Archive for the ‘Musik’ Category

24. Januar 1989 - Abrüstungsmaßnahmen der DDR

Montag, Februar 16th, 2009

Gestern # eingeladen als Gast in meiner Funktion als WBA-Vorsitzender # bei der Jahreshauptversammlung der LDPD… 

C. erzählt, daß ihr Kollege P. sie vor ihrem neuen Chef gewarnt habe (was sie beeindruckt).

Abends lesen wir “NZ”. C. trifft sich heute Abend mit L.

Ich sage, daß ich zu dem polnischen Film gehe.

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Danach werde ich 20 Uhr zur Komischen Oper gehen, wo im Foyer “junge Musiker spielen”.

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Vorher gehe ich zum Computerzirkel im Jugendklub Wilhelm Pieck Str., so daß dieser Abend gut ausgestaltet ist.

DDR reduziert einseitig ihre Rüstung.

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C. sagt, sie freue sich über diese Abrüstungsmaßnahmen, aber… Im selben Atemzug prangert sie an, daß sich “das System” deshalb noch lange nicht ändere. Die Systemkontroverse hindert sie sehr, reale Schritte gebührend zu werten.

Sie liebt das Groteske, das Absurde, das Zerstörte. Das ist nicht nur Rhetorik. Sie lebt auch so. Mit der Beziehung zu L. pflegt sie gerade die Ruine einer Beziehung. Sie tut etwas dazu, daß die Ruine erhalten bleibe. W. und sein Verhalten haben ähnliche Tendenz. Solche Menschen (und sie gehört teilweise dazu) haben keine Inhalt, wenn sie kein unlösbares Problem haben. Sie müssen Aussichtslosigkeit erleben, um sinnvoll dazustehen. Kultivierung des Absurden: L. C. und ich sitzen zusammen im Kino (z. B. an einem Tisch im Becher-Club oder nicht an einem Tisch im Becher-Club).

# Heute bin ich verblüfft, wie gut sich dieses beobachtetete menschliche, psychologische Problem mit der Stellung der Individuen in der beginnenden Endkrise der DDR erklären läßt. Damals war ich natürlich weit von solcher Deutung entfernt. Kein Jahr später war es an mir, mit der Aussichtslosigkeit zu leben. Im Persönlichen entpuppt sich (oftmals aber schwer erkennbar) das Soziale. #

# Brief an den Leiter eines beliebten Grafikabonnements #

” Sehr geehrter Herr Rentsch!         24.1.89

Ich bedanke mich für Ihr “Mahnschreiben” vom 7.1.89. Tatsächlich habe ich nicht die Absicht, aus der Plauener Grafikgemeinschaft auszuscheiden. Nach weniger eiliger Durchsicht des Heftes zur Auswahl 20 bestelle ich hiermit von

- Christ Jahr, “Angler”, (Nr. 21)

- Thea Kovar, “Sich ankleidende Frau”, (Nr. 25)

- Max Uhlig, “Männerkopf”, (nr. 62).

Ich hab’ mir auch Besserung gelobt und will nun endlich die beiden bei mir verbliebenen Transportrollen zurückschicken.

Mit freundlichem Gruß”

20. Januar 1989 - Mozart

Mittwoch, Februar 11th, 2009

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 C. geht heute Abend mit Wulf und Werner in “Germania”.

# Heute, 12.2.2009, wird in der Zeitung über den Dokumentarfilm “Material. Deutschland 1988-2008″ von Thomas Heise berichtet. Ein Film, der mich enorm interessiert. Darin spielt auch diese Inszenierung von “Germania” eine Rolle:

“1988 inszeniert Fritz Marquardt Heiner Müllers »Germania Tod in Berlin« am BE. Das Stück ist da 18 Jahre verboten, durfte weder gespielt noch gedruckt werden. Ein Jahr vor dem Mauerfall verstand Klaus Höpcke nicht mehr, daß er es einmal mit auf den Index gesetzt hatte. Wer die Geschichte von 1989 erzählen will, muß spätestens 1988 beginnen. »Material« zeigt die Quälerei, die Ernsthaftigkeit der Probenarbeit.”#

Für mich habe Werner keine Karte mehr bekommen. Das ist zwar schade, auch weil sie damit unser Skaby-Wochenende platzen läßt. Ich habe aber keine Probleme damit, weil ich die Begründung glaube und kein absichtliches Ausschließen vermute. Daß Wulf freilich dieses Motiv haben könnte, ist dennoch nicht auszuschließen.

