Archive for the ‘L.’ Category

26. März 1982

Donnerstag, Oktober 4th, 2007


[…]

L. Mit der Mühe, die ich mir gebe, kann ich begreifen, daß dieser Abschnitt zu Ende gegangen ist. Warum er notwendig zu Ende gehen mußte, das kann ich noch nicht begreifen.

Hab’ ich in einer Phantasie, selbst erschaffen, gelebt?

Das Schicksal hat gesprochen - und ich danke für alles.

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09. März 1982 - Beziehungsgrübeln

Sonntag, September 9th, 2007

[…]

Ich bin dem „Logikprinzip“ unterworfen („Faust“ oder „Wagner“).

Sie ist dem „Phantasieprinzip“ unterworfen („Mephisto“).

Für sie hat es keinen Wert, etwas mit „letzter Klarheit“ gesagt zu haben. „Wahrheit um jeden Preis“ - was für mich wie der letzte Anker, der absolute Anker, erscheint (und unsereins hat nur nicht die Kraft, sich fest daran zu halten - da beginnt der subjektive Selbstbetrug), ist für sie kein Wert. Ihr „letzter Wert“ ist „das Leben“, „die Spontaneität“, die kein Letztes kennt, die das Erreichte sofort in Frage stellt, die absolute Bewegung. Daher muß sie da, wo ich „absolute Wahrhaftigkeit“ fordere, irrlichtern, ausweichen, feige erscheinen dem tumben Geist. Ja, wenn ich allzu nachdrücklich bin, dann regt sich ihr Widerstand, je mehr ich versuche durch Systematik, durch scharfsinnige Analyse das Unfaßbare zu fassen, umso mehr ist sie versucht, sich nun gerade nicht fassen zu lassen und mich auch bewußt und absichtlich an der Nase herumzuführen, auszutrixen, den Selbstgerechten für dumm zu verkaufen, zu beobachten, wie der ach so Logische sich an den unwahrscheinlichsten Strohhalm klammert, letzten Endes zu erleben und zu genießen, wie der verhaßte „Wagner“ untergeht.

Mit L. nach meiner Fasson leben zu wollen, heißt den Wind in meine Kammer einzusperren. - Entweder die Kammer wird gesprengt oder der Wind entartet zum Furz und stirbt.

[…]

Daß L. letztlich Widersprüche nicht auflöst, sondern lebt, hat auch mit ihrer Kunst zu tun und ist ein Urquell dieser Kunst.(Daher weiß ich, daß ich im Tiefsten unfähig bin, Kunst zu schaffen.) Die künstlerische Gestalt muß diesen Widerspruch tragen, darf ihn nicht aus sich herausgereinigt haben. Freilich gibt es oberflächliche und tiefere Widersprüche - hier muß wieder die Logik des Lebens zu ihrem Recht kommen. […]

Ohne Abstraktion keine Tiefe! Freilich geht es um spezifisch künstlerische Abstraktion.

[…]

Heute morgen am Bahnhof Friedrichstraße ein Mann und eine Frau - es sah wie eine Dienstreisebekanntschaft aus - deren Münder buchstäblich ineinander verbissen waren. (Bildmotiv: Das sich verschlingende Paar.)

Eindruck vorige Woche: Mann und Frau (Mitte/Ende 60J.) steigen aus dem Bus. Sie, ungeschickt, behindert ihn. Er, mit großem Gesicht, riesigem Mund, mächtiger, hängender Unterlippe (ein altes Schwein-Ungeheuer) brummt irgend etwas. Sie (während des Aussteigens, kläglich):“Du hast mir doch gesagt, daß ich das so machen soll.“ Ich sehe sie draußen stehen. Er, über sie gebeugt, redet scheltend auf sie ein. Sie (kleiner), weggebeugt, den Unterarm wie zum Schutz vor einem Schlag erhoben, vor ihrem Gesicht, lamentiert weinerlich. (Das war am 4.3., vergl. dort letzten Absatz) Danach hatte ich keine Freude mehr, mit der schönen Frau zu äugeln. (Sie hatte die Szene übrigens übersehen.)

[…]

Je mehr sich eine Frau schön macht, umso mehr macht sie es für sich selbst.

Überhaupt Menschen, die vor allem sich selbst erleben.

Während der Mittagspause blicke ich krampfhaft nach Frauen, die mir gefallen könnten.

Der Mann kann nicht wissen, was es heißt, die Frau zum Lustobjekt zu machen, solange er nicht selbst als Begattungswerkzeug benutzt wurde.

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Zwei Äußerungen bedeutender Künstler der DDR zum Tode von Konrad Wolf.

Dieses Bild hätte ich ohne Hebbel nicht richtig verstanden:

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„Die Klage ohne Trauer ist mehr noch als die Trauer ohne Klage, dasjenige, was die Menschenseele, wo sie auch sehen oder hören mag, erdrückt. Es ist das Leben selbst, hingestellt in seiner vollen Bedürftigkeit.“ (6.8.1836)

weiter Hebbel: (18.7.36) „Unendlich viele Menschen haben nie einen Gedanken gehabt und sehen doch wie Denker aus; sie sind wie Kartenspieler: unendliche Kombinationen durch wenige, gegebene Blätter. Solchen Menschen ist nichts begreiflich zu machen.“

„Mensch mit Mensch im Verhältnis will immer Steigerung dieses Verhältnisses, wenigstens die Möglichkeit derselben. Darum ist der Kulminationspunkt solch eines Verhältnisses oft zugleich der Gefrierpunkt…“(2.9.36)

„Ach, die leidige Halbheit, die Mutter innerer Verzweiflung und jedes äußeren Konflikts.“

„Es wäre ein geistiger Zustand denkbar, wo der Mensch, indem er sich ganz und gar an den irdischen Kreis gewöhnt hätte, in einen anderen nicht mehr eintreten könnte; und die wäre, was Verdammnis heißen sollte.“ (S. 42)

„Töten, das Aufheben einer eigentümlichen Lebensrichtung.“(S. 43);

[…]

 

01. März 1982 - „sich objektivieren“

Sonntag, August 26th, 2007

Als ich morgens das Radio aus L.s Arbeitszimmer hole, sehe ich die Skizzen, die sie gestern Abend noch gemacht hat. Ich bin begeistert darüber, daß sie gleich gearbeitet hat, wie sie die Anregungen des Tierparks und ihr eigenes Erleben verarbeitet hat. […] In dieser Situation wird meine Schwäche gegenüber ihrer Stärke deutlich. Sie hat gearbeitet, sich objektiviert, ich hab’ gegrübelt. Sie hat eine winzige Anregung des Lebens zu einem Sinnbild erhoben. Ich konnte aus derselben Anregung nichts machen. Ob hier außer der Verschiedenheit unserer Talente auch die Verschiedenheit von Wissenschaft und Kunst hineinkommt?

