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08. Juni 1982 – F. Bacon über Garten

Samstag, Dezember 22nd, 2007


 

 

[…]

Bacon Essays S. 191: „Gott der Allmächtige pflanzte zuerst einen Garten.“ (Moses II Seite acht) „… und in der Tat ist dies die reinste aller menschlichen Freuden.: es ist die größte Erfrischung für den Geist des Menschen, ohne welchem alle Gebäude und Paläste nur rohe Machwerke sind; und man wird stets finden, dass die Menschen mit dem Fortschritt der Jahrhunderte zur Bildung und Verfeinerung zuvor prachtvolle Bauten aufführen, ehe sie schöne Gärten anlegen als ob der Gartenbau eine höhere Entwicklungsstufe wäre.“

Ein Garten, der in jedem Monat höchste Schönheit entfaltet. Man kann sich tatsächlich einen „ewigen Frühling“ verschaffen (Vergil, Gedicht vom Landbau), wenn man sich nach dem richtet, was der Boden jeweils bringt…“

Interessant ist die Arbeit mit den Kaderakten. Mit nicht zu überbietender Ignoranz werden alle Genossen entgegen der Weisung des Ministers delegiert. Und die Verantwortlichen der Kaderabteilungen lassen sich das ohne ein Zucken bieten. Es ist eine unglaubliche Schlamperei. Erstes Gespräch mit einem der Neuen. Er ist F- und E-Ingenieur und hat schon 1625,-M. Natürlich ist der an einer Arbeit im MSAB, überhaupt an echter Leitungstätigkeit (wenn sie über den Gruppenleiter hinausgeht) nicht im geringsten interessiert. In Leitungstätigkeit freilich könnte er noch reinschlittern, aber für das MSAB besteht keine Chance.

Neuer Krieg Israels. Es klappt wieder anscheinend alles.

Reagan reißt in London das Maul auf, speziell gegen die Mauer in Berlin, für einen („friedlichen“) Kreuzzug gegen den Bolschewismus, für ein Fernsehduell (!!!) mit Breshnew. Er ist doch wirklich ein Superarsch. Bilder: R. zu Pferde, in Westminster, er platzte schier, der Frosch.

Und doch bleibt für die Menschen nur das maßgebend, was sie eingedroschen kriegen, zumindest, was sie im Bauch, im Schwanz usw. verspüren.

Das Gegeneinanderleben gegen L. ist belastend, dies besonders heute zu spüren, wo sie eine Art Zeichenfete im Garten machen; ihr verkniffener Mund, aus dem jede Wärme getilgt ist (ich zu ihr genauso). Nicht nur, dass nun wohl schon seit Monaten Sex überhaupt nicht mehr stattfindet. Darüber hinaus gibt es keine emotionale Gelöstheit, kein zu Hause mehr. Der Mensch braucht aber Momente mit einem anderen Menschen, in denen er ganz ohne rationale Steuerung sich geben kann. Vielleicht kann mancher dies in die Arbeit, in ein Werk packen, das sich vielleicht sogar aus dieser ungestillten Sehnsucht speist. Meine Lösung ist das letztlich nicht. (Auch um den Preis, dass mir letztlich F. entzogen wird, denn das wird die letzte Rache sein.) F. ist ganz besonders erfreut und lieb zu mir, als ahnte er, dass ein Ende mit dem Papa kommen wird.

Frühmorgens, auf Arbeit, R. kommt gerade zur Tür herein, erzählt sie gleich einen Sextraum, den sie mit mir hatte. Es ging Vieles durcheinander. A. schwirrte herum. Neger schwirrten herum, dann wieder in meinem Bürozimmer. Ich massiere ihr von hinten die Brüste, und wir sind darüber hinaus (besser: darunter hinaus) im schönsten Vollzuge als in der Wand eine Luke aufgeht und die Küchenhilfe der “Mutter“ hereinschaut, was uns aber nicht stört, fortzubumsen. Ja, nicht nur mir ist heiß.

# „Mutter“ war die Betreiberin der Imbissstube in unserem Bürogebäudet. #

 

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Nebenstehender Akt übrigens gefällt mir nicht so sehr. Natürlich ist er ganz schön aggressiv. Aber die betonte Handsprache ist mir zu geziert. Das Drumherum zeigt mir, in welch eigentlich „schwüler„ Atmosphäre auch fotografiert werden kann. Man muß (und kann) sich wirklich alles erlauben (wenn man bedenkt, dass dies ohne weiteres veröffentlicht wird.) Ich muß mich hüten, dass mein Aktinteresse nicht eine neue Art von Ersatzbefriedigung wird.

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07. Juni 1982 -„Vererbung“ erworbenen Verhaltens

Samstag, Dezember 22nd, 2007



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Beim Zurückblättern: Jeden Tag gehe es angeblich besser. Doch zur Arbeit schleiche ich noch genau so, wie vor 6 Tagen. Brummschädliger Kopf >> Tablettenwirkung.

Ob man sich, nachdem man akzeptiert hat, krank zu sein anders auf seine Schmerzen einstellt, sie wichtiger nimmt? Weiß tatsächlich nicht, ob meine Schmerzen der Anfangszeit ebenso oder kleiner oder größer waren als jetzt.

