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28. August 1982 – 03. September 1982 - vierte Woche Krankenhaus - Jean Paul

Donnerstag, Februar 28th, 2008

# Die Eintragungen der Woche fasse ich angesichts des Krankenhauseinerleis wieder zusammen. #

[…]

die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel; ferner, Bindegewebsmassage, Schlammpackungen; ich stehe auf und gehe zum ersten mal zur Toilette und zum Bad. In guten Momenten wird mein Rumpf gerader. Der Trainingsschmerz ist beträchtlich. Einmal nach dem Lakenbad abgekippt, danach ist mir ziemlich übel.

Im Grunde stagniert mein Befinden seit mindestens einer Woche.

[…]

Lesen: Zeitungen und Zeitschriften - ND, BZ, Weltbühne 34/82, horizont, Wochenpost, „Guter Rat“

Illustrierte: NBI, “für dich”,

Jean Paul, „Flegeljahre“, Lu Xun, (Essays), Storm „Zur Chronik von Grieshuus“, „Der Schimmelreiter“, G. d. Bruyn: „Leben des J.P.F. Richter“

Querlesen: Plato, Spinoza, Heine: „Atta Troll“, […]

Das Essen hier ist sehr schmackhaft; zu Hause wiederholen sollte ich: Gemüsesülze, Reisauflauf mit Porree […]

neuer Mitpatient:

Michael Schmidt, BVB, Leiter für Verkehr, Straßenbahnfahrschullehrer, im Fernstudium, Scharfäugig blickt seine Frau sogleich nach dem „besten Bett“. Er findet einen Fleck auf seinem Laken und wechselt es mit dem Laken eines anderen Bettes. 30 J., 110 kg.

Großer Konsum-, Preis-, Versorgungsplausch,

Mitpatienten: Manfred Krüger, 28 J., 130 kg, Kraftfahrer, Baumaschinist

Rainer Paul, 32 J., 147 kg, Monteur, Ratiomittelbau

Peter Röpke, 46 J., 110 kg, Bahnpostbeamter

Ingo Heda, 32J., 116 kg, Gasmonteuer, Kraftfahrer

Siegfried Steffen, 90 kg, Elektriker in einer PGH

[…]

Das Ganze und nur das Ganze ist die Wahrheit. Sie ist unteilbar. Wie die Wahrheit verloren geht, wenn versucht wird, sie zu teilen, ist glänzend in der „Regulierung des Wassers“ dargestellt. Die Wahrheit des Kiefernrindebrotes gelangt bis an den Hof, doch was wird daraus.

Unsere Gesellschaft erlaubt uns nicht die ganze Wahrheit.

 

Sobald ich in mir selbst kreise, entwickle ich die Lust zum Sexuellen, aber zum intensiven, schamlosen Sexuellen.

# Jean Paul, den ich intensiv lese, begeistert mich und ich mache viel Auszüge. #

Jean Paul:

Die Überladung des Gedächtnisses kann also nichts anderes heißen, als versäumte Cultur anderer Kräfte.“ (II/180)

ein kecker Geist erscheint groß, „der weniger einen weiten Weg als weite Schritte macht.“ (II/186)

So liebe Jünglinge; und aller ihrer Fehler ungeachtet ist ihnen, wie den Titanen, noch der Himmel ihr Vater, die Erde nur ihre Mutter; aber später stirbt der Vater und die Mutter kann die Waisen nur schwer ernähren.“ (ebd)

Wie ganz anders – nämlich viel weniger schleichend, weniger stillgiftig, vipernhaft und vipernglatt – stehen die Menschen von Tafeln,selbst an Höfen, auf, als sie sich davor niedergesetzt! -Wie geflügelt, singend, das Herz federleicht und federwarm! (II/186f)

Die griechische Poesie wird, je tiefer man dringt, immer wärmer, ob sie gleich auf der Fläche kalt erscheint, indeß andere Gedichte nur oben wärmen.“ (II/188)

Beschreibung Haydnscher Musik (II/193) und dann Beschreibung, Deutung von Musik überhaupt, das ist großartig poetisch klug (II/195f).

Jean Paul, wie kein Anderer, drückt das bittersüße aus.