Kunst als die Form das „Unbeschreibliche“, „Unaussprechliche“ darzustellen, kommunizierbar zu machen? Ja und nein. Gestern Abend hatte ich das deutliche Gefühl, daß es demgegenüber ein Erleben gibt, daß überhaupt nicht objektivierbar ist, daß jede Objektivierung ein Schemen bleibt. So muß der Regenwurm erleben, der sich stumm krümmt, der Wolf, der einsam heult. Ich glaube, daß wir - bei Strafe unseres Tierwerdens - objektivieren müssen, mit all unseren menschlichen Möglichkeiten ganz umfassend objektivieren müssen.

Vorsicht, daß diese Protokolle nicht eine Scheinobjektivität bleiben. Ich muß die Wege zu ihrer weiteren Objektivierung, Verallgemeinerung finden.

Dialektik. Die Bewegung ist absolut. Darauf ist das Leben zu bauen. Wir wollen immer irgendwo den Hafen des ruhigen Glücks.

Das Leben als ewige Reise durch die Welt, um nicht zu sagen als Flucht: Parsifal, der fliegende Holländer, der ewige Jude, Herkules, Jesus, Gorki, Bernd Wagner usw. usw.

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Ein Witz, den wohl nur versteht, wer die Fenster der DR- Deutschen Reichsbahn - kennengelernt hat.

Sich die ganze Welt, der Menschen Fülle aneignen. Das muß ich auch, wenn ich über das einzelne Protokoll hinaus zur Verallgemeinerung gelangen will. (Die Lebenslaufanalyse scheint mir hier unersetzlich, an ihr, am einzelnen Menschen werden alle Teilungen (der Arbeit) wieder zusammengeführt.) Das setzt detaillierte Kenntnis vieler Lebensläufe voraus, um sinnvoll „Erlebenstypen“ der Menschen unterscheiden zu können. Intimkenntnis dieser Art ist rel. schnell über erotische Beziehungen zu erreichen, also für mich nur über Frauen. Trotzdem den erotischen Weg nicht überschätzen. Wirklich allseitige Kenntnis ist auch nur über allseitige Beziehungen erreichbar, praktische und geistige Beziehungen.

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Das soziale Gebäude ist selbst in der Dialektik von Bewegung und Ruhe (wie der Baum gleichzeitig abgestorbene Rinde und und junge Triebe trägt). Oft erscheint der Versuch, sich von gefestigten sozialen Beziehungen, Werten zu lösen als asozial. Aber welch nichtssagendes Wort ist „asozial“. Es bezieht sich sowohl auf den, der ins Vorsoziale absinkt, wie auch auf den, der scheinbar ähnliche Verhaltensweisen annimmt, weil er ein Soziales viel höherer Art hervorbringt (L., Bernd Wagner, ich?).

Der verderbliche Wunsch, einen anderen Menschen als Schutzschild gegen Veränderungen einzufangen! (Frauen, die mit diesem Ziel Männer kennenlernen), lebensdumm bis dorthinaus. (Das Paradies, die Tröstungen der Religion haben auch viel davon.) Daß heute die Menschen so „atomisiert“ sind in der Gesellschaft (und es noch weiter werden, wie man an der Jugend z. B. sieht), ist eine Hoffnung (obwohl diese Entwicklung so viel Leid mit sich bringt).
Warum? Nur aus sich selbst kann der Mensch die Kraft finden zur Freiheit im oben gemeinten Sinne: Freiheit zur allseitigen sozialen Bindung setzt Unabhängigkeit, Freiheit von jeder Einseitigkeit der sozialen Bindung voraus. Nur auf dem Atom kann sich die Welt drehen.

[…]

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Bei Bernd (Wagner) endlich mal ein Gespräch ohne die sonst aufkommende Gehemmtheit.

Über dieses Gespräch habe ich übrigens hier berichtet.

Um das Arbeiten gings und um das Tagebuchführen. Canetti und Hebbel ausgeborgt. Canetti unterscheidet Aufzeichnungen (von spontanen Einfällen), Merkbücher (für Ereignisse im Zeitablauf) und Tagebücher der Zwiesprache. Für ihn sind diese Formen immer Bestandteil des Ringens des Schriftstellers um sein Werk, d.i.also gerade nicht mein Gesichtspunkt. Trotzdem werd ich diesen kleinen Aufsatz noch einmal zur Hand nehmen und für meine Methodik auswerten.

Schönes Bild heute: Eine Kindergärtnerin sperrt die Straße, die Autos warten und wie bunte Kartoffeln kullern die Kinder über die Straße. Des Lebens Ernst war für einen Augenblick lustigem, sicherem Spiel gewichen.

[…]

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Vom Eulenspiegel aufgespießt. Heute glaubt man sowas kaum.

28. Februar 1982 - Aus. Und Wohnungssorgen.

Samstag, August 25th, 2007

Lieber K.!

Eigentlich geht es um die Frage, unter Nutzung welcher theoretischer und methodischer Voraussetzungen, auf der Grundlage welcher objektiver und subjektiver Fakten der Entwicklungsweg einer einzelnen Persönlichkeit in seiner inneren Logik und Gesetzmäßigkeit dargestellt werden kann. Das Grundinteresse ist also ein Theoretisches, Aufdecken der Entwicklungslogik einer Persönlichkeit, jedoch denke ich zugleich daran, daß aus derartigen Erkenntnissen Orientierungen und Hilfen für das praktische Verhalten einzelner Persönlichkeiten abgeleitet werden könnten.

Aus diesem Blickwinkel interessieren mich die Erkenntnisse, angefangen von den weltanschaulich-theoretischen Grundlagen bis hin zu eventuell erarbeiteten Methodiken der psychologischen und soziologischen Biografieforschung, Tagebuchforschung, Einzelfallforschung. Dabei ist es mir zunächst gleichgültig, ob sich derartige Ergebnisse auf vorliegende ausgewertete oder erst konzipierte Biografien und Tagebücher beziehen. von besonderem Interesse wäre dabei die Problematik der Selbstbiografie oder anderer Formen der Selbstbeschreibung und -analyse. Dankbar wäre ich Dir sowohl für Literaturangaben als auch für vielleicht vermittelnde Gesprächspartner. So weit. Schönen Dank schon jetzt für Deine Bemühungen.

Ein Versuch, mir theoretische und methodische Hilfe zu organisieren. Er war wenig erfolgreich.

Wenn mir ein Problem sehr schwer wird, gibt es zwei Arten zu reagieren.
Entweder ich stelle mich ihm in seiner ganzen Größe und Bitterkeit und unterliege oder werde mit ihm fertig. Das erfordert meist auch, sich zurückzuziehen, allein zu sein. Zu Unterliegen, das bedroht mich freilich ganz und gar. Diesen Kampf aufzunehmen und zu bestehen ist aber die einzige Möglichkeit, eine freie Persönlichkeit zu bleiben (oder zu werden). Oder ich flüchte vor ihm (vor mir selbst). Eine recht wirksame Möglichkeit dafür ist es, unbedingt sofort neuen sozialen Kontakt aufzunehmen, sei es erotisch, sei es sozialpsychologisch (Kneipe). Damit läßt sich das Leben lange Zeit (vielleicht sogar überhaupt) fristen, sogar mit Lustgewinn aber es ist die Grundsatzentscheidung, nicht frei zu sein, sondern sich auszuliefern. Die Kraft zur Selbstbestimmung fehlt und ist so auch nicht zu erlangen.

