Archive for the ‘Traum’ Category

26. Oktober 1982 – Frauen, Kälte, Aussteigen

Samstag, Januar 3rd, 2009

Lesen: Gedichte Czechowski, Katalog IX Kunstausstellung

Gartenarbeit. Nach der Gartenarbeit heute bin ich völlig kaputt. Die Gesundschreibung erfolgte zu schnell.

Als nun älter werdender Einspänner wird’ ich wohl öfter Frauen treffen, die sexuelle Probleme haben. (Das könnte ein Grund sein, Witwen zu bevorzugen.) Eigentlich sind solche so genannten kalten Frauen wie Marita oder Heidrun tragische Figuren. Wie sie sich fiebernd endlos unterhalb des Gipfels quälen! Letztendlich freudlos an die Kette der Lust gelegt! Innerlich (einschließlich des sexuellen Reizes) bin ich mit Heidrun fertig. Nur eine Frau, die mich überwältigt, wie einst L. und nur solange sie es kann, kann mich leidenschaftlich sehn. Ist das nicht der Fall, ergibt sich spontan, daß ich mit großer Sympathie ihre Lebensgeschichte aufnehme, daraus Zärtlichkeit schöpfe und sobald die Wiederholungen deutlich werden, erkalte. Mein Interesse zieht diese Frauen an. Ich bin mir frühzeitig klar, daß keine Liebe bei mir ist. Was ist mein Motiv? Ein Grundbegehren ist sexueller Art, doch wird es interessanterweise von der zärtlichen Anteilnahme überformt, die wie eine Quasi-Liebe wirkt und den gedankenlosen sexuellen Genuß be- oder verhindert. Ja, das Grundbegehren ist wohl das nach zärtlicher Anteilnahme, gütig zu sein. Doch scheint es, als erweisen sich diese Partnerinnen als dafür nicht aufnahmefähig genug. Die bloße physiologische Befriedigung des Mannes ist nur wenig von der Frigidität der Frau verschieden.

Verrückter Traum heut Nacht: Vor einem Betrieb ein billiger Marktstand . Darauf Bücher aus der ZF-Bibliothek, Teilnehmerlisten der Lehrgänge, einige Grafiken von L. Alles wahllos angeboten. Als ich später aus dem Betrieb komme hatte es geregnet, und alles ist durchweicht. Ich nehme zuerst Grafiken an mich, schiebe sie vorsichtig in meinen schon recht vollen Campingbeutel, stopfe Bücher und vertrauliche Dokumente hinterher.

Gestern: Den Dichter Czechowski empfinde ich besonders in seiner Kritik an unserem Sozialismus als geistesverwandt. Ich fühlte mich bestätigt in Vielem und konnte nicht einschlafen. Meine freie Meinung zur IX. Kunstausstellung werde ich aufschreiben und als Brief an Bekannte schicken.

  • Ich möchte weiter eine verantwortliche, normale Arbeit machen. Wirkliche oder innere Emigranten, Ausflipper gibt es genug. Um Kritik dieser Gesellschaft konstruktiv machen zu können, muss man Teil dieser Gesellschaft, möglichst wesentlicher Strukturen dieser Gesellschaft bleiben, sein.

  • * Wenn die Arbeit bei Sero nicht klappen sollte, möchte ich trotzdem von der ZF weggehen, oder nein, genauer gesagt, kann ich an der ZF nicht so weiterarbeiten, wie bisher, werde ich eine prinzipielle Kritik geben und prinzipielle Vorschläge machen.

  • * Dies mir vorstellend, kommt mir zum 1. Mal der Gedanke (ernsthafter Gedanke), wenn notwendig auszusteigen. Kohlenträger kann ich nicht mehr werden. Vielleicht Imker? Wann kann dieses Aussteigen notwendig werden? Dieses Aussteigen wäre ein anderes Einsteigen!

05. Oktober 1982 – Traum

Mittwoch, Juni 25th, 2008


6 Zimmerkumpel,

großer Einstand von Alex Schwarz, 107 kg, Dolmetscher bei Intertext

Dr. Krause verbietet Privatfernsehen

[…]

Hören: (Kopfhörer): Kassette, „Neue Deutsche Welle“

Behandlungen: Gymnastik, Lakenbad, Wickel, Periost, EKG, Perl

[…]

Ich hoffe auf baldige Entlassung, doch Dr. Steglich schockiert mich mit der Eröffnung, daß bis Ende Oktober noch zu rechnen sei. Ich sei zwar über den Berg aber die Muskelkräftigung, um einen Rückfall zu vermeiden, müsse sehr sorgfältig erfolgen. (Hoffentlich reichen zwei Wochen aus, wie Dr. Piotr. andeutete.)

 

Wirre Traumgeschichten. Ich bin bei einer Geburtstagsfeier von E. Honecker, zu der Massen von Menschen eingeladen sind und massenhaft verköstigt werden (in Massenqualität). Honecker ist jugendlich und zugleich steif in den Äußerungen. Ich bin in seiner unmittelbaren Nähe.

Auslöser? Vorgestern las ich eine Nummer der „fotografie“, in der G. Murza über seine Arbeit als Honeckerfotograf berichtete; auch Gespräche im Zimmer darüber, daß solche oberen Funktionäre persönlich sehr menschlich seien.

 

 

03. Oktober 1982 – Traum

Mittwoch, Juni 25th, 2008


5 Zimmerkumpel,

[…]

Hören: (Kopfhörer): Klaviersonate op posthum von Schubert

Behandlungen: Sonntagsruhe, Gymnastik, Duschen,

Traum: Familienspaziergang (Meine Frau ist klein, ähnelt aber L.) Die Straßen sind spiegelglatt vereist. Mit bloßen Schuhen kann man wie mit Schlittschuhen laufen. Ich sause los, die Kinder auch. Ich komme zurück, schnappe mir Christof, er ist so groß, wie jetzt F., und wir laufen zusammen. Er klammert sich begeistert an mich. Dazu erklingt Musik:“Vöglein, sie singen so schön…“ und noch etwas im ¾-Takt, nach dem wir weit schwingend laufen.

[…]

Die langen Ausflüge gestern und heute überstehe ich gut, so daß die Entlassung auf die Tagesordnung kommt. Stationäre Behandlung ist nicht mehr notwendig.

[…]

Kinder und Alte haben viel Möglichkeit, wenig Wirklichkeit, aber aus entgegengesetzten Gründen.