Konzertbesucher, die in einem fort, unter der Musik die Musik laut preißen (II/196)

ein schönes weibliches Auge von Stand und Kleidung“ (II/197)

.. er fand aber – weil Mädchen schwer im Putze weinen – nichts als die ausgehangenen Weinzeichen, die Tücher.“ (II/197)

… o! Alles ist Ferne, jede Nähe…“ (II/199)

… im Feuer wird man leicht hart.“ (II/209)

Frauen, denen „kein Lob der Aehnlichkeit gefiel“ (II/211)

‘Jeder vornehme Inhaber eine Türhüters ist selbst wieder einer, nur an einer höheren Tür.’ (II/217)

Trunken vor Glück trifft Einer Julius Cäsar und sagt: „Jul, aber woher kommst denn du, wüste Fliege“ (II/222)

Ins Centrum gibt’s nur Einen Weg, aus dem Centrum unzählige…“ (II/223)

[…]

Werd’ ich nun, da ich mich von manchen Äußerlichkeiten abwende, da ich immer bewußter das Glück des Friedens erlebe, reif für Vergil, für Ovid? Für eine umfassende Naturliebe, jenseits der Idylle? Storms „Grieshuus“ hat mir ein ruhiges, schönes Gefühl gegeben.

Weiter Jean Paul:

‘Er hatte bemerkt, daß in der Geschichte der Völker wie des individuellen Lebens „so unendlich wenig Systematisches in Leid und Freude vorfalle, und daß man eben darum bei der falschen Voraussetzung einer trüben oder lichten Consequenz seine oder fremde Zukunft so schlecht errathe …. nur der verhüllte Gott kann aus dem Spiel des Lebens und der Geschichte einen Ernst erschaffen.“ (II/226)

… es wachsen freilich mehr Gräser als Blumen, doch heben jene diese, ich spreche von Menschen…“ (ebd)

Rührung kann wohl aus Bewegtheit entstehen, aber nicht Kunst, wie bewegte Milch Butter gibt, aber nur stehende Käse.“ (II/230)

…zur Liebe gehören ohnehin wie zu jeder Gährung- sie ist ja selber eine – zwei Bedingungen, Wärme und Nässe…“(II/233)

Einem einen Uhrschlüssel abkaufen, oder sonst ein Kauf, das sperret mehr am bedeckten Gehäuse eines Menschen auf, als dreißig Frühstücke in einem Monat von 31 Tagen.“ (II/242)

Recht gewöhnliche und doch befriedigende Unterhaltung ist allgemein unter den Menschen die, daß einer das sagt, was der andere schon weiß, worauf dieser aber etwas versetzt, was jener auch weiß, so daß jeder sich zweimal hört, gleichsam ein geistiger Doppelgänger.“(III/6)

Der Mann müsse „aus einem lakirten Stäbchen, das nur für die weiblichen Blumen in der Erde steckt, eine römische Säule werden, deren Capital jene Blumen bloß bekränzen.“ (III/26)

als Geistlicher von den letzten Dingern (des Lebens) „mehr lebend als ergriffen.“ (III/33)

…sie wurde von sich so leicht, als von den anderen schwer gerührt.“ (III/37)

ein ganzes Dorf unter Bier und Fleischbrühe setzen“ (III/45)

Man erinnert sich nicht sowohl der Vergangenheit, sondern sie erinnert sich an uns und durchzieht uns mit nagender Sehnsucht; der Strahl des Lebens bricht in seltsam-scharfe Farben – Allmählich gegen die Vesper wird das Leben wieder frischer und kräftiger.“ (III/56)

Alte und Kinder: „Kinder des Grabes“ und „Kinder der Wiege“ sind oft nahe beieinander.(III/63)

‘große Reisen, die einen Menschen ausbälgen und umstülpen wie einen Polypen’ (III/77)

Sonderbar, daß gerade die Tiefe so einsam ist, wie die Höhe.“ (III/87)

Geschichten wollen Länge, Meinungen Kürze.“ (III/99)

… und der Wagen rollte davon, wie eine Jugend und heilige Stunde.“ (III/114)

Stell – dich – ein“ (IV/120)

