Archive for the ‘Lenin’ Category

15. Oktober 1989 - meine Gedanken aufschreiben

Montag, Oktober 19th, 2009

viel geträumt, gut geschlafen, schönes Herbstland in Skaby.

 Zu den folgennden Punkten sind die Gedanken aufzuschreiben.

3. Schluß mit Ignoranz und Überheblichkeit gegnüber den Reformen in sozialistischen Ländern.

4. Einheit von politischer und ökonomischer Reform

5. Reform der politischen Macht - Demokratisierung - Rechtssaat

6. Menschenrechte, Bürgerrechte

7. Parlament, die nächsten Wahlen

8. Medien (kultur, Ideologie)

9. ökonomische Reform - Worum es wirklich geht bei Eigenerwirtschaftung und Eigenverwendung der Mittel

- Die Konzepte von Beyer und Graichen zur ökonomischen Demokratie

- Leitung gesamtgesellschaftlicher (ökonomischer) Bedingungen

- Konvertierbarkeit (zwei Währungen)

- Subventionen

- Devisenanrechte

- Wohnungswirtschaft (Graichens Vorstellungen)

10. Die besonderen Bedingungen der DDR berücksichtigen

11. Befähigung der Partei

12. unverzichtbare Werte - unsere Stärken

 

05. Oktober 1989 – Monatsbericht

Sonntag, Oktober 18th, 2009

# Wie an anderer Stelle schon mal erwähnt, hatten alle Parteiorganisationen (und natürlich andere Institutionen auch) für die übergeordneten Leitungen monatliche Berichte zu politischen Stimmungen und Meinungen anzufertigen. Auch wenn diese Berichte oft geschönt waren. (Das Eingeständnis von “schiefen Diskussionen” im eigenen Arbeitsbereich konnte ja sogleich zum Rückschluß auf Mängel der eigenen Arbeit führen.), enthielten sie doch zweifellos viele konkrete Informationen “von der Basis”. Viele Berichteschreiber - ich gehörte dazu - glaubten auch, durch wahrheitsgemäße Berichte Anstöße zu einer besseren Medienarbeit der Partei zu geben. Das war, wie sich schließlich herausstellte, völlig illusionär. Die Selbstherrlichkeit und Ignoranz der “führendsten Genossen” hatte ein mir damals unvorstellbares Niveau erreicht- #

Fülle der Anzeichen für die sich immer weiter zuspitzende Situation. Im Folgenden der Enturf meines diesmonatigen Stimmungsberichts, den ich morgen abzuschreiben gedenke:

Es ist nicht möglich die Lawine der gegenwärtigen Diskussionen im Einzelnen darzustellen. Folgende Tendenzen zeichnen sich aus der Sicht unserer APO ab:

    Realistische Betrachtung bei der Masse der Genossen und Parteilosen des Anteils der Westmedien und der BRD-Politik an der Organisierung der Auseisewelle und Klarheit über den völkerrechtswidrigen Charakter dieser Aktivitäten.

    Massive Kritik der Genossen an unseren Medien,. Weil diese keinen Auseinandersetzung zu den bei uns liegenden Urachen der Ausreisewelle führen. Ebenfalls Kritik an den Funktionären von Partei und Regierung, die keine selbstkritische Betrachtung der eigenen Ursachen erkennen lassen. Tendenz zur Ratlosigkeit und Resignation bei manchen Genossen und Parteilosen angesichts der oftmls erlebten Unmöglichkeit, den eigenen Überzeugungen und Vorstellungen zur Stärkung unserer Republik angemessen Geltung zu verschaffen. Wachsend Stimmungen der Besorgnis darüber, daß die Schwäche unserer politischen Überzeugungsarbeit uns verleiten könnte, diese durch den Einsatz von Polizei- oder Sicherheitskräften zu ersetzen.

    Zu all diesen Fragen gibt es heftige Diskussionen zwischen Genossen um die Frage, was zu tun ist, um aus der gegenwärtigen defensiven Situation herauszukommen. Es bildet und festigt sich dabei die Überzeugung, daß der Sozialismus in der DDR einer qualitativen Festigung und Stärkung bedarf, daß dazu die anvisierten ökonomischen Reformen noch energischer und folgerichtiger vorangetrieben werden müssen und einen solche Weiterentwicklung des politischen Systems unserer Gtesellschaft zu konzipieren ist, die zu einer qualitativen Stärkung der sozialistischen Demokratie führt. Die Genossen sind der Meinung, daß zu diesen Fragen in Vorbereitung des XII. Parteitages unverzüglich eine prinzipielle innerparteiliche Diskussion geführt werden muß. 891005-1.JPG

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13. Juli 1989 – Die Macht der Solowezki-Inseln

