Archive for the ‘Malerei und Plastik’ Category

12. Oktober 1982 – ein sinnvolles Leben führen; Brief an Mayerl

Mittwoch, Dezember 3rd, 2008

# Abschrift Protokoll Band 6 beginnt. #

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 Bus nach Buch, Blutabnahme, beim GD Sero, Anruf von Heidrun (die sich freut, daß ich mich freue).

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Versuch Anruf bei Gross, klappt nicht. Gymnastik – So wie es wieder in der Wade brennt… verdammt, ich könnte es mit der Angst kriegen. Anruf von Roderich. Brief an Mayerl.

In der Kunst wie im Leben: Sich wiederholen oder Realist sein!

[…]

Dieser Akt sagt nachdrücklich, wie schön Teilansichten, Detailaufnahmen sein können.

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Vor kurzem schrieb ich, daß ich ergründen möchte, wofür Evi, Angehörige dieser Generation der 20-Jährigen, leidenschaftlich sind. (Ich glaube die einzige wirkliche Leidenschaft ist die für die Schönheit des Lebens.) Genauso möchte ich das von Frau Rudolph wissen, die wieder ein anderes Jahrzehnt, das der 30-Jährigen repräsentiert. Frau Rudolph, die sich ziemlich mühsam durch Aitmatows „Weißen Dampfer“ quälte, die Spitzweg mag aber nicht „Schulmeisterlein Wuz“.

Ich ergrübelte mir, nicht wenig geleitet von Goethe, daß der Sinn des Lebens darin besteht, es schön zu finden. (Ein ähnlicher Scheinzirkel wie der von Strittmatter, wenn er sinngemäß sagt, sein Nachdenken führe dazu, daß der Sinn des Lebens darin besteht, darüber – genussvoll – nachzudenken.)

Andere (Evi; Grit) grübeln darüber nicht, sondern finden das Leben einfach tatsächlich schön, freuen sich ihres Lebens. Im Extremfall erfüllen sie den Sinn des Lebens, ohne je einen einzigen tieferen Gedanken daran zu verschwenden.

Solche Lebenshaltung und –praxis ist nur unter ganz bestimmten („gesunden“) Lebensverhältnissen möglich. Diese müssen möglichst bewußt geschaffen werden. Der Versuch, ausschließlich aus individueller Sicht, ohne tieferes (philosophisches) Nachdenken, ein „schönes“ Leben führen zu wollen, führt notwendig zu Kollisionen (mit den eigenen „Fernwirkungen“), gefährdet die Ziele und zwingt dann zum Nachdenken. Das Neue in diesem Prozess besteht zunehmend darin, daß dieser Prozess immer weniger spontan ablaufen soll, also auf einer hohen Stufe des sozusagen normalen „Vorausdenkens“.

# Zu Willibald Mayerl vergleiche hier. #

Werte Herr und Frau Mayerl!                                                 Berlin, 12.10.82

Mein Besuch bei Ihnen liegt schon solange zurück, daß ich am besten damit anfange, mich noch einmal vorzustellen. Ja, ich bin der Herr K. aus Berlin, der Sie Ende März des Jahres aus Interesse für die Bilder Ihres Vaters bzw. Schwiegervaters besuchte und der versprach, sich wieder zu melden. Sie waren damals so freundlich, Frau Mayerl, mir die Bilder zu zeigen und haben mich auch reichlich mit Katalogen versehen.

Warum ich mich nicht gleich im April wieder meldete weiß ich jetzt nicht mehr. Dafür war der Grund danach umso zwingender: Seit April/Mai hatte ich zunehmend unter Ischias/Bandscheibenvorfall zu leiden und war, wie man so sagt, 3 ½ Monate ans Bett gefesselt. Vorgestern wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen.

Mein Interesse für die Bilder Ihres Vaters ist unvermindert groß, und wenn es möglich wäre würde ich gerne eins kaufen,natürlich keins der Riesenformate und auch keins aus der „naiven Zeit“, sondern aus der Bergmannszeit.

Ist es zu viel verlangt, wenn ich Sie bitte, mir brieflich mitzuteilen, ob Sie überhaupt verkaufen und wenn ja, in welcher Größenordnung sich der Preis bewegt? (Wie gesagt, für ein Format, das man sich in die Stube hängen kann.)

Übrigens ist ein Bekannter von mir an dieser Frage ebenso interessiert, wie ich. Er ist ein großer Liebhaber und ich darf wohl sagen auch Kenner besonders von Grafik. (Wir sind beide nicht reich, verlangen aber auch nichts geschenkt.)

Bitte geben Sie eine kurze Antwort (denn die Reise ist ohne Auto all zu umständlich) und seien Sie herzlich gegrüßt, von

P. K:

 

Welche tieferen Motive treiben weibliche Aktmodelle, alle ihre Reize zu offenbaren? Ist es vielleicht das Selbstbewusstsein (oder auch Machtbewusstsein) für einen Mann viel zu schön zu sein, der Wunsch, die ganze Welt zu Füßen zu haben und nicht nur zu Füßen, diese ganze Welt in sich aufzunehmen und zu befriedigen und so die Mutter und Hurenkönigin von allen zu sein?(Dasselbe Streben treibt den Mann in die letzte Falte des weiblichen Körpers.)

08. Oktober 1982 – Dresdner Kunstausstellung und Sozialismus

Dienstag, Dezember 2nd, 2008

Hören: Haydns “Die Schöpfung” in der Schloßkirche Buch

Gestern beim Spazierengehen erzählt L. von der Dresdner Kunstausstellung. Unsere Auffassungen harmonieren sehr in diesen Fragen. Das Malerische habe keine Chance in dieser Ausstellung. Riesenformate dominieren und “Leipziger Schule”. Sie vermißt die Haltung der Künstler. Jedoch, das Schlimme ohne erkennbare eigene Haltung darzustellen, sei auch wieder eine Art Realismus. Den Politikern müßte, recht besehen, bei vielen dieser Bilder grausen. Sie sagt, man könne nicht den Arbeiter malen, wenn man ihn mal 4 Wochen studiere. Mayerl habe das gekonnt. Vieles in Dresden sei auch Rekordjagd, etwas Ausgefallenes bieten. Viele Arrivierte wiederholen sich. Plenkers sei ihr aufgefallen.

Vieles, was sie da sagt, klingt wie Zustimmung zu mir. … Sie meinte, ich solle ruhig etwas zu Dresden schreiben. Diese Absicht hatte ich nicht, da an eine Veröffentlichung nicht zu denken ist. Jedoch jetzt faßte ich den Entschluß. Ja, ich betrachte diese Ausstellung sehr genau und schreibe rückhaltlos, sogar zugespitzt meine Meinung: für mich, für die Schublade, für einige Freunde (Bernd Wagner, Hans Vent, Dieter Goltzsche, Karl Heinz Schatte, Kurt).