Wie leicht und dünn ist ein Blick und ein erinnerter! Kaum das Alpenröschen ist er, das der Mensch von der höchsten Stelle seines Lebens herunterbringt. Aber doch hält der Mensch unter der Masse von Massen und Weltkugeln sich gern an die kleine, die ein Augenlid bedeckt, an einen verhauchten, kaum entstandenen Blick, und auf dem himmlischen Nichts ruht sein Paradies mit allen Bäumen fest! So sind Geister; denn da Unsichtbarkeit ihre Welt ist, so ist ein Nichts leicht ihre Sichtbarkeit!“ (IV/133)

Kein Mensch kann dieselbe Rede zweimal nacheinander halten.“ (IV/140)

Lob ist Luft, die das einzige ist, was der Mensch unaufhörlich verschlucken kann und muß.“ (IV/145)

Jeder hat seinen andere Hauptfarbe der Bewunderung, der eine sagt: englisch, - der andere: himmlisch – der dritte: göttlich – der vierte: ei, der Teufel! - der fünfte: ei! -“ (IV/150)

Flitte – der in jeder Gesellschaft stets eine neue suchte.“ (IV/151)

Temperaments-Leichtsinn, der nur Gegenwart abweidet.“ (IV/165)

Die Weiber haben größere Schmerzen als die, worüber sie weinen.“(IV/175)

über die Schwierigkeit ein (genaues) Tagebuch zu schreiben und über den persönlichen Ruhm (IV/197, auch S 198 und 206)

Der Mensch muß aus Mangel an äußerer Schöpfung zu innerer greifen.“(IV/207)

‘ der sterbende Romanschreiber könnte die seltsamsten, herrlichsten Verwicklungen wagen (da er sie nicht mehr auflösen muß)’ (IV/209)

Der Mittelmann glaubt, die Obermänner stehen darum auf den höheren Sprossen der Staatsleiter, um besser die Nachsteiger zu überschauen; indeß er selber das Auge weniger auf den Kopf seines Nachsteigers als auf den Hintern seines Vorsteigers heftet; und so alle auf und ab.“ (IV/217)

In der Liebe ist das Erntefest der Freude nicht um eine halbe Secunde vom Säetage und Säefest der Freude verschieden.“ (IV/239)

Und so kann in Deutschland und fast auf der Erde jeder, der sich verspricht, auf einen zählen, der sich verhört.“ (IV/241)

Denn das ist eben die Liebe, zu glauben, man durchschaue das Geliebte noch schärfer als sich.“(IV/244)

Sie warf ihm einen „Flugblick voll Weltall zu.“ (IV/246)

Vielleicht wird der Druck einer niedrigen Abstammung nie schmerzlicher empfunden als in den geselligen Festen, zu welchen die dürftige Erziehung nicht mit den Künsten der Freude ausrüstete, wie Tanz, Gesang, Reiten, Spiel, französisches Sprechen sind.“ (IV/252)

… jede Lust ist eine Selbstmörderin…“ (IV/255)

Die Frau hat einen Schmerz, eine Freude; der Mann hat Schmerzen, Freuden.“ (IV/256)

Man steigt den grünen Berg des Lebens hinauf, um oben auf dem Eisberge zu sterben.“ (IV/263)

Jeder bleibt wenigstens in Einer Sache wider Willen Original, in der Weise zu nießen.“ (ebd.)

Heimlich glauben die meisten, Gott existiere bloß, damit sie erschaffen wurden;…“ (ebd.)

der Liebe ist die Freundschaft so entbehrlich und unähnlich, als dem Rosenöl der Rosenessig.“ (IV/288)

‘ wie viele Menschen verdienen es den überhaupt, das man sich von ihnen lieben läßt?’ (IV/289)

# mein Brief an das Wohnungsamt #

Werte Frau Bartkowiak! 31.8.1982

Ich möchte erneut Ihre Aufmerksamkeit auf meinen seit 1975 laufenden, bis heute unerledigten Wohnungsantrag lenken.

Leider liege ich seit zwei Monaten und für weitere Wochen wegen einer rheumatischen Erkrankung im Bett und kann daher nicht persönlich bei Ihnen erscheinen.