Eins aber deutet doch auf Besserung: Ich sehe wieder eine Menge erotisch reizender Frauen.

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[…] In einer Berliner Zeitung las ich Forschungsergebnisse über den Zusammenhang zwischen psychosozialer Umwelt, Hormonkonzentration, Gehirnentwicklung und späterem Sozialverhalten. Der Bericht scheint mir seriös zu sein (BZ vom 8./9. 5. 82). Er ist so ungemein wichtig, weil er die Vererbung (zumindest auf die folgende Generation) erworbenen Verhaltens bestätigt und damit die starre Vererbungsvorstellung ausschließlich über Gene außer Kraft setzt. Ich habe immer geglaubt, dass bestimmte Verhaltensweisen vererbt werden können, also körperlich-organisch fixiert werden.

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[…]

Wann reizt eine nackte Frau, und wann nicht? Das Nackte darf nicht Selbstverständlichkeit sein. Dann reizt es ebenso sehr, wie eine Nasenspitze oder ein Handrücken. Es muß eine Beziehung zu einer intimen Berührung behalten. (Dann kann selbst der Handrücken reizen, wenn er mich an die Haut der Lenden erinnert.) Das Nackte sollte nicht einfach öffentlich sein. Es sollte eine Bevorzugung ausdrücken.Dabei ist nicht der Grad der tatsächlichen Nacktheit maßgebend, sondern das Maß der für mich (für meine Wünsche) erlaubten Entblößung, d.i. aber eine psychologische Größe. Mein Lustgewinn resultiert nicht so sehr aus der Fläche entblößter Haut, als viel mehr aus einer ganzen Kombination sinnlicher und rationaler Faktoren (Bedeutungen von Sinneseindrücken). Dabei spielt das Eindringen ins gehütete Geheimnis, also Erringen dieser elementaren Freiheit, eine wichtige Rolle.

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Ein Foto, bei dem mir der nette Ausdruck des Gesichts gefällt, doch dafür brauchte es kein Akt zu sein. Nicht schlecht die Bescheidenheit, Unaufwendigkeit dieses Akts. Die Bilder an der Wand vermitteln eine Werkstattatmosphäre. Sie regen an, selbst zu probieren, deuten an, was alles sexy sein kann (und sei es der gut entblößte Bauchnabel).

Heute war ein Tag, an dem Hinkebein viele schöne Frauen gesehen hat. Wichtig dabei eine mit roter Bluse und weitem Rock, die in der U-Bahn eine Fingerberührung herbeiführte. Sie hatte etwas anziehend Gewöhnliches. Sie als Aktmodell hätte ich nur in einer Arsch- und Hüftpose „adäquat“ packen können.

Vor dem Garten eine große, festfleischige Schönheit.

 

Goli erzählt vom Disziplinarverfahren gegen Volker Dümke, der Bagger, für den NSW-Export gedacht aber dort nicht absetzbar, auf eigene Faust im Inland verteilte.

# Goli und Volker Dümke – Mitarbeiter im MSAB. NSW – NichtSozialistisches Wirtschaftsgebiet = Handel in konvertierbarer Währung #

Die Sichtung der Delegierungen für den 31. Lehrgang erbringt ein erstaunliches Bild: Eine verblüffende Ignoranz der staatlichen Weisung (die bereits wiederholt wurde). Das ist ein hoher Grad von Autoritätsverlust des Staates. Liberalismus. Freitag will ich in dieser Sache nach Halle zu KPV fahren.

 

# KPV- Kombinat Pumpen und Verdichter. Zu Kombinaten vergl Anmerkung vom 3.6.1982

Zum Thema Autoritätsverlust: Jetzt, da ich längerfristig meinen Chef vertrete, werde ich erstmals direkter mit solchen Momenten der sozialistischen Leitung konfrontiert. Dem über weite Strecken administativen, also nicht ökonomischen Charakter der Leitung entsprach ihre partielle Ohnmacht. Gegenüber der elementaren Gewalt ökonomischer Prozesse wurden im Alltag ständig die Grenzen der beanspruchten Macht der zentralen staatlichen Leitung aufgedeckt, was in der Praxis oftmals Korrektueren erzwang. #

 

Ich dackele vom Garten nach Hause zurück, in die Wärme – die aber nur die physische Wärme des Duschbades ist. Wird es denn nie mehr menschliche Wärme geben? Ich will mich deshalb nicht in eine andere Frau verlieben, weil es das endgültige, unwiderrufliche Nichtlieben L.s wäre. Davor schrecke ich im Innersten zurück.

 

Mein beschissener körperlicher Zustand rührt zweifellos her von der verdammten Spritze, die in den Nerv ging. Jedoch die Entzündung ist im wesentlichen jetzt aus dem Körper raus. Es ist nur noch das Bein knieabwärts, das wehtut. Die anderen Funktionen haben sich wieder normalisiert.

