Archive for the ‘Sex’ Category

26. Oktober 1982 – Frauen, Kälte, Aussteigen

Samstag, Januar 3rd, 2009

Lesen: Gedichte Czechowski, Katalog IX Kunstausstellung

Gartenarbeit. Nach der Gartenarbeit heute bin ich völlig kaputt. Die Gesundschreibung erfolgte zu schnell.

Als nun älter werdender Einspänner wird’ ich wohl öfter Frauen treffen, die sexuelle Probleme haben. (Das könnte ein Grund sein, Witwen zu bevorzugen.) Eigentlich sind solche so genannten kalten Frauen wie Marita oder Heidrun tragische Figuren. Wie sie sich fiebernd endlos unterhalb des Gipfels quälen! Letztendlich freudlos an die Kette der Lust gelegt! Innerlich (einschließlich des sexuellen Reizes) bin ich mit Heidrun fertig. Nur eine Frau, die mich überwältigt, wie einst L. und nur solange sie es kann, kann mich leidenschaftlich sehn. Ist das nicht der Fall, ergibt sich spontan, daß ich mit großer Sympathie ihre Lebensgeschichte aufnehme, daraus Zärtlichkeit schöpfe und sobald die Wiederholungen deutlich werden, erkalte. Mein Interesse zieht diese Frauen an. Ich bin mir frühzeitig klar, daß keine Liebe bei mir ist. Was ist mein Motiv? Ein Grundbegehren ist sexueller Art, doch wird es interessanterweise von der zärtlichen Anteilnahme überformt, die wie eine Quasi-Liebe wirkt und den gedankenlosen sexuellen Genuß be- oder verhindert. Ja, das Grundbegehren ist wohl das nach zärtlicher Anteilnahme, gütig zu sein. Doch scheint es, als erweisen sich diese Partnerinnen als dafür nicht aufnahmefähig genug. Die bloße physiologische Befriedigung des Mannes ist nur wenig von der Frigidität der Frau verschieden.

Verrückter Traum heut Nacht: Vor einem Betrieb ein billiger Marktstand . Darauf Bücher aus der ZF-Bibliothek, Teilnehmerlisten der Lehrgänge, einige Grafiken von L. Alles wahllos angeboten. Als ich später aus dem Betrieb komme hatte es geregnet, und alles ist durchweicht. Ich nehme zuerst Grafiken an mich, schiebe sie vorsichtig in meinen schon recht vollen Campingbeutel, stopfe Bücher und vertrauliche Dokumente hinterher.

Gestern: Den Dichter Czechowski empfinde ich besonders in seiner Kritik an unserem Sozialismus als geistesverwandt. Ich fühlte mich bestätigt in Vielem und konnte nicht einschlafen. Meine freie Meinung zur IX. Kunstausstellung werde ich aufschreiben und als Brief an Bekannte schicken.

  • Ich möchte weiter eine verantwortliche, normale Arbeit machen. Wirkliche oder innere Emigranten, Ausflipper gibt es genug. Um Kritik dieser Gesellschaft konstruktiv machen zu können, muss man Teil dieser Gesellschaft, möglichst wesentlicher Strukturen dieser Gesellschaft bleiben, sein.

  • * Wenn die Arbeit bei Sero nicht klappen sollte, möchte ich trotzdem von der ZF weggehen, oder nein, genauer gesagt, kann ich an der ZF nicht so weiterarbeiten, wie bisher, werde ich eine prinzipielle Kritik geben und prinzipielle Vorschläge machen.

  • * Dies mir vorstellend, kommt mir zum 1. Mal der Gedanke (ernsthafter Gedanke), wenn notwendig auszusteigen. Kohlenträger kann ich nicht mehr werden. Vielleicht Imker? Wann kann dieses Aussteigen notwendig werden? Dieses Aussteigen wäre ein anderes Einsteigen!

24. Oktober 1982 – Heidrun; Maxi Wander: “Guten Morgen, Du Schöne”

Samstag, Januar 3rd, 2009

Lesen: “Guten Morgen, Du Schöne”, “Deine Gesundheit”

Der platte Chatterly-Film. Meine Abneigung äußere ich so eindeutig, daß Heidrun sich nur anschließen kann. Aber ein bisschen so geliebt werden möchte sie doch (mit Blumen auf der Haut).

Der Abend brachte ganz deutlich unsere Entfernung zum Ausdruck. Sie leidet sichtbar darunter. Das Spiel der Geschlechter ist für sie diesmal schließlich weitaus befriedigender als je zuvor (bei uns). (Da sie immerfort einen Schuldigen finden muss, findet sie ihn diesmal bei sich.)

Mein armer malträtierter Körper! Es steckt viel “Arbeit” in meinem Tun, von Glück gibt es da nichts zu reden, aber es ist doch ein gesundes Gefühl, sich rechtschaffen sattgefickt zu haben

(Anblick des schlafenden Marcel-Kindes auf der Liege.)

Wichtig gestern im Kino der Vorfilm über Goethes italienische Reise.

# Damals fragte ich mich mit Bedauern, ob ich Italien wohl jemals sehen würde. #

Originalität F.: Das kaputte Auto muss “operiert” werden. Ein Stück Russisch Brot hält er sich als Brille auf die Nase.