Wie ich schon Ende 1981 und Anfang 1982 wiederholt dargestellt habe, bin ich gezwungen in der Wohnung von Frau B. …. mitzuwohnen, obwohl unsere Lebensgemeinschaft seit mehr als einem Jahr aufgelöst ist. Obwohl dadurch unzumutbare Situationen entstehen, wurde bisher keine Möglichkeit gefunden, meinen Wohnungsantrag noch im Jahr 1982 abzudecken.

Ich bitte nunmehr dringend darum, planmäßig im Jahre 1983 mit Wohnraum versorgt zu werden.

Mit sozialistischem Gruß“

Warum der Kollaps nach dem Bad? Wasser war recht heiß. Ich war etwas länger drin als üblich (25 min) (Wie Frau Beyer sich gleich abzusichern versuchte! - Wasser habe nur 39° gehabt. Ich sei alleine herausgeklettert.)

So ähnlich dürfte der Tod sein. Keineswegs unangenehm, dieses Nichts.

Gefühle bei der Ohnmacht am 31.8.:

Das Sehen und Denken funktioniert (z. T. auch das Hören), während das Sprechen schon nicht mehr und noch nicht wieder funktioniert (was ich nachträglich erfahre. Ich glaubte zu sprechen. Meine erste Frage dann ging nach der Brille.) So ähnlich also bei Lähmung, wo man alles sieht und versteht und nichts sagen kann (daran knüpfe ich später einen Tagtraum, wie ich so gelähmt bin und im Laufe einer langen Zeit lerne, mich nur mit Augenbewegungen zu verständigen, ja, sinnvoll zu leben.) Die Schwärze der Ohnmacht war befreiend, leicht. Der Übergang in die Schwärze war aber weniger deutlich Befreiung als der Austritt aus ihr Neuaufnahme einer Last (der Krankheit).

In der Nacht ein ganz deutlicher Traum: Mit Opa Drohm # mein Ex-Schwiegervater # gehe ich in einer westdeutschen Stadt bummeln. Wir haben kein Westgeld, finden dann aber unerwartet in meiner Börse 6 oder 8 Lei-Stücke, # rumänische Währung! # die sich als Westmark entpuppen. Er: Die können wir versaufen. (Ich hätte gern ein Buch dafür gekauft.) Er freudig, ich widerstrebend gehen wir zum nächsten Kiosk. Ohne daß wir etwas bestellt haben, werden uns sogleich zwei Platten Essen (Gulasch, Nudeln) heraus gereicht. Er dankt überfreundlich, demütig, ich lasse das Essen zurückgehen. Er bestellt zwei Boonekamp, ärgerlich korrigiere ich: 1 Boonekamp, ein Weinbrand (doppelt). Er dankt wieder überschwenglich für seinen B., ich reklamiere den winzigen Weinbrand, der zudem völlig geruchlos ist. Er beginnt sich für mich zu entschuldigen, will meinen Weinbrand trinken, ich wache auf.“

Darin ist sicher mein Ärger über die hiesigen Politpalaver der neuen Zimmerkumpel eingeflossen.

Traurig wie ein Pennäler darüber, daß Schwester Evi bis 13.9. freie Tage hat, verreist, gesprächsweise ihren Freund erwähnt, den sie jetzt besucht (mit hübschem BH angetan). Dies jugendlich-blöde schwärmen wird mir immer zu eigen sein. Evi war heute viel im Zimmer und im Wortgefecht mit allen natürlich, dabei beachtete sie mich nicht. Mein Hoffnungsflämmchen nähre ich daran, daß sie 13.30 nochmal kam, extra zu mir (mit der Kampferflasche) und sich verabschiedete bis 13.9. und ein wenig errötete. Ich wünschte ihr schöne Tage. Was hab ich sonst von ihr? Eine Zusage (wie ernst?) zum Besuch der Sinus-Bar, einen festen schönen Händedruck, ihr freundliches Nachmirschauen als ich vorigen Sonntag allein im Zimmer lag.