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04. Juni 1982 - Nach der Exkursion

Freitag, Dezember 7th, 2007

[…]

20.30 Uhr. Nach dem Tag, anstrengendem Rheuma-Bad, 1 Std. Schlaf fühle ich mich jetzt ganz zerschlagen. Aber jetzt beschäftige ich mich, denn jetzt zu schlafen wäre Garantie für eine unerträgliche Nacht, und die fürchte ich sowieso.

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Schmerzen, Anstrengungen, Hitze, Medikamente haben mich in einen kollapsähnlichen Zustand versetzt. In den letzten 10 Minuten sind mir mindestens 1 Dutzend Gegenstände aus der Hand gefallen, darunter eine volle Tasse Kaffee. Mein Phlegma reicht aus, nichts an die Wand zu schmeißen. Ich sehe verschwommen, und die Augen brennen. Doch jetzt höre ich Musik und schreibe, denn ich muß wieder Fuß fassen. Jetzt zu schlafen wäre Wahnsinn. Das Telefon strafe ich wutentbrannt mit Nichtachtung.

Seit einer Woche haben wir Temperaturen von 30°, jetzt zeigt das Thermometer 34°! Und ich konnte noch nicht einmal ins Wasser.

Orchestersuite Nr. 2 von Bach, die immer wieder geeignet ist, einen Menschen wieder aus mir zu machen.

Rothensee: Habe noch nie eine so gewaltige, so technisierte Gießerei gesehen. Da ist die Kraft der Arbeiterklasse materielle Gewalt geworden. (Auch in WD # Westdeutschland # gäbe es eine solche Gießerei nicht.) Die Redensarten mancher Künstler, L.s, („Dann sollen sie es doch nicht machen.“) können einem da nur ein müdes Lächeln entlocken.

Wirklichkeit einer solchen Industrieanlage,

Wirklichkeit einer Aktstudie (meiner Intension) oder Wirklichkeit eines Orgasmus mit HeGrü!

Wirklichkeit der Orchestersuite Nr. 2 von Bach!

Oh Wirklichkeit, Du Donnerwort!!

Und weiter: Wirklichkeit einer Rhönwiese im Mai, Wirklichkeit der neu gepflanzten Stachelbeere, die wir Blatt um Blatt durchbringen werden.

Ich bleibe weiter der ganzen Wirklichkeit verschrieben, zugetan, offen; auch um den Preis, daß ich es auf keinem Gebiet zu einer großen Leistung bringe. […]

Jetzt geht es auf 22 Uhr. Das Thermometer zeigt weiter 28 oder 29°. Doch mir geht es besser. (Bin wieder im Geschirr des Geistes. Dieses Geschirr ist nachts, im Schlaf, abgelegt. Darum herrscht dann der Schmerz so unumschränkt. Heute will ich ihn überlisten: Ich bleibe lange auf, schreibe noch Briefe, wenn ich dann sehr müde bin noch ein Rheuma-Bad, 2 Zäpfchen und dann wird wohl der Schlaf herrschen.)

Die Platte bringt gerade aus der 3 Orchestersuite ein Stück… - Ich denke an den toten Helmut.

# Helmut war der erste Mensch, der mir vor Jahren Bach nahegebracht hatte. #

Er bleibt einer der Menschen, dessen Tod für mich immer etwas Unwirkliches, nicht ganz Ernstzunehmendes hat. Irgendwie bleibt er gegenwärtig als das Leben selbst. Seinen Freund Hans Dy werd’ ich mal besuchen.

Eindrücke in Rothensee:

Politische Losungen, mit Kreide an die Wand gemalt: „Laß das Atom zu friedlichen Zwecken!“

„Gegen NATO-Raketen“

In einer anderen Abteilung kriege ich (zum ersten Mal in meinem Exkursionsleben?) Dreck in den Rücken geschmissen.

Ein flott und sinnvoll arbeitender Roboter! […]

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# Aus einem Brief an U., Witwe des erwähnten Helmut. #

„… Ich schreibe, höre dabei Bach, und auf einmal ist mir (das geschieht nicht zum ersten Mal) der tote Helmut ganz und gar gegenwärtig. Ich empfinde wieder, wie von der ersten Stunde an, daß dieser Tod etwas Unwirkliches, nicht ganz Ernstzunehmendes hat. Nach so langer Zeit schreibe ich das natürlich nicht als billigen Trost (zudem sinnlosen), als Versicherung. („Er lebt in uns fort.“) Nein, es ist einfach eine erstaunliche und höchst freudige Feststellung: Beweglichkeit dieses Kerls, einschließlich gewisser Moralitäten und Amoralitäten, sind einfach nicht totzukriegen. Da ist er wie das Leben selbst. („Tod, wo ist Dein Stachel, Hölle, wo ist Dein Sieg?“)

All das soll nicht billige Verklärung sein. Zum Schluß hätte er wohl gern all das hingegeben, wenn er noch hätte einen Monat leben dürfen. Er hat von solcher Wirkung nichts, ja, keiner wußte, keiner weiß, ob er solche Wirkung auslöst.

