Archive for the ‘Malerei und Plastik’ Category

09. Juni 1982 – Purrmann

Sonntag, Dezember 23rd, 2007


 

[…] Der zweite Blick auf Purrmann. Natürlich stimmt, was alle Leute sagen: Farbschönheit! Komposition! Einheit des Kunstwerks! Jedoch: Gesteigert bis zur Aggressivität des Schönen, Penetranz des Schönen, das gewaltsam überall herausgekitzelte Schöne, gewalttätige Schönheit. Das Schöne, das sich auf sich selbst gründet, sich selbst genug ist, kippt hin zum nicht menschlichen. Hesse, Rilke, Nietzsche. Irgendwann am Ende steht (wenn nicht bloße Dekorativität) die Bestialität des Schönen, die schöne Bestie. (Gewiß, davon ist P. weit weg – jedoch provoziert er solche Gedanken.)

 

Frühmorgens steigt eine gedrungene Frau, noch keine 40, in die Straßenbahn. Mit riesiger Brust, feistem Arsch, zwei, drei dicken Fettwülsten um den Bauch. Aber mit dem sichersten und zufriedensten Gesicht der Welt. Es sagt: „Na und? … So wie mein Alter mich fickt, weiß ich, daß ich nicht 1 Pfund zu viel habe.“

 

Schöne Frauen mit zärtlichen Brüsten. Frauen in phantasievollen Kleidern (nicht selten, wenn auch nicht oft), und einige andere, die aufgezäumt sind, wie Zirkuspferde.

 

Diew Kadergespräche für den 31. Lehrgang sind interessant. Vielfalt des Lebens! Es läuft nichts, wenn es in ein Schema gepreßt ist. Wir werden verschieden reagieren. Ich werde einen Brief an die Generale entwerfen.

06. Juni 1982 - Krankheitslamento und Rias in der Nacht und Womacka

Dienstag, Dezember 11th, 2007



1.30 Uhr, vor Schmerzen wach

2 Uhr Rheuma-Bad

5.30 Uhr, rumhängen, Rheuma-Bad

7.30 Uhr, Rheuma-Bad (Ich mache es der Schmerzen wegen, aber irgendwie macht es mich auch fertig.) großes Brandloch in meiner Bettdecke.

8.00 Uhr, aufstehen, im Moment des Eintauchens im Bad fühl ich mich wirklich befreit, doch jetzt diese Apathie.

10.00 Uhr, […], Bettzeug gewechselt (ganz schöner schaden. Da konnte auch mehr passieren.) Wäsche. Auf alles und jedes hab ich eine Wut im Bauch.

12.00 Uhr, in den Garten, rumhängen,

16.30 Uhr zurück, […]

19.30 Uhr, Rotlicht, Einreiben, […]

0.00 Uhr, Rheuma-Bad, Rotlicht, Massage

Ich esse einen Brotkanten, trinke einen Wasserkakao, knipse das Radio an:

Eine Werbung für das „Haus der Jungen Talente“ (Schöbel, Jazz). Danach Auszug aus einem Roman von Dieter „Oie“ (?) „Das Leben des Konstantin Ketzer“. (Wie er zum Spittelmarkt will, nach dem Gerücht, die „rolling stones“ würden auf dem Springer-Hochhaus spielen. Suchen, Finden, Verlieren - DDR konkret. Denn es ist Rias. - 2.00 Uhr. Der Klassenkampf geht weiter!

Die Grenze irgendwie (nicht unbedingt Grenzdurchbruch) überwinden - ein entscheidendes Stigma der DDR-Jugend.

Jetzt, 2 Uhr kommt die Rias-Hörer-Tip-Parade! Hier kommen Antworten und Ablenkungen, kurz Dienste für die, die aus welchen Gründen auch immer, schlaflos sind. All das nie bemerkt, höchstens mal geahnt, als ich bei der 1-Tags-Bekanntschaft in der Buchholzer Straße schlief (am Morgen gutes männliches Gefühl, hernach Fahrt nach Chorin, Zusammentreffen mit Semmelmann. Das ist alles sehr lange her.) Die Schlagerparade langweilt mich etwas, obwohl die Schlager ausgewählt sind („Dschingis Chan“, „Wir sitzen alle in einem Boot“) Aber das Programm ist für Leute gemacht, die wach, ruhelos sind (nicht für Leute, die den Tag arbeiten und nachts schlafen). Auch hier: „o Wirklichkeit, du Donnerwort.“

Die Straße ist momentan leer. 27°. Ich versuche es nochmal mit Schlafen.