14. Juli 1982 - Kranksein

Montag, Januar 28th, 2008


[…]
Radio: der Westen bringt massive Meldungen und Kommentare über einen Krieg Irans gegen Irak. Auch über Afghanistan und PLO.
Lesen: Musil, “Der Mann ohne Eigenschaften”
[…]
Abends, nachts, morgens tut mein Bein ziemlich weh. Ich spüre deutlich die Belastung der täglichen HdM-Reise, die ich G. verdanke.
[…]
Es wurde festgestellt, zum Beispiel von Günter Kunert, dass wir uns vor dem Tod, vor unseren Toten scheuen, sie ignorieren. Bezogen auf einen Großteil der Arbeitskollegen (besonders E. Grohs, H. Wietschke) muss ich das sogar auch für einen Kranken feststellen.
Wie möchte ich als Kranker behandelt werden? Das wichtigste, was im allgemeinen zu wenig gemacht wird, ist Zuwendung, Zeit haben für den Kranken. Zeit für Reden über die Krankheit, besonders mögliche eigene Beiträge des Kranken zur Besserung, Zeit für geistige Probleme (da ich viel lese und höre, (hören ist das wichtigste) und Zeit für Zerstreuung, denn es gibt Langeweile.
Wichtig sind auch Versorgungsleistungen (Essen, Getränke Früchte Bett machen und so weiter). Eine abstrakte, wenig sinnvolle Verhaltensweise ist das bloße Bedauern, und nicht viel besser sind bloße Versorgungsleistungen. Grundsätzlich ist es notwendig, sich konkret auf die Krankheit einzustellen (welche Seiten sind krank, welche als normal ansprechbar) und ebenso auf die gesamte Persönlichkeit des Menschen vor seiner Erkrankung. Krankheiten, bei denen es selbstverständlich ist das man wieder gesund wird, sind etwas ganz anderes als Krankheiten bei denen man das nie mehr wird.

04. Juni 1982 - Nach der Exkursion

Freitag, Dezember 7th, 2007

[…]

20.30 Uhr. Nach dem Tag, anstrengendem Rheuma-Bad, 1 Std. Schlaf fühle ich mich jetzt ganz zerschlagen. Aber jetzt beschäftige ich mich, denn jetzt zu schlafen wäre Garantie für eine unerträgliche Nacht, und die fürchte ich sowieso.

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Schmerzen, Anstrengungen, Hitze, Medikamente haben mich in einen kollapsähnlichen Zustand versetzt. In den letzten 10 Minuten sind mir mindestens 1 Dutzend Gegenstände aus der Hand gefallen, darunter eine volle Tasse Kaffee. Mein Phlegma reicht aus, nichts an die Wand zu schmeißen. Ich sehe verschwommen, und die Augen brennen. Doch jetzt höre ich Musik und schreibe, denn ich muß wieder Fuß fassen. Jetzt zu schlafen wäre Wahnsinn. Das Telefon strafe ich wutentbrannt mit Nichtachtung.

Seit einer Woche haben wir Temperaturen von 30°, jetzt zeigt das Thermometer 34°! Und ich konnte noch nicht einmal ins Wasser.

Orchestersuite Nr. 2 von Bach, die immer wieder geeignet ist, einen Menschen wieder aus mir zu machen.

Rothensee: Habe noch nie eine so gewaltige, so technisierte Gießerei gesehen. Da ist die Kraft der Arbeiterklasse materielle Gewalt geworden. (Auch in WD # Westdeutschland # gäbe es eine solche Gießerei nicht.) Die Redensarten mancher Künstler, L.s, („Dann sollen sie es doch nicht machen.“) können einem da nur ein müdes Lächeln entlocken.

Wirklichkeit einer solchen Industrieanlage,

Wirklichkeit einer Aktstudie (meiner Intension) oder Wirklichkeit eines Orgasmus mit HeGrü!

Wirklichkeit der Orchestersuite Nr. 2 von Bach!

Oh Wirklichkeit, Du Donnerwort!!

Und weiter: Wirklichkeit einer Rhönwiese im Mai, Wirklichkeit der neu gepflanzten Stachelbeere, die wir Blatt um Blatt durchbringen werden.