Eigentlich ist der Sozialismus ein umgestülpter Imperialismus. Er schafft die ersten, die allerelementarsten Grundlagen dafür, daß der Mensch einmal anders werde. Diese sind Frieden und sinnvolle Arbeit (Das sagte auch mal Andersen-Nexö.) Wir sind noch weit davon entfernt, diese Grundlagen sicher geschaffen zu haben.

Insofern ist der “vergessene Humanismus” in unserer Praxis einfach Ausdruck dafür, daß sich das Wesen unserer Entwicklung real deutlicher ausprägt. Nur das Bewußtsein dieser Tatsachen dürfen wir anscheinend noch nicht haben. Die Künstler beginnen es zu formen (Granin, Aitmatow). Die Theorie darf (und kann) es bei weitem noch nicht formulieren.

20. September 1982 – Durcheinander in meinem Kopf

Dienstag, April 8th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel

Behandlungen: Perl, Periostmassage, Lakenbad, Wickel […]

Lesen: Zeitungen und Zeitschriften – Magazin 8/82;

Dante, “Göttliche Komödie” III – 9. Gesang (Ich verstehe nichts mehr.) Hebbel, Tagebücher ! -129

[…] Hören: (Kopfhörer): Verschiedenes, Prof. L. Bisky über Kultur

Kleiner Schwatz mit Schwester Martina, arbeitet seit 1 Jahr, lernt noch, hat knapp 500,-M. Ist begeistert von ihrem Beruf (immer neuen Menschen helfen). Unangenehm ist die Arbeit mit dem Schieber, Ente usw.

Was Schwester Evi zu ihrem Beruf sagte (sinngemäß): Ich: “Kann man ein Leben lang Schwester sein?“ Sie: “Manche machen es ein Leben lag, also kann man…. Man darf sich erstens nicht übernehmen, überverausgaben. (Ich frage mich: Ist das die Jugend von heute? Woher diese Abgeklärtheit? (Selbstgenügsamkeit?)? Was bedeutet sie?) und zweitens muß man mit Freude darangehen. Es ist ein sehr verantwortungsvoller Beruf.“

Das Wort, das irgendjemand zu den Arbeiten der Kollwitz sagte – ein „Arme-Leute-Edel-Ballett“ - ist sicher nicht ganz wahr, aber es trifft mit hinterhältiger Genauigkeit ihre schwächste Stelle. Wie viel bedeutender ist Barlach! Kann es jedoch sein, daß für die Entwicklung des Kunstverstandes (meine Kindheit) Kollwitz eine hervorragende Rolle spielen kann? Überhaupt Entwicklungsstufen des Kunstverstandes.

Ein anderes Beispiel dazu: A. Bostroem. Einst (noch in der Armeezeit) schrieb mir Christel, meine Geliebte, viele „Terzinen des Herzens“, gewidmet Friedrich Eisenlohr (!) von Bostroem ab. Und auch ich schmolz dahin in diesem Sang. Später – ich kannte schon manches von Nazim Hikmet – kaufte ich erwartungsvoll einen Band Gedichte von ihm und war enttäuscht. Übersetzungen von A. Bostroem. Gestern im Rundfunk: Armenische Lyrik. Etwas Fernes, das als nahe begriffen wird – schön, aber störend das Tönen der Bostroem.

# Erst heute, da ich dieses Tagebuch abschreibe, informiere ich mich kurz über Annemarie Bostroem und stelle mit Erstaunen fest, daß sie Jahrgang 1922 ist. Sie war also damals zur Zeit ihrer „Terzinen“ nur wenig über 30 Jahre alt.#

Die Diskussionen in unserem Zimmer – vieles deprimierend an dieser Lebensweise. Die Berufe meiner Zimmerkumpel sind gefragt. Käuflichkeit! Sozialistische Verkommenheit! Aber wie normal ist dies?

[…] Doris erwähnt die in ihren Augen sehr egoistische Art der Selbstverwirklichung z. B. bei L. Ich erwähne dazu Dante, Homer… Sie wehrt ab, in der Art „Das kann doch keiner praktisch gebrauchen.“ Die höchsten (aber unpraktischen) Ideale (auch hier Selbstgenügsamkeit). Doris meint, daß sie ihre geistige Ausdehnung erreicht hat.

Rudi“ # meine Masseuse # meint, daß Mediziner solche Massaker wie in Beirut nicht anders erleben als andere Menschen.

Nietzsche-Vortrag im Rias gestern. Werbung für seine Renaissance, schamlos werden die Weichen gestellt. Man möchte rufen: „Merkt ihr nischt!“ Doch wir („Einheit“) # theoretisch-ideologische Monatszeitschrift der SED # haben es schon gemerkt. Nur das Rufen unseres fetten, selbstzufriedenen, langsamen, herzlosen, feigen, langweiligen Aufklärungsapparates findet immer weniger Hörer. Und andere kommen nicht zu Wort.

Lenin zum demokratischen Zentralismus: Er könne straff, fast militärisch gehandhabt werden, aber auch wie das Dirigieren im Konzert. Natürlich hinken Bilder immer. Aber ist darüber hinaus etwas grundsätzlich falsch an dieser Auffassung? Kann man die Gesellschaft in ihrer Dynamik mit einem Orchester vergleichen? Wo gibt es das Orchester, in dem ein Stück gespielt (also auch dirigiert) wird und zugleich die Musikanten improvisieren? # Eine meiner seltenen kritischen Bemerkungen zu Lenin. #

Lese das Reclam-Bändchen Kollwitz von hinten nach vorn. Ihre Stellung zum 1. Weltkrieg, zu ihrer Arbeit usw.! Vieles erinnert an L. Wie sie doch nur aus dem Erleben, aus dem unmittelbaren Erleben zum Denken angeregt werden!

Worin besteht heute der Fortschritt (auch auf Westeuropa bezogen)? Krieg zu glorifizieren ist vielleicht schwerer geworden. Dafür ist die Lust am Bösen, an der Niedertracht, gesellschaftsfähig geworden, so daß vielleicht die harte Münze des Ruhms und der Selbstopferung nicht mehr nötig ist, um zum Kriege bereit zu machen. Ist die Kriegsbereitschaft heute wirklich geringer? Ursachen in der Gesellschaft deckt nur die Theorie auf. Unsere Theorie ist in den Massen nur ganz schwach verwurzelt.

Hebbel: Die Dichter sollen erlösen

die Natur zu selbsteigenem

die Menschheit zu freiestem

die unendliche (unfaßbare) Gottheit zu notwendigem Leben. (S.60)

Versuche Hebbel zu lesen, gestört von den laut fernsehenden Zimmerkumpeln (Dieter Thomas Heck). Diese Dummheit, Dummheit, Dummheit, diese Zeitvernichtung, mit der die Zeit ausgefüllt wird!

