mein „illusionsloses Denken“ ein, zog aber weder praktische (Zur gleichen Zeit war die Afghanistaninvasion der Sowjetunion.) noch ernsthafte theoretische Schlüsse. Ich erlaubte mir, vor mich hin zu „denkeln“. Weder von einem „eingreifendem Denken“, noch überhaupt von einem klaren, folgerichtigen und auf denkerische Konsequenz zielendem Denken kann die Rede sein. Ich „Kämpfer für eine bessere Welt“ hatte meine (selbst gestellte) Aufgabe längst verraten und mich, kritische Nörgelei pflegend, in den Verhältnissen eingerichtet.
In den Verhältnissen eingerichtet, meine kritisch nörgelnde Stimme via Blogs pflegend, bin ich auch heute. #

Nicht nach der Länge seines Armes, nach der Länge seines Auges muß der Mensch sein Glück messen.“ (154) Ja, aber… Ja, bin für Bewußtheit. Aber sollte es nicht Glück für Arm und Auge und Sexus und Gaumen und … also ein allseitiges menschliches Glück geben? Wobei jeder dieser Glücksmomente seinen Mangel an sich selbst haben müßte. Und vielfältige Spannungen zwischen diesen verschiedenen Glücksmomenten.

Emanzipation des Gassenkots muß man nicht verlangen.“ (154)

Daß so wenig Schriftsteller Stil haben, liegt in ihrer Unfähigkeit, dem letzten hohen Zweck die nebenbei erreichbaren näheren und kleineren zu opfern, überhaupt in der menschlichen Unart, mit jeglichem Schritt eine Art von Ziel erreichen zu wollen.“ (155)

Das ist eine grobe Wahrheit oder eine wahre Grobheit, keine Dialektik. Nimm „Klim Samgin“. Hier ist Stil und hoher Zweck, jedoch die Kleinigkeiten werden nicht geopfert, sondern für diesen hohen Zweck zum Leben, zum Tanzen gebracht.

Ist manches, was bei Hebbel als Geist erscheint, nur Extremismus? Ist kluger Extremismus nicht in Wahrheit eine wichtige Art von Geist? Ist wahrer Geist nicht immer auch extremistisch?

Niemand umfaßt das Element, worin er lebt, sondern das Element umfaßt ihn.“ (156) Solche Erkenntnisse sind ein Damm gegen den Brechstangenoptimismus mancher, die sich Marxisten-Leninisten nennen.

… wenn du wahrhaft liebst, mußt du wieder geliebt werden, denn die Natur berechnet immer eine Kraft auf die andere.“ (159)

Die Natur zerstört ruhig und gleichgültig das Schönste, was sie hervorgebracht. Das „erregt die Empfindung ihres unvergleichlichen Reichtums, ihrer unerschütterlichen Sicherheit, ihres unverrückbaren Ziels.“ (160)

[…]Dichten: Der gemeine Stoff muß sich in die Idee auflösen und diese sich wieder zur Gestalt verdichten (164). Statt das Geistige zu verkörpern, vergeistigen sie gern das Körperliche. (169).

Das Kunstwerk: Grenzenlos in Bezug auf den Inhalt, begrenzt in Bezug auf die Form. (166).

Das Denken erscheint als bewußtes Gefäß des Unbeschränkten und ist daher beschränkt. Das Darstellen wirkt im Beschränkten ein Unbeschränktes. (Daher sind alle philosophischen Systeme abgetan worden mit der Zeit, aber kein einziges Kunstwerk.) (168)

 

 

20. September 1982 – Durcheinander in meinem Kopf

Dienstag, April 8th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel

Behandlungen: Perl, Periostmassage, Lakenbad, Wickel […]

Lesen: Zeitungen und Zeitschriften – Magazin 8/82;

Dante, “Göttliche Komödie” III – 9. Gesang (Ich verstehe nichts mehr.) Hebbel, Tagebücher ! -129

[…] Hören: (Kopfhörer): Verschiedenes, Prof. L. Bisky über Kultur

Kleiner Schwatz mit Schwester Martina, arbeitet seit 1 Jahr, lernt noch, hat knapp 500,-M. Ist begeistert von ihrem Beruf (immer neuen Menschen helfen). Unangenehm ist die Arbeit mit dem Schieber, Ente usw.

Was Schwester Evi zu ihrem Beruf sagte (sinngemäß): Ich: “Kann man ein Leben lang Schwester sein?“ Sie: “Manche machen es ein Leben lag, also kann man…. Man darf sich erstens nicht übernehmen, überverausgaben. (Ich frage mich: Ist das die Jugend von heute? Woher diese Abgeklärtheit? (Selbstgenügsamkeit?)? Was bedeutet sie?) und zweitens muß man mit Freude darangehen. Es ist ein sehr verantwortungsvoller Beruf.“

Das Wort, das irgendjemand zu den Arbeiten der Kollwitz sagte – ein „Arme-Leute-Edel-Ballett“ - ist sicher nicht ganz wahr, aber es trifft mit hinterhältiger Genauigkeit ihre schwächste Stelle. Wie viel bedeutender ist Barlach! Kann es jedoch sein, daß für die Entwicklung des Kunstverstandes (meine Kindheit) Kollwitz eine hervorragende Rolle spielen kann? Überhaupt Entwicklungsstufen des Kunstverstandes.

