Archive for the ‘Leitung’ Category

19. Januar 1990 – Aufbau neuer oder Import alter demokratischer Strukturen

Montag, Dezember 5th, 2011

Fortführung meiner Ministeriumsinterviews. Nachdenken und Konstruktivität bei Einigen aber Depression, Resignation, Hilflosigkeit bei Vielen.

Mit Karsten Rosenwald # ein Mitglied meines WBA, CDU-Mitglied # bei Frau Ternick und Herrn Wandrei (auch aus der Partei ausgetreten). Beide freuen sich sehr über die Medaille für Nachbarschaftshilfe. Karsten der Münzsammler.

 In “Sputnik” 1/90 S141ff S. Andrejew: Auch die Russen kommen an den Punkt, zu begreifen, dass die restlose Zerschlagung des alten Machtapparats unerläßlich für die Perestroika ist (Wahrscheinlich die Nagelprobe). Das erfordert den Aufbau neuer (zunächst konkurrierender?) demokratischer Strukturen. An ebendiesem Punkt stehen wir: Aufbau neuer oder Import aller demokratischer Strukturen.

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18. Januar 1990 - Trauer, “Ich kenne des Menschen nicht.”

Donnerstag, Dezember 1st, 2011

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Bei F.s Geburtstag viele Diskussionen. Eva Vent, im „kindlichen Wahn“ würdigt sie „den Kapitalismus“ und spricht davon, wie tyrannisiert sie war, 40 Jahre.

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Die Grenze, jenseits der man streikt wird immer niedriger, das Gleiche passiert mit der Grenze zur Gewaltanwendung.

# Wahnhafte Züge des Handelns der Menschen? Ist dieser Wahn nicht immer latent vorhanden? (Vergl. Art des Gedenkens an den 17. Juni heute im Juni 2003) #

Ich verspüre viel Trauer ob des übermächtigen Rasens der Unvernunft. Der subjektive Zustand unterscheidet sich nicht sehr von dem vor einem halben Jahr. Es ist ein übermächtiger Gesellschaftsprozeß, der seinen Weg nimmt. Vor der jetzigen Zeit hatte ich den Glauben, mit der Grundrichtung dieses Prozesses doch übereinzustimmen. Mit der erwarteten Richtung (Kapitalisierung) des gegenwärtigen Prozesses stimme ich nicht überein. Die Illusion der Heimat wird gegen die klare Heimatlosigkeit getauscht. Sozialismus, der schon greifbar schien, wird wieder zur Utopie entrücken. 

Nasdala klärt mich gerade auf, daß er beabsichtigt, um seine Abberufung zu bitten. Er will wieder im ASMW anfangen. Mich will er vorschlagen zu berufen/hier als Leiter zu arbeiten. Ich würde das – so denke ich  - machen. Ich denke, wenn sie mich diesmal nicht für würdig erachten, diese Funktion auszuüben, dann gehe ich von hier weg.  

Heute Abend WBA. Ich möchte meine neuen Konzeptgedanken vorlegen. Telefonat mit Holger Wetuschat.

# H. W.  war einer meiner Mit-WBA-Vorsitzenden. Bei ihm war es der WBA 10, der die Häuser im Grenzbereich umfasste. Wir hatten  kein enges aber, so dachte ich, ein ganz gutes Verhältnis. Zwei, drei Jahre später trafen wir uns wieder. Er war in irgendeiner offiziösen Funktion, hatte, glaub ich, mit der Konversion von Militärflächen zu tun. Jedenfalls mußte ich verwundert feststellen, daß er mich nicht mehr kannte. Wie manche Menschen von einem Tag zum anderen ihre Orientierungen änderten - das war eine der frappierendsten Erfahrungen dieser Zeit. # 

# Zu der letzten Erläuterung ausnahmsweise auch mal im opablog. 

17. Januar 1990 – „Juvenilmeer“

Donnerstag, Dezember 1st, 2011

Umfragetag bei Mitarbeitern des Ministeriums. Die Informationsflut bringt nur Deprimierendes.