Montag, Juli 13th, 2009

# Eingelegt in den Protokollband 34 fand ich diesen Auszug aus der Zeitschrit “Sowjetfilm”, offensichtlich von April 1989. Dieser Bericht über den Dokumentarfilm “Die Macht der Solowezki-Inseln” hat mich tief beeindruckt. Schritt umd Schritt wurde mir durch solche Berichte das Ausmaß des Stalinschen Terrors bewußter. Die wichtige Frage nach dem Verhältnis Lenins zum (späteren stalinistischen) Terror wurde durch solche Beiträge nicht beantwortet. Obwohl es heute viele Veröffentlichungen gibt, die beanspruchen, auch die letztgenannte Frage zu beantworten, ist mir dazu keine profunde, historisch-kritische Darstellung bekannt. Die mir bekannten Arbeiten zu diesem Thema sind entweder unerträglich parteiisch oder begnügen sich mit einer “vornehmen” Distanz zu ihrem Gegenstand. Mir scheint, das Thema “Lenin” ist heute noch so heiß, daß es nicht möglich ist, die Wahrheit darüber einfach nachzulesen. #

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22. März 1989 - “Publizität”

Dienstag, Mai 12th, 2009

Gestern in “150 Jahre Fotografie”

danach in “Gastmahl des Meeres” # DDR-Kette von Fischgaststätten, vergleichbar “Nordsee” #

Benjamini umgetopft,

Polemik mit C. zum Fernsehen,

Obstgelee - (gelungen)

schöne Liebe!

Heute Abend in “Kleine Vera” # sowjetischer Film, siehe: http://www.cinema.de/kino/filmarchiv/film/kleine-vera,1308545,ApplicationMovie.html #

Jetzt gleich ML-Seminar (Lenin Werke Band 27, S. 250!)

# Meine Tagebucheintragungen, die damals manchmal sehr knapp sind, begnügen sich mit der Literaturangabe und dem Ausrufezeichen zum Lenin-Seminar.

 

Heute, da über Lenin im wesentlichen Gruselstories verbreitet werden, und viele, die es eigentlich besser wissen sollten, (nachholend) Nietzsche oder Heidegger lesen und (ebenfalls nachholend) versuchen, ihre paar überzähligen Kröten am Aktienmarkt “arbeiten zu lassen”, erlaube ich mir ein paar Zusatzinfomationen:

 

Es handelt sich um Lenins klassische Arbeit “Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht” vom März/April 1918. Das Seminar befaßte sich mit dem Abschnitt: “Die Organisierung des Wettbewerbs”, Seite 250-253 meiner Lenin-Ausgabe von 1960. Hier ein kleiner Auszug:

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890322bp1010007.jpgLenins Position zur Publizität, also auch zur Rolle der Massenmedien, wurde nicht nur in der damals aktuellen Losung “Glasnostj” aufgegriffen. Ich stellte sie offensichtlich auch (ohne das im Detail rekonstruieren zu können) in einen polemischen Gegensatz zu dem ND-Artikel, der mich einen Tag zuvor (gestern hier dokumetiert) empört hatte.

Übrigens verweise ich den Interessierten auf Lenins  Formulierung auf S. 251, jede Fabrik, jedes Dorf sei eine Produktions- und Konsumkommune. Das ist durchaus etwas anderes als die spätere realsozialistische “administrative Kommandowirtschaft”. Das sei festgehalten, ohne Lenin deshalb zum Schöpfer eines “Kommune-Sozialismus” stilisieren zu wollen.

Die Wahrheit ist eben viel differenzierter. #

 

21. März 1989 - ein ND-Leitartikel

Montag, Mai 11th, 2009


Am Wochenende verheerender ND-Leitartikel (nebenstehend).

 

In derselben Nummer guter Artikel von Frank Adler zum Problem “Leistungsprinzip und soziale Sicherheit”.

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# Diese Notizen könnten Bände über die Medienpolitik der DDR-Führung sprechen. Offensichtlich hielt ich es aber nicht für nötig (oder es widerte mich zu sehr an), meine Kritik auszuformulieren, begnügte mich damit, den Artikel aufzuheben, der als Modellfall für die beondere, DDR-schlimme-Art der Volksverarschung gelten kann:

- der ekelhafte Dünkel, unsere etwas bessere Konsumlage gegenüber Polen herauszustreichen

- der latente Nationalismus

- die Unverschämtheit, unsere, gegenüber dem Westmaßstab, miese Konsumlage zu preisen

- die Dreistigkeit, sich von einer polnischen Stimme, die sich eindeutig an Polen wendet, bauchpinseln zu lassen

- die Unverschämtheit, die eigenen Bürger in ihren eigenen Angelegenheiten für inkompetent zu erklären

- die “Großzügigkeit”, auch ein paar kleine kritische Bemerkungen zu akzeptieren

usw. usf.

Und das Auf-mehreren-Klavieren-Spielen, indem man in derselben Zeitung, paar Seiten weiter, einen qualifizierten Beitrag nachschiebt.

Vielleicht war der dazugeschmuggelt worden. Oder er war Ausdruck des “intellektuellen Niveaus”, daß man sich auch anders geben konnte.