Ich bleibe weiter der ganzen Wirklichkeit verschrieben, zugetan, offen; auch um den Preis, daß ich es auf keinem Gebiet zu einer großen Leistung bringe. […]

Jetzt geht es auf 22 Uhr. Das Thermometer zeigt weiter 28 oder 29°. Doch mir geht es besser. (Bin wieder im Geschirr des Geistes. Dieses Geschirr ist nachts, im Schlaf, abgelegt. Darum herrscht dann der Schmerz so unumschränkt. Heute will ich ihn überlisten: Ich bleibe lange auf, schreibe noch Briefe, wenn ich dann sehr müde bin noch ein Rheuma-Bad, 2 Zäpfchen und dann wird wohl der Schlaf herrschen.)

Die Platte bringt gerade aus der 3 Orchestersuite ein Stück… - Ich denke an den toten Helmut.

# Helmut war der erste Mensch, der mir vor Jahren Bach nahegebracht hatte. #

Er bleibt einer der Menschen, dessen Tod für mich immer etwas Unwirkliches, nicht ganz Ernstzunehmendes hat. Irgendwie bleibt er gegenwärtig als das Leben selbst. Seinen Freund Hans Dy werd’ ich mal besuchen.

Eindrücke in Rothensee:

Politische Losungen, mit Kreide an die Wand gemalt: „Laß das Atom zu friedlichen Zwecken!“

„Gegen NATO-Raketen“

In einer anderen Abteilung kriege ich (zum ersten Mal in meinem Exkursionsleben?) Dreck in den Rücken geschmissen.

Ein flott und sinnvoll arbeitender Roboter! […]

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# Aus einem Brief an U., Witwe des erwähnten Helmut. #

„… Ich schreibe, höre dabei Bach, und auf einmal ist mir (das geschieht nicht zum ersten Mal) der tote Helmut ganz und gar gegenwärtig. Ich empfinde wieder, wie von der ersten Stunde an, daß dieser Tod etwas Unwirkliches, nicht ganz Ernstzunehmendes hat. Nach so langer Zeit schreibe ich das natürlich nicht als billigen Trost (zudem sinnlosen), als Versicherung. („Er lebt in uns fort.“) Nein, es ist einfach eine erstaunliche und höchst freudige Feststellung: Beweglichkeit dieses Kerls, einschließlich gewisser Moralitäten und Amoralitäten, sind einfach nicht totzukriegen. Da ist er wie das Leben selbst. („Tod, wo ist Dein Stachel, Hölle, wo ist Dein Sieg?“)

All das soll nicht billige Verklärung sein. Zum Schluß hätte er wohl gern all das hingegeben, wenn er noch hätte einen Monat leben dürfen. Er hat von solcher Wirkung nichts, ja, keiner wußte, keiner weiß, ob er solche Wirkung auslöst.

Nein, ich will den Toten ihre Ruhe lassen, will nicht so tun, als könnt ich die Tragik versüßen. Doch es ist eine Tatsache, daß doch etwas von dem Schönstmöglichen eingetreten ist - sich ein bißchen in seiner Pflicht zu fühlen, ein Winziges für sein Hoffen zu tun.

Eine Tatsache ist es: Wenn eine Karriere für mich völlig reizlos ist, und wenn ich manchmal die Kraft habe, etwas nur aus Gewissen zu tun, selbst für Nachteile ( - und das ist ja eine ziemliche Freiheit, die man sich da schafft - ), so ist es ebenso wohl Leben, wie Sterben von Helmut, das mit dabei wirklich nachdrücklich hilft.

Leicht wäre es mir jetzt, gewisse gemeinsame Erlebnisse, Szenen heraufzubeschwören, die sehr erfüllt waren, die in mir bis an Ende meiner Tage leben werden, ganz Alltägliches, warum nur? Wahrscheinlich sind es oft solche Winzigkeiten, wie die Sandkörnchen am FKK-Strand von Rosenort, die zu den Sternstunden eines Lebens gehören und irgendwann auf unerforschlichen Wegen in’s Bewußtsein treten…“

# Aus einem Brief an die Eltern von L. #

„Wenn ich Euch schreibe, möchte ich mich auch ablenken. Mein Ischias/Nervenentzündung macht mir doch ziemlich zu schaffen, da ich den letzten Tage auch tatsächlich nicht die Zeit hatte, […] ihn mit Ruhe und Wärme zu kurieren. So fresse ich z. Z. ´Tabletten, doppelte Portion und nachts Zäpfchen, vierfach, und komme dann in den letzten Nächten doch immer nur zweistundenweise zum Schlafen. Jetzt am Wochenende schone ich mich aber und hoffe nun endlich über den Berg zu kommen. […]