Heute morgen antwortet mir L. mit aller Überzeugung, daß sie sich schon längst von mir getrennt hätte, wenn F. nicht wäre. […]

Dies ist der Zeitpunkt der letzten Konsequenz. Es gibt keine andere Möglichkeit, als sich zu trennen. (Ein Kind - wie schon in meiner Ehe - kann diese Entscheidung nicht verhindern.)[…]

In diesem Verhältnis liegt es - und gerade bei seinem Ende - zum Greifen offen, daß nicht irgendwelche Verfehlungen das Ende einer Liebe bringen, sondern daß das Leben selbst, die „wirkliche Daseinsweise der „Naturen“ der beiden Partner“ sie ebenso voneinander löst, wie es sie einst aneinanderfügte. Das ist das Schicksal der Liebe im Leben. Wir haben das beide begriffen und können es menschlich verarbeiten; als letzten Liebesdienst dem Anderen keinen Schmerz zusätzlich bereiten, ihm vielleicht sogar ein wenig helfen.

Mir fällt der Schritt schwerer, denn nicht ich, sondern L. hat sich ursprünglich gelöst. Das weitere Nebeneinanderleben im Haushalt wird für mich vielleicht unerträglich sein. Deshalb muß ich dringend eine Wohnmöglichkeit finden, und zwar eine eigene. Das erneute Zusammenleben mit einer Frau ist z. Z. völlig undenkbar. Ich muß also a) - meinen Wohnungsantrag energisch verfolgen und b)- nach einer Schnellösung suchen. Ab Frühjahr käme sogar die Gartenlaube in Frage, ist aber im Grunde doch undiskutabel. Die Trennung aller möglichen gemeinschaftlichen Dinge wird durch unsere Großzügigkeit erleichtert. Sie wird erst aktuell, wenn ich eigenen Wohnraum habe.

Was F. betrifft, bin ich ratlos, bin ich verzweifelt. Sicher wird L. großzügig sein, manchmal sogar gern auf meine Hilfe zurückgreifen und auch F. den Vater möglichst erhalten wollen. Und doch sehe ich hier nur einen Quell unendlicher Schmerzen, gar nicht vergleichbar mit meinen anderen Kindern. (Sie alle waren auf den Weg gebracht und konnten mit Mutters Hilfe allein gehen, ihnen entstand erträglicher Schaden.) F. braucht mich noch voll und ganz und eigentlich noch viel mehr, eigentlich braucht das arme Kind Eltern, liebende Eltern.

Wirklich ans Herz gewachsen ist mir auch der Garten. Ihn werde ich sicher nicht auf einen Schlag verlieren, und schließlich werd’ ich die Narbe zu tragen wissen.

Vor mir liegt wirklich das endgültige „Aus“. Ohne jede Hoffnung auf Neuanfang. Diese Hoffnung gibt es nicht, sie kann nicht sozusagen über eine Zeit hinweggerettet werden, denn sie existiert nicht, nur in meinem Hirn.

Ein Brief ans Wohnungsamt

Werter Herr Lange!

Betr. Ihr Schreiben vom 27.1.1982

Mit Ihrem Stellvertreter war bei meiner letzten Vorsprache festgelegt worden, daß eine Überprüfung meiner Wohnsituation in meiner Gegenwart vorgenommen werden sollte (Es war von telefonischer Anmeldung der Überprüfung die Rede.) Halten Sie eine Überprüfung auf dem Wege der Befragung Dritter für so viel aussagekräftiger? Abgesehen davon bin ich sehr erstaunt darüber, daß Sie mich in Ihrem Brief vom 27.1.1982 - 2 1/2 Monate nachdem Ihnen ein schriftlicher Überprüfungsbericht vorlag und erst nachdem ich eine Antwort angemahnt hatte - über die Wohnverhältnisse von Frau B. (L.) informieren. Darum geht es überhaupt nicht. Es geht um meinen Wohnungsantrag, der seit 1975 registriert ist und seitdem nicht berücksichtigt wird. Ihrer zuständigen Bearbeiterin, Frau Bartkowiak, habe ich schon vor einem halben Jahr mitgeteilt, daß die Lebensgemeinschaft zwischen Frau B. und mir als aufgelöst zu betrachten ist.

Wenn Sie wirklich daran interessiert sind, meine Wohnsituation kennen zu lernen, möchte ich Sie gern zur Besichtigung meiner Gartenlaube in Pankow-Heinersdorf einladen, in der ich - ohne Heizung, ohne Strom- und Wasseranschluß - bis Oktober 1981 gewohnt habe und sobald es die Witterung wieder zuläßt im März/April 82 wieder wohnen werde.

Unter Berücksichtigung dieser Umstände halte ich meine Wohnraumversorgung noch 1982 für dringend notwendig und bitte dies nach nochmaliger Beratung, ohne daß weiterer Zeitverzug zugelassen wird, positiv zu entscheiden.

Mit sozialistischem Gruß

Ich konnte glücklicherweise auf einen schon lange (seit meiner Scheidung) laufendenWohnungsantrag verweisen. Durch das Zusammenleben mit L. gab es jahrelang für mich, obwohl ohne eigenen Wohnung, kein Wohnungsproblem. In meiner dringlichen Situation jetzt, hatte ich berechtigte Hoffnung auf einigermaßen kurzfristige Wohnraumversorgung, zu der es schließlich auch kam.

 

Erzwungene Untätigkeit, während ich abends auf Besuch warte. Ich mit mir allein - so unnatürlich wird ja diese Situation nicht sein. Ich muß mich davor bewahren, daß meine Gedanken in die glückliche Vergangenheit gleiten, sonst weiß ich nicht, wie ich mir das Leben bewahren soll. So wehrlos, wie diesen Schmerzwellen, war ich noch nie ausgeliefert.

Packen, das Leben, die Zukunft, eine Aufgabe - nicht, weil ich so einen starken Willen habe, weil ich mich aufraffen kann usw., nein, weil dies die einzige Fluchtmöglichkeit vorm Tod ist. Etwas völlig Neues zu machen, das ist meine einzige Chance. Denn in Allem, was ich bisher gemacht habe, ist sie. Das meiste habe ich nur für sie gemacht.

Wie soll ich diesen meinen Leib von mir abschneiden?