Ich möchte irgend etwas mit meinem Körper machen, das ihn abstellt, funktionieren läßt. Aber das gibt es nicht. Ich stehe wieder auf zum Baden. Wenn ich taumelig gegen irgend etwas renne, ist stets eine auffahrende Wut in mir.

Eine ungewöhnliche Nacht, meinetwegen eine schlimme Nacht für mich, aber wichtiger: Wann denke ich schon mal an die Ruhelosen?

Wortwechsel mit Arne Zimmermann über Womacka, dessen (Arnes) Borniertheit mich reizt. Womacka kennt nicht den, der mal eine Nacht schlaflos lag, der „sein Brot mit Tränen aß“, für den 1000 Schritte zu gehen ein unlösbares Problem ist. Das sind nicht Wenige. Womacka ist für die Satten, Zufriedenen, deren größtes Problem darin besteht, ihre 5 oder 10 kg Übergewicht abzunehmen.

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Ich bin im ekelhaftesten Zustand, dem einer „Jammerapathie“. Die Nacht war scheußlich. Die Schmerzen sind kräftig. Ins Bett hab ich mit Rotlicht ein großes Loch gebrannt. Werde jetzt essen, Musik hören, um wieder ins Geschirr zurück zu kommen.

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Klebe jetzt hier was hin, weil das auch mal wieder sein muß. Meine Sinne sind völlig unbeteiligt.

[…]

Alles in allem tut das Ruhen gut. […] Gewiß geht es heute besser als Freitag. Der Schmerz ist nur noch im Unterschenkel, Taubheit geht zurück. Aber Intensität des Schmerzes ist nicht verringert.

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Irgendwer sagte:“Sprache, die für uns dichtet und denkt.“ Das ist weiterzutreiben. In den letzten Tagen empfand ich: „Fahrrad, des für mich fährt und lenkt.“Überhaupt, die Dinge, auch wenn sie vom Menschen nicht besonders geschickt gebraucht werden, neigen dazu, sich ihrer Funktion entsprechend zu verhalten. […] Lese gerade von Ziergerüsten und Pergolen. Warum nicht den so notwendigen radikalen Rückschnitt der Pflaumen an unserem Sitzplatz vornehmen und die entstehende Kahlheit durch ein pergolenartiges Gerüst, also eine entsprechende Bepflanzung zwischen Pflaume und Hauswand überbrücken.[…]

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Kein Bildchen, was mich aufregt. Aber den Gedanken des Verhüllens und Enthüllens aufgreifen, nur viel radikaler, schärfer.

 

 

01. Juni 1982 - eine Grafik

Montag, Dezember 3rd, 2007



saumäßig geschlafen, mit vielen Schmerzen und Aufwachen […] abends Bestrahlung […]

L. beschäftigt das Thema eines Raubvogels, der sich in einen Leichnam krallt; überhaupt Bedrohung auch in anderer Form (spielendes Kind, ahnungslos, wird von einer wolfsartigen Bestie belauert), Schmerz, Bedrohung, Niederlage, Ausgeliefertsein.

# Später hat sie mir das o.g. Bild, eine große Schwarz-/Weiß-Lithografie, geschenkt. Eine Abbildung davon wird hier noch eingefügt. #

Mich beschäftigt auch mein Schmerz, wahrscheinlich ist Ischias sein Name. Ich möchte nur ruhen und mich wärmen.

Mit Kurt viel erzählt: Ehrenburg-Memoiren, Besuchsplanungen, meine Arbeitsziele (Kaderdirektor), ihre Walzstahleinsparungen in seinem Betrieb und daß davon die Bezirksleitung und Kreisleitung der Partei nichts weiß!

# Mein Freund Kurt war damals Planungsleiter in einem großen Maschinenbaubetrieb. Die Memoiren von Ilja Ehrenburg “Menschen - Jahre - Leben” (die in der DDR mit großer Verzögerung erschienen) spielten eine enorme Rolle dabei, schrittweise einen realistischeren Blick auf die Sowjetunion zu gewinnen. #

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26. Mai 1982 - Aktmodell

Dienstag, November 27th, 2007



[…] Ausstellungsbesuche: G. Thieme und M. Schwimmer („Palast der Republik“), Hans Purrmann

[…]

Heute soll es wieder ein warmer Tag werden: An solchen Tagen bringen mich die Brüste mancher Frauen schier um den Verstand. Heute früh eine sehr junge Frau, blond, an der Straßenbahn (leider mit ihrem Macker). Unter einem dünnen weißen Hemd waren ihre wundervollen Brüste und deren Warzen schöner zu sehen und modelliert, als wären sie nackt gewesen. So etwas würde ich auch gern als Fotomodell studieren.