Die Protokolle der Maxi Wander sind schon aufschlussreich; jedoch nicht überschätzen! Diesen Monologen fehlt der Widerpart, der Aussagen auch relativieren kann, auf’s Objektive festnageln könnte. Wann sagen die Frauen Wahrheiten und wann Illusionen? – d. i. schwer zu unterscheiden. Das Buch enthält auch ‘ne Menge Klatsch – hart gesprochen. (Und daraus, wie sich Klatsch und Bedeutendes mischen, zieht es seine Lebensnähe.)

 

22. Oktober 1982 – Freundschaft, Liebe, Sex

Samstag, Januar 3rd, 2009


Lesen: Weltbühne 42/82, “Guten Morgen, Du Schöne”

Freundschaft, Liebe, Sex – drei Arten intimer Beziehungen. Erstaunlich, in welchem Grade sexuelle Beziehungen NICHT funktionieren, weil die Liebesbeziehung nicht stimmt. Ich meine, wie es manchmal – trotz der Absicht – nicht möglich ist, Sex allein zu genießen. (Ich staune hier über etwas, das eigentlich normal und richtig sein sollte. Mein Erstaunen ist trotzdem gerechtfertigt, weil doch oftmals von der verabsolutierten Existenz und Funktionsweise des Sex gesprochen wird.) Für mich sind die Beziehungen zu Karin Ohde und Marita, sowie Heidrun mit Einschränkungen, Beispiele für das Nichtfunktionieren des Sex. Bei Helga Gr. dagegen funktioniert GERADE Sex ohne Liebe – oder ist das ein Trugschluss?

Funktioniert dort der Sex so gut, weil wir nur in ausgehungertem Zustand zusammenkamen?

In wirklichen Liebesbeziehungen bei mir dann immer die Tendenz, den Sex anfangs zu eliminieren (meine Unsinnlichkeit).

17. Oktober 1982 – Sex mit Heidrun

Dienstag, Dezember 9th, 2008

Das erste Zusammensein mit H. läßt bei ihr Wünsche offen. Sie vermißt Leidenschaftlichkeit. (“Überlegst Du Dir immer vorher, was Du tust?”) Sie möchte mich “richtig erleben”. (Ob ich durch das Onanieren an einen phantasielosen, langweilig-zärtlichen Vollzug gewöhnt bin?) H. ähnelt in ihrer Aktivität/Raserei Marita, ist jedoch, mehr als diese, zum Genuß von Zärtlicheit fähig. Mir scheint es wohl möglich, daß sie Probleme hat, den Orgasmus zu ereichen, ich möchte es aber nicht vorschnell annehmen. (Ihr Zögern, das Bett zu bauen. Sie wollte lieber in quasi wilder Manier auf den Polstern genommen sein.) Sie braucht wohl das Gefühl, Verbotenes zu tun, vielleicht sogar, Gewalt zu erleben, zumindest aber, überascht zu werden. (Wer sie überrascht, hat er gewonnen?) Auch die Heimlichtuerei vor Kind und Mutter ähnelt haargenau Marita. Verdrängen des Sexuellen über weite Strecken, nicht unbefangen. Überraschend dann ihre Hemmungslosigkeit mit dem Mund. Ich fragte, ob sie lange keinen Mann hatte (denn sie war erregt, wie die Schwellung bewies, jedoch ziemlich trocken). Ob die entsprechenden Sekretionsbahnen etwas “eingerostet” waren. So erlebte ich zumindest mich selbst.

Die Frage beantwortete sie nicht. Könnte sie ob der Direktheit verletzt gewesen sein? Ich glaube eher, daß sie sexuelle Kontakte hat, deren sie sich schämt, die sie verdrängt.

(Erinnerung: Die ungestüme Art, wie sie sich mir im August vorigen Jahres in die Arme gab (nach den Disziplinierungen des Tages) stieß mich ab, empfand ich als berechnend. In Wirklichkeit war es die Aufforderung, zum sexuellen Teil überzugehen.)

Ihre erstaunliche Kälte nach beendeter Aktion, schon der Abschied vor einer Woche und diesmal:”Ich will ja nicht unhöflich sein, aber ich muss jetzt schlafen, und das können wir hier nicht beide.” Das ist köstlich in seiner Deutlichkeit. Dazu paßt nur der Mann, der kommt, seinen Samen abschlägt und wieder geht.

Aber widersprüchlich: Denn zugleich will sie mich ja an sich binden für länger. […] Ich sagte ihr Warmherzigkeit zu, was sie bezweifelte.

Warum ist eine so schöne, vitale Frau jahrelang allein? Vielleicht weil ihr Sexualleben einer Zwanghaftigkeit unterliegt. Ihre längeren Beziehungen waren dramatisch unbefriedigend, vielleicht hatte sie einige Abenteuer, nach denen sie sich verachtete? Daher könnte ihre tiefe Depressivität kommen, zumindest dadurch verstärkt sein. […] Während ich dies schreibe: erneut erregt, Lust auf sie.