„Juvenilmeer“ ausgelesen.

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13. Januar 1990 - Ein Versuch der Besinnung im Handgemenge – Vorschläge lokale Selbtverwaltung

Montag, November 28th, 2011

# Ich greife zur Orientierung beim Lesen noch einmal auf die kommentierende Bemerkung zurück, die ich bereits zum 8.12 1989 gepostet habe:

Die letzten Wochen des Jahres 1989 und die ersten des Jahres 1990 waren voller politischer (und auch menschlicher) Dramatik. Für mich persönlich war es die Zeit, in der mir klar wurde, daß die DDR untergehen würde. Mein Tagebuch zeugt von intensiver Informationsaufnahme. Es enthält besonders viele Zeitungsausschnitte (die ich hier nur in Auswahl posten konnte) und andere Dokumente. Eigene Notizen sind dagegen fast immer kurz und bruchstückhaft. Es war einfach nicht die Zeit für lange Betrachtungen. Die Ereignisse ermöglichten blitzartige, klare Einsichten. Aber auch verzerrte Wahrnehmungen und extreme Wertungen passierten mit mehrfach. Am 13. und 14. Januar fand ich erstmals ein wenig Zeit zur Reflexion was sich in einem längeren Text niederschlägt. #

Gestern Abschiedsbegegnung mit Dieter Papsch. Er hat einen Brief an Gysi geschrieben (Anlage dazu von Dr. Exner). Wider die Kadermafia des ZK. Papsch sympathisiert mit der Plattform Michael Brie. Er geht jetzt zum KAB # „Kraftwerksanlagenbau“#  -Beimlerstr.

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Mit C. „Juvenilmeer“ # Platonow # weiter gelesen.

Nach WB, Ausstellung der Russin Werefkin (Jawlenski) im Haus am Waldsee (Empfehlung von L.) Es war nichts Besonderes. Danach sind wir um den Schlachtensee spaziert.

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Flugblatt des NF hier im Wohngebiet, Leerstandswohnungen betreffend. Ich bin unheimlich ärgerlich auf mich – da haben sie uns mit unseren eigenen Waffen mich auf meinem ureigensten Gebiet geschlagen. – (Daraus muß gelernt werden!) 

„ND“ meldete am 11.1.90 den Zusammenschluß von Bürgerinitiativen zur Stadterneuerung. Das berührt sich direkt mit meinen Vorstellungen vom Bürgerrat. Auf diesen – jetzt in Bewegung kommenden Zug – werden wir WBA 12 (und wenn er mitmacht der WBA14) aufspringen zur Frage: Endgültige Gestaltung des Wohngebietes Arkonaplatz. Eine große Einwohnerversammlung vorbereiten.

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 Und das gehört noch zur Informationsflut des Tages:

-                      die Neugründung der SPD aus der SDP

-                      die Gründung einer Deutschen Gesellschaft (für die Helga Schubert erklärt, dass sie nicht noch einmal ein Sozialismusexperiment erleben möchte)

-                      die offene Situation nach Gorbatschows Besuch in Litauen.

-                      der beginnende Krieg zwischen Armenien und Aserbaidshan. Der Zerfall (zumindest der bisherigen) Sowjetunion wird Realität.

-                      unser Spaziergang durch das Nobelwohngebiet Zehlendorf (Haß und zunehmendes Gefühl d Ohnmacht gegenüber dieser Ausbeuterwelt)

-                      die Erfahrung der „Baugrube“

-                      die bundesdeutschen Politiker und Industrieherren, die sich in unserem Fernsehen wie die Herren aufführen, die sich mit gerade noch geduldeten Statthaltern abgeben.

 

Meine Urlaubswünsche: 2.- 4.5. – 3 Tage, 28.4. – 6.5. – Rügen, 15.8. -7.9. – 18 Tg. Bulgarien, 27. u 28.12.  – 2 Tg Skaby

 

Wo hat unsere Niederlage angefangen?

Vielleicht mit dem Einsatz von Gewalt gegen persönliche Arbeit (vgl. „Baugrube“)?