Und damit bin ich beim Thema des Tages. „Sie“ hat geschrieben (Vergl. 30.4. und 1.5.), Bettina, halbkonspirativ!

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Was ist auf diesem Gebiet eigentlich verboten und was nicht? Sicher ist Pornografie verboten. Das will ich auch nicht. Import westlicher Aktphotos sicher auch, die will ich auch nicht. Für mehr als gelegentliche Modellstudien brauchte sie sicher eine Steuer-Nr. aber für gelegentlich? So werde ich mich weiter einlassen auf diesen Pfad. Wie etwa könnte eine Antwort aussehen? […]

Vom Band Aktfotografie bin ich angeregt.

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Die Ausstellung Max Schwimmer wirkt danach wie eine Bestätigung (Man darf alles, wenn man es kann.) Danach sehe ich H. Purrmann und bin sofort von dieser Qualität überzeugt. Zu dieser Ausstellung muß ich noch einmal wieder, wenn ich mich darauf konzentrieren kann. Jetzt schwirrt mir zu viel Aktfotografie, auch in Hinblick auf meinen Antwortbrief im Kopf herum.

Punkte des Antwortbriefs:

- meine Einstellung auf sie, Vorbereiten, Einsehen, räumliche Bedingungen

- ihr Typ, ihre Grundhaltung

- Anwesenheit Dritter

- Halbackt, Details, Milieu.

Eigentlich brauche ich eine Phase, in der ich sie erst „beschnuppere“, eine Beziehung gewinne. […]

Antwort etwa so:

Liebe Frau Bettina!

Vielen Dank für Ihre Zeilen. Ich habe mich darüber gefreut, auch darüber, daß Sie bereits einige Erfahrungen als Aktmodell haben. Ich bin an einer Zusammenarbeit zu den von Ihnen genannten Bedingungen interessiert, und wir sollten einen ersten Versuch machen. Allerdings halte ich die unmittelbare Anwesenheit eines Dritten für störend, habe aber selbstverständlich nichts dagegen, wenn Ihr Mann während der Studien jederzeit für Sie erreichbar ist.

Weitere Vorstellungen zu äußern fällt mir schwer, da ich gar keinen bildlichen Eindruck von Ihnen habe und Ihren Typ, Ihre körperlichen Vorzüge, Ihr Temperament usw. nicht kenne. Vielleicht können Sie mir einige Aufnahmen von sich oder von anderen Frauen ihres Typs schicken, die mir die Einstellung erleichtern?

Als eine erste Möglichkeit erscheinen mir Studien in Ihrem Wohnmilieu ohne zu großen technischen Aufwand (Kleinbildkamera, Tageslicht).

Ich hoffe, daß meine Vorstellungen nicht unbescheiden sind und sehe Ihrer Antwort entgegen.

Mit freundlichem Gruß

 

 

 

25. Mai 1982 - Womacka-Ausstellung

Donnerstag, November 22nd, 2007



[…] Zum ersten Mal, so lang ich denken kann, sehe ich Spargel in manchen Schaufenstern, zum Kilopreis von 13,- bis 16,-M.

Erscheinung-Wesen-tieferes Wesen: Auf den ersten Blick erscheint Marita charmant, freundlich, von überströmender Herzlichkeit geradezu. Wesentlich ist ihr zwanghaftes, auf Sieg gerichtetes, Verhalten. Noch tiefer liegt ihre Einsamkeit, ihre Sehnsucht nach Geborgenheit, nach dem Geben und Nehmen tiefer Liebe.

Diese drei Ebenen sind in einem ziemlichen Spannungsverhältnis. Es herrscht aber die zweite Ebene (zumindest im Verhalten gegenüber Männern).

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L. träumte von zwei Kindern, die aneinandergekettet waren, an einer Haltestelle lagen und schliefen.