24. September 1982 – Clemens zum Geburtstag

Montag, April 14th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel

Behandlungen: Lakenbad, Wickel, Perl, Periost, Sauna,

Frau Beyer bringt eine ihrer Weintrauben zum Kosten.

[…] Hören: (Kopfhörer): Beethoven, Klaviertrio Nr. 1, Klavierquartett von Dvorak

[…] nachmittags zum Garten, F., der mir freudig entgegenläuft

[…] abends Konzert in der Schlosskirche Buch

Konzertprogramm

 

 

21.45 Uhr, Schwester Evi läßt den Fernseher abstellen!! Ein prächtiger Stich ins Wespennest. Sie ist schon ein prächtiges Mädel und nichts für einen bequemen Partner (hat nicht nur manchmal Schroffheit, sondern sicher auch Eigensinn). Ich verteidige sie in der Zimmerdiskussion entschieden und mit Lust, und es entsteht das schönste Tohuwabohu.

[…] Heute hatte ich einen süßen Traum. Mit einer fremden Frau war ich unterwegs, wir kehrten zurück, ich glaube, es war ein sintflutartiger regen gefallen. Zu Hause spielten Kinder. F./Clemens # F. - mein Sohn mit L., Clemens, Stefan, Christof – meine Söhne aus meiner Ehe #

erkannte mich sogleich und schmiegte sich an mich und drückte mich. Er rückte mir nicht von der Pelle und schlief schließlich zusammengerollt in meinen Armen ein.

 

Hebbel: Jede neue Idee führt in den Köpfen der Menschen, die sich ihrer bemächtigen, „ein solch wahnsinniges Traumleben“. (S. 138).

Mit jedem neuen Menschen beginnt ein „neuer Taten- und Schicksalskreis“ (S. 139). […]

Nichts ist so tief und bedeutend, daß ihm nicht ein ganz ordinärer, alltäglicher Sinn unterlegt werden könnte (S. 142). (vorschnelles Verstehen ohne Verständnis)

Satire, die nicht von dem freiesten Geist ausgeht, ist unausstehlicher, wie der ärgste Pedantismus“ (S. 144). (Deshalb gibt es im Sozialismus bis jetzt noch keine großen Satiriker.)

 

Viele Menschen sind beständige Schemata, die der nächste, beste Zufall ausfüllt.“ (S. 147) (Gerade die drastischen Bemerkungen Hebbels über den Massemenschen sind für unsereins wichtig, auch wenn sie manchmal pessimistisch sind, denn wir sind in dieser Frage mit einigem Wunschdenken geschlagen.)

 

es gibt Momente, die mir den Samen der Freude ins Herz streuen, die der Gegenwart nichts bringen, als einen leisen Schmerz, und die im eigentlichen Verstande erst unter dem Brennglas der Erinnerung in ihrer Bedeutung, ihrem Reichtum aufgehen. Mancher dieser Momente mag mit einer Stunde, die uns erst jenseits des Grabes erwartet, korrespondieren.“ (S. 146)

Ein schöner Gedanke, der hilft dem zarten Gespinst des Gefühlslebens auf die Spur zu kommen. Samen der Freude, die erst keimen müssen! Doch auch: Leise Schmerzen, die ich lerne zu lieben!

 

Unschuld ist erwachende Sinnlichkeit, die sich selbst nicht versteht.“ (S. 147)

 

Gegen jede sogenannte neue Wahrheit bin ich mißtrauisch, die nicht in mir ein Gefühl erregt, als hätte ich ihre Existenz schon lange zuvor geahnt.“ (S. 147)

 

Das Leben hat keinen anderen Zweck, als daß sich der Mensch in seinen Kräften, Mängeln und Bedürfnissen kennen lernen soll. Wenigstens ist dies der einzige Zweck, der immer erreicht wird, das Leben mag nun sein, wie es will.“ (S. 147) (Damit ist der Sinn des Lebens zwar nur individualistisch aber doch empirisch, nicht spekulativ bestimmt. Und mehr ist wirklich nicht herauszuholen.)

# zu Clemns’ 14. Geburtstag # 

 

Lieber kleiner Clemens!

Mit der Überschrift hat es eine besondere Bewandtnis, das will ich gleich erklären. Heute Nacht habe ich nämlich von Dir geträumt, genauer, von einem kleinen, vielleicht drei- oder vierjährigen Jungen, der Deine Züge trug, vermischt mit den Zügen von F. Vielleicht hängt dieser Traum damit zusammen, daß mir vor kurzem unser gemeinsamer Winterurlaub in der Sächsischen Schweiz eingefallen ist. Kannst Du Dich daran noch erinnern, an die Forstmühle? Auch z. B. daran, wie wir von Decin zurück kamen und im Bahnhof von Bad Schandau soviel gefressen haben, daß dir dann ganz schlecht war? Überhaupt hatte ich ein paar Mal Kuchen besorgt (auf dem Großen Zschirnstein und in Pirna) und dabei wohl nur an meinen Magen gedacht, denn Du hast ja gar nicht viel davon gegessen. Oder weißt Du noch von unserem Besuch bei dem Schnitzer und Holzschneider oder von den Olympiaübertragungen? Na, vielleicht hast Du auch ganz andere Dinge behalten.

Eigentlicher Anlaß meines Briefes ist natürlich Dein Geburtstag und in Anbetracht Deines nun erreichten Alters, werd ich bestimmt nicht wieder vom „kleinen Clemens“ reden.

Möge der ganze Tag schön verlaufen und für das dann folgende Jahr eine angenehme Erinnerung sein. Und dieses Jahr hat ja wieder ‘ne menge Erlebnisse und Erkenntnisse bereit, so daß es bestimmt Spaß macht. Gewiß, all das ist mit Arbeit verbunden, mit Mühen, die manchmal nerven, aber wie schön ist es im Grunde doch, ein gesundes und gesichertes Leben führen zu können. Man ist im Grunde selbst verantwortlich dafür, was daraus wird. Na, Deine großen Brüder geben Dir ja auch Anregungen.

Am 28.9. werde ich übrigens 1 ½ cm größer. Soviel kriege ich unter den rechten Schuh gesetzt, damit wird jahrelange Schieflast und Wanken und Schwanken behoben, denn das ist wohl die letzte Ursache meiner Ischiaserkrankung. Mit der geht es nun schon wesentlich besser. Ich darf spazieren gehen, die Belastung wird langsam gesteigert, und so rückt endlich langsam der Entlassungstermin in Sicht. Vor einem halbe Jahr hatte ich noch nicht gedacht, was einen so erwischen kann. Meine Schlussfolgerung ist jedenfalls: Wehret den Anfängen! Man kann tatsächlich nicht früh genug anfangen sinnvoll und diszipliniert zu leben, natürlich ohne Kleinlichkeit.