Mit der Abkehr von Lenins „festen Stegen der materiellen Interessiertheit“ (Okt. 21) und der Ersetzung durch Stalins Marsch der Gewalt?

 

Für mich ist dies eine durchaus schwere, persönlich tiefgreifend krisenhafte Situation.

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Auf der ganz allgemeinen Ebene meiner Ideale wird es anscheinend Verschiebungen geben (ich möchte ja im Sinne Tucholskis sehr radikal prüfen). Es geht um die Bedeutung dieses Gefühls „der Freiheit im Blut“ # Siehe Artikel Weltbühne 2/90 #.

Es geht um die „Souveränität des Individuums“ als dem Grundwert.

Ist es nicht erst dieser Ansatz, der es dem Marxismus erlaubt, auch eine vollgültige Theorie des Überbaus zu entwickeln? Es kann doch kein Zufall sein, daß es der Marxismus zu einer solchen Theorie nicht gebracht hat.

Nach der Anerkennung der Souveränität des Individuums (die aber absolut notwendig ist) folgt dann gleich die Krux:

Souveränität des ausbeutenden Individuums versus

Souveränität des ausgebeuteten Individuums. 

Ich spreche nur von einer Verschiebung des Ideals, denn angenähert an diesen Standpunkt bin ich schon lange.

Die großen Veränderungen, keine Verschiebungen, sondern wahrhaft einen Zusammenbruch, gibt es hinsichtlich der REALITÄT meiner Ideale. 

Der Glaube, wir würden uns auf dem Weg der Verwirklichung dieser Ideale befinden, d.h. wir hätten bestimmte Grundwerte (Enteignung des Privateigentums an den Pm als Grundlage der Gesellschaft) unumkehrbar gesichert, dieser Glaube ist im Begriff völlig zusammenzubrechen. Zumindest die reale Möglichkeit, dass wir alles Erreichte, die doch wichtigen Grundlagen des Sozialismus verlieren (nämlich die Entmachtung des Privateigentums), diese reale Möglichkeit muß ich anerkennen.

Für mich persönlich kann das bedeuten, mich in der Position eines deutschen Kommunisten der 20er Jahre wieder zu finden. 

Da ist es schade, dass ich schon 50 Jahre alt bin. Meine 20, 25 besten Jahre sind verschlissen. Ich glaube, weder die geistige Frische noch die physische und nervliche Kraft für einen großen Aufbruch zu haben. Da ist Müdigkeit. Da fehlt der Tatenmut, einfach frei ins Ungewisse zu handeln. Jetzt sich an den Anfang eines Handlungsbogens stellen, der erst jenseits meines 80. Jahres wieder den Boden berühren würde? Nein, das wäre töricht.

Nein, ich kann nur – ohne jede Illusion über meine realen Wirkungsmöglichkeiten – das mir Mögliche beitragen:

-                      indem ich für eine wahre Erneuerung meiner Partei eintrete

-                      indem ich versuche, meine Stimme in meiner Partei hörbar zu machen (im Rahmen der Plattform 3. Weg)

-                      indem ich in neuer, viel kühnerer Weise versuche Bürgerinteressen zu kennen, zu formulieren, zu organisieren.

 

Es geht um den Bürgerrat „Arkonaplatz“ und um eine Konzeption zur Selbstverwaltung des Wohngebietes Arkonaplatz.

Was gehört dazu?

-                      Abriß des Holzteils der Baubaracke

-                      Umwandlung des massiven Teils der Baubaracke in ein Wohngebietszentrum mit guter Speisegaststätte

-                      gärtnerisch-kulturelle Ausgestaltung des Platzes (Pergola, Sitz- und Spielmöglichkeiten, Konzerte)

-                      Eröffnung von Läden in unmittelbarer Nähe des Arkonaplatzes

-                      Fortführung der Buslinie bis zum Grenzübergang Eberswalder Str.