Ein anderes Beispiel dazu: A. Bostroem. Einst (noch in der Armeezeit) schrieb mir Christel, meine Geliebte, viele „Terzinen des Herzens“, gewidmet Friedrich Eisenlohr (!) von Bostroem ab. Und auch ich schmolz dahin in diesem Sang. Später – ich kannte schon manches von Nazim Hikmet – kaufte ich erwartungsvoll einen Band Gedichte von ihm und war enttäuscht. Übersetzungen von A. Bostroem. Gestern im Rundfunk: Armenische Lyrik. Etwas Fernes, das als nahe begriffen wird – schön, aber störend das Tönen der Bostroem.

# Erst heute, da ich dieses Tagebuch abschreibe, informiere ich mich kurz über Annemarie Bostroem und stelle mit Erstaunen fest, daß sie Jahrgang 1922 ist. Sie war also damals zur Zeit ihrer „Terzinen“ nur wenig über 30 Jahre alt.#

Die Diskussionen in unserem Zimmer – vieles deprimierend an dieser Lebensweise. Die Berufe meiner Zimmerkumpel sind gefragt. Käuflichkeit! Sozialistische Verkommenheit! Aber wie normal ist dies?

[…] Doris erwähnt die in ihren Augen sehr egoistische Art der Selbstverwirklichung z. B. bei L. Ich erwähne dazu Dante, Homer… Sie wehrt ab, in der Art „Das kann doch keiner praktisch gebrauchen.“ Die höchsten (aber unpraktischen) Ideale (auch hier Selbstgenügsamkeit). Doris meint, daß sie ihre geistige Ausdehnung erreicht hat.

Rudi“ # meine Masseuse # meint, daß Mediziner solche Massaker wie in Beirut nicht anders erleben als andere Menschen.

Nietzsche-Vortrag im Rias gestern. Werbung für seine Renaissance, schamlos werden die Weichen gestellt. Man möchte rufen: „Merkt ihr nischt!“ Doch wir („Einheit“) # theoretisch-ideologische Monatszeitschrift der SED # haben es schon gemerkt. Nur das Rufen unseres fetten, selbstzufriedenen, langsamen, herzlosen, feigen, langweiligen Aufklärungsapparates findet immer weniger Hörer. Und andere kommen nicht zu Wort.

Lenin zum demokratischen Zentralismus: Er könne straff, fast militärisch gehandhabt werden, aber auch wie das Dirigieren im Konzert. Natürlich hinken Bilder immer. Aber ist darüber hinaus etwas grundsätzlich falsch an dieser Auffassung? Kann man die Gesellschaft in ihrer Dynamik mit einem Orchester vergleichen? Wo gibt es das Orchester, in dem ein Stück gespielt (also auch dirigiert) wird und zugleich die Musikanten improvisieren? # Eine meiner seltenen kritischen Bemerkungen zu Lenin. #

Lese das Reclam-Bändchen Kollwitz von hinten nach vorn. Ihre Stellung zum 1. Weltkrieg, zu ihrer Arbeit usw.! Vieles erinnert an L. Wie sie doch nur aus dem Erleben, aus dem unmittelbaren Erleben zum Denken angeregt werden!

Worin besteht heute der Fortschritt (auch auf Westeuropa bezogen)? Krieg zu glorifizieren ist vielleicht schwerer geworden. Dafür ist die Lust am Bösen, an der Niedertracht, gesellschaftsfähig geworden, so daß vielleicht die harte Münze des Ruhms und der Selbstopferung nicht mehr nötig ist, um zum Kriege bereit zu machen. Ist die Kriegsbereitschaft heute wirklich geringer? Ursachen in der Gesellschaft deckt nur die Theorie auf. Unsere Theorie ist in den Massen nur ganz schwach verwurzelt.

Hebbel: Die Dichter sollen erlösen

die Natur zu selbsteigenem

die Menschheit zu freiestem

die unendliche (unfaßbare) Gottheit zu notwendigem Leben. (S.60)

Versuche Hebbel zu lesen, gestört von den laut fernsehenden Zimmerkumpeln (Dieter Thomas Heck). Diese Dummheit, Dummheit, Dummheit, diese Zeitvernichtung, mit der die Zeit ausgefüllt wird!

In meinen „großen Lektüren“ der letzten Zeit ist eins nicht zu finden (mal von Jean Paul abgesehen) – Humor!

Welch Durcheinander in meinem Kopf: Gegen eine verordnete Nietzsche-Renaissance bin ich allergisch, der extreme Egozentrismus Hebbels (der freilich ein humanistischer ist) zieht mich an. Für mich persönlich möchte ich wohl eine Ausnahme machen? Angesichts Hebbel erneut die Frage: Was will ich mit diesem Protokollieren? Ich habe noch immer kein klares Ziel. Ist das Schreiben nur Lebensersatz? Wovon lebte Hebbel? Hebbel kritisch lesen!