Ich lese heute wieder diese Zeilen und ich empfinde wieder in voller Schärfe das damalige Gefühl ohnmächtiger Ablehnung und des immer entschiedeneren Aufbegehrens. Das sage ich, der immer ein Parteigänger der DDR war und ist. Ich kann nachvollziehen, daß diejenigen, die ihre Bindung zur DDR gekappt hatten, unversöhnlichen Hass entwickelten. Doch die DDR und der Realsozialismus überhaupt waren immer mehr als der Gestank usurpatorischer Führer. #

07. - 10. Januar 1989 - Theater, Film, Kunst

Freitag, Januar 16th, 2009

Mit C. am Freitag in “Lenins Tod”.

Film “Mein Freund Lapschin” im Babylon.

Ausstellungszentrum am Fernsehturm.

“Tabu”, Film von Murnau.

Slawomir Mrozek, “Fuchsquartett”, großartige Aufführung in der Kammer. C. ist begeistert. Wir sind guter Stimmung zueinander.

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Wir lesen abends noch “BR” 1/89 (die sie vom ungarischen Kulturzentrum erhielt) und polemisieren dazu.

# “Budapester Rundschau”, deutschsprachige Monatsschrift aus Ungarn, mit heftiger antistalinistischer Parteinahme  (wichtige historische Artikel!) und für Demokratisierung des Realsozialismus - letztlich für Anschluß an den Westen. #

Vorm Einschlafen will ich zärtlich werden, was sie so konsequent abweist, daß ich mich abwende.

23. September 1982 – wieder bei Hebbel

Samstag, April 12th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel

Behandlungen: Lakenbad, Wickel, Perl, Velomed, Blutabnahme; Gewicht 74,3 kg, Blutdruck 125/75

[…] Lesen: Eule, Berliner, horizont, BZA # „Berliner Zeitung am Abend“ #

Hebbel, Tagebücher 1 Und 2, Jean Paul, „Schulmeisterlein Wuz“

[…] Hören: (Kopfhörer): Schubert, Beatkiste, gute Sachen dabei: Puhdys „Jahreszeiten“ (6. Platz)

Raggy play („Floßfahrt“), Karussel „Mein Bruder Blues“ (5. Platz), NO55 „Geburt“ (4. Platz), Stern Meißen „In derselben Bahn“ (3. Platz), Berluc „Öffne ich mein Fenster“ (2. Platz), Rockhaus „Bonbons und Schokolade“ (1. Platz); engl. Folk. […]

Wir leiden unter den Belastungen, die Wissenschaft und Technik mit sich bringen. Doch vor der reaktionären Romantik Vorsicht! Welchen Reichtum haben diese Kräfte hervorgebracht, Reichtum der Lebensbedingungen der Massen! Hebbel schildert die Armut in seiner Kindheit und was sie physisch und psychisch bedeutete. Aber auch Jean Paul. Oder Zille, Kollwitz, und letztere lebten vor weniger als 100 Jahren.

Hebbel-Auszüge. Ich setze mit dem Jahr 1838 ein (Bd. I S. 126):

Aus der Menschenwelt geht zuweilen als Menschenwirkung ohne erfaßbare Ursache etwas Geheimnisvolles hervor; dies ängstigt den Geist am meisten.“ (S126) (Gorki („Klim Samgin“) ist, soweit es um soziale, revolutionäre Wirkungen geht, ein Meister in der künstlerischen Darstellung solcher Situationen. Ängstigt sich nicht vornehmlich der Geist des isolierten, bürgerlichen Intellektuellen?) Lenin (Gorki) ist der solchen Menschenwirkungen zutiefst zugetane Geist.

Nur schärfstes Trennen führt weiter zur Erkenntnis, und die zur Bewältigung.“ (S. 128) (Dieser Nutzen der „schärfsten Trennung“ gilt nicht nur für die Erkenntnis. Jede (?) Steigerung, Kräftigung setzt anders schärfste Trennung voraus.)

Wir besitzen auch in geistiger Hinsicht immer nur auf einige Zeit. Dies gilt von Einsicht, wie von Kraft.“ (S. 130) (Dies Bewußtsein der Flüchtigkeit der Zeit und aller unserer Äußerungen in der Zeit ist so wichtig und keineswegs selbstverständlich, besonders nicht für die Jugend.)

Diejenigen Menschen, die sich auf demselben Weg befinden, aber in verschiedenen Stadien, sind am weitesten auseinander.“ (S. 132) Das ist z. T. wahr und z. T. Schein: Ja, sind weit auseinander, weil eine Notwendigkeit (ihr gemeinsamer Weg) sie trennt. Diese kann nicht einfach beiseite gewischt werden. Aber es ist dies doch letztlich eine besondere und enge Form der Verbindung (die berücksichtigt werden muß, will ich die Einheit beider schaffen).

Hebbel hält die Vergangenheit für die Zeit der bedeutenden Einzelnen, während sich heute die Masse geltend mache. (S. 134) Natürlich sagt der Marxismus-Leninismus viel und Tieferes über Masse und Persönlichkeit in der Geschichte aber dennoch finde ich hier ein entscheidendes Kriterium des Fortschritts, ein Charakteristikum einer ganzen geschichtlichen Übergangsepoche, in der wir stehen (seit Beginn des Kapitalismus und endend mit einem relativ ausgebildeten Kommunismus). Die neue Qualität in der Rolle der Masse!