13. Oktober 1982 – statistische Persönlichkeitsanalyse – kaum erwähnte Seite meiner Aufzeichnungen

Donnerstag, Dezember 4th, 2008

Nun schon etliche Seiten “Zarathustra” gelesen. Es stellt sich, nicht aus Voreingenommenheit, eine Menge Widerwillen ein. Natürlich gibt es treffende Einzelformulierungen. Interessant manchmal der Versuch, anders, schöpferisch, über-, zu sein. Welche Berührungspunkte meiner Tabula-rasa-Vorstellung vom Menschen mit seinem Übermenschen?

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# Überlegungen zur Interpretation meiner Tagebuchaufzeichnungen #

Bis hierher, also in 120 min, rein statistische Aufbereitung von 9 Tagen. Dabei fehlen noch die einfachsten statistischen Zusammenfassungen und Verallgemeinerungen, von inhaltlichen ganz zu schweigen. Die einzige inhaltlich wertende Gruppierung ist die nach dem besonderen Partner. Vielleicht sollte der besondere Lese- überhaupt Kunsteindruck dazukommen, auch das besondere Einzelerlebnis und schließlich vielleicht der besondere Gedanke, der geistige Ein- oder Ausdruck der Woche. Vielleicht ist über die Orientierung auf das extrem Eingeprägte (Ausgeprägte) ein wenig dem Inhaltlichen näher zukommen. Im Grunde aber fehlt weiter der Weg zur Theorie. Und das ganze Verfahren ist weiterhin zu zeitaufwendig. Vielleicht gewisse Einsparung dadurch, daß die “statistische Aufbereitung” an jedem Tag erfolgt.

# Zur Erläuterung: Wie schon früher erwähnt, beabsichtigte ich, der phänomenologischen und reflektierenden Lebensschilderung im Tagebuch eine detaillierte, statistisch aufbereitete Tätigkeits- und Bedürfnisanalyse an die Seite zu stellen. Ich unterschied fünf große Tätigkeitskategorien:

  1. Arbeitszeit und arbeitsgebundene Zeit

  2. Hauswirtschaft/Vorbereitung der individuellen Konsumtion

  3. Betreuung/Pflege von Personen

  4. Befriedigung physiologischer Bedürfnisse

  5. Freizeittätigkeiten

Diese Haupttätigkeiten wurden gemäß der auf den beiden folgenden Bildern sichtbaren Systematik in Unterkategorien unterteilt, wobei sich diese Unterteilung an Lippold 1971 anlehnte.

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Täglich hielt ich nun, (wie auf der Abbildung zum 14.10.82 (morgiges Posting) zu sehen ist), meine Tätigkeiten mit einer Genauigkeit von 20 min. fest. Die oben erwähnte “statistische Aufbereitung von 9 Tagen” bezog sich nur darauf, die Wochensummen, später die Monatssummen aller Tätigkeitsarten zu ziehen. Diese Werte sollten die Primärdaten darstellen, die ich später (schon damals dachte ich an meine Rentnerzeit) auf ihre Zusammenhänge und Tendenzen untersuchen wollte. #

Gedanken, Aussprüche Anderer, die sich, fern meiner bewussten Absicht festhaken. […]

Z.B. Evi fragte mich, ob ich “für eine andere Frau Verantwortung trage”. – Dieser schöne Ausdruck des “Verantwortung Tragens”. Aber auch die Fragwürdigkeit des Verantwortung Tragens für Andere.

Heidrun: ”Ich möchte, daß Du mich formst.” Das klang sehr nach Schmeicheln meiner Eitelkeit, nach Berechnung. Nicht aber auch wie ein Hilferuf, ein “Sich-ins-Vertrauen-ergeben”? Die damit gesetzte Ungleichartigkeit der Partner, die Unterwerfung; die Beseelung des Stoffs (?).

Ist das schon das Geheimnis von Heidrun, von dem ich schrieb? (Freue mich auf den Besitz dieses vollblütigen Weibes, auf unsere wechselseitige Lust und bedaure sie um den mehr bei ihr liegenden Schmerz, werde ihr nicht mutwillig wehtun.)

Es lohnt sich schon, dem Unterschied von schönen einerseits und aufreizenden Aktfotos andererseits auf die Spur zu gehen.

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Meine Lust zu Grübeln verleitet mich, notwendige Kommunikation zu sparen. Die Nichtbefriedigung dieser Kommunikation (vielleicht besonders stark erotisch-sinnlicher Kommunikation) wirft mich auf das Sexuelle oder gar Pornografische zurück. Insofern war die Krankenhauszeit lehrreich. Die Überfülle der Kommunikation […] ließ mich die Schalheit des Pornografischen empfinden. (Pornografie – bezweckter Genuß einer Erotik, Sexualität ohne menschliche Bindung.)

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Auch in der Nacht vom 10. zum 11. spürte ich diesen Scheideweg. Der erotische Drang hätte mich “normalerweise” zur Selbstbefriedigung getrieben, so aber schrieb ich einen Brief an Heidrun, kommunizierte also und kam aus dem sexuell Zwanghaften heraus, verwandelte es in Vorfreude auf ein (zweiseitiges) Liebeserlebnis.