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19. Februar 1982

Mittwoch, August 8th, 2007

Einem Hinweis Dr. Blühers folgend sichte ich „Handbuch der Psychologie“, Göttingen 1964, Bd. „Psychodiagnostik“, um Hinweise zur Biografieforschung zu kriegen. Dort, S. 875f zur Lebenslaufanalyse:Bühler 1959 gliedert den Lebenslauf nach obj. Daten (Ereignissen, Handlungen), subj. Daten (Erlebnissen) und Leistungen (Produktionen = biol., soziale, geistig-kulturelle, mat. Wertschöpfungen). Dort Hinweise auf Thomae, Salber u.a. und den Bd. 4 desselben Handbuchs.
Ich greife aber zur aktuelleren „Die Psychologie des 20. Jahrhunderts“, 1977, Kindler Zürich, Bd. 5, Kapitel „Fallstudie und Längsschnittuntersuchung“ von H. Thomae, S.213-235. Dieser Aufsatz ist gründlich auszuwerten. Hier halte ich nur die 4 Grundforderungen Thomaes an den Bearbeiter einer Lebensgeschichte fest:
1.Überschaubarkeit der Bedingungen des Phänomens und des Berichts darüber
2. Unvoreingenommenheit
3. soziale Konkretheit (Einbettung) der Aussagen
4. Vollständigkeit der Darstellung

L. zum Fasching ich zum Festival des politischen Liedes (Politkirmes).
Wie könnte sich unsere Beziehung weiterentwickeln? Sie wird den Brocken runterspülen, der ihr in der Kehle sitzt, sobald Gelegenheit ist, ob bei diesem Fasching oder später. Das ist sie sich als „unabhängige“ Frau schuldig. Möglicherweise muß ich aber auch einen solchen Denkzettel kriegen, um
nachhaltig von meiner Lust an Amouren (so weit Ursachen bei mir liegen) geheilt zu werden….
Und doch ist dieser Schritt, den sie wohl gehen wird, zumindest gegenwärtig für sie keine reine Freude. Denn mit meinem unakzeptablen verhalten wurde ihr zugleich die Unhaltbarkeit ihre eigenen Verhaltens viel nachdrücklicher bewußt. So ist sie - nach ihren eigenen Worten- verwirrt, und ihr Händedruck spricht eher von gestiegener Zuneigung. Diesen gordischen Knoten wird sie vermutlich durchhauen. Wenn der Teufel das will, bringt ihr das paradiesische Erlebnisse und damit für uns drei höchste Gefahr und gar das vorläufige Aus. Wahrscheinlicher scheint mir aber, daß dieser Sprung ins kalte Wasser ein sehr zwiespältiges Erlebnis wird und bald zu ernsthafter Reue führt, die uns dann, zusammen mit der Härte, die das in in jedem Fall für mich bedeutet, auf einer besseren Ebene wieder ordentlich zusammenführt.
Ich schreibe dies alles fast wie ein Außenstehender, sogar mit einer Spur von Belustigung darüber,
wie das „Schicksal“, selbst wenn ein Stückchen davon richtig erkannt sein sollte, unbeeindruckt davon seine notwendige Bahn zieht.
Eigentümlich auch der Gedanke, daß die eben gestellte Frage im Moment dieses Schreibens vielleicht schon entschieden ist.

Auf jeden Fall war es nicht schlecht, in dieser Zeit durch die politischen Lieder erneut von dieser anderen Seite des Lebens zu erfahren.

Es traten auf:blog820219-11.jpg
„Cancione delle Lame“, Italien; Gerd Schöne, DDR; „Trovante“, Portugal; „Adhoc-Singers“, USA; „Kollektief international Nieuwe“, Niederlande; Hannes Wader, BRD; „Illapu“, Chile.
Es war wieder ein schönes Erlebnis. Und jeder der Auftretenden brachte etwas Gutes, selbst Hannes Wader, der Starmanieren hat.
Die beeindruckenden Erlebnisse dieses Festivals lassen den Wunsch nach mehr stark werden…. Mehr ist hier nicht nur quantitativ gemeint, vor allem anders, noch besser, mit Übergängen zu Tanz, zu Begegnung und direkter Kommunikation (wie bei den Weltfestspielen), besser im Sommer und im Freien und noch mehr eigenen Aktivität der Jugend (der Schulen z. B.) bei der Organisation. (Es müßte billig sein und romantisch.)
Auf dem Rückweg treffen wir Chr. Donath, die Grafik (10,-M/Radierung) angeboten und nichts verkauft hatte. Morgen geht sie nochmal.

Wenn F. etwas gebaut hat, und er baut sehr schön Straßen, Brücken, Häuser aus seinen Klötzern, dann kommt der Zeitpunkt, wo ihn eine wahre, elementare Zerstörungs“wut“ packt, und er alles bis auf den letzten Stein durcheinanderwirbelt, so als müsse er sich von der Fesselung durch das Geschaffene befreien…

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Chris berichtet von ihrer Schule, von Lehrern, die sich auf ihre halbmilitärischen Umgangsformen mit den Schülern etwas einbilden: „Aufstehen!“, „Raustreten!“ (aus der Bank), „Danke, Setzen!“
Jede Stunde wird „zackig“ gemeldet, daß die Klasse zum Unterricht bereit sei (auch wenn Einige gerade erst noch ‘reinkommen).

Wann sind Eindrücke für uns wirklich Eindrücke?
Heute sah ich in der Bahn eine interessante, bleiche, dunkle Frau, eine „seelische“ Schönheit. Ich denke an andere Tage, die sofort ein scharfes oder auch nur starkes Mannesinteresse geweckt hätten. An diesem Tag wurde der Eindruck kaum wahrgenommen und löste nichts aus.

16. Februar 1982 - Ende des allerersten Protokollheftes

Dienstag, Juli 24th, 2007

Gestern auch „Eule“ 7/82 kurz gesichtet.

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Die Besprechung von Paschillers Buch von Matthias Biskupek gefällt mir gut. Warum?
„Man“ (das heißt unter den Bekannten, unter denen, „die dafür ein Organ haben“) ist sich darüber einig, daß Doris Paschiller „eine Ausstrahlung hat“. „Sie hat etwas“, lautet meist der gewichtige, unbestimmte Satz.
Sie hat wirklich etwas - strahlende blaue Augen, ein Gleichmaß des Verhaltens und sich Äußerns, meinetwegen ein In-sich-ruhen. Ich glaube darüber hinaus, daß sie auch noch die Illusion hat, dies genüge schon. Wir „konnten nicht“ miteinander. Als sie - vor Jahren bei L.s Ausstellungseröffnung im Berliner Prater - sagte, sie habe schon fünf Schauspiele geschrieben, fiel bei mir so etwas wie eine Klappe. Danach versuchte ich sie zu reizen oder zu provozieren. Darauf sprang sie aber nicht an.
So blieb immer ein Patt zwischen uns (aber vielleicht ist das ihre Art sozialer Beziehung.)
Na und außerdem als Freundin des Maulaufreißers Jürgen (Max) Stock.