Nein, ich will den Toten ihre Ruhe lassen, will nicht so tun, als könnt ich die Tragik versüßen. Doch es ist eine Tatsache, daß doch etwas von dem Schönstmöglichen eingetreten ist - sich ein bißchen in seiner Pflicht zu fühlen, ein Winziges für sein Hoffen zu tun.

Eine Tatsache ist es: Wenn eine Karriere für mich völlig reizlos ist, und wenn ich manchmal die Kraft habe, etwas nur aus Gewissen zu tun, selbst für Nachteile ( - und das ist ja eine ziemliche Freiheit, die man sich da schafft - ), so ist es ebenso wohl Leben, wie Sterben von Helmut, das mit dabei wirklich nachdrücklich hilft.

Leicht wäre es mir jetzt, gewisse gemeinsame Erlebnisse, Szenen heraufzubeschwören, die sehr erfüllt waren, die in mir bis an Ende meiner Tage leben werden, ganz Alltägliches, warum nur? Wahrscheinlich sind es oft solche Winzigkeiten, wie die Sandkörnchen am FKK-Strand von Rosenort, die zu den Sternstunden eines Lebens gehören und irgendwann auf unerforschlichen Wegen in’s Bewußtsein treten…“

# Aus einem Brief an die Eltern von L. #

„Wenn ich Euch schreibe, möchte ich mich auch ablenken. Mein Ischias/Nervenentzündung macht mir doch ziemlich zu schaffen, da ich den letzten Tage auch tatsächlich nicht die Zeit hatte, […] ihn mit Ruhe und Wärme zu kurieren. So fresse ich z. Z. ´Tabletten, doppelte Portion und nachts Zäpfchen, vierfach, und komme dann in den letzten Nächten doch immer nur zweistundenweise zum Schlafen. Jetzt am Wochenende schone ich mich aber und hoffe nun endlich über den Berg zu kommen. […]

Gerade höre ich von draußen ein klatschendes Geräusch, während vom Plattenspieler die Matthäuspassion erklingt. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite geht ein junge Frau, die sich das Gesicht hält und schluchzt. Auf unserer Seite steht ein angetrunkener Kerl. Er ruft rau:“Komm her!“ Sie antwortet etwas und geht weiter. Er nochmal: „Komm her!“ Dann sucht er irgend etwas, wie eine Scheibe, sucht aber noch weiter. Dann pißt er umständlich mit starkem Strahl an den Baum vor unserer Haustür. Dann geht er umständlich schwankend ihr nach. Viele Fenster sind geöffnet. Aus meinem klingt kulturvoll Bach, wie gesagt, aus den anderen verschiedene Fernseh-Krimis - Berliner Szene! […]

Mein herzliches Dankeschön für das Hemd und die Socken im West-Paket! Alles paßt wie angegossen, steht mir und kann ich gut gebrauchen, wenn ich zu L.s Verdruß z. B. festlich in’s Theater gehe. […]

Im übrigen bin ich gespannt, wie es im Garten weiter gegangen ist (Dienstag war ich zum letzten mal da.) Bei dieser Wärme, und L. hat sicher viel gegossen! (Das ist bei uns ja das A und O.) Es ist ungeheuer, welche Produktivität aus jedem Winkel hervorbricht. Am meisten ans Herz gewachsen ist mir aber ein scheinbar völlig verdorrtes Stachelbeerhochstämmchen, das ich trotzdem nach Ostern und ohne rechte Hoffnung pflanzte. Es hat ganz zögernd Knospen schwellen lassen, schließlich einige Blätter getrieben, so daß es erstmal zum Überleben reicht. Jetzt scheint gar ein neuer Trieb hervorbrechen zu wollen. (Ich hatte extrem kurz geschnitten.) Damit wäre es ja über den Berg für die Zukunft! Alles übrige aber steht kraftvoll, auch z. B. „Jonathan“ und „Ostheimer Weichsel“ (die auch geblüht, aber nichts angesetzt hatte). Naja, Garten ist ein unerschöpfliches aber für Euch nicht gerade neuartiges Thema.

Ich war jetzt zwei Tage zu Besuch in der Stahlgießerei Magdeburg-Rothensee. Das waren imposante Eindrücke (und auch einfach gute Eindrücke) in dieser wohl größten Stahlgießerei Europas. Wenn man solche Produktionsstätten sieht und was die „hinten rausschmeißen“ begreift man gegenständlich, warum unsere Wirtschaft/Staat trotz der vielen Lücken einfach nicht totzukriegen ist. Riesige Hallen, in denen die Technik und wenige Menschen arbeiten. Leicht war es nicht, 40° die Sonne + 8 Elektroschmelzöfen.

Und erst die Schicksale, die an solchem Betrieb hängen, einige kenne ich zufällig näher: Der Betrieb produziert seit 10 Jahren. Vor 15 oder 17 Jahren war Grundsteinlegung. Erinnerungsfoto: Der Minister - ist inzwischen mit Herzinfarkt Rentner, der damalige Generaldirektor, zwischendurch Herzinfarkt, abgelöst, wieder eingesetzt, heute Invalidenrentner mit freier Arbeitszeit, sozusagen z.b.V. beim Betriebsdirektor. Ich kannte ihn noch unmittelbar als „General“, heute führte es unseren Lehrgang, vermittelte Erfahrungen, auch welche, die man nirgends lesen kann.