20. September 1982 – Durcheinander in meinem Kopf

Dienstag, April 8th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel

Behandlungen: Perl, Periostmassage, Lakenbad, Wickel […]

Lesen: Zeitungen und Zeitschriften – Magazin 8/82;

Dante, “Göttliche Komödie” III – 9. Gesang (Ich verstehe nichts mehr.) Hebbel, Tagebücher ! -129

[…] Hören: (Kopfhörer): Verschiedenes, Prof. L. Bisky über Kultur

Kleiner Schwatz mit Schwester Martina, arbeitet seit 1 Jahr, lernt noch, hat knapp 500,-M. Ist begeistert von ihrem Beruf (immer neuen Menschen helfen). Unangenehm ist die Arbeit mit dem Schieber, Ente usw.

Was Schwester Evi zu ihrem Beruf sagte (sinngemäß): Ich: “Kann man ein Leben lang Schwester sein?“ Sie: “Manche machen es ein Leben lag, also kann man…. Man darf sich erstens nicht übernehmen, überverausgaben. (Ich frage mich: Ist das die Jugend von heute? Woher diese Abgeklärtheit? (Selbstgenügsamkeit?)? Was bedeutet sie?) und zweitens muß man mit Freude darangehen. Es ist ein sehr verantwortungsvoller Beruf.“

Das Wort, das irgendjemand zu den Arbeiten der Kollwitz sagte – ein „Arme-Leute-Edel-Ballett“ - ist sicher nicht ganz wahr, aber es trifft mit hinterhältiger Genauigkeit ihre schwächste Stelle. Wie viel bedeutender ist Barlach! Kann es jedoch sein, daß für die Entwicklung des Kunstverstandes (meine Kindheit) Kollwitz eine hervorragende Rolle spielen kann? Überhaupt Entwicklungsstufen des Kunstverstandes.

Ein anderes Beispiel dazu: A. Bostroem. Einst (noch in der Armeezeit) schrieb mir Christel, meine Geliebte, viele „Terzinen des Herzens“, gewidmet Friedrich Eisenlohr (!) von Bostroem ab. Und auch ich schmolz dahin in diesem Sang. Später – ich kannte schon manches von Nazim Hikmet – kaufte ich erwartungsvoll einen Band Gedichte von ihm und war enttäuscht. Übersetzungen von A. Bostroem. Gestern im Rundfunk: Armenische Lyrik. Etwas Fernes, das als nahe begriffen wird – schön, aber störend das Tönen der Bostroem.

# Erst heute, da ich dieses Tagebuch abschreibe, informiere ich mich kurz über Annemarie Bostroem und stelle mit Erstaunen fest, daß sie Jahrgang 1922 ist. Sie war also damals zur Zeit ihrer „Terzinen“ nur wenig über 30 Jahre alt.#

Die Diskussionen in unserem Zimmer – vieles deprimierend an dieser Lebensweise. Die Berufe meiner Zimmerkumpel sind gefragt. Käuflichkeit! Sozialistische Verkommenheit! Aber wie normal ist dies?

[…] Doris erwähnt die in ihren Augen sehr egoistische Art der Selbstverwirklichung z. B. bei L. Ich erwähne dazu Dante, Homer… Sie wehrt ab, in der Art „Das kann doch keiner praktisch gebrauchen.“ Die höchsten (aber unpraktischen) Ideale (auch hier Selbstgenügsamkeit). Doris meint, daß sie ihre geistige Ausdehnung erreicht hat.

Rudi“ # meine Masseuse # meint, daß Mediziner solche Massaker wie in Beirut nicht anders erleben als andere Menschen.

Nietzsche-Vortrag im Rias gestern. Werbung für seine Renaissance, schamlos werden die Weichen gestellt. Man möchte rufen: „Merkt ihr nischt!“ Doch wir („Einheit“) # theoretisch-ideologische Monatszeitschrift der SED # haben es schon gemerkt. Nur das Rufen unseres fetten, selbstzufriedenen, langsamen, herzlosen, feigen, langweiligen Aufklärungsapparates findet immer weniger Hörer. Und andere kommen nicht zu Wort.

Lenin zum demokratischen Zentralismus: Er könne straff, fast militärisch gehandhabt werden, aber auch wie das Dirigieren im Konzert. Natürlich hinken Bilder immer. Aber ist darüber hinaus etwas grundsätzlich falsch an dieser Auffassung? Kann man die Gesellschaft in ihrer Dynamik mit einem Orchester vergleichen? Wo gibt es das Orchester, in dem ein Stück gespielt (also auch dirigiert) wird und zugleich die Musikanten improvisieren? # Eine meiner seltenen kritischen Bemerkungen zu Lenin. #

Lese das Reclam-Bändchen Kollwitz von hinten nach vorn. Ihre Stellung zum 1. Weltkrieg, zu ihrer Arbeit usw.! Vieles erinnert an L. Wie sie doch nur aus dem Erleben, aus dem unmittelbaren Erleben zum Denken angeregt werden!

Worin besteht heute der Fortschritt (auch auf Westeuropa bezogen)? Krieg zu glorifizieren ist vielleicht schwerer geworden. Dafür ist die Lust am Bösen, an der Niedertracht, gesellschaftsfähig geworden, so daß vielleicht die harte Münze des Ruhms und der Selbstopferung nicht mehr nötig ist, um zum Kriege bereit zu machen. Ist die Kriegsbereitschaft heute wirklich geringer? Ursachen in der Gesellschaft deckt nur die Theorie auf. Unsere Theorie ist in den Massen nur ganz schwach verwurzelt.

