Archive for Juni, 2007

07. Februar 1982 - Bildbetrachtung

Samstag, Juni 30th, 2007

Bilder anschauen:

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In der Mitte breitbeinig und die Hände vorm Geschlechtsteil verschränkt (wie es einst „Arturo Ui“ einübte) steht die Macht. Sie schweigt. Sie nimmt Erklärungen entgegen. Sie scheint leidlich zufrieden. Weiß Du, was sie denkt? Unmut möchte ich aus diesem Mund nicht erfahren.
Links die Ko-Macht. Befehlsgewohnt auch sie, doch jetzt im Schatten eines Größeren.
Rechts die beiden Gehilfen. Der eine scheint, noch während er spricht, daran zu denken, wie er noch beflissener aussehen kann. „Stillgestanden“ ist immer gut. Bin ich im richtigen Augenblick devot, kann ich die Anderen später umso besser an die Kandare nehmen.
Daneben steht Gehilfe Pfiffikus „Hab Acht“. Im Moment heißt’s Schweigen, doch er wird die Lücke nicht verpassen, in die er - einem Gummiball gleich - hineinhopsen wird, vielleicht um Gehilfen Stramm den Rücken zu stärken, vielleicht um ihn in den Rücken zu treten oder beides.
Dahinter drängen sich dienstbare Geister. Du kannst sicher sein, daß ihnen kein Wort dieses historischen Augenblicks entgeht. Doch was heißt „entgeht“. Die Gehirn-Computer rasseln, Tatsachen werden registriert, Erklärungen gewogen, Varianten abgeschätzt, Strategien modifiziert, Interessen bedacht - denn sie alle kennen den Mund ihrer Macht.

Keinen dieser Leute hast Du jemals in der Straßenbahn gesehen oder beim Anstehen in der Kaufhalle nach einem leeren Korb oder beim Nachfragen nach den vor langer Zeit bestellten 10 Sack Zement oder in der Mehrzweckgaststätte beim Mittagessen oder im FDGB-Ferienheim oder beim Festival des politischen Liedes.
Doch sei nicht ungerecht und blind in Deiner Abneigung. Vertraust Du nicht gern dem Aussehen dieser Mächtigen, dann vertrau’ doch ihrem Problem. Um Äpfel geht es ja, um Früchte Dir zu Gesundheit und Genuß, auf daß Du nicht ungehalten knurrst. Nicht Köpfe werden verhandelt, nicht Rücken gekrümmt, Dein Wohlleben wird organisiert. Und nur zufällig bist Du gerade nicht anwesend..

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Auch auf der anderen Seite bist Du zufällig nicht ins Bild gekommen. Ja, genau genommen bist Du froh darüber, Du mit Deinem Kartoffelleib und Schlenkergang. Die können besser die Zähne blecken. Und sie tun es ja für Dich.

Bleib nur draußen Du Köter, dann kannst Du alles von uns haben! Hier greif meine schlampigen Brüste, trotzdem nicht übel, wie? Halt die Ohren steif, ich kann noch viel mehr. Da, laß die Hand über meinen blanken Schenkel gleiten; ha, Du Triefmaul, wie Du Deine Fingerspitzen unter mein Höschen schiebst; lustig, daß Dein Atem so stoßweise geht. Wenn Du Dich anstrengst…
Blendende Zähne mußt Du haben, behaarte Arme, einige Sprays…. Ja, ja und einen weißen Anzug spar ich mir, und dann hab’ ich’s geschafft, dann will ich nur noch genießen, dieses kurze Leben.
Und keiner rede mir ein, ich sei nicht auf diesem Bild!

 

06. Februar 1982

Freitag, Juni 29th, 2007

8.00 Wecken, F. versorgt, 4 Waschmaschinen gewaschen, Kokosläufer geklopft, Plakate im Treppenhaus angebracht, L.s Nähmaschine in Gang gesetzt, L. kochte herrlichen Eintopf und buk Apfeltorte.

gestern gekauft: Reclam: „Deutscher Renaissancehumanismus“ und Lessing: „Die Aber kosten Überlegung“.

Die Eindrücke von gestern waren:
- Heimfried erzählte so bildhaft aus seinem Betrieb, Mathias-Thesen Werft
- die Mocambique-Ausstellung
- Margots Brief
- Henry Miller

Heimfried erzählte davon, wie sie den Fahrer eines Tanklastzugs aus Westdeutschland, der Öl für die Schiffsmotoren brachte, angeführt haben: „Die haben doch nur so ein Kurzvisum, müssen am selben Abend zurück. Doll sehen sie ja aus, diese Tanklastzüge, aber mit ihren Pumpen ist es nicht so weit her. Einem haben sie ganz schön angst gemacht:
Das schaffst Du nie mit Deiner Pumpe (Es muß einige Meter hochgepumpt werden, da kommt bloß noch ein fingerdicker Strahl.) Da werden sie Dich wohl an der Grenze gleich hochziehen…. Wir haben ja ‘ne richtige Pumpe…..Weißt Du, da lang und da rum ist ein Intershop…. Wenn Du willst, lutschen wir Dir Dein Ding gleich aus. Deine (Pumpe), die macht doch bloß so im Saft rum….
Noch in derselben Schicht war der Lastzug leer. Ich sagte bloß den Jungens, sie sollen sich nicht an Bord blicken lassen, und den Rest der Schicht saßen sie bei ihrer Pulle im Waschraum.“