Wir waren gestern im Schauspielhaus (trafen G., Krebsverdacht bei K.). Ich sagte C., daß in Mozarts Musik immer vorhanden sind (verbunden, widerstreitend, immer recht hart und unvermittelt gegeneinander gesetzt) zarte, spielende (unschuldige) Kindlichkeit und Gewalt, erhabene oder/und erschreckende Macht. Und ich sagte ihr, daß das genau auch ihr Persönlichkeitserleben, ihre Persönlichkeitstruktur sei. (Sie fand das treffend.)

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Wie doch der sexuelle Reiz einer Frau allein durch etwas mehr Fleischlichkeit zunimmt.

 

19. Januar 1989 - Leiten

Mittwoch, Februar 11th, 2009

Gestrige WBA-Beratung erfolgreich…

Heute Einweisung KA weitergeführt.

# KA- Kollektivarbeit. Unsere Kollektivarbeiten habe ich hier bereits einmal erläutert. Für mich, eigentlich Theoretiker und jetzt neu als verantwortlicher Leiter, war es immer eine besondere Herausforderung, unsere Lehrgangsteilnehmer/gestandene Praktiker für eine relativ aufwendige empirische Analyse eines Leitungsproblems qualifiziert anzuleiten. #

Gute Stimmung im Lehrgang (die aber gegenwärtig auch gute “Heimatort”bedingungen haben ) (Ich muß kräftig die Anforderungen erhöhen! - langfristige Linie!)… Habe das Gefühl, die Aufgaben zunehmend zu beherrschen. Meinen Leitungsstil muß ich noch finden. aber ich glaube er “geht”. (Ein Stil, der auf Vertrauen und Freiwilligkeit baut.)

 

Was es so gibt.

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# Diese, heute würde man sagen, “läppische” Meldung hielt ich der Beachtung wert. Bis dato war es  absolut ungewöhnlich, daß Presseagenturen “sozialistischer Bruderländer” sich gegenseitig widersprachen.#

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 Kunst zum kleinen Preis.

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Was es auch noch gibt: Am Montag, glaube ich, ein Dementi der TASS-Meldung über die Rettung von weiteren sechs Erdbebenopfern in Armenien. Diese stellte sich als Ente heraus. (Schade, daß ich den Zeitungsausschnitt nicht aufgehoben habe.) Auf jeden Fall wirft dieser Vorgang ein Schlaglicht auf die Qualität mancher sowjetischer Berichterstattung. Daran läßt mich auch der Artikel denken, den ich morgen einklebe.

# Dementis in den Massenmedien. Bisher galten sie als unfehlbare “Sprachrohre der Partei”. Solche Veränderungen wurden sensibelst registiert. #

 

19. Oktober 1982 – Brief an Karl Heinz (Kadergespräch)

Montag, Dezember 15th, 2008

Kadergespräch beim Generaldirektor des Kombinats “Sekundärrohstoffe”. Der Weg zur Arbeitsstelle Sero wäre sympathisch, kaum 20 min zu Fuß. Der GD will mich. Bestätigung der Fachabteilung ZK notwendig. Jetzt beginnt der offizielle Weg, Anforderung der Kaderakten usw.

Das “ND” heute voller bedeutender Informationen: Bericht über “100 ausgewählte Grafiken” (mit “Franz an der Ostsee”); Bericht über Betrieb Berlin des VEB SERO; Bericht über Gesang der “schönen Müllerin” (für Evi); Theaterplan November.

    “Liebe Ch.!

    Nun habe ich glücklich von R. erfahren (nachdem Du auf zwei Briefe von mir nicht geantwortet hast), daß C. arbeitet bzw. zur Armee kommt. Warum Du mir das nicht mitteilen kannst, verstehe ich nicht.

    Daß ich in dieser Zeit keinen Unterhalt zu zahlen habe, kann doch wohl kein Streitpunkt sein.

    Anbei der Unterhaltsscheck für Oktober für C.

    Mit Gruß

    P.”