Schade, all das kein Gegenstand für Künstler! Weil 95% von ihnen (oder 99%?) von diesem menschlichen Leben so viel verstehen, wie der Esel vom Integral. Aber was hilft das Klagen. Materielle und künstlerische Produktion gehen weiter ihre getrennten Wege, und irgendwann haben beide eine Reife, die eine Art Verschmelzung ermöglicht (in fernen Zeiten, die dann das Ende mancher Borniertheit bringen).

Ich grüße Euch alle herzlich.“

 

23. Mai 1982 - Gartenträume

Dienstag, November 20th, 2007



[…] gestern in Schmaha,

# L. und ich hatten zunächst über keinen Garten verfügt. Seit langen hatten wir einen Antrag auf ein Gartengrundstück in der Gemeinde Schmachtenhagen bei Oranienburg laufen. Durch einen Riesenzufall erwarb L. ein großes Gartengrundstück in Pankow, unweit ihrer Wohnung. Der Antrag in Schmachtenhagen schien mehr oder weniger aussichtslos, wir ließen ihn weiterlaufen. Genau zu dem Zeitpunkt unserer Trennung wurde uns plötzlich ein verwildertes Grundstück in Schm. angeboten, ein Glücksfall, den wir natürlich ergriffen. So ergab sich für mich zwar die allmähliche Trennung von dem Garten in Pankow, zugleich aber die Übernahme des Grundstücks in Schm. #

in Schm. alle Nachbarn am Werkeln, Heimfahrt bei Regen, will zwischendurch nach Hohen Neuendorf, D. und Frauke Gerhard besuchen. Der Regen und der Mißmut zwingen mich zur Umkehr. Ich bin widerwärtig depressiv in dieser Zeit, und die Schm.-Erinnerungen haben das nicht verbessert.

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[…] im Garten fleißig, Kürbissamen gelegt, Melone und Broccoli gepflanzt, Kartoffeln nachgelegt bzw. gepflanzt, Tomaten gepflegt, (drei Mistfuhren), Wein angebunden, etwas gemäht. […]

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Es ist wunderbar zu beobachten, wie glücklich F. lebt, wie aktiv und intensiv er „Seins“ macht. Wenn er über Mittag im Garten bleibt (dort schläft), dann ist er abends ganz erschöpft aber zufrieden, dann ist er lieb und läßt sich leicht lenken. Wahrscheinlich ist er (psychisch) befriedigt von den vielen Eindrücken und zugleich ermüdet (physisch) von den vielen Anstrengungen. Das ist offensichtlich ein guter Zustand.

Schön, seine Begeisterung, als er - zusammen mit Lies - auf Entdeckung (Mistholen beim Nachbarn) mitkommen durfte. Schön, wie er oft mitdenkt und mitarbeitet (z. B., wie er seinen Topf auf dem Kompost entleert); das Vorbild der Eltern führt ihn zur Achtung vor der Arbeit.

Der Garten ist ein Segen, für alle, aber dreimal für Kinder.

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Dagegen das Bemühen vieler Leute, in Schmaha wieder sichtbar, die Natur sofort zurechtzustutzen, gefühllos in Schemata einzuordnen, zu verkrüppeln.

Ich werde es anders machen. Ja, ich habe Lust gekriegt, mir dort ein bescheidenes Refugium zu schaffen, keinen Garten, sondern einen Stützpunkt, für

- das Ausschweifen in die Natur (auch mit Boot)

- das Sichzurückziehen

- vielleicht auch mal ein Liebesnest

- sich ein Ziel zu setzen. (Das habe ich wohl zur Zeit besonders nötig.)

So würde es geldlich aussehen: Eine winzige Laube (10m2): 2000,-M; Wasser (Brunnen): 1000,-M; Strom: 1000,-M. Wenn ich will, habe ich das sehr bald zusammen. Die Laube bietet Platz für 2+1 Personen, (Doppelstockbett + Campingliege, ein Zelt dazu erlaubt auch einer ganzen Familie, dort zu leben), Glasdach nach Süden mit Wein (Pergola), die die Wohnfläche etwa verdoppelt. Auf dem Grundstück: geschickt (und wenig) korrigierter Wildwuchs (Laube vom Weg nicht sichtbar, nach hinten freier Blick), Fischtümpel.

Heute hab ich nun (von 11/2 Std. Mittagsruhe abgesehen) den ganzen Tag gerackert und war froh dabei. Wie ich mich doch dazu zwingen muß, am Motorrad etwas zu machen, obwohl das doch auch nur wenige Handgriffe sind. Es ist keineswegs Bequemlichkeit, Faulheit - nein, die Interessenlage.

 

Mein Rücken schmerzt mir so, daß ich es manchmal kaum aushalten kann. In dieser Woche (morgen schon?) geht’s bestimmt zum Arzt.

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L. erzählte mir, F. habe, als sie ihn heute früh zu mir herunter brachte auf jeder Treppenstufe skandiert: „Lieber Papa, lieber Papa“.