Der „Karin-Ohde-Exkurs“ ist auch für L. Anlaß, über uns (an Hand der K. Horney-Lektüre) nachzudenken. Zwingen so Tatsachen auch sie zu größerer Entschiedenheit? (Mich nicht so recht lieben, mit mir aber zusammen bleiben, andere partiell mögen (lieben), kaum Erotik zwischen uns - d.i. ja nicht zuletzt ein von L. ausgehendes Durcheinander, Inkonsequenz).

Mit Dr. Heyse ein 50 Std.-Verhaltenstraining vereinbart. Bei aller Partnerschaft keine ungehemmte Sympathie. Viele Psychologen, die ich kenne, scheinen mir irgendwie gehemmt, aber so, als verstünden sie es gekonnt, mit ihrer Hemmung umzugehen.
. Ich freue mich darauf, dieses umfangreiche Vt. kennenzulernen und mir anzueignen.
. Ich sehe davon ausgehend Möglichkeiten, der „psychologischen Optimierung“ unseres Lehrgangs einen Schritt näher zu kommen.
. Ich sammle damit zugleich Gedanken für meinen Diskussionsbeitrag/Erfahrungsbericht für die Rostocker Konferenz im September.

Mein soziales Grundgefühl ist, daß diese Gesellschaft mich braucht.
L.s soziales Grundgefühl ist eher, daß die Gesellschaft sie nicht braucht, und sie nicht die Gesellschaft.
So oder so gibt es dieses Gefühl bei vielen Anderen.
Bei anderen gibt es das Bedürfnis, mit Haß auf diese Gesellschaft zu antworten.

In der „Weltbühne“ u.a. wichtiger Artikel über die Memoiren des Schönhuber. Die nazistischen „Alternative“ ist in der BRD immer präsent.

„Welt der Kunst“, Monografie über Beckmann; kann man nicht schnell nebenbei lesen. Schon auf der ersten Seite exponiert Rimbaud:“Der Vorstoß des Poeten ins Unbekannte“.
Auch meine Protokolle stellen einen solchen Versuch dar.
Doch Feindschaft will ich halten, gegen das nur in sich selbst rasende Individuum.

Ende dieses ersten Heftes von Protokollversuchen. Weiter geht es mit einem A4-Band und Bemühungen zu rationellerer und übersichtlicherer Darstellung.

15. Februar 1982

Donnerstag, Juli 19th, 2007

Das Festival des politischen Liedes präsentiert die „ins Fleisch geratenen“ Pioniere der Singebewegung. Stolz werden die 10-, 12-, 15-jährigen Traditionen erwähnt. Lyrismen über unser Leben, um nicht zu sagen Schmalz. (Nein, das wäre ungerecht.)

Ungeklärt für mich:Wie kommt es konfliktlos, sozusagen gleitend, zur Erneuerung in unserer Gesellschaft? (Das muß auch dadurch geschehen, daß neue Leute ‘rankommen.)

L. liest weiter über die neurotischen Menschen. Karen Horney, „Der neurotische Mensch unserer Zeit“ schildert, welche Neurotizismen für Liebe gehalten werden. L. fragt, was ich unter Liebe verstehe, da ich doch so entschieden meine Liebe zu ihr betone. Dabei bemerke ich, wie lange ich mir diese Frage nicht gestellt habe.

Vor dem Einschlafen die ersten beiden Gesänge der Hölle von Dantes „Göttlicher Komödie“ gelesen:

„Es war in unres Lebensweges Mitte,
als ich mich fand in einem dunklen Walde;
denn abgeirrt war ich vom rechten Wege.“

11. Februar 1982 - Fasching mit Folgen

Mittwoch, Juli 18th, 2007

Als ich 17 Uhr von der Arbeit nach Hause komme, schneidern E. und L. an meinem Faschingskostüm, das ein Meisterstück wird: “Neptun”.

20.30 bis 1 Uhr Fasching bei H. (L. bleibt noch etwas länger wegen E.)

Schon beim zweiten Tanz mit K. muß ich mich für meine Erregung entschuldigen; halb, halb bitte ich das auch als Huldigung zu verstehen. Beim nächsten Tanz sagt sie, daß sie meine Huldigung mag. (Auch HePa damals am FKK-Strand war von diesem Zeichen kaum unangenehm berührt oder HeGrü beim ersten Kennenlernen.) 10 Minuten später sitzen wir abseits auf einem Sofa. Mutwillig (oder eigentlich Besitz ergreifend) nehme ich ihre Brüste und berühre ich ihren Schoß. Wir wissen, daß wir miteinander schlafen wollen, und sagen es uns. Wir sind voneinander berauscht. Sie verschiebt ihre geplante Reise, so daß wir uns heute
12. Februar 1982
treffen können.

Die Nacht war kurz. 2 Uhr geschlafen, 6.30 Uhr aufgewacht (schlecht geschlafen, in wachen Momenten immer bei K).
Tagsüber viele Gespräche im MSAB.
Interessant, wie sich in der Arbeit der Genossen dort aufs Engste Routine und Zeitvergeudung mit Schöpfertum und Verantwortlichkeit verbinden. Beeindruckend, wie sie alle, nach beliebigen Unterbrechungen absolut sicher und exakt den ursprünglichen Gesprächsfaden wieder aufnehmen.

2 Std. Sauna.
Jetzt ist es 16 Uhr durch. Ich sitze in der Stadtbibliothek. 1 1/2 Std. Protokoll, dann fahre ich zu K., 31 J., Soziologin, arbeitet in der Psychiatrie in Herzberge, ledig, kinderlos, groß, schön, schwer. Zwei Verrückte haben sich getroffen. Sie ist Weib. Sie sagt: “Ich bin gern Frau und ein bißchen naiv.” Ich glaubs. Was hier beginnt, ist weder beiläufig noch zufällig. Ich kann und will nichts verbieten, auch wenn es teuer wird.

R. R., die doch auch beim Fasching war, war abgehängt (außer einigen üppigen Küssen). Mit meinem Kostüm und meiner maulfrechen Draufgängerei hab’ ich dort Furore gemacht. Wie leicht es manchmal ist, Frauen zu beeindrucken.

Wenn ich mit meinem jetzigen Gefühl manche der Formulierungen (zu Sex) der letzten Tage lese, so denke ich, daß Pornografie auch damit zu tun hat, daß sexuelle also zwischenmenschliche Ereignisse und Beziehungen ausschließlich aus der Lust und Begierde des Einen abgeleitet werden. Die Rechnung wird ohne den Wirt gemacht. Dadurch kommt Rücksichtslosigkeit, Starrheit, Kälte hinein, Einseitigkeit, Übertreibung oder gar Verirrung.

Die gleichen Ereignisse, Szenen, Lüste und Begierden zweier Menschen behalten ihre menschliche Qualität.