In meinen „großen Lektüren“ der letzten Zeit ist eins nicht zu finden (mal von Jean Paul abgesehen) – Humor!

Welch Durcheinander in meinem Kopf: Gegen eine verordnete Nietzsche-Renaissance bin ich allergisch, der extreme Egozentrismus Hebbels (der freilich ein humanistischer ist) zieht mich an. Für mich persönlich möchte ich wohl eine Ausnahme machen? Angesichts Hebbel erneut die Frage: Was will ich mit diesem Protokollieren? Ich habe noch immer kein klares Ziel. Ist das Schreiben nur Lebensersatz? Wovon lebte Hebbel? Hebbel kritisch lesen!

Wie wichtig es doch ist, zumindest den Willen zum „Gutsein“ zu haben (zu Mitgefühl, Aufgeschlossenheit usw.). Oft habe ich zwar nicht die Zeit oder Kraft, entsprechend zu handeln, aber wenn diese Bedingungen gegeben sind, dann tue ich es doch. Andere (meine Zimmerkumpel), die nicht einmal diesen (ohnmächtigen) Willen haben, handeln dann selbst unter günstigen Bedingungen nicht besser. Die Vergeudung von menschlichen Möglichkeiten dadurch, daß günstige Bedingungen nicht ausgeschöpft werden! # (Am 16.10. 1985 hierzu ergänzt:) # Das ist offensichtlich nicht nur eine Frage der Selbsterziehung, sondern auch einfach der aktuellen Selbststeuerung. Möglichkeiten in einer Persönlichkeit sind das Eine. Was sie unter wechselnden Bedingungen aus ihnen macht, ist das Andere.

Dichten im Gehen. Mit den „Schwestern“ geht es während des Spazierengehens langsam voran. # Ich versuche eine Dankgedicht an die Schwestern zu machen. # Der Spaziergang kann doch den fehlenden Inhalt nicht bringen. Bei vorhandenem Inhalt einen Rhythmus zu finden, dazu kann er wohl beitragen.

11. September 1982 – Fernsehen, Literatur, Kunst

Mittwoch, März 5th, 2008

[…] die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel;

[…] Lesen: Zeitungen und Zeitschriften - BZ, BZA, Eule, Magazin

Dante, “Göttliche Komödie” I, Hegel, „Logik“, Strittmatter, “Geschichten aller Ardt”,

[…] Reden mit den Mitpatienten: Thema Straßenbahn, Nahverkehr,

[…] Immer noch rasche Wechsel der Befindlichkeit. Eben ganz schmerzfrei, locker (sofort das schlechte Gewissen), 20 min später (nach Abendessen, kleiner Wäsche) kräftiges Brennen

[…] Erstaunlich, wieviel Werbung die Menschen (meine Mitmenschen hier) hören und sehen! Ebenso, wie gering das Interesse für Sport allgemein und für DDR-Sport im besonderen ist!

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Seit einigen Tagen ist ein Fernseher im Zimmer. Aus zu großer Entfernung (die im anderen Sinne gerade die richtige ist), sehe ich auf das Geflimmer und den Kreis von Menschen, der sich jenem aussetzt. Die Urmenschen, die ins Lagerfeuer stierten, haben Lebendigeres geschaut. 10-mal gekochtes, getrocknetes, konserviertes, dann wieder elektrisiertes Leben wird da vorgeführt und hemmungslos inhaliert (Mir fällt wirklich kein anderes Wort ein, um die dabei zu beobachtende Teilnahmslosigkeit wiederzugeben („Angeeignet“, „Aufgenommen“ drückt viel zu viel eigene Aktivität aus.) Tote, die auf Totes stieren!

Jedoch:Wie viel Lebendiges trotz allem im täglichen Umgang, in Worten, Gesten, Scherzen, Melodiefetzen – Lebendiges, das sich sogleich wieder mit Erstarrtem, Verkrustetem mischt bzw. mit bestimmten verfestigten Elementen (Jargon z. B., Fetzen aus der Werbung) jongliert.

Summa summarum bin ich ebenso abgestoßen, wie fasziniert, bin kaum bereit und fähig, darüber in Metasprache zu sinnieren, wohl aber komme ich zu einer Art Metaverhalten: angepaßt zwar, weil fast nie protestierend (und das mit Absicht), alles hörend und wenig sprechend, jedoch die Menschen in wenigen („gewissen“) Augenblicken als Menschen ansprechend (also die Schicht des Üblichen durchstoßend). Dies besonders aber bei Frauen (Grit, Monika, „Rudi“, möglichst Evi).

Die „wahren Geschichten aller Ardt“ von Strittmatter gekauft, durchstreift, wieder verkauft an „Rudi“, nein, ihr geschenkt. Viel braucht man dazu nicht zu sagen. Immer läßt sich ein bißchen bei ihm finden: Erleben, Denken, Poesie, Galligkeit. Dafür Dank! Doch auch ‘ne Menge Eitelkeit, Lausitzer Knickrigkeit, die mir das Gefühl gibt, über diese Seite seines Wesens hinaus zu sein. Es trügt, zu glauben, er sei ein so Großer, daß noch sein Abfall bedeutend sei; von Souffleuse Eva zu schweigen. Ihr Nachwort ist ein einziger Kotz.

Wenn ich nun einen Schritt zurücktrete von dieser Lektüre, so erhebt sich neu die Frage: Wohin schreibe ich mit meinem Tagebuch? Diese Frage ist nicht beantwortet. Es eilt auch nicht damit. Aber sie muß bewußt bleiben. Was aufschreiben? Wie aufschreiben? (Was ich aufschreibe ist oftmals - wortreich/geschwätzig, ungeformt (unschön), ich-vordergründig. Es spart manches Üble nicht aus (was andere Tagebuchschreiber machen). Erlebnisse, Sinn paart sich mit (möglicher) systematischer Zeitanalyse. Es sind, so hoffe ich, auch Körnchen Originelles dabei. (Im Magazin 9/82, St. Kurella: „isolierte Graphomanen“)

Triumphieren darf ich (doch das klingt wie Fußballsieg), selig, glücklich darf ich sein, daß der Stern des Dante nun auch für mich aufgegangen ist: Welch ein Bild, um das zögernde Voranschreiten einer Schar schamhaft beglückter Geister auszudrücken („ausdrücken“ - wie häßlich meine Sprache ist):
So wie die Schäflein aus der Hürde kommen

zu zweien oder drein, indes die andren

furchtsam so Aug’ als Schnauze niedersenken,

und was das erste tut, das tun die andren;

einfach und still und das Warum nicht wissend,

stehn sie ihm angedrängt, sobald es stehnbleibt.“

(„Fegefeuer“, 3. Gesang)

Doch wozu schreibe ich das heraus? Mein Lesen ist ein einzig Wandern von Schönheit zu Schönheit, zu hoher menschlicher Schönheit! Das heißt zu der Schönheit, die mit dem Guten eins ist. Wie dumm und in unseren Zeitwidersprüchen befangen sind alle Meinungen, die Schönheit von Güte, Ästhetik von Ethik, Kunst vom sozialen Kampf, von Politik trennen wollen! Ich wußte das immer. Doch welch eine Bestätigung sind die Jahrtausendwerke der Menschheit, zu denen ich mich hinaufarbeite. (Man lächle über meinen Stolz.) - „Odyssee“, „Göttliche Komödie“, „Faust“.