Heute Abend natürlich wieder seine Frage: „Ein Liedchen….?“ Ich singe. (Wie immer kommt eine Art Resümee des Tages dabei heraus; wenn ich den ganzen Tag mit ihm zusammen war, fällt mir das natürlich leichter.) So wird das Liedchen heute lang und auch interessanter, da jede Strophe aus einer Frage- und einer Antwortzeile besteht. Er bedankt sich mit den Worten: „Ein großes Liedchen.“ […]

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Wie einen doch „das Schicksal“ beutelt! Wahrscheinlich verstehe ich meine Situation halbwegs klar. Doch es kann keine Rede sein, sie schnell zu ändern. Den Kelch muß ich leeren, „die Straße muß ich gehen“, # Winterreise # ohne zu wissen, was meiner harrt; ja, selbst, wenn ich es wüßte, ich müßte es trotzdem tun.

 

Im Fernsehen „Ein langes Wochenende“ von J. A. Bardem. Trotz Fernsehformat bin ich beeindruckt. Im Rahmen seiner etwas simplen Struktur starke Szenen: Juan in Badehose sieht der Beerdigung zu, Juan und der angstvolle Stierkämpfer, Juan im Kreis der „Blumenkinder“, Juan der „Don Quichote“, Juan und der „Erfinder“ im Rhönrad.

„Mensch, hab doch endlich mit Dir selbst Erbarmen.“

 

Warum fühlt sich der Mensch so einsam, wo doch landauf, landab (wie solche Kunstwerke zeigen) dieselben Sorgen leben? (Das Problem liegt in der Schwierigkeit, eine Konstellation zu finden, wo sich dieselben Sorgen aufheben.)

Frauen, die L. im Ernst übertreffen, kann ich kaum finden. Morgen früh versuche ich die „Morgenpuppe“ anzureden!

Gute Nacht!

 

21. Mai 1982 - sexsüchtig

Dienstag, November 20th, 2007



[…] Gestern, beim Versuch, die „grandiose Schwarze“ wieder zu finden, stehe ich eine Weile am Bahnhof Baumschulenweg. Es wird eine richtige Schau üppiger Busen, meist reifer Frauen, nur mein Traum ist nicht dabei.

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Abends, im Berliner Ensemble, habe ich (leider durch die Arbeitskollegen gehemmt) nachhaltigen Blickkontakt mit einer schwarzen Schönheit in der Seitenloge, reife Frau, die ein wenig an Quevedo erinnert, aber ohne deren Herbheit und Adel.

Nach dem Theater sitzen wir im „Adria“. Das ist z. B. solch ein Schuppen, wo Kontaktweiber herumlaufen.

Auf dem Heimweg gable ich eine angetrunkene, mindestens 55-Jährige auf (extrem kurzer Rock, fester Busen), aber schließlich weist sie mich doch ab.

Es ist der Zustand der Haltlosigkeit erreicht.

[…]

Die Analyse meines Tagebuchs wird mir zum Bedürfnis. In der nächsten Woche werde ich das tun. Das Übergewicht des Sexuellen, das sich hier wiederspiegelt, zeigt, wie sehr ich gefangen, unfrei bin. Es wird Zeit, daß ich zur Tat komme. Das Onanieren hatte gestern und vorgestern wieder stärker zwanghaften Charakter.

L. ging heute gegen 21 Uhr weg, „schwofen“. Nun ja, das Unglück wird wachsen. (Wichtig ist aber auch, zu Schlafen, wieder zu Kraft zu kommen. Ich zerstöre mich selbst.) In Ermanglung von Taten, ist der Umgang mit Aktphotos zur Manie geworden.

Und was das ganze Leben ausmacht, beginne ich zu vergessen.

Das Leben ohne Liebe entmenscht mich. Ich glaubte, daß ich nicht lieben solle, daß ich es nicht will. Doch fürchte ich, daß ich es gegenwärtig gar nicht kann. - Vom Schicksal verurteilt!

[…]

Der Theaterbesuch hat mich empfinden lassen, wie entfernt von der Welt des Geistes und der menschlichen Ideale (Werte) ich inzwischen bin.

[…]

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# Das Bild aus der Zeitschrift „Fotografie“ habe ich ohne Unterschrift herausgeschnitten. Ich glaube, es zeigt, wie in Frankreich nach der Befreiung vom Faschismus eine „Deutschenhure“ geschmäht wird. #

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24. April 1982 - englischer Humor

Montag, Oktober 29th, 2007



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Der englische Karikaturist Pont in der von Herbert Sandberg im „Magazin“ betreuten Reihe „Der freche Zeichenstift“.

 

 

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Viel Besuch zu L.s Geburtstag, u.a. Vent, Bondzio, Schwarzbach, Fränze, Tannert, Bernd und Veronika Wagner, Fretwurst, Colberg. […] Tannert und Schwarzbach wollen philosophieren, z. B. über den Tod. Tannert ist von „Stalker“ beeindruckt, will mir Buch über Piaget geben und lädt mich zu entsprechender Diskussion ein.