Ich denke auch an L. Unser Zusammenleben hat tatsächlich mit diesem Erlebnisbereich nur noch wenig zu tun. Was sich hier anbahnt ist ein unvermeidliches, wenn auch lange aufgeschobenes Fazit aus unserem erotischen Standard. Was kommt danach?
Kränkung und Bitterkeit? kameradschaftliches Zusammenleben? neue Liebe irgendwann?
13. Februar 1982
gegen 0.30 Uhr von K. zurück, 8 Uhr aufgestanden, L. kommt gegen 10 Uhr mit F. von der Kinderklinik zurück, F. mit Mittelohrentzündung.
Offenbarung der Sachlage, 11-14 Uhr Garten.
Danach bin ich Kinderhüter, und sie geht in den Garten.
Zwischen 20 und 22 Uhr ein wenig Sprechen mit L. über “die Sachlage”. Wie ist sie?

Mit K zwei-einhalbmal “den Berg erstiegen”. Was bleibt? Nichts, gar nichts. (Nicht, weil sie nicht “gut im Bett” wäre.) Ich hab ihr schon gleich gesagt, daß ich nicht wiederkomme. (Am Rande könnte ich diesen oder jenen Eindruck schildern, aber es ist mir so unwichtig.)
Hab’ ich mich auch durch dieses Buch und die “Seelenzergliederung” in eine bestimmte Richtung fixiert, mich selbst irregeleitet?
(Wenn mir auch nichts bleiben sollte, so doch wenigstens eins: Wort und Tat stimmen halbwegs überein.)

Zu L. sagte ich heute Abend mein augenblickliches Fazit:
- Ich schäme mich.
- Ich betrachte mich nicht m Besitz eines Freibriefs.
- Ich weiß, daß ich nichts versprechen kann (so zerknirscht mir auch momentan zumute ist), denn die Ursachen (die sexuelle Unbefriedigung) bestehen zwischen uns fort.

L. ist betroffen. Wie sie es angekündigt hatte, “kämpft” sie nun nicht um mich. (Das dieses Mal schon vorbei ist, glaubt sie übrigens nicht.) Wir werden uns einige Zeit aus dem Weg gehen. Dann wird man weiter sehen.
“Es würde mich am Arbeiten hindern, wenn ich Dich als lebenden Widerspruch immer vor Augen sähe.” (Ja, sie ist demgegenüber nicht widersprüchlich. Gern würde ich mir diesen traurigen Sarkasmus sparen. Sie hat nie gesagt, daß sie mich liebt (und legte Wert auf diese Feststellung) und hat kein halbwegs beständiges sexuelles Begehren nach mir. Das ist doch eine herrliche Übereinstimmung.)
Wir sprechen F.’ Versorgungszeiten ab. Jetzt hat sie sich entschlossen, kommenden Freitag zum Fasching zu gehen. Sie fühlt sich jetzt nicht mehr abhängig von mir. Sie will Gewißheit.
14. Februar 1982
Was mich an K. im Faschingsrausch fasziniert hatte, erwies sich als eine Art ursprüngliche Einfalt bei ihr, Einfalt des Geistes und des Herzens.
Originell war eigentlich nur, wie schnell und unverblümt (schamlos) wir uns schlafenseinig wurden. Nachdem dieser biologische Vorgang erfüllt war, war nichts mehr, nur:
- das eigene Gefühl des Alleinseins und der Beschämung (sich Verlassen fühlen, während man doch selbst seinen besseren Teil verlassen hat)
- Beschämung, die Partnerin nur benutzt zu haben (Immer wieder erweisen sich meine Frauen als gleichzeitig sehnend, hoffend, berechnend, so daß ich mit schlechtem Gewissen zu ihnen skrupellos bin.)
- die Verantwortung abgeworfen haben, gegenüber dem fremden Menschen, gegenüber dem nahen Menschen, gegenüber sich selbst.
- Wissen (doch nicht etwa ein Sich-selbst-Überzeugen?), daß diese Kalamität immer wieder neu entsteht, mit biologischer Notwendigkeit.
- Wissen, Fühlen, daß keine Frau L. in ihrer menschlichen Bedeutung für mich das Wasser reichen kann.

Und wenn wir beide, L. und ich, uns in gegenseitiger Toleranz und “Einsicht in unsere Naturen” “handelseinig” würden?
Es wäre für mich eine deprimierende, eigentlich nicht gewollte Freiheit. Es wäre für die Dritte erniedrigend. Es wäre ein Stachel zur Schädigung auch unserer Beziehung.

09. Februar 1982 - Liebe und Sex

Freitag, Juli 6th, 2007

Habe jetzt 4 Std. Studium Vorwerg, „Grundlagen einer persönlichkeitspsychologischen Theorie sozialen Verhaltens“ hinter mir. Vieles verstehe ich nicht und erhoffe mir doch
- theoretische Grundlagen für die Optimierung des ZF-Lehrgangs
- theoretische Grundlagen für diese meine Protokolle
- sowie Vorbildung für die Gespräche mit Dr. Heyse und Dr. Schmidt.

Ich vergegenwärtige mir, wann ich gestern „Natur“ wahrgenommen habe. Oder was blieb als Sinneseindruck haften? Es war das Gesicht der Straßenbahnfrau. Und es war die eigentümlich gelbe Beleuchtung der Friedrichstraße im Morgendunst. Mehr an sinnlichen Eindrücken hat der Tag mir nicht hinterlassen.

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Heute bin ich nicht gut ausgechlafen, Im Bett gestern gegen 23.40 Uhr. Vor allem aber aufgekratzt durch die Beschäftigung mit diesem Buch….

In der Jugendzeit und manchen Ehejahren bedrängte mich unbefriedigte Sexualität, so daß erst wiederholte Selbstbefriedigung mich schlafen ließ. Mit den Jahren gaukelte ich mir einige müde erotische Phantasien herbei, um von ihnen in den Schlaf hineinzugleiten. Gestern wollte ich auch mit Hilfe erotischer Vorstellungen in den Schlaf dämmern und wählte mir als „Partnerin“ R.R. Da hatte ich mich aber ganz schön verrechnet. Die Person wurde mir immer lebendiger, immer neue Erinnerungsfetzen wurden wach, die meine Lüsternheit anheizten, die Wirklichkeitsnähe war zu groß. Es dauerte wohl bald ‘ne Stunde bis der Schlaf siegte. Aber geblieben ist der nun schon realere Wunsch mit dieser Frau zu schlafen, die Möglichkeiten zu ertasten, die dahin führen.

Heute früh in der Straßenbahn traf ich Norbert. Er hat sich z. Z. mit seiner Frau zerstritten (Freundin), arbeitet als Heizer bei der KWV Prenzlauer Berg.