Gestern ein erster ruhiger Blick auf L.s Studien aus Warwara.

# Warwara - ein Dorf an der südlichen Schwarzmeerküste Bulgariens, von L. und mir bei einer Tramp-Reise 1976 entdeckt und seitdem Jahr um Jahr von L. zum Erholen und Arbeiten (Zeichnen) aufgesucht. #

Von vielen bin ich wieder sehr angetan. Farbigkeit und Strichführung finde ich „heftiger“, „Leidenschaftlicher“ (schärfer?). Die Beherrschung der technischen Mittel (Farbe, verschiedene Arten des Kohlestrichs) wirkt ganz selbstverständlich. Natürlich fesselt auch wieder die Exotik, jedoch sind Skizzen dabei, in denen die Gesichter und Haltungen (und auch Landschaften) sehr viel mehr als nur exotisch sind; mal eine Erinnerung an Barlach. Auch zwei rührende Zeichnungen von F.

 

 

15. Juli 1982 - Musil, “Der Mann ohne Eigenschaften” - Ideologie in der DDR

Montag, Januar 28th, 2008


[…]
Lesen: ND, BZ,” Weltbühne “, “Kleingarten”, Lunatscharski über Lenin
Radio: Hörspiel von Günter Rücker
[…]
Morgennachrichten: der Westen schießt einen Rauchvorhang:
erstens der Krieg Iran Irak
zweitens kriegerische Verwicklungen Somalia/Äthiopien
drittens Lösung des Libanon - Konflikts
viertens Kriegszustand in Polen.
Sowohl die Anordnung dieser Meldungen, als auch ihre Form bzw. Ausdehnung und natürlich besonders ihr Inhalt lenken von der israelischen Aggression ab. Die FAZ findet die schöne Formulierung, dass Begin sich bereitgefunden habe, noch nicht die Besetzung Beiruts “zu vollstrecken”. (!) (auf Nötigung der USA!)

Nachdem ich Musils “Der Mann….”, erstes Buch, gelesen habe, will ich sagen: Ursprünglich wollte ich (die Begeisterungsreden mancher Leute im Ohr und “Klim Samgin” im Hinterkopf)

# “Klim Samgin” ist ein großer Roman Maxim Gorkis, in dem das Reifwerden Rußlands für die Oktoberrevolution aus der Sicht eines “sich heraushaltenden” Intellektuellen geschildert wird. Es ist ein Meisterwerk der Darstellung des Einzelnen in seiner Gesellschaft. #

# Soeben, ich hatte dieses Posting bereits veröffentlicht, habe ich noch ein wenig aus reiner Neugier  “Klim Samgin” gegoogelt und bin dabei auf dieses Blog gestoßen. Das scheint ja eine hochinteressante Entdeckung zu sein. Ich freue mich. #
gegen dieses Buch anlesen. Das erwies sich bald als töricht. Aus dem Schützenloch der Voreingenommenheit musste ich sehr schnell aussteigen. (Randbedingung: Ich hatte viel Zeit zum Lesen.)
Meine Hauptgefühl: Es ist amüsant zu lesen, macht Vergnügen! Dies an vielen Stellen. Zweitens: es sind viele interessante, sensible Beobachtungen und Überlegungen zu finden, a.) zur Individualpsychologie b.) zur Sozialpsychologie c.) zur Kultur überhaupt. -
Und das ist alles! (Wie kunstvoll die Komposition sei, das zu beurteilen, bin ich gottlob unkompetent.)
Im übrigen doch der erwartete Berg (Wie jämmerlich ist doch selbst die “positivste” Figur - Ulrich!) individualistischer Philosophie, durch den ich mich mannhaft durcharbeitete. […]
Gorki ist turmhoch darüber.
Damit genug des Negativem und ein paar wenige von den vielen höchst amüsanten oder auch von den klugen Stellen hier festgehalten:
“ein Motorradfahrer kam die leere Straße entlang, oarmig, obeinig donnerte er die Perspektive herauf.” (Seite 74, ab hier habe ich mir “Stellen” gemerkt.) (Über das “oarmig” könnte ich mich kringeln.);
Von einem Halbverrückten (Moosbrugger): Der Verstand “mag eben wie ein kleines Licht in einem riesigen wandelnden Leuchtturm brennen, der voll zerstampfter Regenwürmer oder Heuschrecken ist, aber alles Persönliche ist darin zerquetscht, und es wandelt nur die gärende organische Substanz.”;
Das einsame eigene, wahre Leben und die vielen hunderte Leben, die man führt (gesehen von den Vielen, die sie bestätigen (Seite 95);
Popularität und Publizität des Herrschers waren über - überzeugend (Seite 103);
Leute, denen an “geistigen Umtrieben” gelegen ist, (die daher völlig deplazierte Erörterungen aufnehmen) (Seite 106);
das “nachsichtige Lächeln der bedeutenden Frau, die weiß, dass sie auch schön ist und den oberflächlichen Männern verzeihen muss, dass sie daran immer zuerst denken (Seite 115f);
in Diotimas Mädchenzeit: ihr Stolz, der eigentlich “nur eine eingerollte Korrektheit mit ausgestreckten Taststacheln der Empfindsamkeit gewesen war… Ihre Korrektheit…. wurde geradezu von selbst zu Geist, einfach durch Erweiterung….” (122, 123);
die seit dem Mittelalter abhanden gekommene religiöse Einheit des menschlichen Tuns des (127) (ebenda: die gewaltsame Geselligkeit als Bedürfnis nach solcher Einheit. (Vergleiche dazu Marx bornierte Befriedigung im Mittelalter, “Grundrisse….?);
“Das Leben baut nichts auf, wozu es nicht die Steine anderswo ausbricht.” (128);
Männer, deren Fantasie vom Erotischen versehrt wird (131, z. B. ich), hier (S131f) eine vergnügliche Schilderung Tuzzischen Liebeslebens;
Ulrich zur Schnelligkeit des Liebesrausches, aber auch anderer emotionaler Erlebnisse, wie” Inseln eines zweiten Bewusstseinszustandes, die in den gewöhnlichen zeitweilig eingeschoben sind”. (144, 145);
und hier Seite 147 etwas, was ich genauso schonmal selbst im Protokoll festgehalten habe: “Der Mensch sendet unaufhörlich Ideen in alle Richtungen aus. Aber nur was auf die Resonanz der Umgebung trifft, strahlt wieder auf ihn zurück und verdichtet sich, während alle anderen Ausschickungen… verloren gehen.”;
Seit 165, die ganze Seite schildert klug, wie man zu einem Menschen der “Lebensmitte” wird und wie man dabei wird;
Seit 180! 4-händiges Klavierspiel: “Es war der Augenblick, wo die Spieler ihr Blut anhalten, um es in gleichem Rhythmus loslassen zu können, und die Augenachsen ihnen wie vier gleichgerichtete lange Stile aus dem Kopf stehen, während sie mit der Sitzfläche gespannt das Stühlchen festhalten, dass auf dem langen Hals seiner Holzschraube immer wackeln will.”;
190, es ist eine Welt von Eigenschaften ohne Menschen entstanden, von Erlebnissen, ohne dass einer sie erlebt;
210, eine übertragene Ehre, die einen Menschen dermaßen durchdringt, dass er bis ins Innerste von ihr erfüllt und geradezu von seinem eigenen Platz in sich weggedrängt wird;
288, Vereine, Bürgerinitiativen, die dem Übergang vom Individualismus zum Kollektivismus voranlaufen, wie Kehrrichthäufchen einem wirbelnden Wind;
Philosophen sind Gewalttäter, die keine Armee zur Verfügung haben und daher die Welt ihrem System unterwerfen (324);
364f: gut zum “Unrechten” im Leben der Geschlechter, ” verkehrter Ablauf, bei denen die letzten Geschehnisse voran sich aufdrängen” (typisch bei Marita);
325 bis 326, über Essay, Wahrheit Subjektivität, ist auch wertvoll;
381 Diotimas Kopf glich einer prächtigen Fruchtschale, aus deren Überfülle die Worte beständig über den Rand fielen;
385, über die großen Spezialisten;
452, Komische Lage der meisten Männer: Sie haben erst nach Büroschluss Zeit, wenn sie eifersüchtig sind, über ihre Frauen zu wachen;
482, General Stumm von Bordwehr über Diotima: “Wenn Empfang ist, stelle ich mich manchmal hinter sie: Eine imponierend weibliche Fülle! Und dabei spricht sie auf der vorderen Seite mit irgendeinem hervorragenden Zivilisten gleichzeitig so gelehrt, dass ich mir am liebsten Notizen machen möchte.”
Allein schon für diesen letzten Satz sollte man Herrn Musil frische Blumen aufs Grab stellen.