    # (”Kommunikation” geschiedener Eheleute) #

     

    Lieber Karl Heinz (und Waltraudchen) 19.10.82

    […] Gerade bin ich nämlich von dem Kadergespräch beim Generaldirektor des Kombinats SERO zurückgekommen. Dies ist positiv ausgegangen, bis auf Restpunkte, die sicher zu klären sind. Jetzt beginnt der offizielle Weg, angefangen bei der Anforderung meiner Kaderakte bis zur Beantragung meiner Berufung (die ja beim übergeordneten Organ, dem Ministerium, zweifellos klar geht, im Falle meiner Funktion aber auch von der Fachabteilung des ZK bestätigt werden muss).

    Damit wird es jetzt auch mit Deiner Bereitschaft, bei der ZF anzufangen ernst, oder gibt es bei Dir inzwischen neue Entwicklungen?

    Sicher wird bis 8.11. noch nicht viel passieren, da mein Chef und ich bis dahin noch im Urlaub sind, wenn aber danach das entsprechende Gespräch geführt wird, möchte ich Dich vorschlagen. Dann oder auch vorher, wie Du willst, können wir auch gerne mal ausführlich über die ZF-Arbeit reden. […] “

     “Liebe Evi! 19.10.82

    In diesem Brief geht es ja mehr ums Kulturleben, wenn es Dir besonders um Dein Studium geht, dann kann Dir höchstens die Briefmarke etwas geben. Oder sind medizinhistorische Kenntnisse bei Euch nicht gefragt? Wie ist überhaupt die Affäre mit dem Zeitungssuchen um den Kohl ausgegangen? Und sonst? Sicher fasst Du zunehmend Tritt beim Studieren oder Pauken.

    Daß Du Dich gemeldet hast, hat mich sehr gefreut, war so früh nicht erwartet. Auch traf mich Dein Anruf gerade in einem Augenblick, in dem ich fast Sehnsucht, wenn nicht nach dem Krankenhaus, so doch nach seiner Geborgenheit hatte. In meiner Freude habe ich erst überhört, daß Dein Anlass ja zur Hälfte darin bestand, mir eine Missbilligung auszusprechen. Sicher zu Recht. Nun haben sich hoffentlich die Gemüter beruhigt. Wenn Du Dir manche Hänseleien anhören musstest (meine Schuld), so waren sie doch sicher nur gutmütig gemeint.

    Anbei ein Theaterplan. Wenn Du magst und kannst, fände ich es schön, würden wir vor dem Dezember (“Yesterday…”) nochmal was unternehmen. Etwas, ganz Weniges von dem, was mich interessiert, habe ich als Vorschlag angestrichen. Wie erfahre ich recht bald Deine Antwort?

    Abgesehen davon, daß ich am 26.10. im Gymnastikraum bei Frau Rudolph bin, wird es wohl das Beste sein, wenn wir uns telefonisch verständigen.

    Übrigens ein- für allemal: Besuche bei mir sind jederzeit und ohne Förmlichkeit gern gesehen. Sag das bitte auch Grit. Anruf vorher ist nur deshalb zweckmäßig, damit ich 1. zu Hause bin 2. die Haustür nicht verschlossen ist und 3. ich irgend etwas zum Verwöhnen da habe.

    Die schöne Müllerin” behalte im Auge (und später auch im Ohr). Die in der Rezension erwähnte “Winterreise” gehört zum Ergreifendsten, was ich kenne, und die “Müllerin” ist wirklich die freundliche Schwester der “Winterreise”.

    Größte Kunst, edel und gleich verständlich. Soviel.

    Ich gestehe - und verscherze es mir damit hoffentlich bei Niemandem – daß ich viel öfter und freundlicher an Dich denke, als dieser Brief ausdrückt und wünsche der lieben Schwester Anmut Glück und mir eine Antwort.

    P.”

     

    16. Oktober 1982

    Dienstag, Dezember 9th, 2008


    Lesen: Eule, ND

    Hören: Mikis Theodoraki, “Axion esti”, RIAS-Sendung über Peter Weiss

    Hesiod – Ingrid Drohms Peter hat schon vor 20 Jahren Hesiod gelesen. Mir damals völlig unverständlich. Jetzt schreibt “Sinn und Form” 5/82 darüber.

    Die große Rock-Oper wird kommen!

    Essay-Band von Werner Liersch: “Die Liedermacher und die Niedermacher”

    Mein Eindruck von meinen Protokollbänden beim gestrigen Stöbern - Viel Schäbigkeit.