Wie wichtig es doch ist, zumindest den Willen zum „Gutsein“ zu haben (zu Mitgefühl, Aufgeschlossenheit usw.). Oft habe ich zwar nicht die Zeit oder Kraft, entsprechend zu handeln, aber wenn diese Bedingungen gegeben sind, dann tue ich es doch. Andere (meine Zimmerkumpel), die nicht einmal diesen (ohnmächtigen) Willen haben, handeln dann selbst unter günstigen Bedingungen nicht besser. Die Vergeudung von menschlichen Möglichkeiten dadurch, daß günstige Bedingungen nicht ausgeschöpft werden! # (Am 16.10. 1985 hierzu ergänzt:) # Das ist offensichtlich nicht nur eine Frage der Selbsterziehung, sondern auch einfach der aktuellen Selbststeuerung. Möglichkeiten in einer Persönlichkeit sind das Eine. Was sie unter wechselnden Bedingungen aus ihnen macht, ist das Andere.

Dichten im Gehen. Mit den „Schwestern“ geht es während des Spazierengehens langsam voran. # Ich versuche eine Dankgedicht an die Schwestern zu machen. # Der Spaziergang kann doch den fehlenden Inhalt nicht bringen. Bei vorhandenem Inhalt einen Rhythmus zu finden, dazu kann er wohl beitragen.

19. September 1982 – Kunst für den Nichtüberfütterten

Dienstag, April 8th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel anwesend, vormittags Spaziergang im Park von Buch mit Eva, Monika, Reiner, schöner Park, danach bin ich ganz schön kaputt, Kopfschmerzen; abends Skat mit Monika und Reiner; Monika, 30 J. Ist Ökonomin im Patentamt, Kind 5 J, in 14 Tagen ist Scheidung. Jede Regung ist in ihrem Gesicht zu lesen, ein netter Mensch, strahlt mich an, ganz unanregend.

[…] Hören: (Kopfhörer): Orgelmusik von J. G. Walter, Lieder mit jungen sowjetischen Solisten, abends: Rias: Nietzsche

In der Nacht zu heute höre ich von dem furchtbaren Massaker Israels/Haddads in Beirut. Schrecklich diese Ohnmacht.[…]

Finde seit einiger Zeit oft Schreibfehler aus Nachlässigkeit. Sicher Folge der derzeitigen Schwäche. Oder auch schon erste Abbauerscheinungen? (Die Verkalkung kommt schleichend.)

Trockener Humor Reiners: Ein Mann fährt im Auto an uns vorbei. Er hat sehr rote Lippen. Ich sage:“Entweder spricht er viel, oder er küßt viel.“ Reiner:“Oder er fährt jetzt zum Abschminken.“

Wenn eine Gruppe zusammen ist und die anderen passiv sind, fängt bald Einer an, sich zu spreizen. […] Wichtig, daß die Bewunderung stets auch kritisch ist, daß die eigene Position gewahrt bleibt. Wie kann man kritiklose Bewunderung schadlos überstehen? Man muß sich die Kritiker suchen

Die Orgelmusik von J. G. Walter (noch nie gehörter Name) jagt mir Schauer über den Rücken (wie tags zuvor manche Passagen der „Rusalka“). Wie wichtig, neu, kraftvoll ist Kunst für den Nichtüberfütterten (der sie verstehen kann)! Ihre Notwendigkeit erlebe ich neu. […] Bachs Oratorien vollauf erlebt zu haben (nicht, sie entdeckt zu haben), das gehört in die Zeit mit L, gehört zu dem Dank, den ich ihr schulde. Ich kann schon mit Freude an das denken, was ich L. Verdanke.
Neue Deutsche Welle“ - „Detlef“ z. B., raffiniert gemacht, d.i. schon ästhetischer Genuß der Gemeinheit – Dekadence.

 

14. August 1982 - 20. August 1982 - zweite Woche Krankenhaus

Montag, Februar 11th, 2008

# Die Eintragungen dieser Woche fasse ich zusammen. #

[…]
die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel; ferner Blutanalysen, Reizstrom, Schlammpackungen; Ruhe, Ruhe, festes Liegen.
[…]
Lesen: Zeitungen und Zeitschriften - ND, BZ, Wochenpost
Aitmatow, „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“, Jean Paul, „Flegeljahre“, Homer, „Odyssee“, Lu Xun,
[…]
Viele Gespräche mit den Zimmerkumpeln, Tier-, Armeerlebnisse, Kriminalfälle, Witze, Garten-, Kindheitsstories, Armee-, Russen-, Nachkriegsstories, Fernstudium,

# Ich lag mit 4 bis sechs Mitpatienten im Zimmer. Sie waren (mit einer Ausnahme) Adipositas-Patienten, bis zu 150kg schwer und machten eine vier- bis fünfwöchige ärztlich gesteuerte Abmagerungskur. Ihre einzige Ernährung bestand aus Wasser und Fruchtsaft, sowie einmal am Tag aus irgendeinem Schleim. Sie fuhren täglich (in ärztlicher Begleitung) 20 bis 40 km Fahrrad, machten Gymnastik, Wasser treten und Sauna. Außerdem gab es eine psychologische Beratung (Besprechung von Lebenskonflikten). Sie nahmen im Laufe der vierwöchigen Behandlung mindestens 12 kg ab und konnten auf Wunsch eine Woche verlängern. Alle hatten Ausgang. Nicht alle hielten diese Kur durch. Im Zimmer gab es eine lebhafte bis laute, grimmig-fröhliche Atmosphäre, viel Humor, tolle Menüschilderungen vor dem Einschlafen. Paralell gab es eine weibliche Adipositas-Gruppe. Ich konnte miterleben, wie zwei “Kummerspeckies” zarte Bande knüpften, eine toll erfolgreiche Kur machten und sich tatsächlich dauerhaft verbanden. #