Ob es wohl 6000-jährige Irrtümer gibt, ich meine solche, zu denen alle, auch die größten Geister Gevatter gestanden haben?“ (S. 135) Das ist ein Gedanke, so originell, daß ich dazu meinen Senf nicht geben mag, ebenso der folgende: (S. 136)

Es ist die Frage, ob wir jemals eine ganz neue Wahrheit erfahren werden, eine solche, von der wir nicht von Anfang an schon eine Ahnung gehabt hätten, ja, es ist fast unzweifelhaft, daß dies nicht geschehen wird, eben weil es nicht geschehen kann, da ohne den vollständigsten Kreis aller Wahrheiten die menschliche Existenz, die durchaus eine solche Atmosphäre verlangt, gar nicht denkbar ist.“ 

(In einer Hinsicht wußte der erste Mensch genauso viel, wie wir heute. Dieser Tatbestand ist die eine Hälfte dessen, was wir Fortschritt nennen. Obwohl der „Fortschritt“ selbst, wie schon der Name sagt, als seine andere Hälfte verstanden werden will. Der Fortschritt mystifiziert so sich selbst, obwohl doch eigentlich auf der Hand liegt, daß es einen Fortschritt nur bezogen auf einen Fortbestand geben kann.)

Immer wieder gibt es Goldkörner bei Hebbel: Philosophie ist eine höhere Pathologie.“ (S. 157)

 Doch auch Hebbels Tagebuch ist ein Buch seines geistigen Lebens (wobei er die Beziehung des Geistes zur Sinnlichkeit durchaus erwähnt, reflektiert). Mir schwebt vor, das Tagebuch zunehmend auch zum Protokoll des somatischen Lebens und seiner Wechselbeziehung zum geistigen L. zu machen (obwohl dabei noch keine Systematik oder gar Tiefe erreichbar).

20. September 1982 – Durcheinander in meinem Kopf

Dienstag, April 8th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel

Behandlungen: Perl, Periostmassage, Lakenbad, Wickel […]

Lesen: Zeitungen und Zeitschriften – Magazin 8/82;

Dante, “Göttliche Komödie” III – 9. Gesang (Ich verstehe nichts mehr.) Hebbel, Tagebücher ! -129

[…] Hören: (Kopfhörer): Verschiedenes, Prof. L. Bisky über Kultur

Kleiner Schwatz mit Schwester Martina, arbeitet seit 1 Jahr, lernt noch, hat knapp 500,-M. Ist begeistert von ihrem Beruf (immer neuen Menschen helfen). Unangenehm ist die Arbeit mit dem Schieber, Ente usw.

Was Schwester Evi zu ihrem Beruf sagte (sinngemäß): Ich: “Kann man ein Leben lang Schwester sein?“ Sie: “Manche machen es ein Leben lag, also kann man…. Man darf sich erstens nicht übernehmen, überverausgaben. (Ich frage mich: Ist das die Jugend von heute? Woher diese Abgeklärtheit? (Selbstgenügsamkeit?)? Was bedeutet sie?) und zweitens muß man mit Freude darangehen. Es ist ein sehr verantwortungsvoller Beruf.“

Das Wort, das irgendjemand zu den Arbeiten der Kollwitz sagte – ein „Arme-Leute-Edel-Ballett“ - ist sicher nicht ganz wahr, aber es trifft mit hinterhältiger Genauigkeit ihre schwächste Stelle. Wie viel bedeutender ist Barlach! Kann es jedoch sein, daß für die Entwicklung des Kunstverstandes (meine Kindheit) Kollwitz eine hervorragende Rolle spielen kann? Überhaupt Entwicklungsstufen des Kunstverstandes.

Ein anderes Beispiel dazu: A. Bostroem. Einst (noch in der Armeezeit) schrieb mir Christel, meine Geliebte, viele „Terzinen des Herzens“, gewidmet Friedrich Eisenlohr (!) von Bostroem ab. Und auch ich schmolz dahin in diesem Sang. Später – ich kannte schon manches von Nazim Hikmet – kaufte ich erwartungsvoll einen Band Gedichte von ihm und war enttäuscht. Übersetzungen von A. Bostroem. Gestern im Rundfunk: Armenische Lyrik. Etwas Fernes, das als nahe begriffen wird – schön, aber störend das Tönen der Bostroem.

# Erst heute, da ich dieses Tagebuch abschreibe, informiere ich mich kurz über Annemarie Bostroem und stelle mit Erstaunen fest, daß sie Jahrgang 1922 ist. Sie war also damals zur Zeit ihrer „Terzinen“ nur wenig über 30 Jahre alt.#

Die Diskussionen in unserem Zimmer – vieles deprimierend an dieser Lebensweise. Die Berufe meiner Zimmerkumpel sind gefragt. Käuflichkeit! Sozialistische Verkommenheit! Aber wie normal ist dies?