    Widersprüche der Gegenwart – Haben wir unsere Gesellschaft in ihrer jetzigen Entwicklungsstufe ungenügend begriffen? Die Unfähigkeit zur Offenheit.

    Die Frage Löfflers und seines Freundes: Wer ist ein bedeutender Philosoph, Ideologe bei uns?

    Die Freuden des Umgangs mit F. spiegeln sich nicht annähernd in diesem Buch.

     

    15. Oktober 1982 – Neue Deutsche Welle. Und Hebbel

    Montag, Dezember 8th, 2008

    Gymnastik,

    Lesen: “Sinn und Form”, 5/82, “Weltbühne” 41/82, BZ, “Budapester Rundschau”, “Kleingarten”

    Noch einmal zum Hebbel-Bild des Menschen als Fluß:

    Ja, und selbst ist man wie ein Wanderer, der die Flüsse quert. Ich steige in den Fluß hinein, er erscheint mir breit, unendlich wie das Meer (besonders, wenn ich halb verdurstet und in Finstern einstieg), seine Strömung trägt mich; doch schwimme ich unablässig weiter, so kommt das andere Ufer in Sicht, ich gehe an Land und überschaue rückblickend von der Uferhöhe den ganzen Strom in seiner Breite (während seine Länge, sein Lauf weiter Geheimnis bleibt).

    Heute früh kommt L. Auf die “Spitzenklöpplerin” zurück. Die unerfüllte Sehnsucht sei die wirklich vollkommene, ideale Liebe (sinngemäß). Sie hebt am stärksten empor und läßt die größte Kunst entstehen. Ich vergaß, daran zu erinnern, daß nur die Erfüllung wirkliche Kinder zeugt, was in gewisser Weise über jedem Kunstprodukt steht. […]

    Alles in allem: Ich vertrete das übergreifende, das goethesche, das faustische, realistische Ideal; das Werden und Vergehen, das Sehnen (Knospen)/Blühen/Reifen/Sterben (Winterschlafen). Poesie im ganzen Kreislauf, also subjektive Erhöhung, Belichtung, Vergeistigung des ganzen profanen Prozesses, während andere (L.) mit einer Art poetischen (oder auch ängstlichen?) Starrsinns auf der Phase beharren, die alles Schöne im Kern enthält (ohne seinen Untergang mitzufühlen, ohne sein Janusgesicht zu erkennen….

    Mit der idealen Sicht zerbricht die Sicht oder es kommt die freie Sicht.

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    Else Lasker-Schüler, um 1905

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    Neue Deutsche Welle:

    Wir sind glücklich!

    Solange der Bildschirm die Träume uns gibt,

    Solange der Kanzler uns so innig liebt,

    Solange die Hoffnung im Frühformat winkt,

    Solange die Sonne im Osten versinkt…

    […]

    Ein Lied der aufs Streckbett gespannten Ironie, nicht das einzige dieser Art; wieviel noch deutlichere mag es geben, die nicht gesendet werden?

    Auch das Lied “Vergiß es, vergiß es…” drückt durchaus “Zeitgeist” aus, besonders der Refrain:

    Vergiß es, das Leben geht weiter,

    bis zur Grenze, dann kommt mal’n Ende.

    Vergiß es, vergiß es, es kommt, wie es kommt,

    Ist doch klar, daß nicht jeder oben schwimmt.”

    Gehirnamputiert”

    Da war so ein Traum.

    Es ist was Tolles passiert,

    Ganz aus Versehen, gehirnamputiert.

    Nie mehr Probleme,

    Egal was passiert,

    Bist Du gehirnamputiert.

     

    Durch Realität schon völlig frustriert,

    Doch dann dieser Traum gehirnamputiert.

    Problemloses Dasein ist garantiert,

    Bist Du gehirnamputiert.

     

    Du fühlst Dich wohl, es geht Dir gut,

    nie mehr Probleme,egal, was passiert

    bist Du gehirnamputiert.

     

    Warum wurde diese “Welle” produziert? Wird sie mit Kohl als Bundeskanzler weiter produziert?

    Die ausgewählten Texte repräsentieren aber nicht das ganze Gesicht dieser Welle. Sie deuten mehrt an, woran die Manipulatoren anknüpfen.