L. erwähnte die begeisterte Aktivität des uns bekannten “Burgherrn” von Meißen. Ein Mann von durchaus sehr abgeneigter, um nicht zu sagen, feindseliger Gesinnung. Das macht eine unserer Stärken aus, dass auch negativ eingestellte Leute Möglichkeit zu positiver Betätigung finden. (Wenn nur alle positiv eingestellten Leute alle Möglichkeiten zu positiver Betätigung fänden!)
W. Förster, der momentan seinen Chef vertritt, klagte über seine Lage, über die Arroganz der Ministerstellvertreter, für die er Sekretärinnen besorgen muss. Und allgemeiner: über die Tendenz zur ausschließlich formalen, bürokratischen Erfüllung von Maßnahmen nicht aber der inhaltlichen Leitung der Prozesse. Dazu haben wir aber selbst die Leute erzogen, und das fängt ganz oben ein, meinte er. (Und das ist ein Punkt - füge ich hinzu - ein wichtiger, wo die Abschirmung unserer Spitzenleute vom Leben die Sonderstellung, die sie einnehmen, zurückwirkt auf die Lebensferne, bzw. Momente dieser Art, ihres Arbeitsstils.)

Kurzes Gespräch mit Inci über Beas Lehrerinnenamt.

# Inci ist bei L. zu Besuch. Sie ist eine befreundete Ungarin, die in Rumänien wohnt. L. hat sie auf einer ihrer Tramp-Reisen kennengelernt. Bea ist ihre Tochter. #

In den Bergen bringt sie Hirtenkindern Englisch und Französisch bei. Das stehe sie moralisch - nervlich nicht durch.
Dabei kommt auch eine gute Portion Gebildetendünkel zum Ausdruck.

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Im Gegensatz dieser Besprechung zu dem, was dieselbe Zeitung über Womacka schrieb (Vergleiche u.a. hier) zeigt sich die ganze Miesheit unserer Kunstkritik. Ich sage nicht Prinzipienlosigkeit, denn es ist auch die Dummheit, Borniertheit der Prinzipien, die zu solcher Undialektik führt. Das Schlimmste aber ist, dass nichts offen ausgesprochen wird. Der Titel der Böhme-Kritik wirkt wie die (ersehnte) Antwort auf Womacka. Aber nichts Offenes!
Und ebenso folgerichtig wird also auch nichts über Böhmes Beschränktheit gesagt. Die Gegensätze werden nicht vermittelt, sondern fallen auseinander und treiben also auch nicht voran, sondern lähmen. Statt Entwicklung oder wenigstens Bewegung also Erstarrung.

# Lothar Böhme gehörte und gehört neben Harald Metzkes, Hans Vent, Wolfgang Leber zu den von mir hochgeschätzten Malern der sog. Berliner Schule, im Unterschied, manchmal auch Gegensatz, zur Leipziger Schule mit Mattheuer, Heisig, Tübke. #

03. Juli 1982 - Dresdner Kunstausstellung

Montag, Januar 21st, 2008

[…]

Fernsehen: “Die Frau in den Dünen” sowie mexikanischer Film “Der Schiffbruch”, gestern drei Stunden Fußball-WM […]

Mit meiner “Entdeckung”, dass das Liegen mit hohlem Kreuz sehr gut sein müsste, habe ich große Hoffnungen verknüpft. Tatsächlich fühlte ich mich im Rücken dadurch etwas besser. Aber das Brennen im Bein wird nicht im geringsten besser und die Taubheit in den Zehen bleibt.

L. erzählte, dass zur Dresdner Ausstellung Arbeiten von ihr, Eva, Marika, Antje und anderen

# Eva Vent, Marika Voß, Antje Fretwurst-Colberg, bekannte Berliner Malerinnen, Womacks, Brendel, Libuda sind ebenfalls Maler #

nicht angenommen wurden, groß aber Womacka und Brendel “da” seien. Natürlich bin ich sehr ungehalten über diese Tendenz (Cremer habe von” Mafia” gesprochen.), zumal zur rechten Zeit über die Berliner Malerei nicht kritisch geschrieben wurde (vergleiche meinen Artikel). Dennoch hätte ich L. gegenüber anders reagieren sollen: Berliner Mittelmaß und Genügsamkeit (Eva, Marika und viele andere) mußten eines Tages den fälligen Schlag kriegen. Man kann nichts Wesentliches machen, wenn man sich sorgfältig vom” Zeitgeist” isoliert oder ihn allenfalls sehr subjektiviert passieren lässt (wie L.. oder Libuda). Sollen sie bedeutende Aufgaben lösen (Bilder malen), dann kann man sie nicht einfach unter den Tisch fallen lassen. Sollen sie sich im Verband engagieren, dann kann man sie nicht einfach abservieren. (Dass das Wilhelmine - Porträts abgelehnt wurde, finde ich wirklich erstaunlich.)