Entschuldige, das war mehr Selbstgespräch, sollte keine Predigt sein.

Sei herzlich gegrüßt und mit den besten Wünschen bedacht von Vati und grüß auch Stefan, Christof und Mutti.“

 

Alles für nichts! Ist der irdische Imperativ.“ (Hebbel, S. 148) (Einfach köstlich in der Verkürzung.)

 

Heine wirft den Fackelbrand des Witzes in die werdende Welt hinaus und läßt sie gestaltlos für nichts und wieder nichts verflammen. (S. 148) (Das ist nicht gerecht gegen Heine aber hat einen rationellen Kern.)

 

# Aus einem Brief… #
Mir geht es immer besser. Jeden Tag gehe ich mindestens 2 Std. spazieren, fahre auch Hometrainer und ging heute erstmals zur Sauna. Merke aber auch, daß ich wirklich nur allmählich steigern darf, nach 2 Std. draußen bin ich schlapp wie ein Waschlappen, auch heute noch, obwohl doch schon seit einer Woche geübt…“

 

Die geheimnisvolle Schönheit junger Männer!

Das Erlebnis Evi (und Grit) ist für mich vielleicht wichtiger, als ich mir träumen lasse. Das Vertrauen dieser Mädchen zu mir als einem väterlichen Freund ist überraschend und schön für mich. (Ich verhehle mir nicht die erotische Komponente dabei, doch ein erotisches Moment hat auch die leibliche Vater/Tochter-Beziehung, ist also nichts Besonderes). So wohl mir diese Beziehung tut, läßt sie mich meine Sehnsucht nach großen Kindern, vielleicht besonders nach Töchtern entdecken. Ich begreife mich so selbst besser. (Das ist eine wirkliche Entdeckung, jedenfalls gehört das freudige Erstaunen dazu.) Und mit dem menschlicheren, uneigennützigeren Verhältnis zu solchen jungen Frauen wird auch ein anderes Verhältnis zu Männern, speziell den jungen Partnern solcher Frauen möglich! Mich interessierten bisher ja ohnehin nur Frauen, Männer höchstens als potentielle Rivalen. Nun gewinne ich einen Blick auf sie als Partner „meiner Tochter“. Freilich war mir Stefan auch schon so reizvoll, jünglingshaft, geheimnisvoll erschienen. Dies neue Verhältnis letztlich deshalb möglich, weil frei, weil nicht eigener Begierde unterworfen, weil in diesem Falle aus dem Käfig „Ich“ herausgetreten.

 

Die Dominanz der der Ichform in meinen Gedanken, Beschreibungen, Briefen. Ich versuche das stilistisch zurückzudrängen, sozusagen kosmetisch. Das wär mal eine gründliche Überlegung wert.

 

Es peitscht uns nichts zu Spitzenleistungen. Die Verhaltensweisen und dementsprechenden Ergebnisse der Radfahr-Fenstergruppe sind undiskutabel, als Forschungsarbeit wohl kaum von besonderem Wert. Verantwortlich dafür sind Dr. Janietz und Dr. Steglich. Vergeudung von Vermögen und Mittelmaß sind das Ergebnis. (Freilich auch bequemes Leben.) Für Spitzenleistungen bedarf es immer der Peitsche, ob von anderen oder von mir selbst geführt.

 

28. August 1982 – 03. September 1982 - vierte Woche Krankenhaus - Jean Paul

Donnerstag, Februar 28th, 2008

# Die Eintragungen der Woche fasse ich angesichts des Krankenhauseinerleis wieder zusammen. #

[…]

die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel; ferner, Bindegewebsmassage, Schlammpackungen; ich stehe auf und gehe zum ersten mal zur Toilette und zum Bad. In guten Momenten wird mein Rumpf gerader. Der Trainingsschmerz ist beträchtlich. Einmal nach dem Lakenbad abgekippt, danach ist mir ziemlich übel.

Im Grunde stagniert mein Befinden seit mindestens einer Woche.

[…]

Lesen: Zeitungen und Zeitschriften - ND, BZ, Weltbühne 34/82, horizont, Wochenpost, „Guter Rat“

Illustrierte: NBI, “für dich”,

Jean Paul, „Flegeljahre“, Lu Xun, (Essays), Storm „Zur Chronik von Grieshuus“, „Der Schimmelreiter“, G. d. Bruyn: „Leben des J.P.F. Richter“

Querlesen: Plato, Spinoza, Heine: „Atta Troll“, […]

Das Essen hier ist sehr schmackhaft; zu Hause wiederholen sollte ich: Gemüsesülze, Reisauflauf mit Porree […]

neuer Mitpatient:

Michael Schmidt, BVB, Leiter für Verkehr, Straßenbahnfahrschullehrer, im Fernstudium, Scharfäugig blickt seine Frau sogleich nach dem „besten Bett“. Er findet einen Fleck auf seinem Laken und wechselt es mit dem Laken eines anderen Bettes. 30 J., 110 kg.

Großer Konsum-, Preis-, Versorgungsplausch,

Mitpatienten: Manfred Krüger, 28 J., 130 kg, Kraftfahrer, Baumaschinist

Rainer Paul, 32 J., 147 kg, Monteur, Ratiomittelbau

Peter Röpke, 46 J., 110 kg, Bahnpostbeamter

Ingo Heda, 32J., 116 kg, Gasmonteuer, Kraftfahrer

Siegfried Steffen, 90 kg, Elektriker in einer PGH

[…]

Das Ganze und nur das Ganze ist die Wahrheit. Sie ist unteilbar. Wie die Wahrheit verloren geht, wenn versucht wird, sie zu teilen, ist glänzend in der „Regulierung des Wassers“ dargestellt. Die Wahrheit des Kiefernrindebrotes gelangt bis an den Hof, doch was wird daraus.

Unsere Gesellschaft erlaubt uns nicht die ganze Wahrheit.

 

Sobald ich in mir selbst kreise, entwickle ich die Lust zum Sexuellen, aber zum intensiven, schamlosen Sexuellen.