Gerade höre ich von draußen ein klatschendes Geräusch, während vom Plattenspieler die Matthäuspassion erklingt. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite geht ein junge Frau, die sich das Gesicht hält und schluchzt. Auf unserer Seite steht ein angetrunkener Kerl. Er ruft rau:“Komm her!“ Sie antwortet etwas und geht weiter. Er nochmal: „Komm her!“ Dann sucht er irgend etwas, wie eine Scheibe, sucht aber noch weiter. Dann pißt er umständlich mit starkem Strahl an den Baum vor unserer Haustür. Dann geht er umständlich schwankend ihr nach. Viele Fenster sind geöffnet. Aus meinem klingt kulturvoll Bach, wie gesagt, aus den anderen verschiedene Fernseh-Krimis - Berliner Szene! […]

Mein herzliches Dankeschön für das Hemd und die Socken im West-Paket! Alles paßt wie angegossen, steht mir und kann ich gut gebrauchen, wenn ich zu L.s Verdruß z. B. festlich in’s Theater gehe. […]

Im übrigen bin ich gespannt, wie es im Garten weiter gegangen ist (Dienstag war ich zum letzten mal da.) Bei dieser Wärme, und L. hat sicher viel gegossen! (Das ist bei uns ja das A und O.) Es ist ungeheuer, welche Produktivität aus jedem Winkel hervorbricht. Am meisten ans Herz gewachsen ist mir aber ein scheinbar völlig verdorrtes Stachelbeerhochstämmchen, das ich trotzdem nach Ostern und ohne rechte Hoffnung pflanzte. Es hat ganz zögernd Knospen schwellen lassen, schließlich einige Blätter getrieben, so daß es erstmal zum Überleben reicht. Jetzt scheint gar ein neuer Trieb hervorbrechen zu wollen. (Ich hatte extrem kurz geschnitten.) Damit wäre es ja über den Berg für die Zukunft! Alles übrige aber steht kraftvoll, auch z. B. „Jonathan“ und „Ostheimer Weichsel“ (die auch geblüht, aber nichts angesetzt hatte). Naja, Garten ist ein unerschöpfliches aber für Euch nicht gerade neuartiges Thema.

Ich war jetzt zwei Tage zu Besuch in der Stahlgießerei Magdeburg-Rothensee. Das waren imposante Eindrücke (und auch einfach gute Eindrücke) in dieser wohl größten Stahlgießerei Europas. Wenn man solche Produktionsstätten sieht und was die „hinten rausschmeißen“ begreift man gegenständlich, warum unsere Wirtschaft/Staat trotz der vielen Lücken einfach nicht totzukriegen ist. Riesige Hallen, in denen die Technik und wenige Menschen arbeiten. Leicht war es nicht, 40° die Sonne + 8 Elektroschmelzöfen.

Und erst die Schicksale, die an solchem Betrieb hängen, einige kenne ich zufällig näher: Der Betrieb produziert seit 10 Jahren. Vor 15 oder 17 Jahren war Grundsteinlegung. Erinnerungsfoto: Der Minister - ist inzwischen mit Herzinfarkt Rentner, der damalige Generaldirektor, zwischendurch Herzinfarkt, abgelöst, wieder eingesetzt, heute Invalidenrentner mit freier Arbeitszeit, sozusagen z.b.V. beim Betriebsdirektor. Ich kannte ihn noch unmittelbar als „General“, heute führte es unseren Lehrgang, vermittelte Erfahrungen, auch welche, die man nirgends lesen kann.

Schade, all das kein Gegenstand für Künstler! Weil 95% von ihnen (oder 99%?) von diesem menschlichen Leben so viel verstehen, wie der Esel vom Integral. Aber was hilft das Klagen. Materielle und künstlerische Produktion gehen weiter ihre getrennten Wege, und irgendwann haben beide eine Reife, die eine Art Verschmelzung ermöglicht (in fernen Zeiten, die dann das Ende mancher Borniertheit bringen).

Ich grüße Euch alle herzlich.“