KWV-Kommunale Wohnungsverwaltung

Schicht von 6-18 bzw. 18-6 Uhr, reale Arbeitszeit ca. v. 6-16 Uhr, zu zweit, ca. 3 1/2 t Rohbraunkohle bewegt er pro Tag, dazu „Asche ziehen“ u.a., im Winterhalbjahr für 1500,-M. im Sommer Ersatzarbeiten, Malerarbeiten, Pflegearbeit (600,-M); viele kaputte Typen (Alkoholiker, Haftentlassene, alle Berufe), viel freie Zeit, er liest viel, viel Sauferei, große Anscheißerei untereinander. Der Brigadier wird hofiert.

L. erzählte von Frau Leiba. Typisch ihr Besuch bei ihrer Freundin im Westen, die immer klagte, wenn sie selbst in der DDR bei Frau Lei. zu Besuch war. Dort eine Pracht und Herrlichkeit in der Wohnung und - eine ganze Tasse Kaffee als Angebot für einen langen Nachmittag.
Frau Lei. will unbedingt einen Mann finden, sonst macht sie irgendwann Schluß. Jedoch „99% der Männer müßte man vergasen“.

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Ihr Mann hat gesoffen und sie geschlagen und ausgebeutet. Er war schon 1 1/2 Jahre bei seiner Freundin polizeilich gemeldet, bevor sie sich scheiden ließ. einmal ging sie zu dieser Wohnung, traf die Freundin an: „Wer sind Sie?“ „Ich bin die Frau und Sie sind die Sau.“

Vier Stunden Diskussion mit Evelyn und L. 0.00 Uhr ins Bett. 1 Std. Linde im Arm, ca. 1 Uhr Schlaf.
Der Sinneseindruck des Tages: L. im Arm zu halten. Sie war voller Unruhe und Herzbedrängnis. Ihre Brust (über dem Hemd) zu halten und zu massieren. Unsere beiden großen schönen sauberen Körper aneinander. Wie selten sind eigentlich die gegenseitigen Sinneseindrücke bei uns?

Nach der Arbeit rief ich R. R. an. Sie erkannte mich zuerst nicht („Wolfgang?“), ist dann aber sehr freundlich, Gespräch über Fasching, über die Bilder vom vorigen Fasching. Sie läßt L. ganz herzlich grüßen, (was echt klingt), während ich daran denke, sie zu vögeln.
In dem Moment empfinde ich das so, als sei mein schwüler Dunst von einem frischen Luftzug in alle Richtungen zerstoben. Doch schon eine Viertelstunde später denke ich: Warum nicht? Sie hat immer noch ihren Wolfgang und ich meine L. und beide haben wir Lust auf eine Abwechslung - eine günstige Gelegenheit herbeiführen und wir genießen unsere Sündenlust.“
Zugleich denke ich daran, daß Eva V. und so L. davon erfahren wird, und mein Gewissen sagt mir, daß ich das nicht machen kann.

Abends das riesenlange sinnvolle Gespräch mit den beiden Frauen… Im Gespräch geht es (von Evelyn ausgelöst) massiv um Liebe und Sex. (Ihr verheirateter Liebhaber betrügt sie mit einer Dritten.)

Es wird die Triebhaftigkeit der Männer behauptet und die persönliche Liebe der Frau dagegengesetzt.
Wir versuchen rigoros ehrlich zu sein und der Wahrheit auf den Grund zu kommen. Ich z. B. betone meine Liebe zu L. und gestehe zugleich meine anderen Sexualbegierden und -taten ein (was ja bereits zwischen L. und mir ausgesprochen war). sie zeigt nach außen eine bewundernswürdige Haltung (Beherrschung). Sie erklärt auch offen ihr eigenes Interesse an einer gelegentlichen sexuellen Befriedigung durch Abenteuer. Ich ahne trotzdem hinter dieser Äußerung auch eine Spur von Revanchegefühlen. Sie fürchtet für sich zugleich ein solches Abenteuer, weil weil daraus Liebe entstehen könnte. Das Abenteuer ohne Liebe , für unsereins selbstverständliche Möglichkeit, ist für die Frau überhaupt offensichtlich kaum vorstellbar.

In der Nacht, nachdem ich L. die Stunde umfangen hatte und in mein Bett ging, nachdem sie fast eingeschlafen war, sagte sie, wie schön es war, so gehalten zu werden. In mir zugleich die bitterste Verzweiflung über ihre Gleichgültigkeit ihre Unkenntnis und Missachtung meines liebevollen Begehrens, die mich sozusagen zur Kastration verurteilt. (Ich spreche nicht nur von diesem einen Mal, von dieser Müdigkeit, es war spät, usw. usw. Ich spreche davon, daß sich diese Szene schon hundertmal und mehr so bei uns abgespielt hat und mir - bei Eínhaltung aller Regeln der Moral - nur die Wahl läßt zwischen Herzinfarkt, Wahnsinn oder Kastration.) Das muß man vielleicht wissen, wenn man die Seiten dieses Hefts liest.

In dem langen Dreiergespräch spreche ich zum ersten Mal aus die andere Seite der Liebesdialektik: Gib deinen Trieben nach, einmal ist keinmal. Zweimal ist auch keinmal. Ist dreimal auch keinmal? Viermal usw.?
Triebe auszuleben und zugleich zu lieben, führt in einen unlösbaren Widerspruch, weil (auch bei absoluter Toleranz der Liebespartner) objektiv, ob sie wollen oder nicht, die Liebe geschädigt wird. Die Frage ist nur verschoben. Sie lautet nicht, gehe ich einmal fremd oder tue ich es nicht?
Sie lautet jetzt: Zwei-, dreimal fremd gegangen bin ich in fünf Jahren, tue ich es nun zwei-, dreimal im Jahr oder zwei-, dreimal im Monat?
Der Punkt des Verzichts, der Selbstüberwindung des Schmerzes ist unvermeidlich, wenn man liebt.

Nach allem langen Reden das Fazit:
Es gibt nicht
die Antwort auf die Fragen des Lebens. Diese Antwort kann nur das ganze Leben selbst sein. Das wußte jeder aber bereits vorher.

Das ist auch das Fazit des ganzen großen „Faust“.
Es währet, wenn es hoch kommt, 80 Jahr, und wenn es Müh’ und Arbeit gewesen ist, so ist es gut gewesen.
L.: Es darf nicht sein Krieg und Krankheit. Wenn dann noch Arbeit ist, müßte alles andere doch zu bewältigen sein.
Gespräche über Liebe und Sex können nicht vom Leben gesamt, von seinem Sinn, der durch Arbeit gefunden/geschaffen werden kann, getrennt werden.

Aus heutiger Sicht fällt mir auf, wie selbstverständlich klar uns war, daß die Arbeit von grundlegender Bedeutung für alle anderen Lebensfragen ist.

Heute ist es ebenso selbstverständlich, daß man um Arbeit betteln muß und wenn man sie hat, ist sie Einem oft in höchsten Maße fremd.

Wie kann der Mensch solchen Perspektivenwechsel überstehen? Muß er nicht traumatisiert sein?