# Jean Paul, den ich intensiv lese, begeistert mich und ich mache viel Auszüge. #

Jean Paul:

Die Überladung des Gedächtnisses kann also nichts anderes heißen, als versäumte Cultur anderer Kräfte.“ (II/180)

ein kecker Geist erscheint groß, „der weniger einen weiten Weg als weite Schritte macht.“ (II/186)

So liebe Jünglinge; und aller ihrer Fehler ungeachtet ist ihnen, wie den Titanen, noch der Himmel ihr Vater, die Erde nur ihre Mutter; aber später stirbt der Vater und die Mutter kann die Waisen nur schwer ernähren.“ (ebd)

Wie ganz anders – nämlich viel weniger schleichend, weniger stillgiftig, vipernhaft und vipernglatt – stehen die Menschen von Tafeln,selbst an Höfen, auf, als sie sich davor niedergesetzt! -Wie geflügelt, singend, das Herz federleicht und federwarm! (II/186f)

Die griechische Poesie wird, je tiefer man dringt, immer wärmer, ob sie gleich auf der Fläche kalt erscheint, indeß andere Gedichte nur oben wärmen.“ (II/188)

Beschreibung Haydnscher Musik (II/193) und dann Beschreibung, Deutung von Musik überhaupt, das ist großartig poetisch klug (II/195f).

Jean Paul, wie kein Anderer, drückt das bittersüße aus.

Konzertbesucher, die in einem fort, unter der Musik die Musik laut preißen (II/196)

ein schönes weibliches Auge von Stand und Kleidung“ (II/197)

.. er fand aber – weil Mädchen schwer im Putze weinen – nichts als die ausgehangenen Weinzeichen, die Tücher.“ (II/197)

… o! Alles ist Ferne, jede Nähe…“ (II/199)

… im Feuer wird man leicht hart.“ (II/209)

Frauen, denen „kein Lob der Aehnlichkeit gefiel“ (II/211)

‘Jeder vornehme Inhaber eine Türhüters ist selbst wieder einer, nur an einer höheren Tür.’ (II/217)

Trunken vor Glück trifft Einer Julius Cäsar und sagt: „Jul, aber woher kommst denn du, wüste Fliege“ (II/222)

Ins Centrum gibt’s nur Einen Weg, aus dem Centrum unzählige…“ (II/223)

[…]

Werd’ ich nun, da ich mich von manchen Äußerlichkeiten abwende, da ich immer bewußter das Glück des Friedens erlebe, reif für Vergil, für Ovid? Für eine umfassende Naturliebe, jenseits der Idylle? Storms „Grieshuus“ hat mir ein ruhiges, schönes Gefühl gegeben.

Weiter Jean Paul:

‘Er hatte bemerkt, daß in der Geschichte der Völker wie des individuellen Lebens „so unendlich wenig Systematisches in Leid und Freude vorfalle, und daß man eben darum bei der falschen Voraussetzung einer trüben oder lichten Consequenz seine oder fremde Zukunft so schlecht errathe …. nur der verhüllte Gott kann aus dem Spiel des Lebens und der Geschichte einen Ernst erschaffen.“ (II/226)

… es wachsen freilich mehr Gräser als Blumen, doch heben jene diese, ich spreche von Menschen…“ (ebd)

Rührung kann wohl aus Bewegtheit entstehen, aber nicht Kunst, wie bewegte Milch Butter gibt, aber nur stehende Käse.“ (II/230)

…zur Liebe gehören ohnehin wie zu jeder Gährung- sie ist ja selber eine – zwei Bedingungen, Wärme und Nässe…“(II/233)

Einem einen Uhrschlüssel abkaufen, oder sonst ein Kauf, das sperret mehr am bedeckten Gehäuse eines Menschen auf, als dreißig Frühstücke in einem Monat von 31 Tagen.“ (II/242)

Recht gewöhnliche und doch befriedigende Unterhaltung ist allgemein unter den Menschen die, daß einer das sagt, was der andere schon weiß, worauf dieser aber etwas versetzt, was jener auch weiß, so daß jeder sich zweimal hört, gleichsam ein geistiger Doppelgänger.“(III/6)

Der Mann müsse „aus einem lakirten Stäbchen, das nur für die weiblichen Blumen in der Erde steckt, eine römische Säule werden, deren Capital jene Blumen bloß bekränzen.“ (III/26)

als Geistlicher von den letzten Dingern (des Lebens) „mehr lebend als ergriffen.“ (III/33)

…sie wurde von sich so leicht, als von den anderen schwer gerührt.“ (III/37)

ein ganzes Dorf unter Bier und Fleischbrühe setzen“ (III/45)

Man erinnert sich nicht sowohl der Vergangenheit, sondern sie erinnert sich an uns und durchzieht uns mit nagender Sehnsucht; der Strahl des Lebens bricht in seltsam-scharfe Farben – Allmählich gegen die Vesper wird das Leben wieder frischer und kräftiger.“ (III/56)

Alte und Kinder: „Kinder des Grabes“ und „Kinder der Wiege“ sind oft nahe beieinander.(III/63)

‘große Reisen, die einen Menschen ausbälgen und umstülpen wie einen Polypen’ (III/77)

Sonderbar, daß gerade die Tiefe so einsam ist, wie die Höhe.“ (III/87)

Geschichten wollen Länge, Meinungen Kürze.“ (III/99)

… und der Wagen rollte davon, wie eine Jugend und heilige Stunde.“ (III/114)

Stell – dich – ein“ (IV/120)

Wie leicht und dünn ist ein Blick und ein erinnerter! Kaum das Alpenröschen ist er, das der Mensch von der höchsten Stelle seines Lebens herunterbringt. Aber doch hält der Mensch unter der Masse von Massen und Weltkugeln sich gern an die kleine, die ein Augenlid bedeckt, an einen verhauchten, kaum entstandenen Blick, und auf dem himmlischen Nichts ruht sein Paradies mit allen Bäumen fest! So sind Geister; denn da Unsichtbarkeit ihre Welt ist, so ist ein Nichts leicht ihre Sichtbarkeit!“ (IV/133)

Kein Mensch kann dieselbe Rede zweimal nacheinander halten.“ (IV/140)

Lob ist Luft, die das einzige ist, was der Mensch unaufhörlich verschlucken kann und muß.“ (IV/145)

Jeder hat seinen andere Hauptfarbe der Bewunderung, der eine sagt: englisch, - der andere: himmlisch – der dritte: göttlich – der vierte: ei, der Teufel! - der fünfte: ei! -“ (IV/150)

Flitte – der in jeder Gesellschaft stets eine neue suchte.“ (IV/151)

Temperaments-Leichtsinn, der nur Gegenwart abweidet.“ (IV/165)

Die Weiber haben größere Schmerzen als die, worüber sie weinen.“(IV/175)