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23. April 1982

Samstag, Oktober 27th, 2007



[…] gestern übrigens mit Marita zum Vortrag von Hilmar Frank in der Akademie der Künste; sehr interessant aber anstrengend, M. schläft ein.

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[…]

Eigentümlich, wie wir, Mar. und ich, uns nach anstrengendem Tag und langen, langen Gesprächen erschöpfen und dann nur zu einem freundlichen erotischen Spiel, nicht aber zu GV wirkliche Lust haben. Als ich ihr dies diesmal sagte - in Erwartung erneuten „Zorns“ - war ich nicht wenig erstaunt, sie sagen zu hören: „Da werde ich gleich froh.“ Sie genoß es, sich zärtlich an mich zu kuscheln, dies und das zu tun und zu sagen aber befreit von dem Druck, „beischlafen“ zu müssen. (Sie hätte es aber ertragen, um mich nicht zu enttäuschen.) So ist rührende Gehemmtheit mit sexueller Freiheit verquickt. Sie versteht etwas von der Welt der Zärtlichkeiten, wohl bis zur Raffinesse. Darauf bin ich wirklich gespannt - doch ohne es irgendwie eilig zu haben. Es stimmt, was ich schrieb: Wir kommen von weit her. Wir brauchen Zeit, wahrscheinlich mehrere Stunden für ein Spiel, das uns wirklich zu einem Glückserlebnis führt.

Viel Zwiespältiges in dieser Frau - doch viel, viel verborgene, versteckte Wärme und Wärmebedürftigkeit.

Der Streit mit ihrer Tochter, und wie sie ihn sogleich aus der Welt schaffte (ohne zu Zögern). („Wirklich ganz mein Herz gehängt, ganz hingegeben hab’ ich mich an meine Tochter.“)

Sie wollte wissen, ob ich sie „betrüge“ (!)

Während sie mit ihrer Tochter sprach, saß ich allein in der Küche und stellte mir F. vor, der aufjauchzt, wenn er mich sieht, und ich dachte an L. (Wir quälen uns beide aussichtslos, wenn wir glauben, diese Liebe wieder herbeizwingen zu können.)

 

09. April 1982 - Liebe und Sex

Donnerstag, Oktober 18th, 2007



[…] Warum hab ich die Zeichen bröckelnder Liebe nicht begriffen? Wie hab’ ich L. überschätzt? […] Was hat mich ihre menschlichen Schwächen immer so verkleinern lassen? Im Grunde kommt das aus der Sehnsucht, bei einem Menschen ganz und gar geborgen zu sein. Meine Schwäche, meine Angst vor der Einsamkeit, habe ich ihr aufgeladen. Ich wollte mich ihrer Vollkommenheit anheimgeben und hab sie so zum Götzen erhoben. Alleinseinkönnen, damit fängt (wie L. so oft betonte) das wirklich freie Verhältnis zum Adern an. Hoffentlich bin ich jetzt soweit.

Der Mensch kann nie bloßer Punkt sein, solang er lebt. Er muß sich immer beziehen. Aber der freie Mensch bezieht sich primär auf selbst gesetzte, objektive Ziele und erst über diese auf andere Menschen. Der Massenmensch bezieht sich primär auf Menschen, zwecks Produktion seines Glücks.

Marita ist von „Lady Chatterly“ beeindruckt. Als sie nach meinem Orgasmus weiter erregt bleibt, kommt sie auf die Stelle zu sprechen, wo der Schoß der Frau mit einem gierigen Schnabel verglichen wird. Ihre Äußerungen sind schwer zu werten. Sie scheint diesen Vergleich absurd zu finden, amüsiert sich darüber, zugleich glaube ich, daß sie doch irgendwie betroffen ist von diesem Gedanken. Wie ich ihre andauernde Aktivität erlebte? Nicht unangenehm. Sie hatte mich mehr oder weniger genotzüchtigt, ich fühlte kaum Verantwortung für ihr Lusterlebnis und keine Schuld, als es nicht eintrat. (Was aber trat bei ihr ein?) Diese Gefühle (des Verpflichtetseins) sind eigentlich das Belastende in solchen Situationen, zu Sollen, zu Müssen und nicht zu Können. Ihr Mühen an mir war daher eher angenehm. Wohin kommen wir, wenn ich sie mit Kraft und Begierde (aber mit Beherrschung) nehme? Wie war ihr Ablehnen meines starken Bewegens zu verstehen? Woran stellte sie das „Animalische“, das Freisein von Tabus und Hemmungen fest? Was bedeutet es ihr? Warum wollte sie mich unbedingt? Sie sagte Koketterie. Das hat sie doch nicht nötig. Wohl aber wollte sie die Frau auslöschen, von der ich kam…[…] Will sie noch mehr von mir? Ich glaube sicher. L. wird sie auch in mir „besiegen“ wollen. Aber außer diesen Motiven. Was erstrebt sie eigentlich? Lust? Glück? Wärme? Ich weiß es nicht. Weiß sie es? Frauen bzw. Situationen mit Frauen (nämlich ohne Liebe), bei denen Du Dir vorkommst, wie auf dem Prüfstand (bei L., bei Marita), nicht so bei Helga, nicht so bei Margot, die, ganz unerwartet, meine schönste, menschlichste Beziehung in dieser Zeit ist. Ist Marita schon mal Gewalt angetan worden? Wie frühzeitig fing sie mit dem geschlechtlichen Verkehr an? Leidet sie? Ich weiß nichts.