[…]
Gespräch mit der Wirtschaftshilfe Annette, die Epileptikerin ist, 22J., bei den Eltern, kein eigenes Zimmer;
schöner erotischer Tagtraum mit Schwester Evi,
Magenspülung bei einem Zimmerkumpel - “große weiße Wolke”,

14.8.: Die Wunder der Erinnerung: Die süß verträumte Straßenbahnschaffnerin, die ich vor einem Vierteljahrhundert in Gehlsdorf sah.
Die alte Frau, die L. und ich in Helmers trafen, die von ihren beiden gefallenen Söhnen, U-Boot-Fahrern, erzählte.

Schreckliche Bilder von verwundeten Palästinenser-Kindern.
Je älter ich werde, um so weicher werd’ ich zu Kindern, um so mehr lieb’ ich den Frieden und haß’ ich den Krieg. Entsetzliche Ohnmacht gegenüber den israelischen Kriegsverbrechen.

Ziemlich oft Traumwirrnis in den Nächten, buntes Durcheinander, fast nie belastend. Gelange halbwegs gut in den Schlaf. Träume, dass A. sich während eines Krankenbesuchs zu mir ins Bett legt. Träume mir Szenen mit Iris. Solche ablenkenden, doch nicht aufstachelnden Szenen, sind gute Schlafhelfer. Träume einen Krankenbesuch von Heidi.

Gutes Gespräch mit Karl-Heinz Schatte. Er erwähnt, dass die Verlage zum Zwecke des Exports terminologische Zugeständnisse an den Westen machen.

Aus den erzählten Armeeerlebnissen wird spürbar, wie sich der Ton in der Armee mit dem Übergang zur Wehrpflicht anscheinend gewandelt hat (in Richtung auf Drill und Willkür).

Letztendlich Schmerzzunahme durch Reizstrom?

15.8.: Die wiederkehrenden, formelhaften Wendungen der Odyssee:
“und sie hoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle” oder
“als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte” oder
“und sie traten ins Schiff und setzten sich hinauf die Bänke, saßen in Reihen und schlugen die graue Woge mit Rudern”
“Also steuerten wir mit trauriger Seele von dannen, froh der bestandenen Gefahr, doch ohne die lieben Gefährten.”
Solche Wendungen halten den Hörer/Leser wie an einem langen Seil, sind Momente des Vertrauten in diesen Geschichten voll fremdartiger Erlebnisse, sind wie Bekräftigungen des Subjekts, das aus allem Wechsel immer wieder als das Unwandelbarer auftaucht (Vergl. Marx: “Grundrisse” Seite 600).
Zugleich wollen diese Wendungen nicht extra bedeutungsschwer sein, was sie sympathisch macht (Das ist Aitmatow mit seinen Motiv-Sätzen zum Beispiel von den Zügen, die nach Ost und West fahren, nicht so gut gelungen.)
Die vielen Einzelerlebnisse und Gedanken, die in die Odyssee eingegangen sind! Zum Beispiel Elpenors Tod, zum Beispiel X. Gesang, Vers 84/85. Schade, dass man durch Übersetzungen nur ungefähr erfahren kann, wie die Odyssee wirklich ist.

Die größten Kunstwerke haben einen gewissen Objektivismus: Faust, Odyssee, Klim Samgin, Rembrandt.

16.8.: Ziemliche Schmerzen. Es geht weder vorwärts noch rückwärts. Am Tage ist das Befinden besser.

Der 42. - Hälfte des Lebens!

Wieder solche Einzelheit aus der Odyssee: Die Geschenke des Alkinoos für Odysseus (13. Gesang, 14f, 20ff). Höchst charakteristisch:”Lasst uns noch jeden ein groß dreifüßig Geschirr und ein Becken ihm verehren. Wir fordern uns dann vom versammelten Volk wieder Ersatz, denn einen belästigen solche Geschenke” und rührend:
“Aber die heilige Macht Alkinoos legte das alles, selber das Schiff durchgehend, mit Sorgfalt unter die Bänke, dass es die Ruderer nicht an der Arbeit möchte verhindern.”
Oder auch ebenda Vers 30 bis 35. Begeisternde Odyssee!

17.8.: Die Odyssee gipfelt im Blutbad des O. an den Freiern und Mägden, Verstümmelung des Ziegenhirten.
Mein weichliches Herz will daran keinen Gefallen finden. (Es will sich wohl vor den Tatsachen des Lebens drücken.) Gehört es zum Leben, dass auch Leben ausgerottet wird?

Unzweideutige Annonce in der BZ von heute:
“Lustiges Pärchen sucht gleich gesinntes, dass alles mitmacht und genießt, Feiern, FKK und Wasserspiele mag. Wenn ihr denkt wie wir, dann schreibt uns.”

