Archive for the ‘Lesen’ Category

02. Oktober 1989 – ein Sohn-Vater-Briefwechsel in unruhiger Zeit

Samstag, Oktober 17th, 2009

Hallo Vater!

… Zwei Wochen Studium liegen nun schon hinter mir, und es läßt sich alles ganz gut an….Ich habe ja immerhin die Armee hinter mich gebracht. Man ist froh, wenn es vorbei ist, obwohl es mir wirklich nicht schlecht ging. Ich war in Seddin, Nähe Potsdam, und hauptsächlich waren wir bei der Deutschen Reichsbahn im Gleisbau, sind also im Prinzip arbeiten gegangen. Natürlich formt die Armee aber auch, und der Kontakt mit den meist um 3-5 Jahre älteren Kollegen hat mir doch eine Menge gegeben. Bestes Zeichen ist, daß trotz negativer Erfahrungen und Erlebnisse die Zeit doch recht schnell verging. Und nicht zuletzt hatte ich natürlich äußerst günstige Bedingungen für die Heimfahrt. Danach war ich noch 2 ½ Monate arbeiten. Über einen Freund habe ich bei den Theaterwerkstätten der Deutschen Staatsoper begonnen. Ich hatte zwar nur Kulissen zu schieben und sonstige Transportaufgaben zu erledigen, aber es war natürlich ganz interessant.

Und in der letzten Augustwoche bin ich noch nach Ungarn gefahren (und zurückgekommen). 4 Tage Budapest, 3 Tage Balaton, geschlafen auf dem Bahnhof. Budapest war für mich nach 3 Tagen schon so belastend, daß ich merkte, was man an unserem Berlin hat. Laut, voll Verkehr und Hektik und mit wenig Grün. Teuer ist Ungarn für uns ja nun sowieso, mich interessierten nur die Plattenläden. Balaton war dagegen paradiesisch, wenn auch das Wetter schlechter wurde. Vom ganzen Ausreiserrummel hat man dort am allerwenigsten mitbekommen, DDR-Bürger traf man sowieso auf Schritt und Tritt.

Ja und nun hat für mich also das (hoffentlich lustige) Studentenleben begonnen. Deutsch/Englisch-Lehrer in Rostock. 17 Mädchen, 3 Jungen, aber man kann damit leben. Nach zwei Wochen Vorbereitung und Wiederholung unterstützen wir jetzt unsere Landwirtschaft in Form von Kartoffelsortieren. Heute sind wir angekommen in einem Dorf bei Hagenow. Wenn aber die Arbeit so gut ist, wie das Quartier, ist uns nicht bange. Was die Zukunft bringt, werden wir sehen. Ich mache mir aber keine großen Sorgen. Es ist ja noch der Anfang….”

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Lieber Cl.!

Über Deinen Brief, mit dem Du eine Menge erzählt hast, habe ich mich sehr gefreut. Ich habe den Eindruck bekommen, daß Du mit einem freundlichen Realismus an die Dinge herangehst, gleichmütig, ohne gleichgültig zu sein. Was es wohl heißen mag, daß Du Dich so sehr für Platten interessierst? Also nicht für Literatur, gar Lyrik?

Als ich von Deiner Gleisbauarbeit las, fiel mir ein Gedicht von Harald Gerlach ein: “Die Rotte”

Sperrgleis, für die Ramme frei – Leben

geht an uns vorbei: Züge halten, Züge

fahren. Wir sind, wo wir immer waren; ewig

steht für uns auf Halt das Signal. Wir bleiben

alt, eingeschlossenzwischen Schwellen. Schienen

singen. Pfiffe gellen, Warnlaut, gelb

die Flagge winkt. Hüfttief in den Schotter

sinkt, wer es wagt, sich loszureißen von den

ausgefahrnen Gleisen. Endstation. Mit unserm

Schweiß koffern wir das tote Gleis.”

Wüstungen” heißt der Gedichtband von Harald Gerlach, in dem ich etliche Gedichte gefunden habe, die mich berührt haben.

Ich habe von Jugend an bis heute immer Gedichte gelesen. Fast alle lesen in ihrer Jugend Gedichte (oder schreiben gar welche) und hören dann auf, wenn sie erwachsen werden.

In Ungarn war ich noch nie (von einem halben Tag Budapest vor Jahren auf der Durchreise abgesehen).