Die Womacka-Ausstellung verschlägt mir Naivling wieder mal die Sprache. - Zum Kotzen! # Vergl. meine Bemerkung vom Vortag. # b820525-2.jpg

Doch ist das ja nur die eine Seite. Die andere fast noch schlimmere ist seine offizielle Wertschätzung (von wem ausgehend?). Was kann man dazu sagen, ohne nur zu Schimpfen und seinen Widerwillen auszudrücken? „Gußeiserne Sensibilität“? Hohn ausdrücken! Die Vorbilder, die überall durchkommen (Picasso, Leger (?), Sitte, Modigliani, wer noch?) erspart es, diese Originale zu sehen, „Sternstunde realistischer Malerei“, bunt, bunt, bunt ist die Welt (Er kennt auch drohendes Schwarz, aber weiß, wohin es gehört.). Manche Bilder werden gleich doppelt gehängt. (Erika Steinführer - der Beifall ist gewiß, der Thematik wegen.) Bewegt sich erfolgreich auf allen Kunstmärkten (Sammlung Ludwig Aachen). Berliner Stadtlandschaften; ein Mann in allen Sätteln gerecht; kleine, ausgesucht gerahmte Kostbarkeiten (unter Glas). Tripticha - links Müll, Mitte Kampf, rechts ideale Perspektive (doch bei E. Steinführer nicht - also der geniale Neuerer). Kinder in Blumen - wer kann danach noch ruhig schlafen? Ein Mann, der sich nicht festlegen läßt > Chile-Grafiken - Köpfe im Netzwerk der Strahlen, der Diktator aber in gekrümmten Linien. Sittlichkeit - am Strand, Akte mit Höschen; frühe Zeichnungen beweisen: Am Anfang war auch hier Talent.

# Meine Abneigung gegen Womacka war nicht nur in dessen schlichter/schlechter Malerei begründet. Sie resultierte auch daraus, daß er eine der offiziellen Ikonen der Kunstpolitik war UND, daß er ein beträchtliches Maß von Popularität erreicht hatte, die ich immer als Volkstümlichkeit für den sozialistischen Spießer empfand. Wie ich bei Wikipedia las, habe er nach 1990 vermehrt „sozialkritische und politisch motivierte“ Werke geschaffen. Seine schöne DDR-Malerei finde ich auch heute noch sterbenslangweilig. Seine Werke nach 1990 möchte ich mal sehen. #

Im BE „Turandot“, b820525-1.jpg

danach habe ich das Gefühl, daß Brecht hier große Möglichkeiten verschenkt hat. Der Grundgedanke - der Abend dieser Art Vernunft - ist sehr bedeutend; aber im Ganzen, wie im Detail, reißt die „Realisierung“ dich nicht vom Stuhl. Vielleicht zu spät oder zu früh geschrieben dies Stück? Und außerdem des eigenen Könnens zu sehr bewußt?

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24. Mai 1982 - Kaderarbeit im Realsozialismus

Mittwoch, November 21st, 2007


eklige Kreuzschmerzen,

die Vorbeugeuntersuchung ergibt Blutdruck 145/90. Ich kriege Reizstrom.

[…]

Gestern sogar im Fernsehen, in der „Aktuellen“, großer Bericht von der Eröffnung der Ausstellung Womacka!!

# Meine Abneigung gegen die platte Kunst Womackas war von jeher enorm. Womacka, zugleich Mitglied des ZK der SED, malte starkfarbige, einfach zu rezipierende Bilder, voller süßer sozialistischer Harmonie und bestellter Parteilichkeit. Sein „Paar am Strand“ oder „Peter im Tierpark“ schmückte jeden Kindergarten. Bekannt noch heute ist die „Bauchbinde“ am Haus des Lehrers am Alex in Berlin, auch der Springbrunnen auf dem Alex, „Nuttenbrosche“ genannt. L., die in Weißensee studiert hatte, während Womacka dort Rektor war, teilte die Heftigkeit meiner Abneigung nicht. Künstlerisch konnte sie natürlich nichts anfangen mit ihm, schätzte aber seine persönliche Einfachheit und Natürlichkeit. Während des Faschings ließ sie es sich nicht nehmen, einen Kuß auf seine Glatze zu drücken. #

Im „BE“ das Lenin-Stück: Die Szene des „Abtretens der Komsomolzen“ hat mich erschüttert. War so Lenin? Sicher eine mögliche Lesart… (der lernende und fast schon hilflos werdende Lenin). Das große Kunstwerk über Lenin, das totale Kunstwerk über ihn haben wir nicht, ja überhaupt haben wir erstaunlich wenig Tieferes über ihn.

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Jugendschönheit!

Ein Körper, der auch schon für sich genommen zu ahnen ist, doch noch die Einheit von Körper und Mensch (Person).