In Granins “Gemälde” beeindruckt mich die dialektische Sicht auf die Figuren. Oftmals lässt der Autor den Leser unmittelbar miterleben, wie sie ihre Meinung ändern, anders werden. Oder er zeigt, wie sie in anderen Beziehungen anderes sind. In diesen Roman geht viel Wissen, sogar Wissenschaft ein, was ich geradezu für ein Merkmal der Kunst der Zukunft halte.
Doch Granin greift nicht direkt ans Herz (wie oftmals Aitmatow).
Alle drei bedeutenden Russen, die ich jetzt las, blicken voller Skepsis auf die Repräsentanten der Gegenwart ihres Landes. Im Grunde ist das die Frage: wie groß ist der Sozialismus wirklich? Die Antwort fällt nicht berauschend aus. Ich finde, wir alle sind auf dem Wege, erst langsam den Sozialismus wirklich zu begreifen. Der Rauch der Kämpfe und der Nebel der Vorstellungen weicht der Realität. Wenn Ursel schreibt, Ute habe wohl noch gar nicht begriffen, was Sozialismus ist, so fängt die wirkliche Frage hier erst an.

18.8.: Der “Schmerzpegel” steigt - nach dem Wohlgefühl im Gefolge des Geburtstags - wieder etwas an.

Anna Seghers meinte zur Plenzdorf-Diskussion, daß Talent etwas Kostbares sei und man sorgsam damit umgehen müsse. Sehr wahr! Diese Sorgfalt ist auch von dem Talent selbst im Umgang mit sich zu verlangen.
Talente, die sich trotz größter Sorgfalt ihre Umwelt selbst zu Grunde richten, wie Wolf Biermann.
Überhaupt dürfte das der häufigste Fall sein, dass Talente aus sich selbst nicht das Bestmögliche machen, aus inneren Gründen. Das Talent wird von eigenen Schwächen gehindert, ein großer Meister zu werden.

Ältere Kranke, die sich als ein einziger Vorwurf an die Welt empfinden. (” Haben wir das verdient?”)
Drum warte nicht darauf, dass dir einstmals mit paradiesischen Wonnen oder auch nur mit Dank “vergolten” wird. Allein auf Vergeltung zu warten, ist schon eine Ungezogenheit.

Der Mensch will persönlich angesprochen werden. Vermisst er dies, sehnt er sich danach. Das merke ich besonders als Kranker. (Bei der Bewertung der Schwestern und Ärzte zählt dies Moment ganz besonders.) Ein starrer demokratischer Zentralismus, wie bei uns, bringt die Tendenz mit sich, statt persönlicher Beziehungen formale aufzubauen.

19.8.: Spekulation: Mir scheint die sozialistische Gesellschaft der DDR bringt eine Unmenge von Mittelmaß hervor. Mittelmaß ist charakteristisch für uns. Vielleicht ist die Tatsache der Existenz und Stabilität dieser Gesellschaft eine solche historische Größe, dass jeder ein Gutteil seiner möglichen, speziellen, persönlichen Größe opfern muss, um jene zu erhalten. Auch die (notwendige) Mauer pfercht uns zusammen. Die einzelne Leistung ist gefesselt, überall, in Wirtschaft, Wissenschaft, Technik, Kunst. Weltspitze sind wir im Sport - ist das nicht der schlagenste Ausdruck unserer Mittelmäßigkeit? (Nur im Fußball, vielleicht die einzige Sportart in der alle um die Spitze ringen, sind wir auch Mittelmaß.)
Der Einzelne bei uns trifft überall Grenzen, muss überall fragen. Wenn er diese Grenzen verinnerlicht hat, schafft er keinen “Wurf” mehr. Wenn er die Grenzen überspringt bricht er sich das Genick (W. Biermann), nicht unbedingt physisch, das heißt, er wird bedeutungslos.
Wie das Leben der Menschen an die Grenzen drängt, darin kocht, zeigen auch Gerichtsberichte, Annoncen, Hobbys (Krankheiten auch).
Du siehst dieses Leben und fragst: “Wofür das alles?” Und antwortest: “Für den Frieden!” (In dieser Frage und Antwort liegt unsere ganze Größe und Tragik beschlossen.)

Wie A. Q. (des Lu Xun) all seine Niederlagen zu Siegen macht, hat viel Ähnlichkeit mit dem Walt (Gotwald Harnisch) von Jean Paul. Natürlich deckt sich diese Ironie nur partiell, und im Grunde sind das völlig verschiedene Gestalten.

20.8.: In den letzten Tagen habe ich nur selten Westrundfunk gehört, kein Westfernsehen, kein “horizont”, “Weltbühne”. Meine Informationsquellen waren fast nur ND und BZ. Dabei schwindet das Gefühl, gut informiert zu sein sehr schnell. Nein, der Informationsgehalt dieser Organe ist sehr ausgesucht, auf wenige Themen beschränkt, die in zweckbewusster Weise dargestellt werden. So entsteht bald das Gefühl, schon Bekanntes wieder zu lesen und daraus entsteht Desinteresse. Keine gute, keine freie Informationspolitik (in dem Sinne, wie Lunatscharski über Lenins Auffassung dazu berichtet), keine konkrete, keine komplexe, keine dialektische, ungenügend historische Information, und natürlich auch nicht genügend anschaulich und “menschlich”.