In Bulgarien war ich übrigens oft und könnte Euch verschiedene Privatadressen vermitteln, wenn Ihr daran interessiert wäret.

In den bulgarischen Boden habe ich sozusagen kleine Wurzeln gesenkt. Das hat sich über etwa 10 Jahre hingezogen. Dieses Reisen hat mich eigentümlich untauglich gemacht für Auslandsreisen. In den letzten Jahren bin ich nur in der eigenen DDR-Heimat herumgekommen (auch nicht mehr Bulgarien). Ich finde es sehr schön hier, wenn auch Vieles schmerzlich ist, aber es ist mein Eigentum. Auch dazu fällt mir ein Gedicht ein. Das schreibe ich Dir aber nicht ab. Es wäre zu lang. Außerdem: Was würdest Du von Deinem Vater denken? (Es ist “Mein Eigentum” von Hölderlin, ein Wegbegleiter.)

Reisen ins Ausland, nur um irgendwelche äußeren Schalen zu sehen, erscheint mir sinnlos. Und um die Schalen zu durchstoßen und ins Innere vorzudringen, fehlen Kraft und Zeit. Das soll aber nur realistisch, nicht resigniert klingen. In die UdSSR, das Land der Erneuerung des Sozialismus, zu fahren, habe ich mir fest vorgenommen.

Ich informiere mich intensiv über die Sowjetunion. Mein rusisch habe ich über Jahre vernachlässigt, so daß es mit Originalliteratur nichts ist. Aber die Moskauer “Neue Zeit” habe ich noch in letzter Minute, gleich nachdem die Perestroika begann, abonniert. Nun ist diese Zeitschrift wohl die wichtigste geistig-politische Quelle für mich geworden (zur Zeit).

Um das Studentenleben 17+3 beneide ich Dich ein wenig. Ich bin Zeit meines Lebens in Schulen, Universitäten und Arbeitsstellen gegangen, wo die Männer eindeutig in der Überzahl waren. Nun seid iIhr also die Hähne im Korb? Ob Dein großer Bruder Cr. – er sagte mir, daß er in Rostock arbeitet – ein Auge auf Dich hat? Daß Du das Studentenleben nicht gar zu lustig nimmst? Ich hatte immer den Eindruck, daß er sich sehr für Dich verantortlich fühlt…”

31. Juli 1989 – “Pavlos Papierbuch”

Donnerstag, Oktober 15th, 2009


Im Colosseum “Ich und Er” (D. Dörrie) - nicht soo! schlecht.

Abends von Platte: “Pavlos Papierbuch”, gelesen von Franz Fühmann.

# Ich liebe diese Geschichte und wie er sie liest. #

27. Juli 1989 – Lehrgangsabschluß

Donnerstag, Oktober 15th, 2009

Abschlußexkursion des 44. Lehrgangs nach Meißen, gestern RLK, heute Turbo. Starke Zuspitzung nach Abschlußabend in Meißen.

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Rückfahrt mit Aitmatows “Richtstatt” – enttäuschend.

Lesen: Ch. Hein, “König Artus Tafelrunde”, sowie “Kohlenkutte”. Ausgezeichnet!

24. Juli 1989 – “Kohlenkutte”

Donnerstag, Oktober 15th, 2009


Abends “Kohlenkutte”. Drastische Szenen (Selbstbefiedigung). Danach und nach schwarzem Tee kann ich abends nicht einschlafen.

# Ganz interessant damals (finde ich aber erst heute) Rolf Schneider im “Spiegel” zu “Kohlenkutte”.#

polnisches Requiem” von Penderezki,

Verteidigung der Kollektivarbeit des 44. Lehrgangs, erfolgreich.

Morgen langer Tag mit Vorlesung Graichen (“Materialökonomie”).

14. Juli 1989 – kleiner Brief

Donnerstag, Oktober 15th, 2009


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Liebe U., lieber H.!

Ich schaffe es zwar nicht, zu den offiziellen Anlässen (wie es z. B.Geburtstage sind), pünktlich an Euch zu denken (dafür bitte vielmals Entschuldigung!), das heißt aber nicht, daß Ihr mir völlig aus dem Gedächtnis geglitten seid. Zum Beweis schicke ich Euch mal paar aktuelle, ökonomisch orientierte APN-Boschüren. Oder habt Ihr sie bereits bzw. könnt sie aus andereen Gründen nicht gebrauchen?