-                      großzügiger Ausbau einer verkehrsberuhigten Zone vom A. bis zur Mauer bei gleichzeitiger Entwicklung eines Gestaltungskonzepts für das Grenzgelände/Mauerstreifen. (Diese Gestaltung sollte Park- und Kinderspielzonen vorrangig berücksichtigen daneben aber auch Raum für kommunale Dienste, Handwerker, Gewerbe schaffen.

-                      Erarbeitung eines entsprechenden Gesamtkonzepts Arkonaplatz als Bestandteil eines Projektes „Stadterneuerung“.

-                      Konstituierung eines (ehrenamtlichen) Bürgerrates „Arkonaplatz“, (der in sich wesentliche Teile der Wahlkreise 3 und 4 vertritt) und ein Mitspracherecht bei der bei der Planung und Durchführung des o.g. Konzepts hat (und überhaupt bei allen kommunalpolitischen Fragen im allgemeinen und das eigenen Gebiet betreffend)

-                      Sicherung der materiellen und finanziellen Bedingungen des Bürgerrates, hauptamtlich ist der Sekretär des Bürgerrates (der bisherige staatliche Beauftragte)

-                      Fixierung der Stellung und Kompetenz gewählter (im wesentlichen auf Wahlkreisebene) Bürgerräte in einer neuen Kommunalverfassung („Legislative zum Anfassen“). (Die gewählten Mitglieder der Bürgerräte sind zugleich Abgeordnete der Stadtbezirksversammlung (Personenwahl) und beanspruchen 50% der Mandate. Die andere Hälfte der Mandate wird von den Parteien nach der Verhältniswahl belegt.

-                      Die Bürgerräte entscheiden selbständig über den lokalen Haushalt und setzen lokale materielle und finanzielle Kapazitäten selbständig ein. Sie verfügen (u.a.) auch über eigene lokale Einnahmequellen.

-                      Vergesellschaftung (Vergenossenschaftlichung) der KWV in Korrespondenz mit der Entwicklung eines Hof- und Hausmeistersystems.

 

11. Januar 1990 - “Gastmahl des Meeres”

Sonntag, November 27th, 2011

Mit C. ins „Gastmahl des Meeres“. 900111w.jpg

# Wie man sieht, kriegte man auch in der DDR in einer besseren Gaststätte nichts geschenkt. #

Vorm Palast der Republik SED-feindliche Demo. Davon dieses Flugblatt: # Das lag leider nicht mehr im Tagebuch. # 

Im Fernsehen Regierungserklärung Modrow. M. klar, sachlich, mutig, der Verantwortung der Stunde bewusst.


09. Januar 1990 - dritter Weg

Sonntag, November 27th, 2011

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Im ND Plattform „3. Weg“, der ich mich anschließen möchte werde.

# Eine Gruppierung an der Humboldt-Uni hatte in den letzten Monaten Materialien für eine Reform des Sozialismus erarbeitet – Dieter Klein, Michael und Andre Brie, Rainer Land. Das war weit und breit das einzige halbwegs konzeptionelle Material. Ich griff danach wie ein Ertrinkender nach dem Strohhalm. Politisch blieb das unbedeutend bzw. wurde in der PDS bald auf seinen realen Gehalt reduziert. # 

Marc Ribaud im französischen Kulturzentrum.

R. erzählt eben, daß „der runde Tisch“ gemeinsam mit Modrow zu Kohl fahren wolle. Dregger schlage DDR-Wahlen unter UNO-Aufsicht vor.

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04. Januar 1990 - Parteiaustritte, Wohnparteiorganisation formiert sich

Sonntag, November 27th, 2011

Gestern WPO-Versammlung der alten WPO.

Mein alter Bekannter Kannewurf, WPO-Sekretär, ist aus der Partei ausgetreten – wegen “seiner Enttäuschung durch die Honecker-Clique”. Den WPO-Sekretär hatte er unter der Bedingung übernommen, eine Wohnung zu bekommen und mit einem neuen Wartburg beliefert zu werden. Die Wohnung, so weiß ich, hat er nicht bekommen. Übrigens war er früher Armeeoffizier.