# Zum Folgenden vergleiche auch hier. #

 

 

 

Der „politische Kampf“, bescheidener: Die politische Arbeit der Genossen im MSAB; bestimmter Genossen. Ich denke an die Auseinandersetzung Horst L./Gerhard Kleeblatt, ich denke an Golis Erzählen über seine Arbeit.

 

Hier habe ich tatsächlich das Gefühl, daß politische Ideale im Spiel sind. Diese politischen Ideale bestimmen die Handlungen mit, obwohl es zweifellos kein Handeln allein aus moralischen Werten heraus ist; es ist ein Handeln, das sich voll ins Übliche eintaktet aber doch noch eine andere Quelle hat.

Mit Goli wäre mir Zusammenarbeit möglich, wie sie zwischen Sch./G. nie denkbar ist. Zusammenarbeit des Prozesses, nicht des Prestiges wegen. Laßt die Jungen Verantwortung tragen!

Beschlüsse durchsetzen, indem Verletzer zur Verantwortung gezogen werden. Aber wie? Was passiert, wenn dazu die Kraft nicht reicht? Wenn der Minister Kaderdirektoren oder Generaldirektoren wegen Kaderfragen nicht zur Verantwortung zieht oder wenn diese sich nichts daraus machen, weil sie es sich aussuchen können, für die Nichterfüllung welcher Beschlüsse sie sich prügeln lassen?

Die Leiter, der Leitungsapparat - der goldene Fonds, der gehegt werden muß (gerade , weil er auch unerhört belastet werden muß).

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23. April 1982

Samstag, Oktober 27th, 2007



[…] gestern übrigens mit Marita zum Vortrag von Hilmar Frank in der Akademie der Künste; sehr interessant aber anstrengend, M. schläft ein.

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[…]

Eigentümlich, wie wir, Mar. und ich, uns nach anstrengendem Tag und langen, langen Gesprächen erschöpfen und dann nur zu einem freundlichen erotischen Spiel, nicht aber zu GV wirkliche Lust haben. Als ich ihr dies diesmal sagte - in Erwartung erneuten „Zorns“ - war ich nicht wenig erstaunt, sie sagen zu hören: „Da werde ich gleich froh.“ Sie genoß es, sich zärtlich an mich zu kuscheln, dies und das zu tun und zu sagen aber befreit von dem Druck, „beischlafen“ zu müssen. (Sie hätte es aber ertragen, um mich nicht zu enttäuschen.) So ist rührende Gehemmtheit mit sexueller Freiheit verquickt. Sie versteht etwas von der Welt der Zärtlichkeiten, wohl bis zur Raffinesse. Darauf bin ich wirklich gespannt - doch ohne es irgendwie eilig zu haben. Es stimmt, was ich schrieb: Wir kommen von weit her. Wir brauchen Zeit, wahrscheinlich mehrere Stunden für ein Spiel, das uns wirklich zu einem Glückserlebnis führt.

Viel Zwiespältiges in dieser Frau - doch viel, viel verborgene, versteckte Wärme und Wärmebedürftigkeit.

Der Streit mit ihrer Tochter, und wie sie ihn sogleich aus der Welt schaffte (ohne zu Zögern). („Wirklich ganz mein Herz gehängt, ganz hingegeben hab’ ich mich an meine Tochter.“)

Sie wollte wissen, ob ich sie „betrüge“ (!)

Während sie mit ihrer Tochter sprach, saß ich allein in der Küche und stellte mir F. vor, der aufjauchzt, wenn er mich sieht, und ich dachte an L. (Wir quälen uns beide aussichtslos, wenn wir glauben, diese Liebe wieder herbeizwingen zu können.)

 

08. April 1982 - bei Jörg-Heiko Bruns in Molsdorf

Dienstag, Oktober 16th, 2007



[…] W. Shakepeare (in „Magazin“ 1/81, S.12):

„Wir sind aus dem gleichen Stoff,

aus dem ein Traum besteht,

und unser kurzes Leben ist eingebettet

in einen langen Schlaf.“

G. B. Shaw, „Magazin“ 7/81, S. 21

„Menschen sind weise nicht proportional zu

ihrer Erfahrung, sondern zu ihrer Fähigkeit,

Erfahrungen zu machen.“

„Den Abstand wahren ist das Geheimnis der Kultur.“ […]

Schöne Stunden in Molsdorf bei den Bruns’

Jörg-Heiko Bruns hatte ich anläßlich einer Ausstellung von L. in Magdeburg kennen gelernt. Er war damals in der 70-er Jahren einer der Ersten in der DDR, die eine kleine Kunstgalerie (unter der Schirmherrschaft des Kulturbundes in Magdeburg) eingerichtet hatten und erfolgreich betrieben. In der Zwischenzeit hatte er die Leitung des Barockschlosses Molsdorf bei Erfurt übernommen.