[…] Doris erwähnt die in ihren Augen sehr egoistische Art der Selbstverwirklichung z. B. bei L. Ich erwähne dazu Dante, Homer… Sie wehrt ab, in der Art „Das kann doch keiner praktisch gebrauchen.“ Die höchsten (aber unpraktischen) Ideale (auch hier Selbstgenügsamkeit). Doris meint, daß sie ihre geistige Ausdehnung erreicht hat.

Rudi“ # meine Masseuse # meint, daß Mediziner solche Massaker wie in Beirut nicht anders erleben als andere Menschen.

Nietzsche-Vortrag im Rias gestern. Werbung für seine Renaissance, schamlos werden die Weichen gestellt. Man möchte rufen: „Merkt ihr nischt!“ Doch wir („Einheit“) # theoretisch-ideologische Monatszeitschrift der SED # haben es schon gemerkt. Nur das Rufen unseres fetten, selbstzufriedenen, langsamen, herzlosen, feigen, langweiligen Aufklärungsapparates findet immer weniger Hörer. Und andere kommen nicht zu Wort.

Lenin zum demokratischen Zentralismus: Er könne straff, fast militärisch gehandhabt werden, aber auch wie das Dirigieren im Konzert. Natürlich hinken Bilder immer. Aber ist darüber hinaus etwas grundsätzlich falsch an dieser Auffassung? Kann man die Gesellschaft in ihrer Dynamik mit einem Orchester vergleichen? Wo gibt es das Orchester, in dem ein Stück gespielt (also auch dirigiert) wird und zugleich die Musikanten improvisieren? # Eine meiner seltenen kritischen Bemerkungen zu Lenin. #

Lese das Reclam-Bändchen Kollwitz von hinten nach vorn. Ihre Stellung zum 1. Weltkrieg, zu ihrer Arbeit usw.! Vieles erinnert an L. Wie sie doch nur aus dem Erleben, aus dem unmittelbaren Erleben zum Denken angeregt werden!

Worin besteht heute der Fortschritt (auch auf Westeuropa bezogen)? Krieg zu glorifizieren ist vielleicht schwerer geworden. Dafür ist die Lust am Bösen, an der Niedertracht, gesellschaftsfähig geworden, so daß vielleicht die harte Münze des Ruhms und der Selbstopferung nicht mehr nötig ist, um zum Kriege bereit zu machen. Ist die Kriegsbereitschaft heute wirklich geringer? Ursachen in der Gesellschaft deckt nur die Theorie auf. Unsere Theorie ist in den Massen nur ganz schwach verwurzelt.

Hebbel: Die Dichter sollen erlösen

die Natur zu selbsteigenem

die Menschheit zu freiestem

die unendliche (unfaßbare) Gottheit zu notwendigem Leben. (S.60)

Versuche Hebbel zu lesen, gestört von den laut fernsehenden Zimmerkumpeln (Dieter Thomas Heck). Diese Dummheit, Dummheit, Dummheit, diese Zeitvernichtung, mit der die Zeit ausgefüllt wird!

In meinen „großen Lektüren“ der letzten Zeit ist eins nicht zu finden (mal von Jean Paul abgesehen) – Humor!

Welch Durcheinander in meinem Kopf: Gegen eine verordnete Nietzsche-Renaissance bin ich allergisch, der extreme Egozentrismus Hebbels (der freilich ein humanistischer ist) zieht mich an. Für mich persönlich möchte ich wohl eine Ausnahme machen? Angesichts Hebbel erneut die Frage: Was will ich mit diesem Protokollieren? Ich habe noch immer kein klares Ziel. Ist das Schreiben nur Lebensersatz? Wovon lebte Hebbel? Hebbel kritisch lesen!

Wie wichtig es doch ist, zumindest den Willen zum „Gutsein“ zu haben (zu Mitgefühl, Aufgeschlossenheit usw.). Oft habe ich zwar nicht die Zeit oder Kraft, entsprechend zu handeln, aber wenn diese Bedingungen gegeben sind, dann tue ich es doch. Andere (meine Zimmerkumpel), die nicht einmal diesen (ohnmächtigen) Willen haben, handeln dann selbst unter günstigen Bedingungen nicht besser. Die Vergeudung von menschlichen Möglichkeiten dadurch, daß günstige Bedingungen nicht ausgeschöpft werden! # (Am 16.10. 1985 hierzu ergänzt:) # Das ist offensichtlich nicht nur eine Frage der Selbsterziehung, sondern auch einfach der aktuellen Selbststeuerung. Möglichkeiten in einer Persönlichkeit sind das Eine. Was sie unter wechselnden Bedingungen aus ihnen macht, ist das Andere.

Dichten im Gehen. Mit den „Schwestern“ geht es während des Spazierengehens langsam voran. # Ich versuche eine Dankgedicht an die Schwestern zu machen. # Der Spaziergang kann doch den fehlenden Inhalt nicht bringen. Bei vorhandenem Inhalt einen Rhythmus zu finden, dazu kann er wohl beitragen.