Die WPO ist – mit beträchtlichem Zeitaufwand für Verständigungsdiskussionen untereinander – auf dem Formierungswege.

Über A. – Döring – Frau Zimmermann erfährt man, Gerhard Zimmermann habe in einem Abschiedsbrief gewünscht, nicht in derselben Erde wie „diese Verbrecher“ (der damaligen Partei- und Staatsführung) bestattet zu werden.

 # Plötzlich erfuhr man so etwas. Gerhard Zimmermann, früher Minister für Schwermaschinen- und Anlagenbau, mir persönlich gut bekannt. #

Weltbühne 1790:

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 Mit F. in der Modellbahnausstellung und im Tierpark. Das große Elefantenhaus (und die badenden Elefanten )! kino mit ihm: “Die Olsenbande fliegt über die Planke”

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23. Dezember 1989 - sozialistischer Radaukapitalismus?

Donnerstag, November 24th, 2011

Am Brandenburger Tor mit C.

Faschistische Massaker in Rumänien.

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 # Ein sozialistischer Wirtschaftsfunktionär, der Generaldirektor des EAW Treptow („ Elektro-Apparate-Werk“), praktiziert schon mal den „Herrn im Haus“. #

22. Dezember 1989 - Menschenänderung

Donnerstag, November 24th, 2011

# Artikel v.  A. Brie gegen die Wiedervereinigung. Wie sich Menschen verändern können, darüber, muß ich aus diesem Anlaß mal im opablog nachdenken. #

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Unsere, meine Schuld besteht darin, auf die Kontrolle der Macht verzichtet zu haben. Diese Pflicht haben wir missachtet und uns freiwillig mit diesem Zustand abgefunden. Das bisherige Machtsystem war demokratiefeindlich. 

Der Verbrecher Ceauchescu wurde gestürzt.

Am Brandenburger Tor, das heute geöffnet wird, deutsche Nationalfarben. Auf dem Rückweg treffe ich R.s Mann und habe zur Weiterbildung (ZF) gleich einen Wortwechsel mit ihm. 

# Der Mann meiner langjährigen Kollegin R. Wir waren durchaus einander freundlich gesinnte Bekannte gewesen. Man half sich gelegentlich. Man war auch mal  in derselben Zeit in demselben Urlaubsheim. Jetzt überraschte er mich mit einer triumphierenden Bemerkung, daß es nun mit unserer Art der Weiterbildung an der ZF (meiner Arbeitsstelle), der marxistisch-leninistischen zu Ende sei. Ein kleines Beispiel dafür, wie in dieser Zeit Normalitäten, Gewißheiten (ob berechtigte oder nicht) von einer Minute zur anderen zusammenbrachen. #  

 

Dies halte ich hier fest als die letzte Zuckung des Pfaffenschlager-Sekretariats (das aber eine appetitliche Sekretärin hatte).

 # Es geht um das Kreissekretariat der NF („Nationalen Front“), auch das ein trauriges Kapitel des endlosen Themas „formale, inhaltsleere sozialistische, zudem noch piefige Demokratie“. #

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21. Dezember 1989 - Privilegien der Führung

Donnerstag, November 24th, 2011

ND von heute:

Die 14 Autos des Erich Honecker.

10 Farbfernseher/Jahr kaufte die Sippe Mittag (NSW-Erzeugnisse 1:1 + 50% Handelsspanne).

Von Sept. bis Nov. kaufte die Familie Sindermann 4 westl. Farbfernseher.

Hamsterkäufe einiger Familien, nachdem angekündigt worden war, dass das NSW-Sortiment zum letzten Mal verkauft wird.

Welch eine moralische Degradation!

Meine hier mehrfach geäußerte Entrüstung über die moralische Degradation unserer Führer verlangt nach Erläuterung:

Die Privilegien der Machthaber im Sozialismus waren immer ein wunder Punkt. Erzogen wurden wir mit Bildern von der spartanischen Lebensweise Lenins. Offiziell war das damit gesetzte Leitbild nie zurück genommen worden. Freilich hatten wir die Gleichmacherei, die Missachtung des Leistungsprinzips der frühen Jahre nach der Oktoberrevolution in unserem ideologischen Selbstverständnis seit langem „überwunden“ und damit war grundsätzlich klar, dass hochrangigen Leuten hochrangige Einkünfte zustanden. Kein Diskussionsgegenstand waren auch Vergünstigungen, die Widerstandskämpfern gegen den Faschismus gewährt wurden.