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03. Februar 1982

Dienstag, Juni 26th, 2007

5.30 Wecken, Heizen 2 Öfen, 6.10 Uhr 20 min Fußweg,7.00 Arbeit, 1 Std. Zeitung (ND, Eule), 8-10 Uhr Lektüre, J. Schmidt/Alberg,

Anruf von Dorow, das beginnende D-Abenteuer belebt mich (Ich überhöre leise Skrupel.) 10-12 Uhr 5. Versuch Nähmaschine kaufen, mit Erfolg, 722,-Mark 20 min Mittagsweg, 0,70 M Wurstgulasch,

21/2 Stunden weiter Schmidt/Alberg, bis zu Ende. Der Artikel hat mir einen klaren theoretischen Zugang zum Kreativitätstraining erschlossen, mein theoretisches Gewissen in dieser Frage geweckt. Morgen als erstes werde ich ihn wiederholen und Schlußfolgerungen für meine Arbeit, sowie abgeleitete theoretische Fragen aufschreiben.
Vorgemerkt sind weitere Artikel aus dieser Vorwerg-Brochüre („Selbstkontrolle“, von Vorwerg), die ich noch vor dem Trainerlehgrgang aufnehme.

20 min Fußweg zum HdM.

HdM- „Haus der Ministerien“ - Sitz der meisten DDR-Industrieministerien, vormals Görings Reichsluftfahrtministerium, nachmals Sitz der Treuhandanstalt.

In diesem Haus hatte ich oft zu tun: Meine Arbeitsstelle zur Heranbildung von Führungskadern im Schwermaschinen- und Anlagenbau (ZF) war zwar juristisch selbständig, in ihrer inhaltlichen Ausrichtung aber natürlich auf die enge Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Schwermaschinen- und Anlagenbau (MSAB) angewiesen. Außerdem war auf Ebene der Partei und der Gewerkschaft unsere kleine Einrichtung den betreffenden Organisationsstrukturen des MSAB angeschlossen.)

Nachher noch Sitzung der Kulturfunktionäre, danach Abholung der Nähmaschine vom Centrum-Warenhaus.
1 Std. „Kulturfunktionäre“, (Bürokratie)
18 Uhr zu Hause, Kinder von Fränze, dann Fränze, Lomas (mit Sohn Peter), ihr Kinder- und Familienglück.

Zur Nähmaschine sagt L. mißbilligend: “Die wollte ich doch im Intershop kaufen.“

Wenn ich F. zu Bett bringe, ist es immer ein deutlich hörbarer und angenehmer Augenblick, wenn er auf Schlafen „umschaltet“. Das ganze Zubettbringen, beginnend mit dem Waschen, ist ja ohnehin ein ziemlich stabiler Ritus. Wenn er dann schon liegt, meine letzten beruhigenden Worte kommen, und ich beginne zum Schlafen zu singen, dann hat er das „Schninki-Ohr“ gepackt, dreht sich seitlich, und in sein Nuckeln mischt sich ein schnarchartiges Geräusch. Dann weiß ich, daß er den Frieden der Nacht vor sich spürt.

L.s Schwierigkeit zärtlich zu sein. Wahrscheinlich würde sie sich andernfalls ganz wehrlos machen, vielleicht sogar ihre Aktivität, sogar ihr Leben töten. Ich brauche zutiefst eine derart maßstabsetzende Frau. Jedoch mein Bedürfnis nach zärtlichem und wärmendem Spiel bleibt unbefriedigt. Ich möchte es im spielerischen Umgang mit Freundinnen erleben, jedoch ohne L. allzu sehr zu schaden.

L. hat zwei Lithos von F. gemacht, beide sind ähnlich und doch ganz verschieden und sehr, sehr gut.

In Nr.? des „Sonntag“, als Titel, war eine Radierung der Quevedo. Meine Erwartung, diese Künstlerin persönlich kennen zu lernen, wächst zu einem Punkt, an dem ich die Initiative ergreife. Vielleicht gibt die Goltzsche-Ausstellung am 17.2. dazu sogar einen zufälligen Anlaß.

Morgen, wie angekündigt, der Artikel über Selbstkontolle. Vielleicht gibt er mir einige Hinweise zur Verbesserung dieser Aufzeichnungen.
Alle
objektiven Daten müßten so knapp, konkret, weitgehend schematisiert wie nur irgend möglich erfaßt werden.
Die
subjektiven Daten müßten nach irgend welchen (aber nach welchen?) Kriterien geordnet werden. (Ordnung in der ein theoretischer Geist waltet und zugleich dem Leben abgelauscht.)
Wenn ich z. B. beantworten sollte: Was war heute mein wichtigstes Erlebnis? so fällt mir dies ungeheuer schwer.
Gebe ich den allerersten, blitzartigen Einfall an? So war es der Anruf von Dorow, um sich unseres morgigen Treffens zu versichern, der mich sofort in eine kräftige, gleichsam triumphierende sexuelle Erregung versetzte.

Besinne ich mich einen Augenblick länger, so kann ich nicht unterschlagen: Meine Empfindungen beim Blick auf ein Bild im ND von den Opfern eines Massakers in El Salvador (Wie flüssig solch Begriff wie „Massaker“ aus der Feder fließt!)

Auch die Empfindungen beim Stehen in der Schlange für die Nähmaschine, diese Spannung: Reicht es, reicht es nicht?, die einen eigentlich zum Herdenvieh macht, waren wichtig.
Wichtig als kalte Dusche, obwohl nicht prägend, auch L.s Reaktion auf die Nähmaschine.
Schön auch die Wahrnehmung des (präsentierten) Lomasschen Mutter- und Familienglücks.

Meine Studien der Texte zum Kreativitätstraining kann ich hier nicht direkt zählen. Das war mehr Begriffenes, weniger Erlebtes, obwohl auch dieses keineswegs fehlte.
Das werde ich morgen als Erstes machen: Resümieren, was ich begriffen habe und was dabei und wie geistiges Erlebnis wird.

Das war 1 Std. Protokoll, 22 Uhr Gute Nacht!

An dieser Stelle meiner Aufzeichnungen habe ich begonnen, Bilder und kleine Texte einzukleben. Meist sind es Zufallsfundstücke des Tages, oft besondere Perlen aus unserem realsozialistischen Alttag. Mitunter haben sie direkten Bezug zu dem, was ich schreibe, oft aber nicht.

Ein „besonders Kapitel“ sind Aktfotografien. Wahrscheinlich mein ständig waches erotisches Interesse (zu dem ich mich bekennen wollte), veranlaßte mich, alle mir greifbaren erotischen Abbildungen hier zu verewigen

Eine Fundstück aus dem “Eulenspiegel” 4/1982

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Allmonatlich brachte „die Eule“ eine Sonderseite, „Funzel“ genannt, auf der sich regelmäßig ein, zwei Nackedeis befanden, wie z.B. diese züchtige Dame.

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Und hier ein Kalenderspruch:

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