14. August 1982 - 20. August 1982 - zweite Woche Krankenhaus

Montag, Februar 11th, 2008

# Die Eintragungen dieser Woche fasse ich zusammen. #

[…]
die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel; ferner Blutanalysen, Reizstrom, Schlammpackungen; Ruhe, Ruhe, festes Liegen.
[…]
Lesen: Zeitungen und Zeitschriften - ND, BZ, Wochenpost
Aitmatow, „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“, Jean Paul, „Flegeljahre“, Homer, „Odyssee“, Lu Xun,
[…]
Viele Gespräche mit den Zimmerkumpeln, Tier-, Armeerlebnisse, Kriminalfälle, Witze, Garten-, Kindheitsstories, Armee-, Russen-, Nachkriegsstories, Fernstudium,

# Ich lag mit 4 bis sechs Mitpatienten im Zimmer. Sie waren (mit einer Ausnahme) Adipositas-Patienten, bis zu 150kg schwer und machten eine vier- bis fünfwöchige ärztlich gesteuerte Abmagerungskur. Ihre einzige Ernährung bestand aus Wasser und Fruchtsaft, sowie einmal am Tag aus irgendeinem Schleim. Sie fuhren täglich (in ärztlicher Begleitung) 20 bis 40 km Fahrrad, machten Gymnastik, Wasser treten und Sauna. Außerdem gab es eine psychologische Beratung (Besprechung von Lebenskonflikten). Sie nahmen im Laufe der vierwöchigen Behandlung mindestens 12 kg ab und konnten auf Wunsch eine Woche verlängern. Alle hatten Ausgang. Nicht alle hielten diese Kur durch. Im Zimmer gab es eine lebhafte bis laute, grimmig-fröhliche Atmosphäre, viel Humor, tolle Menüschilderungen vor dem Einschlafen. Paralell gab es eine weibliche Adipositas-Gruppe. Ich konnte miterleben, wie zwei “Kummerspeckies” zarte Bande knüpften, eine toll erfolgreiche Kur machten und sich tatsächlich dauerhaft verbanden. #

[…]
Gespräch mit der Wirtschaftshilfe Annette, die Epileptikerin ist, 22J., bei den Eltern, kein eigenes Zimmer;
schöner erotischer Tagtraum mit Schwester Evi,
Magenspülung bei einem Zimmerkumpel - “große weiße Wolke”,

14.8.: Die Wunder der Erinnerung: Die süß verträumte Straßenbahnschaffnerin, die ich vor einem Vierteljahrhundert in Gehlsdorf sah.
Die alte Frau, die L. und ich in Helmers trafen, die von ihren beiden gefallenen Söhnen, U-Boot-Fahrern, erzählte.

Schreckliche Bilder von verwundeten Palästinenser-Kindern.
Je älter ich werde, um so weicher werd’ ich zu Kindern, um so mehr lieb’ ich den Frieden und haß’ ich den Krieg. Entsetzliche Ohnmacht gegenüber den israelischen Kriegsverbrechen.

Ziemlich oft Traumwirrnis in den Nächten, buntes Durcheinander, fast nie belastend. Gelange halbwegs gut in den Schlaf. Träume, dass A. sich während eines Krankenbesuchs zu mir ins Bett legt. Träume mir Szenen mit Iris. Solche ablenkenden, doch nicht aufstachelnden Szenen, sind gute Schlafhelfer. Träume einen Krankenbesuch von Heidi.

Gutes Gespräch mit Karl-Heinz Schatte. Er erwähnt, dass die Verlage zum Zwecke des Exports terminologische Zugeständnisse an den Westen machen.

Aus den erzählten Armeeerlebnissen wird spürbar, wie sich der Ton in der Armee mit dem Übergang zur Wehrpflicht anscheinend gewandelt hat (in Richtung auf Drill und Willkür).

Letztendlich Schmerzzunahme durch Reizstrom?

15.8.: Die wiederkehrenden, formelhaften Wendungen der Odyssee:
“und sie hoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle” oder
“als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte” oder
“und sie traten ins Schiff und setzten sich hinauf die Bänke, saßen in Reihen und schlugen die graue Woge mit Rudern”
“Also steuerten wir mit trauriger Seele von dannen, froh der bestandenen Gefahr, doch ohne die lieben Gefährten.”
Solche Wendungen halten den Hörer/Leser wie an einem langen Seil, sind Momente des Vertrauten in diesen Geschichten voll fremdartiger Erlebnisse, sind wie Bekräftigungen des Subjekts, das aus allem Wechsel immer wieder als das Unwandelbarer auftaucht (Vergl. Marx: “Grundrisse” Seite 600).
Zugleich wollen diese Wendungen nicht extra bedeutungsschwer sein, was sie sympathisch macht (Das ist Aitmatow mit seinen Motiv-Sätzen zum Beispiel von den Zügen, die nach Ost und West fahren, nicht so gut gelungen.)
Die vielen Einzelerlebnisse und Gedanken, die in die Odyssee eingegangen sind! Zum Beispiel Elpenors Tod, zum Beispiel X. Gesang, Vers 84/85. Schade, dass man durch Übersetzungen nur ungefähr erfahren kann, wie die Odyssee wirklich ist.