# Der Moskauer APN-Verlag gab deutschsprachige Perestroika-Broschüren heraus, die in der DDR nicht mehr vertrieben wurden. Im Berliner „Haus der sowjetischen Wissenschaft und Kultur“ konnte ich sie mühelos kaufen und versorgte interessierte Bekannte und Verwandte, die, wie U. und H. z. B. in Rostock wohnten. #

Für mich geht hier in 14 Tagen der Lehrgang zu Ende, bei dem ich zugleich Leiter und wissenschaftlicher Mitarbeiter sein mußte. Ab 1.9. haben wir dann einen neuen Leiter. Im August freue ich mich erstmal auf den Urlaub in Schmachtenhagen…“

WBA-Sitzung, Diskussion zum Wohngebietsfest - und zu den Ansprüchen!

Heute “Mirabeau” in der Staatsoper, morgen nach Schmachte

10. Juli 1989 - Soldatenbriefe - Zusammenbruch des Individuums

Freitag, Juli 10th, 2009

Tagesschau gestern sendet einen langen Spitzenbericht über die Republikaner. Waigel bestätigt seine revanchistischen Äußerungen. Honecker mit Gallenreizung in Bukarest ausgeschieden.

# Soweit ich mich richtig erinnere, erklärte auf dieser Tagung der Warschauer Vertragsstaaten Gorbatschow das Ende der “Breshnew-Doktrin”. #

Lektüre Popper - wichtig! N. Schmeljow ebenfalls wichtig.

“Zieh dich warm an” - Soldatenbriefe an Großvater Hebig zu seinem 75. Geburtstag geschickt.

Popper sagt - was ich zutiefst teile - der schwerste Angriff auf die Würde des Menschen ist die Angst. Gewalt gegen Menschen anwenden, heißt Kraft, Energie vernichten (statt sie Arbeit verrichten zu lassen). Bei uns werden unliebsame Vorschläge, so formulierte einst Rolf, “geerdet”. Seine Energie wirkungslos zu sehen, kann kein Mensch ertragen. er sucht nach anderen Formen der Kraftverausgabung. Unter ungünstigen sozialen und/oder subjektiven Bedingungen findet er diese nicht. Findet er auch keine Ersatz- oder Betäubungsformen, zerstört er die Energiequelle in sich selbst. (Wie alles Menschliche ist diese Energiequelle kein Fixum, sondern hat ein sozial und subjektiv bestimmtes (also veränderbares) Maß.)

Die Soldatenbriefe zeigen schreiend deutlich, wie der Radius meines Lebens kümmerlich bleibt, wenn ich nicht anders will. Der Mensch muß sich total als soziales Wesene verhalten, soll heißen:”als wenn er der König wär”. Marx: “enormes Bewußtsein”. Jedes Individuum ist ursprünglich “eNorm”. Die Soldatenbriefe enthüllen die unerbittliche Logik des totalen Zusammenbruchs. Sie besteht in der vollständigen Unterordnung unter einen fremden Willen. Formale Disziplinierung ist der Keim des totalen Zusammenbruchs. All das sehr heutig gemeint.

Mit großer Freude beobachte ich den Flug der Schwalben in Skaby und der Mauersegler am Arkonaplatz.


# Damit, am 10. Juli 1989, endet der Band 33 meiner Tagebücher, den ich beginnend mit dem 03. Januar 1989 hier im Blog begonnen hatte. #

04. Juli 1989 – Pekingtrommeln, mein Schweigen

Samstag, Juli 4th, 2009

C. las mir ein Interview mit dem Prawda-Korrespondenten in Peking vor (aus der “UZ”).

Gestern als WBA-Vorsitzender zum “Tag der VP” im neuen Revier Brunnenstraße gratuliert. Man unterhält sich über das gleichzeitig (15-18 Uhr) stattfindende Pekingtrommeln, das herüberschallt. Der VP-Revierleiter sagt, er könne nicht einschreiten, weil niemand wegen “ruhestörenden Lärms” eine Anzeige erstattet. Man sagt: “Bei uns wird es das (Tien an men) nicht geben.” Es heißt, daß die Kirche weiterhin die Wahl angreifen werde.

Ich sage dazu nichts,… hätte sagen müssen, daß auch in meinem Wahlkreis andere Ergebnisse als die offiziellen erreicht wurden. Ich “fresse es in mich hinein” - spüre es am Magen - und denke zum 1. Mal, daß ich bei der nächsten derartigen Situation (Wahl) demonstrativ den WBA-Vorsitz niederlegen sollte.