Hebbel: Die Dichter sollen erlösen

die Natur zu selbsteigenem

die Menschheit zu freiestem

die unendliche (unfaßbare) Gottheit zu notwendigem Leben. (S.60)

Versuche Hebbel zu lesen, gestört von den laut fernsehenden Zimmerkumpeln (Dieter Thomas Heck). Diese Dummheit, Dummheit, Dummheit, diese Zeitvernichtung, mit der die Zeit ausgefüllt wird!

In meinen „großen Lektüren“ der letzten Zeit ist eins nicht zu finden (mal von Jean Paul abgesehen) – Humor!

Welch Durcheinander in meinem Kopf: Gegen eine verordnete Nietzsche-Renaissance bin ich allergisch, der extreme Egozentrismus Hebbels (der freilich ein humanistischer ist) zieht mich an. Für mich persönlich möchte ich wohl eine Ausnahme machen? Angesichts Hebbel erneut die Frage: Was will ich mit diesem Protokollieren? Ich habe noch immer kein klares Ziel. Ist das Schreiben nur Lebensersatz? Wovon lebte Hebbel? Hebbel kritisch lesen!

Wie wichtig es doch ist, zumindest den Willen zum „Gutsein“ zu haben (zu Mitgefühl, Aufgeschlossenheit usw.). Oft habe ich zwar nicht die Zeit oder Kraft, entsprechend zu handeln, aber wenn diese Bedingungen gegeben sind, dann tue ich es doch. Andere (meine Zimmerkumpel), die nicht einmal diesen (ohnmächtigen) Willen haben, handeln dann selbst unter günstigen Bedingungen nicht besser. Die Vergeudung von menschlichen Möglichkeiten dadurch, daß günstige Bedingungen nicht ausgeschöpft werden! # (Am 16.10. 1985 hierzu ergänzt:) # Das ist offensichtlich nicht nur eine Frage der Selbsterziehung, sondern auch einfach der aktuellen Selbststeuerung. Möglichkeiten in einer Persönlichkeit sind das Eine. Was sie unter wechselnden Bedingungen aus ihnen macht, ist das Andere.

Dichten im Gehen. Mit den „Schwestern“ geht es während des Spazierengehens langsam voran. # Ich versuche eine Dankgedicht an die Schwestern zu machen. # Der Spaziergang kann doch den fehlenden Inhalt nicht bringen. Bei vorhandenem Inhalt einen Rhythmus zu finden, dazu kann er wohl beitragen.

04. September – 10. September 1982 - fünfte Woche Krankenhaus

Sonntag, März 2nd, 2008

# Die Eintragungen der Woche fasse ich angesichts des Krankenhauseinerleis wieder zusammen. #

Die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel; ferner, Bindegewebsmassage, Schlammpackungen; Reizstrom, Gymnastik, Duschbad mit Haarwäsche, peinlich: Während ich im Lakenbad liege, wächst beim kurzen Gespräch mit der jungen, sympathischen Bademeisterin, unversehens mein Glied empor.

[…]

Lesen: Zeitungen und Zeitschriften - ND, BZ, BZA, Kleingarten, Wochenpost, Eule, Weltbühne, Magazin, Sportecho, Sport und Technik,

Illustrierte: NBI, “für dich”, Freie Welt,

Gorki, “Klim Samgin”, G. d. Bruyn, „Leben des J.P.F. Richter“, Dante, “Göttliche Komödie” I, Tendrjakow, “Nofretete”, Strittmatter, “Geschichten aller Ardt”,

[…]

Reden mit den Mitpatienten: Armeestories, Essen, Arbeit auf dem Bau, Ficken, Manfred spielt ein Pornotonband aus dem Westen vor. Rolf erzählt begeistert von einem Bergurlaub, Probleme der Arbeit, Japan, Witzkassette, Skat spielen,

[…]

Viel Lektüre, “bedeutende Empfindungen”. Was bewirkt das alles in mir? Fülle ich einen Topf, der dann keine andere Bestimmung hat, als einstmals in die Grube gesenkt zu werden? So Vieles bewegt mich beim Lesen. Was bau’ ich daraus? “Das Werk” doch wohl kaum, wenn ich betrachte, wie wenig dies Protokoll der Gedankenbewegung folgt, wieviel verlorengeht. Bau ich mich selbst zum bewußteren Menschen? Zweifelhaft.

Ich bin unfähig, das zu beschreiben, was ich hier mit den Zimmerkumpeln erlebe. Soviel deftiges, spontanes “Volksleben”. Es ist wie eien Neuauflage meiner Armeezeit.

 

Die fessenlde Lektzüre des Jean Paul-Buches von de Bruyn beendet: Anschaulich gemacht wird der Kulturstand vor 200 Jahren. Wie schwer hatte es der Dorfschulmeister. Welch geistige Armut (letzte Hexenverbrennung, Gespensterfurcht, auch die größten Geister in Deutschland gelangten nicht bis zum Materialismus. Die Schwere des Lebens der Studenten (J. P.s Freund Hermann, der Hunger aber auch die sexuelle Not, der Wahnsinn) Die Knechtschaft der Frau – der Lebensweg der Charlotte von Kalb als Beispiel. Das “Schlummern” der Volksmassen, die dünne Schicht Geisitigkeit, das Elend der Soldaten nach der Völkerschlacht.