Beide sehr aufgeschlossen und kameradschaftlich. Er erzählt mir von den Empfängen der Parteibonzen (13 Teilnehmer) im Schloß, Axen und die „pazifistischen Jagdteilnehmer“, der lebenslustige Schloßherr Gotter, das Erlebnis eines solchen Baus (von ihm geführt), z. B. auch der „Tränensalon“, auch schöne Malereien, das Deckengemälde als Tisch oder Tanzfläche nutzbar, Gipsmotive (mit Anzüglichkeiten) im Damensalon. Die Sammlung Erotica - was eigentlich zur Allgemeinbildung gehören sollte. Die kanadische Schreigans, die den Pfau liebt, der Kirchenbau, die ganze schöne Anlage, des Bild „alte Zigeunerin“, Frau mit geöffnetem Vogelbauer (das bedeutet, wie da sein Vogel einfliegen kann), das Bidet im Eckschrank.

Einige hübsche Erfurterinnen machen mir wieder Lust auf Frauen. Bin gespannt, wie mich Marita nächstens empfängt (Sie hatte es einmal fast haßerfüllt abgewiesen, Ansprüche aus einem Beischlaf abzuleiten.) Ihre eifersüchtige Abneigung, wenn sie sich nach L. erkundigt. Sie könnte Lust haben, mich „um den Finger zu wickeln“. Eine Beziehung voll der „gewöhnlichen“, lebendigen Kompliziertheit, die mich interessiert. Ihr späteres Eingeständnis, wie dringlich sie einen Mann sucht (für dauernd, für’s Heiraten). Ihre Reaktion, als ich ihren Wolfgang, ihren langjährigen Liebhaber, nach dem Bild, als dumm bezeichne (der doch so clever ist). Möchte mehr wissen, was sie beim Akt erlebt. Ihre Falten, ihre nicht erreichten Orgasmen.

Ich bin begierig darauf, mehr Mensch zu erfahren. Viel genauer möchte ich wissen, wie das Liebesleben verschiedener Menschen verläuft. Das macht Marita so interessant. Bei mir handelt es sich hierbei wohl kaum um Flucht oder Betäubung. Diese Studien werden bereichern aber nicht im tiefen Sinne glücklich machen. Das erwarte ich nicht. Nach den (partiellen) Befriedigungen wird es notwendigerweise auch Krisen geben. Darüber muß mich der Gewinn an Leben, an Einsicht hinwegbringen. […]

Margot ist fähig, sehr innig, zart und tief zu empfinden. „Immer, wenn ich aufwachte, spürte ich Deine Hände.“ Als sie spätnachts ins Nachbarbett sprang (weil sie neben mir nicht schlafen konnte) und ich mich dann besorgt daneben kniete, weil ich dachte, ihr sei übel - dies hat sie bemerkt und sagte, wie froh es sie machte. Die Sensibilität ihrer Hände. Wie schön sie von ihrer Arbeit sprechen kann. Unsere innige Harmonie beim Tanzen, ihre Spontaneität dabei. Der Abschied mit lachendem Gesicht. Wie fest sie mich umfaßte bei der Begrüßung.

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25. März 1982

Donnerstag, Oktober 4th, 2007


Rückenchmerzen, Schnupfen […]

Exkursionsabsprache mit Detlef Röder. Sie steigern ihren NSW-Export von 70 TM auf 500-700 TM mit Ziel bis 1985 auf 17 Mio M. Das wird dann nicht mehr mit viel „Kleinvieh“ gehen - neue strategische Fragestellung.

Ich war immer auf der Suche nach Betrieben aus unserem Industriebereich, dem Schwermaschinen- und Anlagenbau, in denen die gestellten Planaufgaben beispielhaft erfüllt wurden. Dabei nutzte ich natürlich meine Verbindungen zu früheren Teilnehmern unserer Lehrgänge, hier Detlef Röder, der, so weit ich mich erinnere, im Magdeburger Armaturenwerk arbeitete.