     

    Und das Meisterstück, textlich, wie musikalisch, wie interpretatorisch, das “Lied von der Königin” (wie die Szene einer Oper!).

    Na so eine komische Königin,

    die hat ja Räder unten dran.

    Na, das ist ja eine Königin,

    Wärst Du da gerne Untertan?

    Rollt sie durch ihr Reich,

    Vom Gebirge bis zum Deich.

    Sie rollt und rollt ganz ungeniert,

    Wie toll sie dabei noch regiert,

    Eine tolle Königin.

     

    Bergab regiert sie ziemlich milde,

    Bergauf schimpft sie auch manchmal wilde,

    Bergab weht ihr Gewand, das Schöne,

    Berauf senkt sie auch mal die Löhne.

    In der Stadt ist ihr das Volk lieb und teuer.

    Im Wald erhöht sie dann die Steuer…

    Eine perfekte Königin,

    Prima, prima

    Mit Rädern unten dran.

    Hebbel: Ich glaube eine Weltordnung, die der Mensch begreift, würde ihm unerträglicher sein, als diese, die er nicht begreift. Das Geheimnis ist seine eigentliche Lebensquelle, mit seinen Augen will er etwas sehen, aber nicht alles; sieht er alles, so meint er, er sieht nichts.” (182) Vergl. S. 188: “Der Mensch ist die Kontinuation des Schöpfungsaktes, eine ewig werdende, nie fertige Schöpfung.”

    Interessant zum (systematischen) Denken, das nicht eine allgemeine Gabe, sondern ein ganz besonderes Talent sei…. (184). Er betont die Produktivität (Kreativität) des echten Denkens.

    Beschäftigung, nur Beschäftigung, und man ist geborgen, man weiß solange nichts von sich, als man etwas tut.” (185)

    Goethes spätere Urteile… sind nicht Urteile seines Magens, sondern seines Gaumens.” (186)

    Einen Sachverhalt in ein richtiges, reiches, leicht verständliches Bild setzen, wie hier H. können wir heute so schlecht. Wir versuchn eine Gestalt durch Abstraktionen zu umreißen. Doch die Abstraktionen sollten selbst wieder in Gestalten sclüpfen, sollen “tanzen”, wenn sie für uns da sein wollen.

    Ehemals waren die Erwachsenen, wie die Kinder; wie hoffnungslos sind die Zeiten, wo die Kinder wie die Erwachsenen sind. Warum lernen wir so viel und so schnell!” (187)

    (Kaum ein Gedanke von H., der nicht “aufgehoben” werden muß.)

    Es ist kaum ein Trost, daß wir immer höher kommen, da wir immer auf der Leiter bleiben.” (189)

    Zum Geist: Es könnte sein, weil er aus fremden Welten stammt, daß er “uns nur besuchte, nicht aber in uns wohne.” (191)

    (Er tappt auf etwas Richtiges, Tiefes. Das Wesen des Menschen ist kein dem Individuum innewohnendes Abstraktum.)

    Nicht, was der Mensch soll: was und wie er’s vermag, zeige die Kunst!” (193) (Dann wird sie realistisch sein.)

    Nichts kann bewiesen werden, als – was zu beweisen sich nicht verlohnt.” (193)

    Man verfault im bloßen Umgang mit sich selbst.” (193)

    Stoff ist Aufgabe:Form ist Lösung.” (194)

    Die Prosa stellt das Gedachte, die Poesie das Gelebte dar.” (195)

    Unsere Tugenden sind meist die Bastarde unserer Sünden.” (198)

    Die Erinnerung ist das einzig Feste, was dem Menschen bleibt; dies sollte der Bösewicht bedenken, daqnn würd’ er sich nicht aus so vielen Stunden Höllen zusammenzimmern.” (198)

    (Die Erinnerung! – ein großartiger Gedanke (für junge Menschen).)

    Philosopheme: Verstandesträume” (199)

    Das Aufbrausen ist die Lebensäußerung des Zorns und zugleich sein Tod.” (200)

    Jeder Klotz paßt hin, wo man ihn hinstellt.” (201)!

    Die Poesie soll alle Strahlen des Menschen, dieser Nebelsonne, auffangen, sie verdichtet auf ihn zurückleiten und ihn so durch sich slbst erwärmen.” (201) “Das Leben gehört soweit in die Poesie, als es innerlich produktiv ist.” (210)

    Nur das Geendete ist unendlich.” (202)

    Das Gemeine ist verloren, sobald es kämpft.” (205) (Wenn’s doch so wäre!)