All das wirtd anschaulich überzeugend erzählt und wirkt den unwillkürlich idyllischen Vorstellungen von der Vergangenheit entgegen und einer ungerechten, weil ahistorischen Kritik der Gebrechen unserer Zeit

Die Begeisterung de Bruyns für J. P. bringt mir diesen natürlich näher, reizt mich aber zugleich zum Widerspruch. Überspitzt: J. P., der nie Mann war, der schwärmerischer Jüngling und Opa war; demokratisch-realistische Fülle, jedoch in ungezügelter Wucherung; Schwärmerei, good will, die sich dem sozialen Kampf nicht stellt. Das sind keine Vorwürfe an Jean Paul. Seine persönlichen Grenzen sind oft exakt die historischen Grenzen der deutschen Enhjtwicklung.

J. P. der Girondist. Der Friedenswünscher, der erst in letzter Sekunde den gerechten Krieg feiert. In den Wertungen dieser Sachverhalte ist de Bruyn recht subjektiv. Aber ein J. P. mit seinem sozialen und poetischen Sinn und wirklichen theoretischen Geist ist nicht möglich. Die Zeit gab es nicht her.

Heute nacht ein detaillierter erotischer Traum mit A. St.

Wesen meiner pornografischen Wünsche? Absolut die Freiheit von gesellschaftlichen Normen ausleben? (Aber doch in Beziehung auf ein anderes Menschenwesen.) Den anderen Menschen absolut meinen Wünschen unterwerfen (die nicht darauf zielen, ihn zu unterwerfen, immerhin aber doch darauf, ihn absolut zu meinem Mittel zu machen.) Doch bin ich bereit, im gleichen Unmaß der Schamlosigkeit sein Mittel zu sein.

 

Erstaunen über die Denkweise des “gemeinen” Mannes: Welche Selbstkritiklosigkeit! Welche spontane, ungebrochene, (gewissenlose) Denk- und Existenzweise im Käfig des eigenen Ich .

Frau Rudolph, die Physiotherapeutin, mit der sich so gut reden läßt, stellte heute fest, daß es “so erstaunlich wenig positive Menschen gibt”. Das ist auch politisch zu versatehen: Die Sucht, negative Erfahrungen zu sammeln und wie Fahnen zu schwenken.

Die Erziehung des Einzelnen in dieser Gesellschaft durch die harten Tatsachen reicht bei weitem nicht aus. Wohin führt das? Ich weiß es wirklich nicht. Die Borniertheit des Konsumdenkens! Dieses produzieren wir selbst!

Jargonsplitter: “Ablachen”, (überhaupt die ganzen Zusammensetzungen von Verbien mit Vorsilbe ab… abschminken, abruhen).  “ein Rohr verlegen”, “rumpeln”, “spitz sein”, “geht los wie’n Gewitter”, “…ist alles zu spät”, “…dann ist Pumpe” . Doch auch wieviel Humor!
Weiter das starke pornografische Interesse, in dem ich ihnen gleiche, das bei mir aber schneller befriedigt ist. […]

Man vergißt zu viel: In Gesprächen kommen wir auf einen Film zu sprechen, der heute hier gespielt wird. Ich kenne ihn schon: Ein italienisches “Lustspiel”, von einer Kindesentführung handelnd. Ich war erschrocken über dieses “Kulturangebot” bim Sozialismus.

Man muß Distanz haben (einnehmen) zu solchen Teilen unseres Überbaus im Sozialsimus. – nicht nur Distanz, Feindseligkeit ist angezeigt.

Weiter zu den Diskussionen der Zimmerkumpel: Ständiges Räsonieren darüber, was “sie” versaut haben (Doch unerwartet flicht sich bei (fast?) jedem von ihnen auch mal ein “wir” ein.) Das Schimpfen auf “sie” gleicht einer Selbstbefriedigung und –entschuldigung, jedoch hat auch jeder Tatsachen erlebt, wirklicher Mißstände. Wenn die Verantwortlichen Mißstände dulden und selbst verursachen – das untergräbt jedes Vertrauen. Und dabei kommt oftmals die Ohnmacht des Einzelnen zum Ausdruck, wirklich etwas zu verändern. Das formale, bürokratische Arbeiten ist das größte Gift für uns. Das führt bis zur Selbstzerstörung unseres Systems (VR Polen).

# Sehenden Auges in die Krise! #  

Ein Überbau, dem traditionelle Herrschaftssymbole immer wichtiger werden (die Denkmäler der Preußenzeit) und der neue Herschaftssymbole von gleicher Qualität schafft (das Denkmal Thälmannpark, Leninplatz). Nichts Neues, Befreiendes!