In der Wochenpost ist ein Interview mit dem Stabschef Generalmajor Stechbarth. Darin wird auch erwähnt, was er liest (in seiner Freizeit): Tschakowski, “Die Blockade”, Memoiren von Heerführern, Biografie Honeckers, Bastian, “Gewalt und Zärtlichkeit”, irgendeinen Roman über die NVA. Also mit anderen Worten (gemessen an Lenins Worten, dass die Kommunisten sich die Schätze der ganzen Menschheit aneignen müssen) ein Analphabet. Die erdrückende Mehrheit unserer politischen Führer ist in diesem Sinne nach meiner Überzeugung Analphabet.

15. Juli 1982 - Musil, “Der Mann ohne Eigenschaften” - Ideologie in der DDR

Montag, Januar 28th, 2008


[…]
Lesen: ND, BZ,” Weltbühne “, “Kleingarten”, Lunatscharski über Lenin
Radio: Hörspiel von Günter Rücker
[…]
Morgennachrichten: der Westen schießt einen Rauchvorhang:
erstens der Krieg Iran Irak
zweitens kriegerische Verwicklungen Somalia/Äthiopien
drittens Lösung des Libanon - Konflikts
viertens Kriegszustand in Polen.
Sowohl die Anordnung dieser Meldungen, als auch ihre Form bzw. Ausdehnung und natürlich besonders ihr Inhalt lenken von der israelischen Aggression ab. Die FAZ findet die schöne Formulierung, dass Begin sich bereitgefunden habe, noch nicht die Besetzung Beiruts “zu vollstrecken”. (!) (auf Nötigung der USA!)

Nachdem ich Musils “Der Mann….”, erstes Buch, gelesen habe, will ich sagen: Ursprünglich wollte ich (die Begeisterungsreden mancher Leute im Ohr und “Klim Samgin” im Hinterkopf)

# “Klim Samgin” ist ein großer Roman Maxim Gorkis, in dem das Reifwerden Rußlands für die Oktoberrevolution aus der Sicht eines “sich heraushaltenden” Intellektuellen geschildert wird. Es ist ein Meisterwerk der Darstellung des Einzelnen in seiner Gesellschaft. #

# Soeben, ich hatte dieses Posting bereits veröffentlicht, habe ich noch ein wenig aus reiner Neugier  “Klim Samgin” gegoogelt und bin dabei auf dieses Blog gestoßen. Das scheint ja eine hochinteressante Entdeckung zu sein. Ich freue mich. #
gegen dieses Buch anlesen. Das erwies sich bald als töricht. Aus dem Schützenloch der Voreingenommenheit musste ich sehr schnell aussteigen. (Randbedingung: Ich hatte viel Zeit zum Lesen.)
Meine Hauptgefühl: Es ist amüsant zu lesen, macht Vergnügen! Dies an vielen Stellen. Zweitens: es sind viele interessante, sensible Beobachtungen und Überlegungen zu finden, a.) zur Individualpsychologie b.) zur Sozialpsychologie c.) zur Kultur überhaupt. -
Und das ist alles! (Wie kunstvoll die Komposition sei, das zu beurteilen, bin ich gottlob unkompetent.)
Im übrigen doch der erwartete Berg (Wie jämmerlich ist doch selbst die “positivste” Figur - Ulrich!) individualistischer Philosophie, durch den ich mich mannhaft durcharbeitete. […]
Gorki ist turmhoch darüber.
Damit genug des Negativem und ein paar wenige von den vielen höchst amüsanten oder auch von den klugen Stellen hier festgehalten:
“ein Motorradfahrer kam die leere Straße entlang, oarmig, obeinig donnerte er die Perspektive herauf.” (Seite 74, ab hier habe ich mir “Stellen” gemerkt.) (Über das “oarmig” könnte ich mich kringeln.);
Von einem Halbverrückten (Moosbrugger): Der Verstand “mag eben wie ein kleines Licht in einem riesigen wandelnden Leuchtturm brennen, der voll zerstampfter Regenwürmer oder Heuschrecken ist, aber alles Persönliche ist darin zerquetscht, und es wandelt nur die gärende organische Substanz.”;
Das einsame eigene, wahre Leben und die vielen hunderte Leben, die man führt (gesehen von den Vielen, die sie bestätigen (Seite 95);
Popularität und Publizität des Herrschers waren über - überzeugend (Seite 103);
Leute, denen an “geistigen Umtrieben” gelegen ist, (die daher völlig deplazierte Erörterungen aufnehmen) (Seite 106);
das “nachsichtige Lächeln der bedeutenden Frau, die weiß, dass sie auch schön ist und den oberflächlichen Männern verzeihen muss, dass sie daran immer zuerst denken (Seite 115f);
in Diotimas Mädchenzeit: ihr Stolz, der eigentlich “nur eine eingerollte Korrektheit mit ausgestreckten Taststacheln der Empfindsamkeit gewesen war… Ihre Korrektheit…. wurde geradezu von selbst zu Geist, einfach durch Erweiterung….” (122, 123);
die seit dem Mittelalter abhanden gekommene religiöse Einheit des menschlichen Tuns des (127) (ebenda: die gewaltsame Geselligkeit als Bedürfnis nach solcher Einheit. (Vergleiche dazu Marx bornierte Befriedigung im Mittelalter, “Grundrisse….?);
“Das Leben baut nichts auf, wozu es nicht die Steine anderswo ausbricht.” (128);
Männer, deren Fantasie vom Erotischen versehrt wird (131, z. B. ich), hier (S131f) eine vergnügliche Schilderung Tuzzischen Liebeslebens;
Ulrich zur Schnelligkeit des Liebesrausches, aber auch anderer emotionaler Erlebnisse, wie” Inseln eines zweiten Bewusstseinszustandes, die in den gewöhnlichen zeitweilig eingeschoben sind”. (144, 145);
und hier Seite 147 etwas, was ich genauso schonmal selbst im Protokoll festgehalten habe: “Der Mensch sendet unaufhörlich Ideen in alle Richtungen aus. Aber nur was auf die Resonanz der Umgebung trifft, strahlt wieder auf ihn zurück und verdichtet sich, während alle anderen Ausschickungen… verloren gehen.”;
Seit 165, die ganze Seite schildert klug, wie man zu einem Menschen der “Lebensmitte” wird und wie man dabei wird;
Seit 180! 4-händiges Klavierspiel: “Es war der Augenblick, wo die Spieler ihr Blut anhalten, um es in gleichem Rhythmus loslassen zu können, und die Augenachsen ihnen wie vier gleichgerichtete lange Stile aus dem Kopf stehen, während sie mit der Sitzfläche gespannt das Stühlchen festhalten, dass auf dem langen Hals seiner Holzschraube immer wackeln will.”;
190, es ist eine Welt von Eigenschaften ohne Menschen entstanden, von Erlebnissen, ohne dass einer sie erlebt;
210, eine übertragene Ehre, die einen Menschen dermaßen durchdringt, dass er bis ins Innerste von ihr erfüllt und geradezu von seinem eigenen Platz in sich weggedrängt wird;
288, Vereine, Bürgerinitiativen, die dem Übergang vom Individualismus zum Kollektivismus voranlaufen, wie Kehrrichthäufchen einem wirbelnden Wind;
Philosophen sind Gewalttäter, die keine Armee zur Verfügung haben und daher die Welt ihrem System unterwerfen (324);
364f: gut zum “Unrechten” im Leben der Geschlechter, ” verkehrter Ablauf, bei denen die letzten Geschehnisse voran sich aufdrängen” (typisch bei Marita);
325 bis 326, über Essay, Wahrheit Subjektivität, ist auch wertvoll;
381 Diotimas Kopf glich einer prächtigen Fruchtschale, aus deren Überfülle die Worte beständig über den Rand fielen;
385, über die großen Spezialisten;
452, Komische Lage der meisten Männer: Sie haben erst nach Büroschluss Zeit, wenn sie eifersüchtig sind, über ihre Frauen zu wachen;
482, General Stumm von Bordwehr über Diotima: “Wenn Empfang ist, stelle ich mich manchmal hinter sie: Eine imponierend weibliche Fülle! Und dabei spricht sie auf der vorderen Seite mit irgendeinem hervorragenden Zivilisten gleichzeitig so gelehrt, dass ich mir am liebsten Notizen machen möchte.”
Allein schon für diesen letzten Satz sollte man Herrn Musil frische Blumen aufs Grab stellen.