    Es ist ungleich sündlicher, das Göttliche inm unserer Nähe nicht zu ahnen, es ohne weitere Untersuchung für sein schzwarzes Gegenteil zu halten, als es in weltmörderischer Raserei zu zerstören, weil wir es nicht besitzen können.” (208)

    Sagen wir “das Neue”, statt “das Göttliche”, wie steht es dann um uns?

    Das Göttliche in seiner Nähe zu ahnen – ist das nicht der einzige wirkliche Auftrag des Menschen?

     “Schon Ratschläge sind in vielen Fällen Angriffe auf die Selbständigkeit;…” (211)

    (Helfen heißt auf dem vom Subjekt eingeschlagenen Weg helfen.)

     

    Das Bewußtsein ist nicht produktiv, es schafft nicht, es beleuchtet nur, wie der Mond;” (213)

    Die Frucht des Baumes ist nicht für den Baum.”(218)

     

    Notiz übert das Entleeren:

    Mein Prinzip in diesem Buch ist doch, nichts Menschliches auszusparen, nichts “Unmoralisches” zu verdrängen. Es kommt viel Sex zur Sprache. Noch nie kam ich darauf, den Gang zum Abort zu registrieren (wohl aber die Orgasmen). Was ist dafür der eigentliche wesentliche Grund? Physische Selbstverständlichkeiten sind uninteressant; die Atemzüge usw.

    Die Lidbewegungen lohnt es nicht, zu registrieren (solange sie sozial bedeutungslos sind).

    Heidrun stimmte heftig zu, als ich sagte, nichts Menschliches sei mir fremd. (Für mich kulminiert dies in “Schweinereien”. Für sie offensichtlich in Mordgedanken. – Als wir hier nicht dasselbe meinten, nahm sie gleich zurück.)

    Heidrun, eine sensibel-sinnlich-leidenschaftliche Frau mit einem (vielleicht von Kindheit herrührendem) Defizit an kluger Selbstlenkung, -führung. In dieser Hinsicht von gewisser Grobheit, Unbeholfenheit, Ratlosigkeit, die zu ihrer Depressivität führt. H. erwähnte, wie leicht sie manchmal zui rühren ist.

    Ahne ich damit etwas von den “Ufern” dieses Stroms?

    Jedenfalls bin ich ihr gut gesonnen. Doch werde ich mich nicht auffressen lassen.

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    11. Oktober 1982 – Ende des 5. Bandes

    Dienstag, Dezember 2nd, 2008

     Abschiedsbesuch in Buch. Dr. Krause schreibt mich schon heute für den 23.10. gesund. Das ist überraschend für mich.

    Treffen mit den Zimmerkumpels, dann mit Dr. Krause, Dr. Piotrowski, Dr. Hahn, Schwester Christa, Schwester Cordula, Frau Rudolph. Ich baue meine Geschenke auf: drei Flaschen Sekt, selbst gepflückter Blumenstrauß aus dem Garten, eine Grafik, mein Dankgedicht “Mein kleines Testament”.

    Telefoniert mit Dr. Hahn, die sehr freundlich ist. Fester Händedruck mit ihr beim zufälligen Zusammentreffen. Ein Roman mit dieser Schönheit, das wäre….!

    Eilbrief von H. Gross.

    Zum ersten Mal lese ich marxistisch-leninistischer Philosoph etwas von Nietzsche, “Also sprach Zarathustra” – und bin verwundert.

    Spätabends Kassette “Neue Deutsche Welle”, “Gehirnamputiert”, “Wir sind glücklich”, “Die Königin”, “Eiszeit”.

    Damit schließt sich dieser Band des Schmerzes und des Duldens. Doch noch mehr war es eine Zeit neuer Menschen, neuer Verhältnisse. Es war eine interessante und oftmals schöne Zeit. Ich bin nicht unglücklich über diese zwei Monate.

    Mit dem morgigen Tag beginnt ein neuer Abschnitt, denn ich melde mich beim GD Sero.

    Morgen wahrscheinlich auch Treff mit Gross.

    Und ich könnte wieder erblicken Evi und Dr. Hahn, zwei Kleinigkeiten, über die sich mein Herz am meisten freut.