# Wilhelmine Schirmer-Pröscher, Alterspräsidentin der Volkskammer #
Die tiefsten Ursachen der Krise müssen sie bei sich selbst suchen und sich da herausarbeiten.

28. Juni 1982 - Moczarski “Gespräche mit dem Henker”. Die Mauern von Chikago.

Sonntag, Januar 20th, 2008

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[…]
Hauptetappen meines Lebens lassen sich durch Frauen markieren:
Christel (16 bis 35 Jahre), eine Zeit des Pflichtbewusstseins, der Ernsthaftigkeit in der Anwendung des Gelernten, der strengen Familienorientierung, beginnender Zweifel und Einsichten.
L. (36 bis 42 Jahre), Traum meines Lebens.
Interregnum (42 bis 50/55) Kennenlernen, Studieren der Besonderheiten, Nischen, Abwege. Entdecken ausgefallener Lust, Schwäche zu großer Bindung, intensivste Arbeit, die mich auch verändert.
Abendliebe (50/55 bis Schluss) schöne begrenzte Liebe, sich Bescheiden mit dem Möglichen, das zum Wirklichen wird. Abschied vom unendlichen Glück, Frieden im bescheidenen Glück.

Beim Psychologen-Treff spreche ich mit Inge über Angelika. Nach dem was ich schildere (Badeszene), meinte sie, dass es doch ziemlich ernst sei und sie in ärztliche Behandlung müsse. Man solle solche Leute straff, energisch, ernsthaft, aber nicht kränkend anfassen.

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[…]
Im Westfernsehen zum ersten Mal eine Hitler Wochenschau ganz gesehen. 30 Minuten das Gloria der deutschen Heere, danach schwätzen 1, 2 Engländer über die damaligen Kämpfe um Tobruk (1, 2 Russen über die Kämpfe um Sewastopol lassen sie nicht auftreten), wegen der Objektivität! Seit Jahren sind diese Sendungen alltäglich. Seit Jahren also ungebrochene Tradition zur deutschen faschistischen Wehrmacht selbstverständlich. Konsequentes Verdecken von Zusammenhängen und Ursachen, wie auch in der nachfolgenden Sendung “Hedonismus”.
Imperialistische Ideologie: das (dosierte) Darstellen von Erscheinungen kann sehr weit gehen, wenn zugleich gesichert wird, dass das Wesen unerkannt bleibt!
Das Verdecken von Zusammenhängen und Ursachen ist auch bei Fassbinder typisch, für den wieder Gedenksendung. Mit ihm ist Ihnen wirklich ein ideologisches Zugpferd ausgefallen.

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Immer wieder fällt auf bei Leuten, die nicht aus L.s Umgebung kommen, sondern meiner die Unsinnlichkeit, Blindheit beziehungsweise allenfalls schematisierte Sinnlichkeit (zuletzt beim Psychologen-Treff, z. B. Nichtbeachtung der Blumen).

Zu “Gespräche mit dem Henker” von K. Moczarski: Frau Käthe Stroop kommt aus der Kulturintelligenz. Wahrscheinlich auch eine Bestätigung dafür, wie die ästhetische ohne entsprechende politisch - ethische Bildung zum Schlimmsten passt.
“Ein Leiter ist auch dafür verantwortlich, was die von ihm Geleiteten tun.” Die Tiefe dieses Leninsche Satzes ist mir jetzt nach der “Stroop-Lektüre” erst richtig aufgegangen. Bei der Darstellung durch Mocz. stehen Momente der Führungstätigkeit im Vordergrund. Das bedingt eine gewisse Abstraktheit und drängt die wirklichen Folgen der Handlungen der Befehlenden (und erst von Schreibtischtätern!) in den Hintergrund, macht sie unwirklich. Um das Handeln solcher Leute auch emotional richtig zu werten, müssen neben dem Wesen ihrer Führungs- und Leitungstätigkeit auch immer typische Erscheinungen, Einzelheiten dessen dargestellt werden. Typische Erscheinungen, denn nicht für alle Erscheinungen ist der Leiter verantwortlich.

Gute Stimmung beim Psychologentreff. Heidi freut sich über ein kleines Kompliment, dass ich ihr mache. Sie scheint und wirkt so herb. Und das täuscht. Wie ein Schwamm saugt sie Lob, Dank, Aufmerksamkeit auf. Sie will gewärmt werden.
[…]

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17. Juni 1982 – Brief nach Maputo

Mittwoch, Januar 9th, 2008



[…] von R. Gehaltsstreifen, Vertretung des Chefs seit 18.3.82, + 2327,-M, […]
in Schmachte graben für E-Leitung, […]

17. Juni – einst ein brisanter Tag - - -

etymologisch:”Bastard” - der auf dem Sattel gezeugte! (”horizont” 25/82)

Aus einem alten Magazin entnahm ich diese interessanten Informationen.

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Interessant diese Rhythmik. Sie zeigt, dass hier Arbeit stattfindet; die Ströme sind natürlich nur eine Erscheinung. Welche Arbeit hier geleistet wird, was da rhytmisch korrespondiert, das ist natürlich noch sehr unklar. Zu denken ist aber, dass noch viel mehr als die beiden hier aufgedeckten Rhytmen sich überlagern und zu verschiedener Zeit verschieden überlagern.

Welche Rhytmik der Geschlechtsorgane? Das ist kein einfaches Triebanschwellen, etwa nach dem Schema:

1. - Befriedigung, Triebruhe,

2. - abstraktes erotisches Interesse,

3. - konkretes sexuelles Interesse.

Es gibt auch das Zurückspringen von der dritten Stufe auf die zweite. Ganz abgesehen davon, dass es zwischen Befriedigung und Triebruhe (Stufe 1) auch deutliche Unterschiede gibt. Die Befriedigung ist eigentlich nur eine kurze Ruhe, Erschöpfung eines gerade abgearbeiteten, im Ganzen aber höchst aktiven Organs (in dem recht bald auch wieder das Blut wärmt, bald vibriert, selbst wenn nicht wieder ein starker sexueller Motoren arbeitet), während Triebruhe langdauernd Untätigkeit ist, wie ein Winterschlaf, fast wie ein Absterben.