über die Schwierigkeit ein (genaues) Tagebuch zu schreiben und über den persönlichen Ruhm (IV/197, auch S 198 und 206)

Der Mensch muß aus Mangel an äußerer Schöpfung zu innerer greifen.“(IV/207)

‘ der sterbende Romanschreiber könnte die seltsamsten, herrlichsten Verwicklungen wagen (da er sie nicht mehr auflösen muß)’ (IV/209)

Der Mittelmann glaubt, die Obermänner stehen darum auf den höheren Sprossen der Staatsleiter, um besser die Nachsteiger zu überschauen; indeß er selber das Auge weniger auf den Kopf seines Nachsteigers als auf den Hintern seines Vorsteigers heftet; und so alle auf und ab.“ (IV/217)

In der Liebe ist das Erntefest der Freude nicht um eine halbe Secunde vom Säetage und Säefest der Freude verschieden.“ (IV/239)

Und so kann in Deutschland und fast auf der Erde jeder, der sich verspricht, auf einen zählen, der sich verhört.“ (IV/241)

Denn das ist eben die Liebe, zu glauben, man durchschaue das Geliebte noch schärfer als sich.“(IV/244)

Sie warf ihm einen „Flugblick voll Weltall zu.“ (IV/246)

Vielleicht wird der Druck einer niedrigen Abstammung nie schmerzlicher empfunden als in den geselligen Festen, zu welchen die dürftige Erziehung nicht mit den Künsten der Freude ausrüstete, wie Tanz, Gesang, Reiten, Spiel, französisches Sprechen sind.“ (IV/252)

… jede Lust ist eine Selbstmörderin…“ (IV/255)

Die Frau hat einen Schmerz, eine Freude; der Mann hat Schmerzen, Freuden.“ (IV/256)

Man steigt den grünen Berg des Lebens hinauf, um oben auf dem Eisberge zu sterben.“ (IV/263)

Jeder bleibt wenigstens in Einer Sache wider Willen Original, in der Weise zu nießen.“ (ebd.)

Heimlich glauben die meisten, Gott existiere bloß, damit sie erschaffen wurden;…“ (ebd.)

der Liebe ist die Freundschaft so entbehrlich und unähnlich, als dem Rosenöl der Rosenessig.“ (IV/288)

‘ wie viele Menschen verdienen es den überhaupt, das man sich von ihnen lieben läßt?’ (IV/289)

# mein Brief an das Wohnungsamt #

Werte Frau Bartkowiak! 31.8.1982

Ich möchte erneut Ihre Aufmerksamkeit auf meinen seit 1975 laufenden, bis heute unerledigten Wohnungsantrag lenken.

Leider liege ich seit zwei Monaten und für weitere Wochen wegen einer rheumatischen Erkrankung im Bett und kann daher nicht persönlich bei Ihnen erscheinen.

Wie ich schon Ende 1981 und Anfang 1982 wiederholt dargestellt habe, bin ich gezwungen in der Wohnung von Frau B. …. mitzuwohnen, obwohl unsere Lebensgemeinschaft seit mehr als einem Jahr aufgelöst ist. Obwohl dadurch unzumutbare Situationen entstehen, wurde bisher keine Möglichkeit gefunden, meinen Wohnungsantrag noch im Jahr 1982 abzudecken.

Ich bitte nunmehr dringend darum, planmäßig im Jahre 1983 mit Wohnraum versorgt zu werden.

Mit sozialistischem Gruß“

Warum der Kollaps nach dem Bad? Wasser war recht heiß. Ich war etwas länger drin als üblich (25 min) (Wie Frau Beyer sich gleich abzusichern versuchte! - Wasser habe nur 39° gehabt. Ich sei alleine herausgeklettert.)

So ähnlich dürfte der Tod sein. Keineswegs unangenehm, dieses Nichts.

Gefühle bei der Ohnmacht am 31.8.:

Das Sehen und Denken funktioniert (z. T. auch das Hören), während das Sprechen schon nicht mehr und noch nicht wieder funktioniert (was ich nachträglich erfahre. Ich glaubte zu sprechen. Meine erste Frage dann ging nach der Brille.) So ähnlich also bei Lähmung, wo man alles sieht und versteht und nichts sagen kann (daran knüpfe ich später einen Tagtraum, wie ich so gelähmt bin und im Laufe einer langen Zeit lerne, mich nur mit Augenbewegungen zu verständigen, ja, sinnvoll zu leben.) Die Schwärze der Ohnmacht war befreiend, leicht. Der Übergang in die Schwärze war aber weniger deutlich Befreiung als der Austritt aus ihr Neuaufnahme einer Last (der Krankheit).

In der Nacht ein ganz deutlicher Traum: Mit Opa Drohm # mein Ex-Schwiegervater # gehe ich in einer westdeutschen Stadt bummeln. Wir haben kein Westgeld, finden dann aber unerwartet in meiner Börse 6 oder 8 Lei-Stücke, # rumänische Währung! # die sich als Westmark entpuppen. Er: Die können wir versaufen. (Ich hätte gern ein Buch dafür gekauft.) Er freudig, ich widerstrebend gehen wir zum nächsten Kiosk. Ohne daß wir etwas bestellt haben, werden uns sogleich zwei Platten Essen (Gulasch, Nudeln) heraus gereicht. Er dankt überfreundlich, demütig, ich lasse das Essen zurückgehen. Er bestellt zwei Boonekamp, ärgerlich korrigiere ich: 1 Boonekamp, ein Weinbrand (doppelt). Er dankt wieder überschwenglich für seinen B., ich reklamiere den winzigen Weinbrand, der zudem völlig geruchlos ist. Er beginnt sich für mich zu entschuldigen, will meinen Weinbrand trinken, ich wache auf.“

Darin ist sicher mein Ärger über die hiesigen Politpalaver der neuen Zimmerkumpel eingeflossen.

Traurig wie ein Pennäler darüber, daß Schwester Evi bis 13.9. freie Tage hat, verreist, gesprächsweise ihren Freund erwähnt, den sie jetzt besucht (mit hübschem BH angetan). Dies jugendlich-blöde schwärmen wird mir immer zu eigen sein. Evi war heute viel im Zimmer und im Wortgefecht mit allen natürlich, dabei beachtete sie mich nicht. Mein Hoffnungsflämmchen nähre ich daran, daß sie 13.30 nochmal kam, extra zu mir (mit der Kampferflasche) und sich verabschiedete bis 13.9. und ein wenig errötete. Ich wünschte ihr schöne Tage. Was hab ich sonst von ihr? Eine Zusage (wie ernst?) zum Besuch der Sinus-Bar, einen festen schönen Händedruck, ihr freundliches Nachmirschauen als ich vorigen Sonntag allein im Zimmer lag.