    Die Einen denken lange nach über den Sinn des Lebens und finden, daß er darin besteht, zu leben.

    Die Anderen leben einfach.

    (Diese Beobachtung ist schon einige Tage bewußt. Sie wird sicher im neuen Band ihre Rolle spielen.)

    Möge dieser bildarme Band mit einer anspruchslosen Freude fürs Auge enden.

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    08. Oktober 1982 – Dresdner Kunstausstellung und Sozialismus

    Dienstag, Dezember 2nd, 2008

    Hören: Haydns “Die Schöpfung” in der Schloßkirche Buch

    Gestern beim Spazierengehen erzählt L. von der Dresdner Kunstausstellung. Unsere Auffassungen harmonieren sehr in diesen Fragen. Das Malerische habe keine Chance in dieser Ausstellung. Riesenformate dominieren und “Leipziger Schule”. Sie vermißt die Haltung der Künstler. Jedoch, das Schlimme ohne erkennbare eigene Haltung darzustellen, sei auch wieder eine Art Realismus. Den Politikern müßte, recht besehen, bei vielen dieser Bilder grausen. Sie sagt, man könne nicht den Arbeiter malen, wenn man ihn mal 4 Wochen studiere. Mayerl habe das gekonnt. Vieles in Dresden sei auch Rekordjagd, etwas Ausgefallenes bieten. Viele Arrivierte wiederholen sich. Plenkers sei ihr aufgefallen.

    Vieles, was sie da sagt, klingt wie Zustimmung zu mir. … Sie meinte, ich solle ruhig etwas zu Dresden schreiben. Diese Absicht hatte ich nicht, da an eine Veröffentlichung nicht zu denken ist. Jedoch jetzt faßte ich den Entschluß. Ja, ich betrachte diese Ausstellung sehr genau und schreibe rückhaltlos, sogar zugespitzt meine Meinung: für mich, für die Schublade, für einige Freunde (Bernd Wagner, Hans Vent, Dieter Goltzsche, Karl Heinz Schatte, Kurt).

    Eigentlich ist der Sozialismus ein umgestülpter Imperialismus. Er schafft die ersten, die allerelementarsten Grundlagen dafür, daß der Mensch einmal anders werde. Diese sind Frieden und sinnvolle Arbeit (Das sagte auch mal Andersen-Nexö.) Wir sind noch weit davon entfernt, diese Grundlagen sicher geschaffen zu haben.

    Insofern ist der “vergessene Humanismus” in unserer Praxis einfach Ausdruck dafür, daß sich das Wesen unserer Entwicklung real deutlicher ausprägt. Nur das Bewußtsein dieser Tatsachen dürfen wir anscheinend noch nicht haben. Die Künstler beginnen es zu formen (Granin, Aitmatow). Die Theorie darf (und kann) es bei weitem noch nicht formulieren.

    01. Oktober 1982 – mißglücktes Gedicht „Schwestern“

    Mittwoch, Mai 21st, 2008

    […] 7 Zimmerkumpel, 2 Neue.

    Walter Sickfeld - 36 J., Chemie-Ing., Ökonom, Außenhandelsbetrieb Chemieanlagenimport, bereiste die ganze Welt, orientiert sich jetzt, eine Kneipe zu übernehmen, früher Turniertänzer;

    Arno Spielberg - arbeitet in Abdeckerei, ramscht dabei viel noch unverdorbenes Fleisch.

    […]

    Lesen: Wochenpost

    Hören: (Kopfhörer): Beethoven, Streichquartett a-moll, op. 132

    Behandlungen: Sauna, Wickel, Periost-Massage, Gymnastik, Perl

    Nachlese vom Europapokal-Mittwoch. Alle DDR-Mannschaften schieden aus. Erschreckend, wieweit schon die Disziplinierung und Entmündigung geht: Besonders im ND. Das Debakel wird beschönigt, ist kein Anlass zu ernsthafter Kritik. Schmale Spalte Kritik in der BZ (von W. Hartwig) aber sachlich und klar.

    Wenn über solche Scheiße wie Fußball schon kein offenes Wort mehr gesprochen wird! Was ist dann faul an unseren Medien, an unserem Staat?

    Gestern Blick in die Zeitung der LDPD. Da wird deutlich, was „gleichgeschaltet“ heißt.