Eine interessante Formulierung für eine andere Seite dieser Antriebsproblematik fand ich im “Filmspiegel”:

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Während man dieser Mosambiqueanischen Tänzerinn kaum Antriebsprobleme zutraut.

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Da ich den Brief an Karl-Heinz L. ohne Durchschlag geschrieben habe, hier eine verknappte Wiedergabe:

# Karl-Heinz L war ein früherer Lehrgangsteilnehmer, der eine enge Bindung an unsere Dienststelle bewahrt hatte. Da er als Exportkaufmann viel im Ausland tätig war, pflegten wir unsere Verbindung durch mehr oder weniger humorvolle oder auch anzügliche Briefe. #

Lieber Karl-Heinz!

Als viel beschäftigter Chef “auf allen Strecken” möchte ich mich auch am “Nord-Süd Dialog” beteiligen.

Du wirst sicher denken: “viel beschäftigt “- der soll erst mal Arbeit kennenlernen. Dazu muss ich erklären, dass die meiste Beschäftigung mir zur Zeit meine “kernige Gesundheit” macht. Seit nun schon vielen Wochen schleppe ich einen steifen Rücken herum, und als ich mich endlich entschlossen habe, zum Arzt zu gehen und mir eine Spritze verpassen ließ, bekam ich postwendend einen Nervenentzündung/Ischias im ganzen linken Bein, die mich nun wirklich ernsthaft ärgert. Seit einigen Tagen scheint nun endlich, wenn auch langsam, eine wirkliche Besserung einzutreten. Jedenfalls habe ich die Schlussfolgerung gezogen, bei solchen Leiden künftig nicht auf Selbstheilung zu warten, sondern frühzeitig und massiv die - geringen - Mittel des ärztlichen Handwerks zu nutzen.

Im übrigen habe ich mich in letzter Zeit darauf konzentriert, den kommenden Lehrgang besser vorzubereiten, viele Gespräche zu führen (fahre deshalb morgen auch nach Halle), denn schließlich brauchen wir im Ministerium Strategen, die den NSW-Export zu ungeahnten Höhen führen und nicht Globetrotter, die den gewalttätigen Eingriffen des Klassenfeindes in die unberührte Natur von Cabora Bassa zujubeln.

Du siehst, es gibt schon Einiges, womit man sich die Zeit vertreiben kann. Daß damit ein Nachlassen der Wachsamkeit verbunden ist, kann gut sein, daß freilich diese Entwicklung schon im fernen Maputo die Klapperschlangen rasseln lässt, ist höchst beunruhigend. Daher werde ich Deine Hinweise aus dem letzten Brief sehr ernst nehmen und danke Dir dafür. Die Frage bleibt aber:”wie”? Da ich im ganzen vier Söhne habe, weiß ich zwar mit einem Sack voll Flöhe umzugehen, wie man aber einen Kugelblitz zusammen mit einem […] Junigewitter unter Kontrolle hält, dazu müsstest du mir vielleicht noch ein paar heiße Tipps vermitteln. Vielleicht gibt dazu die ins Auge gefasste Feier Gelegenheit.

Deutlicher möchte ich mich nicht ausdrücken, denn zu bedenken ist, dass meine Post an Dich zweifellos mehrere Kontrollen im Vorzimmer durchläuft, und wenn es auch Tatsache ist, daß das Interesse der Kolleginnen für alle so ernsthaften Fragen der Arbeit mit den Lehrgängen konsequent unter einem unteren Grenzpunkt verharrt, ist es doch nicht auszuschließen, dass die Eine oder die Andere zwischen zwei Telefonaten (Manche Telefonanrufe kommen bei uns an, trotz unzuverlässiger Technik.) stutzig wird, wenn dieser Brief nicht meine in letzter Zeit typisch griesgrämige Laune zum Ausdruck bringt.

Damit aber genug von unseren mehr oder weniger kleinen und alltäglichen Sorgen beim Kampf im entwickelten Sozialismus. Deine Erlebnisschilderungen sind immer sehr interessant für uns alle, und nicht nur R. möchte manchmal so richtig mitgehen. Das allerdings der Karate-Hit:”Über 1000 Brücken musst du gehen” sich auch in Maputo durchgesetzt hat, hat mich doch überrascht. Vielleicht kannst du den Jungs noch paar andere exotische Tipps geben, zum Beispiel:

“Komm, oh komm, du kleine Schnalle,

greifen wir uns ‘ne Koralle.”

Oder etwas gehobener als Walzerlied:

“Lass uns im Ozean schäumen,

wieg uns in südlichen Träumen… “

Aber vergiss nicht, Dich anständig an den Tantiemen beteiligen zu lassen, sonst musst du weiterhin Jahr für Jahr zwischen Mexiko und Mosambik pendeln.

Nun aber genug, sonst muss ich noch Überstunden machen. Also weiter:

“Meistre Brücken,

ohne Krücken,

sollst durch Briefe uns entzücken (alle)

und ab Juli sogar drücken (nicht alle)!”

 

In der Mittagspause wackle ich mal zur” Galerie unter den Linden” und sehe - einer Womacka - Ausstellung. Es bleibt einem nichts erspart. Vor manchen der Aquarelle fuhr es direkt aus mir heraus:”So ein Blödian”. Der öffentlich anerkannte W. bezeichnet einen Tiefpunkt, den die Malerei in der Öffentlichkeit erreichen kann, bzw. Tiefpunkt des Bewusstseins der Öffentlichkeit (bzw. Herrschender) von Malerei.

 

Die Frauen # A. und R., Sekretärin und Haushaltssachbearbeiterin # loben mich wegen meiner Briefe (der Brief an Karl-Heinz ist der Anlass). Wir “hecheln” Vieles durch. Sie sind, wie immer und wie immer nicht ohne Grund, empört über Privilegien, die es in unserer Gesellschaft für die herrschenden Funktionäre gibt. Anlass für manches gibt hier immer wieder auch Günthers Verhalten.

Mich beeindruckte L.s Erzählen von Lenins Leben im ihm fremden und von ihm unberührten Schloss in Gorki. Und dagegen das, was mir Jörg Heiko Bruns von den Festen mancher Kreisfunktionäre im Schloss Molsdorf erzählte.

 

R. erzählt, dass die neuen Kartoffeln zwar unverändert 4,05 M kosten, das in einem von ihr ausgewogenen Beutel aber nur acht Pfund waren (gegenüber 10 Pfund früher).

 

12. Juni 1982 – Stoph, Vogeler, Faßbinder

Montag, Januar 7th, 2008



[…]

 

Im Garten alle Obstbäume mit „Piaphoskan rot“ gedüngt (Pflaumen dabei zu kurz gekommen), Blaubeeren mit „Aziplex” und Schwefel. Erste Erdbeeren. […]

Wiedermal ‘ne Sendung im Westen über „Stadtstreicher^“: Personen, die ständig am Bahnhof Zoo „aufenthaltlich“ sind, „Nichtseßhafte“, „Unterprivilegierte“.