Ich hole im Centrum-Warenhaus meinen gestern gekauften Anzug ab. Ich gebe der Verkäuferin 4,-M Kaffeegeld. Warum? Tendenz, in bestimmten Situationen das Geld zu verschleudern, oder will ich Freundlichkeit kaufen? […]

Heut morgen kreuzt eine appetitliche junge Frau meinen Weg, eine Puppe im Arm, deren Haar sie glättet. Ich schiele hin, etwas länger. In dem Moment sagt die Frau lachend:“Nee, nee, ich spiel nicht mehr mit Puppen.“ Ich: „Schöne Puppe mit schöner Puppe!“ Sie: „Danke!“ Lockerer wäre gewesen: „Welches ist denn nun die schönere Puppe?“ Noch besser aber dann hätte ich blitzartig reagieren müssen, wäre gewesen:“ Aber ich… ich weiß nur noch nicht, welche die schönere Puppe ist.“ Das fiel mir 20 sec später ein. […]

Mit Anne kann ich gut schwatzen bzw. sie mit mir. Wir redeten über Mode. Sie weist auf die Zwänge der Frauen hin. „Wenn die Menschen doch ein bißchen mehr Farbe trügen.“ Verschiedene Bücher und Maler. Von Canetti ist sie nicht berauscht. Ich erzähle von Aitmatow, Quevedo, Mayerl. Sie schreibt an einem Buch über ihre Hausbewohner, ich erwähne mein Tagebuch. Sie erzählt: Wichertstraße abends, ein Mann tritt auf sie zu, bitte um Feuer, „greift mir an Brust und Möse“.

Peter Röske zufällig getroffen. Er ist auch interessiert an W. Mayerl und daran, daß ich mit ihnen korrespondiere. Er würde eventuell auch ein Bild kaufen (und dazu könnten wir im Sommer mal mit dem Auto runterfahren).

Peter Röske liebte Malerei und Grafik. 1990 eröffnete er seine eigene Galerie. Er ist früh gestorben.

Ertappe mich dabei, daß ich bei solch unverhofften Begegnungen registriere:“Au, fein, weiterer Kommunikationspartner, der im Buch festgehalten wird und meinen Reichtum an menschlichen Beziehungen demonstriert.“ Es bleibt dabei: Ich kann mich verändern, entwickeln, so viel ich will, ich bleibe doch immer mit mir selbst identisch (das Krämerhafte, Geizkragenhafte, Pedantische - das mit bewußt wird).

Aus einer Art Übermut, raschen Laune zur Physiotherapeutin gegangen. Sie (bedauernd):“Wir haben aber jetzt keine Sprechzeit.“ Ich :“Ich wollte eigentlich auch gar nichts von Ihnen - oder doch von Ihnen - wollte sie eigentlich nur mal wieder anschauen.“ Einige Sätze hin und her. Sie ist verlegen und nicht unerfreut. Morgen hat sie Sauna-Dienst. Ein netter, warmherziger Mensch (einfach, gefühlvoll und bald langweilig?) Warum streb ich so was Sinnloses an? Wieso sinnlos? Ich bin einfach neugierig und ein bißchen mutwillig.

 

24. März 1982 - Geschichtslogik; Freßlust

Mittwoch, Oktober 3rd, 2007


eklig Schnupfen und Rückenschmerzen, die Augen brennen

[…] Einkäufe: ein ordentlicher Cordanzug 312,-M, eine lange Hose 178,-M;

[…] Wichtiges aus „Sinn und Form“ 1/82. W. Girnus schrieb einen Artikel von zwingender Logik, der auch mich betrifft: „Auf Leben und Tod“, S. 184ff.

Seine logische Kette:

* Die Entwicklung zur wachsenden Gewalttätigkeit wird sich unter dem Diktat des militärisch-industriellen Komplexes bis zum Jahr 2000 erheblich beschleunigen.

* Die tiefgreifenden sozialen, geistigen, kulturellen Gegenbewegungen zu den konventionellen Lebensformen und -normen der kapitalistischen Endgesellschaft werden immer breiter und heftiger. (Wir müssen das ernst nehmen.)

* Dagegen laufende Verstärkung der bürgerlichen Staatsmacht. Ökonomisch heißt das weitere gigantische Kapitalkonzentration im internationalen Maßstab (Japan!)

* Die führenden Generale der NATO maßen sich immer mehr Entscheidungsgewalt an.

* Die Gefahr einer neuen faschistischen Welle, einer Art Eurofaschismus wird immer deutlicher. Diese Strömungen (Girnus gibt Beispiele.) stützen sich auf die Gedankenwelt Fr. Nietzsches.