Die größten Kunstwerke haben einen gewissen Objektivismus: Faust, Odyssee, Klim Samgin, Rembrandt.

16.8.: Ziemliche Schmerzen. Es geht weder vorwärts noch rückwärts. Am Tage ist das Befinden besser.

Der 42. - Hälfte des Lebens!

Wieder solche Einzelheit aus der Odyssee: Die Geschenke des Alkinoos für Odysseus (13. Gesang, 14f, 20ff). Höchst charakteristisch:”Lasst uns noch jeden ein groß dreifüßig Geschirr und ein Becken ihm verehren. Wir fordern uns dann vom versammelten Volk wieder Ersatz, denn einen belästigen solche Geschenke” und rührend:
“Aber die heilige Macht Alkinoos legte das alles, selber das Schiff durchgehend, mit Sorgfalt unter die Bänke, dass es die Ruderer nicht an der Arbeit möchte verhindern.”
Oder auch ebenda Vers 30 bis 35. Begeisternde Odyssee!

17.8.: Die Odyssee gipfelt im Blutbad des O. an den Freiern und Mägden, Verstümmelung des Ziegenhirten.
Mein weichliches Herz will daran keinen Gefallen finden. (Es will sich wohl vor den Tatsachen des Lebens drücken.) Gehört es zum Leben, dass auch Leben ausgerottet wird?

Unzweideutige Annonce in der BZ von heute:
“Lustiges Pärchen sucht gleich gesinntes, dass alles mitmacht und genießt, Feiern, FKK und Wasserspiele mag. Wenn ihr denkt wie wir, dann schreibt uns.”

In Granins “Gemälde” beeindruckt mich die dialektische Sicht auf die Figuren. Oftmals lässt der Autor den Leser unmittelbar miterleben, wie sie ihre Meinung ändern, anders werden. Oder er zeigt, wie sie in anderen Beziehungen anderes sind. In diesen Roman geht viel Wissen, sogar Wissenschaft ein, was ich geradezu für ein Merkmal der Kunst der Zukunft halte.
Doch Granin greift nicht direkt ans Herz (wie oftmals Aitmatow).
Alle drei bedeutenden Russen, die ich jetzt las, blicken voller Skepsis auf die Repräsentanten der Gegenwart ihres Landes. Im Grunde ist das die Frage: wie groß ist der Sozialismus wirklich? Die Antwort fällt nicht berauschend aus. Ich finde, wir alle sind auf dem Wege, erst langsam den Sozialismus wirklich zu begreifen. Der Rauch der Kämpfe und der Nebel der Vorstellungen weicht der Realität. Wenn Ursel schreibt, Ute habe wohl noch gar nicht begriffen, was Sozialismus ist, so fängt die wirkliche Frage hier erst an.

18.8.: Der “Schmerzpegel” steigt - nach dem Wohlgefühl im Gefolge des Geburtstags - wieder etwas an.

Anna Seghers meinte zur Plenzdorf-Diskussion, daß Talent etwas Kostbares sei und man sorgsam damit umgehen müsse. Sehr wahr! Diese Sorgfalt ist auch von dem Talent selbst im Umgang mit sich zu verlangen.
Talente, die sich trotz größter Sorgfalt ihre Umwelt selbst zu Grunde richten, wie Wolf Biermann.
Überhaupt dürfte das der häufigste Fall sein, dass Talente aus sich selbst nicht das Bestmögliche machen, aus inneren Gründen. Das Talent wird von eigenen Schwächen gehindert, ein großer Meister zu werden.

Ältere Kranke, die sich als ein einziger Vorwurf an die Welt empfinden. (” Haben wir das verdient?”)
Drum warte nicht darauf, dass dir einstmals mit paradiesischen Wonnen oder auch nur mit Dank “vergolten” wird. Allein auf Vergeltung zu warten, ist schon eine Ungezogenheit.

Der Mensch will persönlich angesprochen werden. Vermisst er dies, sehnt er sich danach. Das merke ich besonders als Kranker. (Bei der Bewertung der Schwestern und Ärzte zählt dies Moment ganz besonders.) Ein starrer demokratischer Zentralismus, wie bei uns, bringt die Tendenz mit sich, statt persönlicher Beziehungen formale aufzubauen.

19.8.: Spekulation: Mir scheint die sozialistische Gesellschaft der DDR bringt eine Unmenge von Mittelmaß hervor. Mittelmaß ist charakteristisch für uns. Vielleicht ist die Tatsache der Existenz und Stabilität dieser Gesellschaft eine solche historische Größe, dass jeder ein Gutteil seiner möglichen, speziellen, persönlichen Größe opfern muss, um jene zu erhalten. Auch die (notwendige) Mauer pfercht uns zusammen. Die einzelne Leistung ist gefesselt, überall, in Wirtschaft, Wissenschaft, Technik, Kunst. Weltspitze sind wir im Sport - ist das nicht der schlagenste Ausdruck unserer Mittelmäßigkeit? (Nur im Fußball, vielleicht die einzige Sportart in der alle um die Spitze ringen, sind wir auch Mittelmaß.)
Der Einzelne bei uns trifft überall Grenzen, muss überall fragen. Wenn er diese Grenzen verinnerlicht hat, schafft er keinen “Wurf” mehr. Wenn er die Grenzen überspringt bricht er sich das Genick (W. Biermann), nicht unbedingt physisch, das heißt, er wird bedeutungslos.
Wie das Leben der Menschen an die Grenzen drängt, darin kocht, zeigen auch Gerichtsberichte, Annoncen, Hobbys (Krankheiten auch).
Du siehst dieses Leben und fragst: “Wofür das alles?” Und antwortest: “Für den Frieden!” (In dieser Frage und Antwort liegt unsere ganze Größe und Tragik beschlossen.)