     

    Trotz großer Bemühungen und guter Absicht bewältige ich das Gedicht „Schwestern“ nicht. Ich kenne meinen Gegenstand ungenügend, habe nur einzelne, zufällige Eindrücke, kann seine Spezifik kaum benennen und daher schon gar nicht bildkräftig darstellen. Die Unterscheidung der Schwestern gegenüber anderen (Ärzten, Physiotherapeuten), die auch helfen, gelingt daher nicht. Der Gegenstand selbst ist allgemein, höchst komplex, vielfältig, widersprüchlich, also an sich schwer zu fassen. Der Antrieb zum Dichten war mehr als ich es mir eingestehe der freundlich-erotische Reiz einiger Schwestern. Das unterschlage ich im Gedicht. Ein Nebenmotiv ist der Wunsch, glänzen zu wollen. Das unterschlage ich auch. Das angestrebte Preisgedicht verführt zusätzlich zu Abstraktionen, zum „Ein-Fußhoch-Schweben“ über dem Erdboden, er erhebt sich ja bewußt über einzelne Seiten des Gegenstandes und will ihm ganz gerecht werden.

    Soviel Punkte, soviel Mißlingen. Ein Pluspunkt: Dies selbst erkannt zu haben. Vielleicht kann etwas Scherzhaftes, Ironisches, erklärt Anspruchsloses gelingen.[…]

    Und ich glaube es gelingt sofort etwas – mein kleines Testament.

    30. September 1982 - „Wohin soll das noch führen?“

    Montag, Mai 19th, 2008

    6 Zimmerkumpel, 1 Neuer. Er ist Syrer.

    […]

    Hören: (Kopfhörer): Mahler, 8. Sinfonie,

    Behandlungen: Lakenbad, Wickel, Gymnastik, Blutzucker

    […]

    Reportage in der „für dich“ über Wanderimker.

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    Wenn ich Rentner bin (und noch rüstig) werde ich Wanderimker. Daran ist mehr als ein Gramm Ernst. Dann schreibe ich das Buch meines Lebens, besser: Ich stelle es fertig, denn schon heute schreibe ich daran. Sein Thema ist die Einheit von Wissenschaft und Kunst, von Prosa und Poesie im Leben. […]

    Wanderimker

    Dieter Stiegemann, bei seinem Besuch am 27.9. sagte mir, wie ihn (und auch Siegfried Both) der Mißbrauch, den der Chef mit „Tulli“ treibt, befremdet.

    # Dieter St. und Siegfried B. sind die Ehemänner meiner Arbeitskolleginnen. “Tulli” wurde unser Kraftfahrer genannt. Ein eigener Kraftfahrer war in unserer kleinen Einrichtung überhaupt nicht nötig, zumal unser Chef zugleich noch als sogenannter “Selbstfahrer”seinen persönlichen Dienst-Pkw hatte. Die Ausstattung der Dienststelle hatte das Prestige des Chefs zum Ausdruck zu bringen. Der zeitweilige besondere Mißbrauch “Tullis” bestand darin, daß der Chef als er sein Wohnhaus baute, ihn schrankenlos für sich persönlich als Arbeitskraft einsetzte. #

    Es ist überall so, sage ich. Er fragt mich: „Wohin soll das noch führen?“ Ich weiß keine Antwort. Ich sage es und: „Nach Polen“. Ich fühle mich mitschuldig und hilflos. […]

    Eine Fastergruppe sammelt sich, „organisiert“ sich (findet Regeln und hält sie ein) und löst sich wieder auf, zerflattert – wie jede Vereinigung von Menschen.

    # Oft beinhalten meine Tagebucheintragungen ja tägliches zufälliges Einerlei. (Manchmal frage ich mich, ob ich das wirklich alles abschreiben und veröffentlichen soll.) Manchmal aber, so heute, bin ich doch erstaunt, welch klarer “Subtext” da zu lesen ist - Die allgegenwärtige kleinbürgerliche Schändlichkeit des Systems, die Schwierigkeit und Feigheit dagegen etwas zu unternehmen, meine Realitätsflucht (Wanderimker), das “Lebensthema” Wissenschaft und Kunst, also Wahrheit und Schönheit, eine Perspektive , die zugleich Möglichkeit und Selbstbetrug war. #