Leider wurden aber all diese Verhältnisse nie offen gelegt, Durchsichtigkeit war nie gegeben. Aber immer wieder wußte jemand von Beispielen offensichtlich ungerechtfertigter, keineswegs durch das Leistungsprinzip gedeckter Begünstigungen, die für unerfreuliche Diskussionen sorgten. Jedem waren solche Beispiele bekannt und als „guter Genosse“ musste man es eben schlucken, in einer ärgerlichen Defensive zu sein und die ganze Problematik mit mehr oder weniger schlechtem Gewissen verdrängen.

Zu meiner eigenen Orientierung (oder Beruhigung) hatte ich mir in diesem zwiespältigen Bereich zwei, drei Kriterien festgehalten: Für unberechtigt und kritikwürdig hielt ich die quasi private Nutzung des ganzen Ferienhaus-, Gästehaus-, Tagungshauswesens. Deren ganzes Ausmaß war mir bis zum Ende der DDR nicht bekannt. Und für verwerflich hielt ich die Beziehungs- und Beschaffungsmentalität, die sich in der Versorgung ganzer Familien- und Freundesclans ausdrückte. Schließlich war ein dritter Aspekt schwer erträglich: Die Konsumwünsche unserer Oberen und ihres Familienanhangs richteten sich fast ausschließlich auf Westwaren und zwar, wie ich erst gegen Ende der DDR erfuhr, nicht nur auf westliche Gebrauchsgüter, sondern auch auf Perlen der westlichen Ideologieproduktion, Pornofilme eingeschlossen.

Die jetzt gemachten Enthüllungen und gleichermaßen die miesen Vertuschungsversuche bewiesen, dass die moralische Integrität der Führungsschicht zerstört war. An dieser Stelle mischte sich in meine Empörung Selbsthass – weil ich mich solange gescheut hatte, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Freilich, die Korruptheit der politischen Elite der DDR in den gegenwärtigen realkapitalistischen Rahmen gestellt, sieht mickrig aus. Selbst einer der intelligentesten Korrupten – Schalck-Golodkowski – hat kaum mehr zusammengerafft als heute ein zweitklassiges Fußballidol. Doch solche Relativierung setzt den Maßstab der bürgerlichen Gesellschaft voraus. Wir aber mühten uns um den Aufbau des Sozialismus. Noch in der Missachtung und Zerstörung sozialistischer Werte durch Kommunisten, wie sie 1989/90 ans Licht kam, leuchtete auf, dass sie zeitweilig gesellschaftliche Geltung erlangt hatten.

Ein Bedenken zum Schluss: Sollte ich mit dem ganzen schwer fassbaren Thema der Moralität nicht viel vorsichtiger umgehen? Verlange ich gar, dass Politiker, Menschen wie du und ich, Edelmenschen sein sollen? In der Tat geht es mir nicht um Moral in ihren vielen Aspekten, sondern um einen ganz bestimmten Zusammenhang, jenen Bereich, den jeder sozialistische Politiker verantworten muss – das Verhältnis des Einzelnen zur privaten (und das heißt wörtlich räuberischen) Aneignung von gesellschaftlichen Gütern und Leistungen. In dieser Frage bleibt jeder Sozialist, auch und gerade ein verdienter Politiker, voll und ganz verantwortlich. Die Erfahrung bestätigt, dass jede soziale Bewegung, die sich nicht von ihren Privatisierern frei macht und frei hält, verloren ist. #

# Auch im opablog Dezember 2011 beschäftigt mich das Thema. #

# Ein Zeitungsausriß  aus der “BZ” zum Kohl-Auftritt in Dresden # 

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