14. August 1982 - 20. August 1982 - zweite Woche Krankenhaus

Montag, Februar 11th, 2008

# Die Eintragungen dieser Woche fasse ich zusammen. #

[…]
die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel; ferner Blutanalysen, Reizstrom, Schlammpackungen; Ruhe, Ruhe, festes Liegen.
[…]
Lesen: Zeitungen und Zeitschriften - ND, BZ, Wochenpost
Aitmatow, „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“, Jean Paul, „Flegeljahre“, Homer, „Odyssee“, Lu Xun,
[…]
Viele Gespräche mit den Zimmerkumpeln, Tier-, Armeerlebnisse, Kriminalfälle, Witze, Garten-, Kindheitsstories, Armee-, Russen-, Nachkriegsstories, Fernstudium,

# Ich lag mit 4 bis sechs Mitpatienten im Zimmer. Sie waren (mit einer Ausnahme) Adipositas-Patienten, bis zu 150kg schwer und machten eine vier- bis fünfwöchige ärztlich gesteuerte Abmagerungskur. Ihre einzige Ernährung bestand aus Wasser und Fruchtsaft, sowie einmal am Tag aus irgendeinem Schleim. Sie fuhren täglich (in ärztlicher Begleitung) 20 bis 40 km Fahrrad, machten Gymnastik, Wasser treten und Sauna. Außerdem gab es eine psychologische Beratung (Besprechung von Lebenskonflikten). Sie nahmen im Laufe der vierwöchigen Behandlung mindestens 12 kg ab und konnten auf Wunsch eine Woche verlängern. Alle hatten Ausgang. Nicht alle hielten diese Kur durch. Im Zimmer gab es eine lebhafte bis laute, grimmig-fröhliche Atmosphäre, viel Humor, tolle Menüschilderungen vor dem Einschlafen. Paralell gab es eine weibliche Adipositas-Gruppe. Ich konnte miterleben, wie zwei “Kummerspeckies” zarte Bande knüpften, eine toll erfolgreiche Kur machten und sich tatsächlich dauerhaft verbanden. #

[…]
Gespräch mit der Wirtschaftshilfe Annette, die Epileptikerin ist, 22J., bei den Eltern, kein eigenes Zimmer;
schöner erotischer Tagtraum mit Schwester Evi,
Magenspülung bei einem Zimmerkumpel - “große weiße Wolke”,

14.8.: Die Wunder der Erinnerung: Die süß verträumte Straßenbahnschaffnerin, die ich vor einem Vierteljahrhundert in Gehlsdorf sah.
Die alte Frau, die L. und ich in Helmers trafen, die von ihren beiden gefallenen Söhnen, U-Boot-Fahrern, erzählte.

Schreckliche Bilder von verwundeten Palästinenser-Kindern.
Je älter ich werde, um so weicher werd’ ich zu Kindern, um so mehr lieb’ ich den Frieden und haß’ ich den Krieg. Entsetzliche Ohnmacht gegenüber den israelischen Kriegsverbrechen.

Ziemlich oft Traumwirrnis in den Nächten, buntes Durcheinander, fast nie belastend. Gelange halbwegs gut in den Schlaf. Träume, dass A. sich während eines Krankenbesuchs zu mir ins Bett legt. Träume mir Szenen mit Iris. Solche ablenkenden, doch nicht aufstachelnden Szenen, sind gute Schlafhelfer. Träume einen Krankenbesuch von Heidi.

Gutes Gespräch mit Karl-Heinz Schatte. Er erwähnt, dass die Verlage zum Zwecke des Exports terminologische Zugeständnisse an den Westen machen.

Aus den erzählten Armeeerlebnissen wird spürbar, wie sich der Ton in der Armee mit dem Übergang zur Wehrpflicht anscheinend gewandelt hat (in Richtung auf Drill und Willkür).

Letztendlich Schmerzzunahme durch Reizstrom?

15.8.: Die wiederkehrenden, formelhaften Wendungen der Odyssee:
“und sie hoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle” oder
“als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte” oder
“und sie traten ins Schiff und setzten sich hinauf die Bänke, saßen in Reihen und schlugen die graue Woge mit Rudern”
“Also steuerten wir mit trauriger Seele von dannen, froh der bestandenen Gefahr, doch ohne die lieben Gefährten.”
Solche Wendungen halten den Hörer/Leser wie an einem langen Seil, sind Momente des Vertrauten in diesen Geschichten voll fremdartiger Erlebnisse, sind wie Bekräftigungen des Subjekts, das aus allem Wechsel immer wieder als das Unwandelbarer auftaucht (Vergl. Marx: “Grundrisse” Seite 600).
Zugleich wollen diese Wendungen nicht extra bedeutungsschwer sein, was sie sympathisch macht (Das ist Aitmatow mit seinen Motiv-Sätzen zum Beispiel von den Zügen, die nach Ost und West fahren, nicht so gut gelungen.)
Die vielen Einzelerlebnisse und Gedanken, die in die Odyssee eingegangen sind! Zum Beispiel Elpenors Tod, zum Beispiel X. Gesang, Vers 84/85. Schade, dass man durch Übersetzungen nur ungefähr erfahren kann, wie die Odyssee wirklich ist.

Die größten Kunstwerke haben einen gewissen Objektivismus: Faust, Odyssee, Klim Samgin, Rembrandt.

16.8.: Ziemliche Schmerzen. Es geht weder vorwärts noch rückwärts. Am Tage ist das Befinden besser.

Der 42. - Hälfte des Lebens!

Wieder solche Einzelheit aus der Odyssee: Die Geschenke des Alkinoos für Odysseus (13. Gesang, 14f, 20ff). Höchst charakteristisch:”Lasst uns noch jeden ein groß dreifüßig Geschirr und ein Becken ihm verehren. Wir fordern uns dann vom versammelten Volk wieder Ersatz, denn einen belästigen solche Geschenke” und rührend:
“Aber die heilige Macht Alkinoos legte das alles, selber das Schiff durchgehend, mit Sorgfalt unter die Bänke, dass es die Ruderer nicht an der Arbeit möchte verhindern.”
Oder auch ebenda Vers 30 bis 35. Begeisternde Odyssee!