16. Juli 1982 - “Liebe”

Dienstag, Januar 29th, 2008


[…]
Lesen: Lunatscharski, “Lenin”
[…]
Solche Nervenentzündung ist ein erstaunliches auf und ab. Hatte ich nachts nicht gut warm gelegen? War ich zu schnell zum HdM gelaufen? Das Hängen, der Rückweg waren eine Qual. Ja, selbst jetzt, nachmittags, reißt es enorm, wenn ich mal aufstehe (eigentlich brennt es).
[…]
Wir gebrauchen die Begriffe der Wissenschaft sehr selbstverständlich in unserem Leben, überhaupt allgemeine Begriffe, Abstraktionen. Vielleicht sollten wir damit viel vorsichtiger sein, denn das Leben ist gar nicht abstrakt, und unversehens haben wir das ganz verzerrt bezeichnet und so missverstanden.
[…]
Ein solcher Allgemeinbegriff ist z. B. “Liebe”. “Liebes”beziehungen waren für mich bisher beschränkt auf Christel und L. Und sprachlos war ich, um mein Verhältnis zu Annemarie, Margot, Helga, Karin zu bezeichnen (oder vielleicht auch das zu Marlies Glöß). Das Leben zwingt einfach dazu, nicht nur ein großes, umfassendes, “vollkommenes” Verhältnis als Liebe zu bezeichnen. Schon allein deshalb, weil sich diese Vollkommenheit doch als eine Frage recht kurzer Zeit erweist (2 bis 3 Jahre). Die Verhältnisse zu Margot oder Helga oder Annemarie hatten, haben von vornherein nicht diese Vollkommenheit. Sie erfassen nicht den ganzen Menschen. Aber dennoch: In bestimmter Hinsicht bin ich allen diesen Frauen “von Herzen gut”. Ich weiß, daß ich ihnen wehtue, sie vielleicht sogar quäle aber es tut mir leid (es quält mich selbst). Ich fühle mich kaum verantwortlich für solche Misere, nehme es wie Schicksal, dem wir alle unterworfen sind.
Es hat keinen Sinn, “Liebe” in schwindelnde Höhen zu heben und sich in der Zwischenzeit verschämt mit “Sex” zu begnügen. Liebe ist ein Feld, hat eine riesige Spannweite, viele Gesichter. Das Gemeinsame ist eine “völlige Intimität” im Menschlichen vermittelt durchs Geschlechtliche. Die “völlige Intimität”, die zwei Sonnen monate- oder jahrelang umeinander kreisen läßt oder als einmaliges, momentanes Streifen aneinander (und alles, was dazwischen liegt).

24. Juni 1982 - Sorgen um Angelika

Samstag, Januar 19th, 2008



[…]
Angelika gestern spät abends lud ich zu Gespräch, zu Flasche Wein ein, damit sie nicht 23:30 Uhr noch in die Nacht irrt. (Sie suchte ewig ihren Skizzenblock, wollte L. und Christine vom Zeichnen abholen.) Sie lässt sich auf kein Gespräch ein, ist von großem Misstrauen erfüllt, geht schließlich. Ich kann nicht einschlafen.[…]

0:30 Uhr rammelt L. laut die Wohnungstür zu, die Angelika angelehnt hatte. Werde davon wieder ganz munter, kriege mit, dass Angelika nicht mit zurückgekommen ist. Informiere L., dass sie sich um Georg kümmern muss. L. sagt, das Angelika sie wohl nicht angetroffen habe, da sie noch Bier trinken waren. Ich sage L., dass Angelika “verrückt ist”, dass sie “verwirrt ist”. Sie sagt, dass sie (L. und Christine) darüber auch gesprochen hätten. Wieder Wachzeit, dann höre ich Angelika kommen. (Ich hatte alle Türen aufgeschlossen.) Sie tappst auch in mein Zimmer, fragt mich, warum ich unten schlafe, lässt alle Lichter brennen.
Früh vor 6:00 Uhr geht sie mit dem weinenden Kind, dem sie seine Flasche gegeben hat, aus dem Haus, “zu Ursel”. Lege L. einen Zettel mit dieser Information hin. Auf dem Weg zur Arbeit treffe ich Angelika unschlüssig, bzw. zurückkommend. Sie wolle noch die zum Trocknen aufgehängten Sachen von Georg mitnehmen.
Abends hatten wir uns noch kurz über Georgs Geburtstag unterhalten. Sie versichert, dass er zu früh gekommen sei. Sie haben das alles schriftlich. Sie habe für so was alles Bescheinigungen.
- offensichtlich eine geistige Verwirrung im Zusammenhang mit der Niederkunft - zum Kotzen diese Weiber,
Angelika die das Kindabenteuer haben muss,
Christine in ihrer christlichen, egoistischen Hartherzigkeit,
L., die an Erdbeeren, Zeichnen, an sonstnochwas denkt, aber nicht mitkriegt, dass sie es mit einer Kranken, teilweise Unzurechnungsfähigen zu tun haben. (Schließlich sind sie schon einen Tag unter halbe Nacht mit ihr zusammen gewesen.)
Erinnerung an “die Marianne” in Wümbach steigt auf.
Geo ist ein sympathisches, munteres Baby. Unerträglich, welch brüchigem Schutz diese schutzlosen Kinder ausgeliefert sind. Hier liegt schon ein ganzes Schicksal vorgezeichnet.

Die christliche Christine - was ist denn christlich an ihrem Verhalten? Sie lebte sehr subjektiv, sehr egoistisch, hält sich aus allem heraus. Dafür liefert die Kirche ihr Erbauung und nimmt ihr das Denken ab.