L. erwähnte die begeisterte Aktivität des uns bekannten “Burgherrn” von Meißen. Ein Mann von durchaus sehr abgeneigter, um nicht zu sagen, feindseliger Gesinnung. Das macht eine unserer Stärken aus, dass auch negativ eingestellte Leute Möglichkeit zu positiver Betätigung finden. (Wenn nur alle positiv eingestellten Leute alle Möglichkeiten zu positiver Betätigung fänden!)
W. Förster, der momentan seinen Chef vertritt, klagte über seine Lage, über die Arroganz der Ministerstellvertreter, für die er Sekretärinnen besorgen muss. Und allgemeiner: über die Tendenz zur ausschließlich formalen, bürokratischen Erfüllung von Maßnahmen nicht aber der inhaltlichen Leitung der Prozesse. Dazu haben wir aber selbst die Leute erzogen, und das fängt ganz oben ein, meinte er. (Und das ist ein Punkt - füge ich hinzu - ein wichtiger, wo die Abschirmung unserer Spitzenleute vom Leben die Sonderstellung, die sie einnehmen, zurückwirkt auf die Lebensferne, bzw. Momente dieser Art, ihres Arbeitsstils.)

Kurzes Gespräch mit Inci über Beas Lehrerinnenamt.

# Inci ist bei L. zu Besuch. Sie ist eine befreundete Ungarin, die in Rumänien wohnt. L. hat sie auf einer ihrer Tramp-Reisen kennengelernt. Bea ist ihre Tochter. #

In den Bergen bringt sie Hirtenkindern Englisch und Französisch bei. Das stehe sie moralisch - nervlich nicht durch.
Dabei kommt auch eine gute Portion Gebildetendünkel zum Ausdruck.

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Im Gegensatz dieser Besprechung zu dem, was dieselbe Zeitung über Womacka schrieb (Vergleiche u.a. hier) zeigt sich die ganze Miesheit unserer Kunstkritik. Ich sage nicht Prinzipienlosigkeit, denn es ist auch die Dummheit, Borniertheit der Prinzipien, die zu solcher Undialektik führt. Das Schlimmste aber ist, dass nichts offen ausgesprochen wird. Der Titel der Böhme-Kritik wirkt wie die (ersehnte) Antwort auf Womacka. Aber nichts Offenes!
Und ebenso folgerichtig wird also auch nichts über Böhmes Beschränktheit gesagt. Die Gegensätze werden nicht vermittelt, sondern fallen auseinander und treiben also auch nicht voran, sondern lähmen. Statt Entwicklung oder wenigstens Bewegung also Erstarrung.

