Mit dem Ausnahmezustand in Polen werden auch frühere Parteifunktionäre interniert. Wird man sie ordentlich öffentlich vor Gericht stellen?
Dieser Einfluß der Konterrevolution auf ein ganzes Volk war nur möglich durch Unfähigkeit und Machtmißbrauch der verantwortlichen Funktionäre, der offensichtlich bis zur teilweisen Zerstörung der Partei ging.
Jede Partei, jeder Genosse, auch bei uns, auch ich, muß ständig wachsam sein und gegen “Verbiegungen des Machtgebrauchs” jederzeit auftreten (so z. B., wenn Günther seinen Geburtstag z. T. aus FDGB- oder K- und S-Geldern finanziert). (Günther war mein Chef; FDGB-Gelder - ein Teil der Gewerkschaftsbeiträge, die dem Arbeitskollektiv zur Verfügung blieben; K- und S-Gelder - Mittel des staatlichen Kultur- und Sozialfonds.)
Wir müssen jederzeit in dem Bewußtsein handeln, der letzte Souverän ist das Volk, das Volk in seiner Struktur Arbeiterklasse, Bauernklasse, Intelligenz und andere Verbündete. Jede Regierung ist nur beauftragt, jeder Funktionär ist nur Beauftragter. Das Volk muß seine Souveränität jederzeit ausüben, öffentlich zum Ausdruck bringen, seine Beauftragten kontrollieren. Wir sind weit von diesem Zustand entfernt, obwohl wir ihn formal erklären. Und das ist das größte Hemmnis für eine höhere Attraktivität unseres Systems.
Für Ursel habe ich einige Zitate über das Alter zusammengetragen. Liegt es an den Denkern oder an der Auswahl ihrer Äußerungen? - Es wird kaum bedacht, wie verschieden Alter in verschiedenen Gesellschaften, zu verschiedenen Zeiten, für verschiedene Klassenindividuen ist. Fast alle reden über das Alter nur als über ein bloß individuelles Schicksal.
Im D-Zug mir gegenüber ein junges Ehepaar mit 6-jährigem Kind. Eine Fülle dressierender Einwirkungen aber ein Minimum an wirklicher Zuwendung zu diesem eigenen Wesen. Warum nur? Die Menschen scheinen dazu erzogen, die Individualität zu mißachten, ihre eigene und die ihrer Kinder und anderer Menschen. Diese Erziehung, die natürlich im Grunde aussichtslos ist, zeigt eine gewisse Wirkung.
Warum werden in unserer Gesellschaft die eigentlich vorhandenen Möglichkeiten so wenig wirksam? Unser ganzes Leben in der heutigen Zeit ist vom Antagonismus der Welt erdrückt. Jeder Versuch, ein beliebiges Problem des Lebens zu verstehen ist hoffnungslos, wenn er nicht ganz bewußt von diesem Antagonismus ausgeht. Es ist dies der tiefste, schärfste, unerträglichste Antagonismus, den es je gegeben hat, seit die Menschheit existiert. Er wird, historisch gesehen, in einer rasanten Entwicklung gelöst. Jedoch aus der Sicht meines individuellen Alltagslebens wird er fast gar nicht gelöst, muß einfach ertragen werden. Der (fast) hoffnungslose Zwang, das Unerträglichste ertragen zu müssen - das bringt unvermeidlich Züge, ja sehr starke Züge, erschreckende Züge des Widersinns, ja des Wahnsinns in unser tägliches Leben, in jede, auch unsere intimste Verrichtung.
Aus der Einsicht in den Antagonismus erwächst meine Bereitschaft, unvollkommen, deformiert zu bleiben. Ich verzichte bewußt im Interesse „der Sache“, in meinem Lebensinteresse. Aber das notwendige Verzichten richtig zu bestimmen, ist sehr schwer. 80% des als notwendiger Verzicht Geforderten (von wem eigentlich?) sind nicht berechtigt.
Die “grüne Kritik” an den Gebrechen “der Zeit”, die keineswegs nur von den Grünen vorgebracht wird, muß an einer Stelle gepackt werden: Sie versteht nicht (wenn sie ihn nicht ganz unterschlägt) den Antagonismus in unserer Zeit.
Die denkbaren Beziehungen der Übereinstimmung/Nichtübereinstimmung von Individuum und Gesellschaft:
1. Das I. als Schrittmacher gegenüber der G.- Es lebt ständig mit dem Widerspruch noch nicht verstanden zu werden.
2. Das I. als rückständig gegenüber der G. - Es wird ständig getriezt, sich zu entwickeln, zu verändern.
In beiden Fällen erlebt das I. sich selbst als etwas Besonderes.
3. Das I. in ständiger Übereinstimmung mit der G. - Es muß sich ständig (manchmal unmerklich) anpassen. Es erlebt (problematisiert) sich überhaupt nicht als Individuum, genauer gesagt als soziales (sozial bedeutsames) Individuum, sondern vor allem als biologisches (Trinken, Essen, Ficken, Wohnen).