Jetzt werde ich langsam kribbelig wegen der Ministerbestätigung für unsere Kollektivarbeit…..
Es hat den Tag “gekribbelt”, und nun, kurz vor Feierabend ist endlich, endlich die bestätigte Aufgabenstellung da (bestätigt ohne jede Rückfrage oder Bemerkung). Jetzt können unsere Gruppen mit vollem Recht losmarschieren, und jetzt müssen sie auch Tritt fassen. Aber noch einmal werde ich nicht so “auf Rand genäht “eine Aufgabenstellung erarbeiten. Sinnvolle Reserven müssen sein.

Die “Morgenpuppe” - eine schöne, sehr wohl geformte Frau um die 40 Jahre. Sie kommt mir oft auf dem Wege zur Straßenbahn entgegen, geht meist auf der anderen Straßenseite, blickt sich um, kurz, das ist aber nicht kontaktsuchend, sondern nur “Bewunderung heischend”. Heute fällt mir auf, als wir auf gleicher Höhe sind, dass ihre herrlichen Formen dabei sind, üppige Formen zu werden (und eines Tages vielleicht ausladenden Formen).
Die Bewunderung ihrer sexuellen Reize (und das Spiel mit ihnen) muss im Verhältnis zu einer solchen Frau doch einfach eine überragende Bedeutung bekommen.
War heute Mittag kurz im Café im Handelszentrum. Viele hübsche junge Frauen sitzen da und blicken interessiert. Immer wieder frappierend, welchen Eindruck doch moderne, schicke Kleidung macht, wie man ganz anders angesehen wird!

Sicher, in der Aktfotografie darf man alles zeigen. Aber es geht wohl darum, dass immer irgend eine (innere) Position der Frau zum Ausdruck kommt, eine Position - da stimme ich Burkhardt bei - die menschlich noch würdig ist.
Eine Darstellung völligen, willenlosen Ausgeliefertseins liegt wohl nahe am Pornographischen (und zwar gleichgültig, ob dabei “alles” sehen ist oder nicht). Auch das Sichausliefern wäre darstellbar, zum Beispiel wenn es Ausdruck leidenschaftlicher Hingabe ist. Oder auch Ausliefern der intimsten Körperteile an die Kamera aus einer Neugierde heraus, aus dem Spiel mit diesem Mysterium, aus dem Wagen und so weiter. In solcher Stellung wird vielleicht der Blick der Frau die Schranke vor dem Pornographischen sein. Anders dieselbe Stellung, wenn ihr Sinn darin besteht, der Frau Profit zu bringen aus ihrem Verkauf - das ist wohl wieder anrüchig. (Obwohl wahrscheinlich das Motiv sich zu verkaufen oft gekoppelt ist mit dem Stolz auf den eigenen schönen Körper.)

Schon immer liebte Angelika das Spiel mit dem Paradoxen. Nun sind die Paradoxien dabei, sie beherrschen zu wollen. Etwa sehr Egenartiges haben solche Menschen, die zum Teil in der normalen und zum Teil in einer “verrückten” Welt leben.
Individuen, die aus dem Realen flüchten, nicht die Kraft haben, sich darin zu halten, die dafür keine Antriebe haben. Woher kommen die Antriebe?

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20. Juni 1982 – Fotomodell Gerlinde Wirschal

Montag, Januar 14th, 2008


[…] Was zeigt der Brief von Gerlinde Wirschal?

1. Sie ist Profi, mit Steuernummer und Briefkopf.

2. Sie hat postwendend geantwortet, ist also ein Terminen interessiert.

3. Die beiden beigelegten Aktfotos (Visitenkarten) drücken ebenfalls ihr Interesse aus.

4. Den Preis eines Besuches in Hainichen kann ich mir ausrechnen. Er liegt hoch, bei etwa acht Stunden Studien an zwei Tagen mindestens 400 M, alles in allem.

5. Für diesen Aufwand möchte ich eine gewisse Wahrscheinlichkeit haben, dass ich sie vögeln kann (Eine Sicherheit kann es da sicher nicht geben, denn natürlich sucht sich solch Modell seine Partner aus.) Diese letzte Frage muss sich mehr klären, bevor ich eine Reise ernsthaft ins Auge fasse. Was spricht für ihre “sexuelle Aufgeschlossenheit”?

Erstens die Formulierung im Text, dass Aufnahmen “uneingeschränkt in allen Genres” möglich sind, zweitens die Art der Visitenkarten, die keine betont künstlerische Orientierung erkennen lassen. Drittens das sie Übernachtungsquartier stellt. Viertens eine gewisse Derbheit in Figur und Gesicht, vielleicht sogar Vulgarität.Und fünftens besonders die Auswahl der Visitenkarten; eine Aufnahme mit reicher Schambehaarung, eine mit entfernter Schambehaarung. Das ist doch wohl ein eindeutiger Hinweis auf die Variations- und Experimentierbereitschaft in diesem relativ intimen Bereich.

Sie ist übrigens kein Typ, der mich fasziniert. Die Brüste und ihre Warzen sind zwar köstlich, der Arsch aber etwas plump (nach dem Foto zu urteilen) und das Fleisch etwas zu locker. Ich werde die Sache langsam weitertreiben. […]