# Lothar Böhme gehörte und gehört neben Harald Metzkes, Hans Vent, Wolfgang Leber zu den von mir hochgeschätzten Malern der sog. Berliner Schule, im Unterschied, manchmal auch Gegensatz, zur Leipziger Schule mit Mattheuer, Heisig, Tübke. #

18. Juni 1982 – Nacktfotos

Samstag, Januar 12th, 2008



[…]

interessanter Tag, die Gespräche in Halle sind fruchtbar, wenn auch noch nicht unmittelbar für den 31. Lehrgang. Ich gehe mit der erneuerten Sicherheit: Das (Kaderdirektor) kannst du auch.

# Gespräche in der Kaderdirektion des Kombinates KPV, „Pumpen und Verdichter“, zur Verbesserung der Delegierung von Nachwuchskadern an unsere Weiterbildungseinrichtung #

In der Mitropa eine Kellnerin, ganz flink in der Bedienung und mit dem Mundwerk, blond, mit hellen grauen Augen; direkt, fröhlich, kräftig. Sie erinnerte mich an Annemarie ebenso wie an Margot. Sie war vielleicht 35-40, mit nicht besonders guter Figur, aber da war Sympathie. Wir wären bestimmt ein Paar geworden. Ich hab’ keine Zeit. Noch beim Bezahlen spendiere ich ihr einen Klaren (was sie zuerst mißversteht). Als ich aufstehe, begreift sie erst: „Ach, das ist aber lieb… Sie kennen wohl meinen Geschmack?“ Ich: „Na, klar!“ […]

Auf der ganzen Rückfahrt bin ich gefesselt von K. Moczarski, „Gespräche mit dem Henker“. S92:“… der rasche Deformierungsprozeß, überall dort, wo Menschen wenig festen Charakters plötzlich in den Genuß besserer Existenzbedingungen kommen, wo eine Privilegierung und Separierung von der bisherigen Umwelt eintritt.“ - eine wichtige Beobachtung.

Als ich zu Hause ankomme, finde ich im Briefkasten einen Einschreibebrief von H. Gross. Darin befinden sich […] 10 Aktfotos, […] sowie ein zweiter Umschlag, in dem Gross sein Angebot an Aktfotos unterbreitet. […]

Sie haben mich also finanziell korrekt und mit richtig gewählten Bildern (nicht allzu gewagt und doch einiges versprechend), sowie mit dem weiteren Angebot erstmal in den Kundenkreis aufgenommen, und davon bin ich sehr angetan. […]

 

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Aktfotografie1 von H. Gross

Übrigens werde ich hier ins Protokollbuch nur wenige (und nicht die besten) dieser Originalfotos einkleben, denn, wenn das mal eine reizvolle Sammlung werden soll, darf ich die Bilder nicht zerstreuen.

Es sind keine künstlerischen Aktfotos, sondern erotisch reizende Bilder von nackten Frauen, und genau das ist es, was ich wünsche bzw. wo meine Wünsche ansetzen und weitergehen, einmal in Richtung des erotisch bzw. sexuell gewagten Fotos und zum anderen in die Richtung des künstlerischen Akts. Beide Richtungen werde ich verfolgen.

Erfreut bin ich übrigens auch über die erschwinglichen Preise, über die korrekte Verhaltensweise mit den 20,- M und überhaupt darüber, daß es – bei aller beachteten Diskretion – geklappt hat.

Interessant übrigens, wie ich mich doch nur langsam von meinen Hemmungen frei mache. L. hat längst von sich Aktfotos machen lassen, in recht krassen Stellungen. Wie ich doch bei jedem Schritt Skrupel zu überwinden habe!

 

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Aktfotografie 2 von H. Gross

Erfreulich ist die Gelöstheit der Modelle. Die Szenen sind nicht peinlich. Das Modell mit den langen Haaren ist sogar sehr sympathisch, die von ihm aufgenommenen Bilder sind sehr zurückhaltend. Die andere […] posiert erotisch wesentlich „schärfer“, aber nichts von unangenehm. Es ist halt eine junge, schöne, sehr selbstbewußte Frau. […] Sie erinnert mich übrigens an Hegrü, mit deren Brüsten sie aber (obwohl Helga doch viel älter ist) keinesfalls konkurrieren kann.

Klar – das sind Bilder zum „Anfüttern“ (zugleich sich Absichern). Gespannt bin ich auf die Steigerungen. Antwortbrief an Gross. […]

# Der Kontakt zu Gross hatte sich dadurch ergeben, daß ich auf die Zeitungsannonce eines Fotomodells geantwortet hatte. Durch dessen Absage und Weitervermittlung war ich vorerst nicht bei einem Aktmodell, sondern bei einem Kleinhändler für Nacktfotos gelandet. Aus heutiger Sicht eine völlige Harmlosigkeit. Für mich damals ein aufregendes, halblegales Unterfangen, auf das ich mich vorsichtig einließ, zumal ich nicht abschätzen konnte, ob ich in eine Grauzone von käuflichem Sex geraten würde. #