17.8.: Die Odyssee gipfelt im Blutbad des O. an den Freiern und Mägden, Verstümmelung des Ziegenhirten.
Mein weichliches Herz will daran keinen Gefallen finden. (Es will sich wohl vor den Tatsachen des Lebens drücken.) Gehört es zum Leben, dass auch Leben ausgerottet wird?

Unzweideutige Annonce in der BZ von heute:
“Lustiges Pärchen sucht gleich gesinntes, dass alles mitmacht und genießt, Feiern, FKK und Wasserspiele mag. Wenn ihr denkt wie wir, dann schreibt uns.”

In Granins “Gemälde” beeindruckt mich die dialektische Sicht auf die Figuren. Oftmals lässt der Autor den Leser unmittelbar miterleben, wie sie ihre Meinung ändern, anders werden. Oder er zeigt, wie sie in anderen Beziehungen anderes sind. In diesen Roman geht viel Wissen, sogar Wissenschaft ein, was ich geradezu für ein Merkmal der Kunst der Zukunft halte.
Doch Granin greift nicht direkt ans Herz (wie oftmals Aitmatow).
Alle drei bedeutenden Russen, die ich jetzt las, blicken voller Skepsis auf die Repräsentanten der Gegenwart ihres Landes. Im Grunde ist das die Frage: wie groß ist der Sozialismus wirklich? Die Antwort fällt nicht berauschend aus. Ich finde, wir alle sind auf dem Wege, erst langsam den Sozialismus wirklich zu begreifen. Der Rauch der Kämpfe und der Nebel der Vorstellungen weicht der Realität. Wenn Ursel schreibt, Ute habe wohl noch gar nicht begriffen, was Sozialismus ist, so fängt die wirkliche Frage hier erst an.

18.8.: Der “Schmerzpegel” steigt - nach dem Wohlgefühl im Gefolge des Geburtstags - wieder etwas an.

Anna Seghers meinte zur Plenzdorf-Diskussion, daß Talent etwas Kostbares sei und man sorgsam damit umgehen müsse. Sehr wahr! Diese Sorgfalt ist auch von dem Talent selbst im Umgang mit sich zu verlangen.
Talente, die sich trotz größter Sorgfalt ihre Umwelt selbst zu Grunde richten, wie Wolf Biermann.
Überhaupt dürfte das der häufigste Fall sein, dass Talente aus sich selbst nicht das Bestmögliche machen, aus inneren Gründen. Das Talent wird von eigenen Schwächen gehindert, ein großer Meister zu werden.

Ältere Kranke, die sich als ein einziger Vorwurf an die Welt empfinden. (” Haben wir das verdient?”)
Drum warte nicht darauf, dass dir einstmals mit paradiesischen Wonnen oder auch nur mit Dank “vergolten” wird. Allein auf Vergeltung zu warten, ist schon eine Ungezogenheit.

Der Mensch will persönlich angesprochen werden. Vermisst er dies, sehnt er sich danach. Das merke ich besonders als Kranker. (Bei der Bewertung der Schwestern und Ärzte zählt dies Moment ganz besonders.) Ein starrer demokratischer Zentralismus, wie bei uns, bringt die Tendenz mit sich, statt persönlicher Beziehungen formale aufzubauen.

19.8.: Spekulation: Mir scheint die sozialistische Gesellschaft der DDR bringt eine Unmenge von Mittelmaß hervor. Mittelmaß ist charakteristisch für uns. Vielleicht ist die Tatsache der Existenz und Stabilität dieser Gesellschaft eine solche historische Größe, dass jeder ein Gutteil seiner möglichen, speziellen, persönlichen Größe opfern muss, um jene zu erhalten. Auch die (notwendige) Mauer pfercht uns zusammen. Die einzelne Leistung ist gefesselt, überall, in Wirtschaft, Wissenschaft, Technik, Kunst. Weltspitze sind wir im Sport - ist das nicht der schlagenste Ausdruck unserer Mittelmäßigkeit? (Nur im Fußball, vielleicht die einzige Sportart in der alle um die Spitze ringen, sind wir auch Mittelmaß.)
Der Einzelne bei uns trifft überall Grenzen, muss überall fragen. Wenn er diese Grenzen verinnerlicht hat, schafft er keinen “Wurf” mehr. Wenn er die Grenzen überspringt bricht er sich das Genick (W. Biermann), nicht unbedingt physisch, das heißt, er wird bedeutungslos.
Wie das Leben der Menschen an die Grenzen drängt, darin kocht, zeigen auch Gerichtsberichte, Annoncen, Hobbys (Krankheiten auch).
Du siehst dieses Leben und fragst: “Wofür das alles?” Und antwortest: “Für den Frieden!” (In dieser Frage und Antwort liegt unsere ganze Größe und Tragik beschlossen.)

Wie A. Q. (des Lu Xun) all seine Niederlagen zu Siegen macht, hat viel Ähnlichkeit mit dem Walt (Gotwald Harnisch) von Jean Paul. Natürlich deckt sich diese Ironie nur partiell, und im Grunde sind das völlig verschiedene Gestalten.

20.8.: In den letzten Tagen habe ich nur selten Westrundfunk gehört, kein Westfernsehen, kein “horizont”, “Weltbühne”. Meine Informationsquellen waren fast nur ND und BZ. Dabei schwindet das Gefühl, gut informiert zu sein sehr schnell. Nein, der Informationsgehalt dieser Organe ist sehr ausgesucht, auf wenige Themen beschränkt, die in zweckbewusster Weise dargestellt werden. So entsteht bald das Gefühl, schon Bekanntes wieder zu lesen und daraus entsteht Desinteresse. Keine gute, keine freie Informationspolitik (in dem Sinne, wie Lunatscharski über Lenins Auffassung dazu berichtet), keine konkrete, keine komplexe, keine dialektische, ungenügend historische Information, und natürlich auch nicht genügend anschaulich und “menschlich”.

In der Wochenpost ist ein Interview mit dem Stabschef Generalmajor Stechbarth. Darin wird auch erwähnt, was er liest (in seiner Freizeit): Tschakowski, “Die Blockade”, Memoiren von Heerführern, Biografie Honeckers, Bastian, “Gewalt und Zärtlichkeit”, irgendeinen Roman über die NVA. Also mit anderen Worten (gemessen an Lenins Worten, dass die Kommunisten sich die Schätze der ganzen Menschheit aneignen müssen) ein Analphabet. Die erdrückende Mehrheit unserer politischen Führer ist in diesem Sinne nach meiner Überzeugung Analphabet.