Faschistischer Unrat aus den USA wird massenhaft in BRD importiert.

* Wir müssen die Gefahr einer Explosion dieses kapitalistischen Kessels bannen und sorgen, daß es zur Implosion kommt.

* Die Spannungen werden wachsen. Entspannungspolitik heißt nicht, daß keine Spannungen auftreten, sondern heißt verhindern, daß deren Entladung in eine nukleare Katastrophe mündet.

* Wir haben keine Zeit der Euphorie und Ekstasen vor uns. Wir brauchen Charaktere, Unbeugsame, Pioniere der Geschichte, die sich nicht scheuen, neue Wege durch das Dickicht unserer Epoche zu schlagen. „Künstler, denen dieser Typ nichts zu sagen hat, werden wenig zu sagen wissen.“

* Was Kunst kann. „Auferstehung“ im KZ.

Dieser Artikel und ein zweiter von O.Neumann „Wer wertet Becher um und warum?“ (S.193ff) brachten mir Einsichten. Neumann setzt sich mit G. Kunert auseinander (Bechers „Grashüpfer“). Becher und Brecht hatten nach Kunert zu viel Vernunftglaube, zu viel positive Utopie, zu viel Umfeld von außen (also zu wenig Beschränkung auf das „Infeld“?) Wechsel auf die Zukunft, die stets platzen.

Kunerts antiautoritäre Attitüde > vom Mythos autarker Kunst zu den „Kämpfen im Zirkusrund“ als Weltverständnis endlich zum Mythos des Züchtens der nordischen Rasse fürs „Zeitalter der Weltkriege“? Becher werde attackiert, weil er in „Kunstautonomie“ und „Innerlichkeit“ die Unfähigkeit zum Widerstand für das Humane und die Anfälligkeit für das Barbarische erkannt und bekämpft hat. (Auch hier weitere Beispiele, die belegen, daß es sich hier um eine Stoßrichtung, nicht um Einzelmeinungen handelt.)

Beide Artikel veranlassen mich zu einem Kommentar aus heutiger Sicht.

Welche Einsichten und Anstöße daraus also für mich?

* Achtung, wenn du deine geliebte Individualität hätschelst! (Die eigene Individualität sozial „produktiv“ machen. (Werner im damaligen Gespräch war das Wort „produktiv“ ein Graus.))

* Nietzsche besser kennen!

* „reine Kunst“ und Barbarei sind Geschwister

[…]

* Manche Leute, die mit dem Sozialismus gebrochen haben, aus Feindseligkeit, lassen sich dann nur von Feindlichkeit leiten > bis zum Faschismus.


Cezanne ist ein einzigartiger Realist der sinnlich-natürlichen Welt, sozusagen ein Feuerbachianer. Der sozialen Realität, so weit sie von der natürlichen geschieden ist, steht er verständnislos gegenüber (genau wie Gauguin, auch van Gogh); in dieser Hinsicht ist Sterl stärker, von Leuten wie Rembrandt oder Goya zu schweigen.

[…] Die harte, aggressive und genormte (also fast militärische) Art, in der Erotik in der Mode erscheint heutzutage. Z. B. die Preßhosen, z. B. einst die Minikleidung.

[…] Mit Anne noch über Freßsucht geredet. (In „Wochenpost“ 12/82 war ein Artikelchen „Stierhunger“ in den USA, der eigentlich der Auslöser für meine Beschäftigung hier mit diesem Thema ist.)

Was ich gestern Abend aß: Beim Einäugigen (Kneipe um die Ecke): 4 Scheiben Böhmerschinken und Mayonaisesalat. Damit war ich eigentlich satt. Zu Hause angekommen (Es war kalt, unfreundlich, ich angetrunken, verschnupft, geruch- und geschmacklos.) schlug ich in mich hinein (alles in Hast): 1 Bratpfanne voll Nudeln + reichlich Tomatensoße mit etwas Fleisch darin, dazu einen nicht kleinen Kanten Brot, eine herumliegende halbe Scheibe Leberwurstbrot, ein Portion Eis, zwei dicke Scheiben Malfa-Brot mit Speck, eine Scheibe Malfa-Brot mit dick Butter, vorher noch ein herumliegendes Stück Streuselkuchen. Es war ein genußfreier, reiner Füllvorgang. Wenige Minuten später ging ich zu Bett. Schlief bald ein, aber dann schlecht.

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