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08. April 1982 - bei Jörg-Heiko Bruns in Molsdorf

Dienstag, Oktober 16th, 2007



[…] W. Shakepeare (in „Magazin“ 1/81, S.12):

„Wir sind aus dem gleichen Stoff,

aus dem ein Traum besteht,

und unser kurzes Leben ist eingebettet

in einen langen Schlaf.“

G. B. Shaw, „Magazin“ 7/81, S. 21

„Menschen sind weise nicht proportional zu

ihrer Erfahrung, sondern zu ihrer Fähigkeit,

Erfahrungen zu machen.“

„Den Abstand wahren ist das Geheimnis der Kultur.“ […]

Schöne Stunden in Molsdorf bei den Bruns’

Jörg-Heiko Bruns hatte ich anläßlich einer Ausstellung von L. in Magdeburg kennen gelernt. Er war damals in der 70-er Jahren einer der Ersten in der DDR, die eine kleine Kunstgalerie (unter der Schirmherrschaft des Kulturbundes in Magdeburg) eingerichtet hatten und erfolgreich betrieben. In der Zwischenzeit hatte er die Leitung des Barockschlosses Molsdorf bei Erfurt übernommen.

Beide sehr aufgeschlossen und kameradschaftlich. Er erzählt mir von den Empfängen der Parteibonzen (13 Teilnehmer) im Schloß, Axen und die „pazifistischen Jagdteilnehmer“, der lebenslustige Schloßherr Gotter, das Erlebnis eines solchen Baus (von ihm geführt), z. B. auch der „Tränensalon“, auch schöne Malereien, das Deckengemälde als Tisch oder Tanzfläche nutzbar, Gipsmotive (mit Anzüglichkeiten) im Damensalon. Die Sammlung Erotica - was eigentlich zur Allgemeinbildung gehören sollte. Die kanadische Schreigans, die den Pfau liebt, der Kirchenbau, die ganze schöne Anlage, des Bild „alte Zigeunerin“, Frau mit geöffnetem Vogelbauer (das bedeutet, wie da sein Vogel einfliegen kann), das Bidet im Eckschrank.

Einige hübsche Erfurterinnen machen mir wieder Lust auf Frauen. Bin gespannt, wie mich Marita nächstens empfängt (Sie hatte es einmal fast haßerfüllt abgewiesen, Ansprüche aus einem Beischlaf abzuleiten.) Ihre eifersüchtige Abneigung, wenn sie sich nach L. erkundigt. Sie könnte Lust haben, mich „um den Finger zu wickeln“. Eine Beziehung voll der „gewöhnlichen“, lebendigen Kompliziertheit, die mich interessiert. Ihr späteres Eingeständnis, wie dringlich sie einen Mann sucht (für dauernd, für’s Heiraten). Ihre Reaktion, als ich ihren Wolfgang, ihren langjährigen Liebhaber, nach dem Bild, als dumm bezeichne (der doch so clever ist). Möchte mehr wissen, was sie beim Akt erlebt. Ihre Falten, ihre nicht erreichten Orgasmen.

Ich bin begierig darauf, mehr Mensch zu erfahren. Viel genauer möchte ich wissen, wie das Liebesleben verschiedener Menschen verläuft. Das macht Marita so interessant. Bei mir handelt es sich hierbei wohl kaum um Flucht oder Betäubung. Diese Studien werden bereichern aber nicht im tiefen Sinne glücklich machen. Das erwarte ich nicht. Nach den (partiellen) Befriedigungen wird es notwendigerweise auch Krisen geben. Darüber muß mich der Gewinn an Leben, an Einsicht hinwegbringen. […]

Margot ist fähig, sehr innig, zart und tief zu empfinden. „Immer, wenn ich aufwachte, spürte ich Deine Hände.“ Als sie spätnachts ins Nachbarbett sprang (weil sie neben mir nicht schlafen konnte) und ich mich dann besorgt daneben kniete, weil ich dachte, ihr sei übel - dies hat sie bemerkt und sagte, wie froh es sie machte. Die Sensibilität ihrer Hände. Wie schön sie von ihrer Arbeit sprechen kann. Unsere innige Harmonie beim Tanzen, ihre Spontaneität dabei. Der Abschied mit lachendem Gesicht. Wie fest sie mich umfaßte bei der Begrüßung.

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27. März 1982

Donnerstag, Oktober 4th, 2007


[…]

In diesen Stürmen: L. hält sich an die Kunst. Ich halte mich an Politik>Philosophie>Weisheit.

So ist jeder von uns schließlich standfest.

Aber daß Kunst und „Weisheit“ in uns sich nicht wirklich verbinden konnten!

[…]

Verantwortung für den Andern!

Das Individuum ist der Drehzapfen aller Kunst. Das verantwortungslose Individuum ist bestialisch.

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