03. August 1982 - Die Schmerzen lassen mir immer weniger Spielraum

Dienstag, Februar 5th, 2008


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Lesen: Trifonow, “Der Alte”,
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Kann mir jetzt vorstellen, wie es ist, wenn man nicht mehr aufstehen kann. Und kann mir auch vorstellen, wie es ist, wenn man keine Lage mehr ohne starke Schmerzen hat.
Heut morgen hat sich alles beruhigt. Ich bewege mich vorsichtig und melde mich vom Reizstrom ab.

Geträumt habe ich auch, irgendwie tauchte dabei auch Minister Kersten auf und brüskierte mich.

Plötzlich sind die starken, von “LWS” ausgehenden Schmerzen des gestrigen Abends wieder da. Dann ziehen sie sich langsam wieder zurück.

19. Juli 1982 - Ein Hundewelpen und Feigheit

Donnerstag, Januar 31st, 2008

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Lesen: Burchard Brentjes:”Die Söhne Ismaels”
Ich reime: “horizontal”
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große Traumszenen, Traumflächen, Fahre mit Vati im alten DKW eine neugebaute Autobahn nach Eisenach, ein himmelsteiles Stück dabei, dass wir aber bewältigen.

Diskussion zur Kollektivarbeit.
Das alles lenkt mich von der Selbstbschäftigung ab, und ich fühle mich nachher viel besser als vorher. Bin ich nun wirklich so krank oder ist vieles davon eine ungute Selbstfixierung? (Die Taubheitsgefühle bleiben “zuverlässig”, die Schmerzgefühle sind sehr wandelbar.)

Habe G. nicht den Satz gesagt, dass ich mich entschuldige, seinen persönlichen Baustofftransporter für meine Behandlungstermine beansprucht zu haben. Habe gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Aus Feigheit? Passte es nicht zur Situation? Bin mir selbst nicht gut deswegen.

Peter Schwarzbach schickt ein Hundewelpen in unserer Wohnung. Ausgehend von Vroni läuft es über die Stationen Jakob - L. - Schwarzbach/Jakob - L. - Gerhard - Christine -L. - Balko - L. Keiner will es haben. Vroni hatte schonmal vor Jahren einige Küken ihrem Vergnügen geopfert.
Alle sind sehr für ländliche Romantik. Nur praktisch darfst nicht werden (L. nehme ich davon aus.)

18. Juli 1982 - Burchard Brentjes, Hans Mottek

Donnerstag, Januar 31st, 2008


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Lesen: Burchard Brentjes:”Völker am Jordan”
Hören: SFB III, Brechts Verhöre in den USA, Nordsee Verschmutzung
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Viel geträumt in der Nacht. Große ausgedehnte Szenarien, Fahren mit Rolf, erst Auto, dann Motorrad, in der Dunkelheit unter konspirativen Bedingungen, große Auseinandersetzungsszene zum Ende des Lehrgangs mit G. Habe keine Lust, mehr davon aufzuschreiben.
Fühle mich wieder schlechter, das Bein brennt. Die Taubheit erfasst alle 4 Zehen und den großen Onkel halb. Ob das von den Bädern und Einreibungen kommt? Das Warten und machtlose Registrieren nervt.

Das Buch von Brentjes entrollt ein großes Panorama. Ich erfahre von Kulturblüten, von denen ich nach wie vor viel zu wenig weiß. Das mal selbst erleben!

# Hier ist eine der seltenen Stellen, wo ich mal eingestehe, daß ich gern reisen würde. Die Felsenstadt Petra, von der Brentjes berichtet, hatte meine Phantasie  angeregt. Allerdings habe ich diese Reise bis heute nicht unternommen. #

Goethe, “West - östlicher Diwan”! Es ist ungemein befreiend, mal über unseren griechisch - römischen Kulturkreis hinaus etwas zu erfahren.
Jetzt hat es für mich einen Inhalt bekommen, wenn Motteks Schwester sagte, Begin sei ein Mystiker. Danach sieht tatsächlich die vorsätzliche Schreckenstat von Dar Yasin aus, die jetzige Blockade Westbeiruts hat etwas davon; ein imperialistischer Politiker, der zugleich in einem historischen Wahn handelt, darin Hitler ähnlich.

# Zu Prof. Dr. Hans Mottek siehe hier. L. hatte den Auftrag für ein Portät von Hans Mottek. Wir blieben darüber hinaus in freundschaftlichem Kontakt. Seine Schwester lebte in Israel. Wir lernten sie bei einem ihrer häufigen Besuche in der DDR kennen und tauschten natürlich intensiv unsere Meinungen aus. #

Borniertheit, Unwissen; Verachtung, nur weil etwas anders ist (die Bauarbeiter und der Barfuß-Mann am U-Bahnhof Thälmann Platz). Das materielle/politische Interesse und nicht die Einsicht!

13. Juli 1982 - Zusammensein mit F.

Montag, Januar 28th, 2008


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Lesen: Musil, “der Mann ohne Eigenschaften”
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Die Versicherungstante gestern kam in Begleitung einer munteren, sehr jungen, dreisten Frau, ihrer Nachfolgerin? Fast noch knabenhafte Figur, sehr rote volle Lippen, dunkle lebhafte Augen, ein schönes Modell.

Viel geschlafen und viel geträumt in der Nacht. (Die ausgiebigen Träume bezogen sich auf das Zusammensein mit dem Lehrgang, ich war neuer Student in der Sowjetunion, Studentenheim, viele Leute) Woher so viel Schlaf? Erschöpfung vom Heimweg vom HdM und von der F. - Versorgung?

# HdM = “Haus der Ministerien”, in der dortigen Physiotherapie fanden meine Behandlungen statt. #

F. gestern Abend ist dreimal aufgestanden. War offensichtlich von der Gartentour stark beansprucht, müde und zapplig. Beim dritten Mal ließ ich ihn eine halbe Stunde neben mir liegen. Das war sehr schön! Wir pusten uns an. Er schmiegt sich an, kräuselt die Nase. Und immer wieder (auf das Aktfoto am Regal weisend):”Die Oma ist nackigt.” Sie hat Haare, Augen, Nase, Mund, “ist nackigt”. Drei-, viermal stellte er fest, dass die Oma nackigt sei (mit einem besonderen Ausdruck, Verschämtheit?).
Am Morgen hatte ich ihm gleich Stift und Papier geschenkt:”schrieben, Mama”. Mama entdeckt er auch auf dem Bild über meiner Tür, ich sage ihm, dass Sie bald wiederkommt. Sonst ist aber von ihr nie die Rede.