Wie A. Q. (des Lu Xun) all seine Niederlagen zu Siegen macht, hat viel Ähnlichkeit mit dem Walt (Gotwald Harnisch) von Jean Paul. Natürlich deckt sich diese Ironie nur partiell, und im Grunde sind das völlig verschiedene Gestalten.

20.8.: In den letzten Tagen habe ich nur selten Westrundfunk gehört, kein Westfernsehen, kein “horizont”, “Weltbühne”. Meine Informationsquellen waren fast nur ND und BZ. Dabei schwindet das Gefühl, gut informiert zu sein sehr schnell. Nein, der Informationsgehalt dieser Organe ist sehr ausgesucht, auf wenige Themen beschränkt, die in zweckbewusster Weise dargestellt werden. So entsteht bald das Gefühl, schon Bekanntes wieder zu lesen und daraus entsteht Desinteresse. Keine gute, keine freie Informationspolitik (in dem Sinne, wie Lunatscharski über Lenins Auffassung dazu berichtet), keine konkrete, keine komplexe, keine dialektische, ungenügend historische Information, und natürlich auch nicht genügend anschaulich und “menschlich”.

In der Wochenpost ist ein Interview mit dem Stabschef Generalmajor Stechbarth. Darin wird auch erwähnt, was er liest (in seiner Freizeit): Tschakowski, “Die Blockade”, Memoiren von Heerführern, Biografie Honeckers, Bastian, “Gewalt und Zärtlichkeit”, irgendeinen Roman über die NVA. Also mit anderen Worten (gemessen an Lenins Worten, dass die Kommunisten sich die Schätze der ganzen Menschheit aneignen müssen) ein Analphabet. Die erdrückende Mehrheit unserer politischen Führer ist in diesem Sinne nach meiner Überzeugung Analphabet.

16. Juli 1982 - “Liebe”

Dienstag, Januar 29th, 2008


[…]
Lesen: Lunatscharski, “Lenin”
[…]
Solche Nervenentzündung ist ein erstaunliches auf und ab. Hatte ich nachts nicht gut warm gelegen? War ich zu schnell zum HdM gelaufen? Das Hängen, der Rückweg waren eine Qual. Ja, selbst jetzt, nachmittags, reißt es enorm, wenn ich mal aufstehe (eigentlich brennt es).
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Wir gebrauchen die Begriffe der Wissenschaft sehr selbstverständlich in unserem Leben, überhaupt allgemeine Begriffe, Abstraktionen. Vielleicht sollten wir damit viel vorsichtiger sein, denn das Leben ist gar nicht abstrakt, und unversehens haben wir das ganz verzerrt bezeichnet und so missverstanden.
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Ein solcher Allgemeinbegriff ist z. B. “Liebe”. “Liebes”beziehungen waren für mich bisher beschränkt auf Christel und L. Und sprachlos war ich, um mein Verhältnis zu Annemarie, Margot, Helga, Karin zu bezeichnen (oder vielleicht auch das zu Marlies Glöß). Das Leben zwingt einfach dazu, nicht nur ein großes, umfassendes, “vollkommenes” Verhältnis als Liebe zu bezeichnen. Schon allein deshalb, weil sich diese Vollkommenheit doch als eine Frage recht kurzer Zeit erweist (2 bis 3 Jahre). Die Verhältnisse zu Margot oder Helga oder Annemarie hatten, haben von vornherein nicht diese Vollkommenheit. Sie erfassen nicht den ganzen Menschen. Aber dennoch: In bestimmter Hinsicht bin ich allen diesen Frauen “von Herzen gut”. Ich weiß, daß ich ihnen wehtue, sie vielleicht sogar quäle aber es tut mir leid (es quält mich selbst). Ich fühle mich kaum verantwortlich für solche Misere, nehme es wie Schicksal, dem wir alle unterworfen sind.
Es hat keinen Sinn, “Liebe” in schwindelnde Höhen zu heben und sich in der Zwischenzeit verschämt mit “Sex” zu begnügen. Liebe ist ein Feld, hat eine riesige Spannweite, viele Gesichter. Das Gemeinsame ist eine “völlige Intimität” im Menschlichen vermittelt durchs Geschlechtliche. Die “völlige Intimität”, die zwei Sonnen monate- oder jahrelang umeinander kreisen läßt oder als einmaliges, momentanes Streifen aneinander (und alles, was dazwischen liegt).