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F. vergnügt sich auf der Spielwiese am Weißen See. Das Planschbecken ist gefüllt. Viele Kinder spielen, wie sich die Erwachsenen dazu verhalten! Das muß ich mal genauer beobachten (Man könnte es auch fotografieren. Aber wenn man es aufschreibt, ist es leichter, eine eigene Wertung mit hineinzubringen.) F. spielt nicht drauflos. Er guckt immer wieder viel und erobert sich Schritt für schritt, besser Kreis für Kreis die Rutschbahn, den Planschsee. All das macht viel Spaß. Motive auch für Maler.

Im Fernsehen Bericht vom Lehrertag. Man zeigt ein „Gespräch“ Stophs und M. Honeckers mit zwei Lehrern, die gerade aus Beirut zurück kamen. Stoph wirkt dümmlich erstaunt als der Lehrer vom Bombardement berichtet. 500 m entfernt seien die Bomben eingeschlagen, wird auf eine entsprechende Frage Stophs geantwortet. Stoph sagt irgendsoetwas, wie „Na, so was“, hätte auch sagen können „ganz schön schon“ oder „nit mööglich“. Schmerzhaft, diese Unfähigkeit zu einer normalen menschlichen Reaktion. Von der eigentlich notwendigen Reaktion eines „Volkstribunen“ (Lenin: „Was tun“) ganz zu schweigen.

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H. Vogeler ist mir sehr unbekannt. Das Wenige, was ich kenne (im „Alten Museum“, Berlin), spricht mich nicht an. Aber wichtig sind allein schon die enormen Wandlungen dieses Lebens.

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[…] Im Westfernsehen Faßbinders Film: „Ich will doch nur, daß ihr mich liebt.“ Nach der ersten Dreiviertelstunde breche ich den Fernsehgenuß ab. Er stellt die Menschen so dar, als sein ihnen ihr sozialer Sinn völlig amputiert, ihr soziales Bewusstsein. Das ist geradezu seine Manie, das soziale Unterbewusstsein darzustellen. Das ist sein BRD-Realismus. (Dabei ist er genau und wahr.) Das macht ihn für die Mächtigen so brauchbar. Vielleicht provoziert seine Genauigkeit dabei einstmals ein schlagartiges Erwachen (Daß sich die Leute an den Kopf schlagen:“Wie konnten wir nur so beschränkt sein.“) Faßbinder – der Widerspiegler des Denkens der Unbewußten, der BRD-Gehirnamputierten.

10. Juni 1982 – Akt fotografieren

Mittwoch, Januar 2nd, 2008



[…] interessante Annoncen!

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Wieder so ein Pärchen?

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Egal: Ich schreibe auf jede derartige Annonce. Jetzt will ich wissen, was sich tut.[…]

 

Interessante Meinungsäußerungen übrigens im Gästebuch der Purrmann-Ausstellung. Für viele, die da schreiben, ist es Selbstdarstellung, wie überhaupt solche Notizen immer wie Rufe in die Leere wirken. Viel Begeisterung (z. B. Inge Keller), Genörgel, daß man diese Landschaften erst als Rentner sehen wird, P. wird der Nichtskönner und Schmierfink Womacka gegenübergestellt (dabei haben sie einen Berührungspunkt: die Dekorativität). Bevor man Purrmann glorifiziert - gegenüber Cezanne ist er nichts. Hofer, der natürlich ganz anders ist (spezifische Vorzüge Purrmanns nicht hat), ist natürlich viel wichtiger.

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Die Bemühungen derer, die über Aktfotografie schreiben, kontrastieren mit der Gier, mit der derartige Bücher (z. B. Burkhardt: “Aktfotografie”) gelesen und behandelt werden (viele Seiten rausgerissen) und sie demzufolge von den Bibliotheken weggeschlossen werden.

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Burkhardt enttäuscht. Natürlich gibt es immer Bedenkenswertes, mein Zugang jedoch ist das erotische Interesse. (Übrigens bin ich immer mehr von den Akten Günter Rösslers angetan.) Mein Interesse ist erotisch, ja z. T. von sexueller Nichtbefriedigung geprägt. Aus diesen Wurzeln allein werd ich keine guten Aktfotos machen. Jedoch gibt es eine starke Komponente des Erkennenwollens des Menschen dabei, in seiner Intimität, in seinem Geheimnis (nicht aus Lust an der Zerstörung des Geheimnisses oder gar des Menschen), und das ist die tragfähige Seite. Ich hoffe, daß in der Praxis dann das Ungesunde ausgärt.

 

Erstaunlich, welche Kontraste die Menschen selbst darstellen und ausdrücken können.

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Die Arbeit mit den Kandidaten des 31. Lehrgangs macht mir Spaß, auch die Zusammenarbeit mit Goli. Jetzt würde ich es bedauern, wenn es mit dem Kaderdirektor nicht klappte. Werde im Ergebnis unserer Gespräche einen Ministerbrief aufsetzen.

Ich schätze neu die einfache, nützliche (Leninsche) Arbeit und bin von erneutem, vertieftem Mißtrauen gegen die Selbstzwecklichkeit der Kunst erfüllt. (Das vertieft den Graben zu L.)

[…]

Widerliche Fernsehschauspiele des Westens in diesen Tagen. Reagan, Thatcher präsentieren sich, zugleich werden die Bilder von ihren Kriegen gesendet und Haß auf die Sowjetunion geschürt. Dieser Auswurf der Menschheit! Will es das Schicksal, daß die Welt noch einmal, ein letztes Mal, ihre Eiterbeulen auf den Rücken der Russkis gesundet?

Die Wachen sind wach. Die schlafen, schlafen tief.

 

Faßbinder gestorben, mit 36 Jahren, auch so ein Einschläferer, Boys und viel zu viele andere Clowns in der großen Bonner Friedensdemonstration.

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[…] Burkhardt „Aktfotografie“ Halle 1958:

B. ist halt schon sehr alt. Jedoch:

S. 61: „Die pornographische Darstellung ist lebenszerstörend, lebensverneinend.x Die edle Aktdarstellung ist lebensfördernd, lebensbejahend.“

S. 57: Die künstlerische Erhöhung der Nacktheit zum Akt.

S. 64: Aktaufnahmen aus erotischen Interessen, aus erotischem Interesse Modellstehen für Aktaufnahmen.

S. 67: Der Fotograf als Psychologe gegenüber dem Modell, Einfühlung, der sinnliche Aktfotograf!

S. 69: Auch das „an sich nicht Schöne“ kann gut gestaltet werden

S. 70: Aktfilm

S. 70f: gute weite Auffassung davon, was alles Akt sein kann (eigentlich alles)

X Damit ist sie nicht nur ästhetisch, sondern sittlich verurteilt.