In Gewi 2/89 M. Mamardaschwili - zu Descartes, Kant, Kafka - Rolle der Individualität in der Zivilisation. Auch heute ein Lesetag - in sowjetischen, gesellschaftswissenschaftlichen Publikationen.

Ich bin ein politisch-ideologisch enorm aktivierter und zu weitgehender Untätigkeit gezwungener Mensch.

Doris erzählte, daß wir ab September 89 keine Hörer mehr an die Parteihochschule der KPdSU schicken. Sie erwähnte den Aufbau der Freidenkerbürokratie.

01. Juli 1989 – Garten

Samstag, Juli 4th, 2009

F. erhielt gestern sein Zeugnis, gut; aber mit drei in Mathematik (jedoch 2 in Mitarbeit). Dann zusammen mit C. nach Schmachte. Sensaktion in Sch., Freude am Garten, Vorlesen:”Die Regulatoren in Arkansasas”, Wasserspiele, Laubenbemalung von F., C. macht mit. Bewässerung - zugleich Entwässerung des Planschbeckens mittels Schläuchen. F. beschäftigt sich gern damit. Anfang der Beerenernte, gutes Wachstum der Pflanzen, auch der Weinreben.Vorstellungen der weiteren Gartengestaltung.

27. Juni 1989 – Garten und mehr

Freitag, Juni 26th, 2009

APO-Versammlung (Lethargie),

Film von A.. German “Straßenkontrolle” - wir gehen nach 1 Stunde - kein sehr bedeutendet Film. C. las gestern einen guten Text des Schriftstellers Saalmann, über den Moralzustand der DDR bzw. in der DDR.

Telefonat mir F., dem die Damperfahrt sehr gut gefallen hat. Er zählt eine Menge Daten des Dampfers auf (18kn).

Das Wochenende in Schmachte mit enorm viel Lesen der “Neuen Zeit”.

Weitere abschließende Arbeiten am Haus, Gartenpflege. Es leben erfreulich viele Farne. Der Wildwuchs der Gräser. Die junge einsame Heckenrose will sogar blühen. Der Garten ist grüner als zu erwarten war. Brennesseln vertilgt. Die Beerenbüche machen Freude. Der kleine (doppelt) geschädigte Weinstock scheint sich zu erholen. Glück gehabt: 35m 3/4-Zoll Gartenschlauch gekriegt. Die eigene Joghurtproduktion ist angelaufen.

# Zum Thema Versorgung: Meine Joghurtproduktion klingt nach Freude an “do it yourself”, war es aber nur zum Teil. Es ging auch darum, sich wirklich zuverlässig mit Joghurt zu versorgen. Selbst in dem bevorzugt belieferten Berlin konnte ich in letzter Zeit oft, wenn ich nach der Arbeit zur Kaufhalle ging, keinen Joghurt mehr bekommen. In hochsommerlichen Hitzeperioden war es normal, daß im Berliner Umland in den Lebensmittelverkaufsstellen nur einmal pro Woche Bier angeliefert wurde. Man kaufte dann gleich einen ganzen Kasten, hatte also zu Hause dennoch Bier vorrätig aber die Verkaufsstellen waren leer.#

Dieter Papsch sagte gestern, daß den SAB # Schwermaschinen- und Anlagenbau # seit vorigem Jahr 4100 Arbeitskräfte verlassen hätten. Das Getriebewerk Penig hat seit Ende 88 einen Abgang von 120 Arbeitskräften, überwiegend Produktionsgrundarbeiter, davon 20 Ausreiser.

17. Juni 1989 – in Skaby

Mittwoch, Juni 24th, 2009

Wochenende schön in Skaby mit C. Tote Kuh dort.

Viel gelesen (Simonow erinnert sich an Stalin), nichts Beeindruckendes.

# Wenn ich die Einträge dieser Tage und Wochen überblicke, fällt mir auf, welche Unmengen von Literatur wir in dieser ganzen Zeit der Krise gelesen haben; viel schöngeistige Literatur aber auch gesellschafts-/kulturpolitische und historische. Es war überhaupt eine Zeit vieler geistiger Äußerungen und des regen Austauschs (in gewissen Kreisen). Es wäre interessant, das mal mit unserem heutigen Verhalten in der Krise zu vergleichen. #

Ich fühle mich ständig nicht wenig politisch-gesellschaftlich belastet (depressiv).