Die Ausstellung von Mocambique ist beeindruckend. In ihren besten Sachen ist unverfälschte und bedeutende Volkskunst zu sehen und zwar sowohl in den aus einem Stück Sandel- oder Ebenholz geschnitzten Plastiken, als auch in der Malerei, die traditionell fast nur gelb, braun, schwarz (Material aus Termitenhaufen) kennt, heute aber auch kühne Farben einsetzt.
Handwerkliches Können! Expressivität, jedoch nicht als Pose oder bloßes Kunstmittel, sondern als Lebensausdruck (z. B. Gemälde „Verteidigung der Familie“, „1. Mai“, „Nach dem Krieg“, Skulptur „Geburt“, großes Holzrelief u.v.a. Arbeiten).
Diese Ausstellung gehört zu den bedeutendsten der letzten Jahre in Berlin. Und: Eine der seltenen Ausstellungen, die mich allein schon durch ihr Plakat zum Besuch bewogen.
Kraftvolle Parteinahme, man spürt, die Künstler bzw. Künste sind inmitten, sind Bestandteil der dort geführten Kämpfe. Auch einige mehr Genreszenen, z. B. „Wasserträgerinnen“, „Auf dem Weg zum Markt“, „Alphabetisation“.

Zeitweilig schloß ich mich einer Führung durch einen dicken Mocambiquaner an:
Er weist auf die immer wieder dargestellten großen Brüste der Frauen hin, lacht, verschmitzt, genießerisch, etwas fettig. Das rege an. Er sieht sich um - keine fröhliche Zustimmung aus der Gruppe (viele junge Frauen, Mädchen dabei). Er bekräftigt: Ja, wenn so was z. B. in der Literatur dargestellt sei, das rege ihn an.
Es gab nicht gerade ein peinliches Schweigen, nur eine gewisse Reglosigkeit.
Bei uns denkt man so etwas, tut man so etwas, aber öffentlich äußern - das tut man nicht.

Von Anfang bis Ende aber tut das Henry Miller. „Wendekreis des Krebses“ - das „schlimme Buch“, nun auch mir bekannt. Ich bin, nachdem ich gerade einiger seiner Erzählungen gelesen hatte, ziemlich enttäuscht. Manches, was Wert hat, habe ich vielleicht aus Eile nicht gefunden Aber im Ganzen gilt doch: Seine Philosophie des einsamen Menschen, des leidenden, natürlichen Menschen ist auch in diesen Erzählungen. Die künstlerische Kraft, Ursprünglichkeit, Bildhaftigkeit schien mir in ihnen stärker. Am meisten enttäuscht bin ich über das rüde Sexualgetöne; wo ich menschliche Erotik erwartet hatte, natürlich direkt, natürlich kraß, meinetwegen obszön aber doch genau und differenziert, da gab es viel Sexualgeschwätz und -radau und großmäulig bornierte Einseitigkeit.

Weitergelesen in Knoblochs „Moses“, einem Buch, das ganz auf die sanfte Gewalt der Tatsachen und der Vernunft baut.
Das „Gift“ der Aufklärung in unserer Zeit!
Der englische Botschafter schreibt 1776 über Friedrichs Untertanen: Sie „sind meist arm, eitel, unwissend und ohne Grundsätze. Wären sie reich, dann hätte der König seinen Adel nimmermehr dazu vermocht, mit Eifer und Leidenschaft als Subaltern-Offizier zu dienen… Ihre Unwissenheit erstickt in ihnen jede Vorstellung von Freiheit und Widerspruch, und ihre Grundsatzlosigkeit macht sie zu willigen Werkzeugen, die jeden beliebigen Befehl ausführen, ohne zu überlegen, ob der Befehl sich rechtfertigen läßt oder nicht.“ (S. 244).

Knobloch selbst zieht die Parallele zur Gegenwart, die mir sofort in die Gedanken kam:

Im Jugendmagazin „Neues Leben“ 2/82 gibt es ein Interview mit Prof. H.-D. Schmidt (dem ich meine Äußerung zu seinem Buch „Entwicklungswunder Mensch“, nun, da sie nicht gedruckt wird, zusenden möchte), in dem es um seine Gutachtertätigkeit beim Majdanek-Prozeß geht:

Prof. H-D. Schmidt

Sind das nicht fast wörtlich die gleichen Begriffe, wie 1776 beim Eff Zwo?

Und welches Ergebnis kommt heraus, wenn wir mit diesen Kriterien manchen messen, der bei uns Karriere machen kann?
Was wir als unseren Alltag erleben - grundsätzlich historisch, theoretisch wichtig nehmen - das ist das Neue in meinem Suchen und Mühen, etwas zu verstehen.

Die Gegenwart hat mehr Gewicht und steht höher als Absichten und Erklärungen von gestern.
Den Tatsachen das Gesicht zu!
Nachdenken, ohne die Antworten schon vorher zu wissen! (Auch deshalb diese Protokolle.)

Wie sehr gleicht unser Leben (im realen Sozialismus) jedem früheren Leben:
„O Jahrhundert! O Wissenschaft! Es ist eine Lust zu leben, wenn man auch nicht ausruhen darf… Die Studien blühen auf, die Geister regen sich. He, du, Barbarei, nimm einen Strick und erwarte deine Verbannung.“ (U. v. Hutten, 25. 10. 1518)

Ebenfalls denke ich an Puschkins „Den Kameraden“ (Poesiealbum 169, S. 3f).

Das Gedicht hatte ich nicht fürs Protokoll abgeschrieben. Es findet sich jetzt hier:http://opablog.twoday.net/stories/4015330/

 

05. Februar 1982

Donnerstag, Juni 28th, 2007

5.30 Uhr, 2 Öfen, 7.00 Uhr 1 Std. ND, Poesiealbum „A. Puschkin“, das mich sofort ganz direkt anspricht.

Über die Edition der Poesiealben in der DDR habe ich hier geschrieben:
http://opablog.twoday.net/stories/2875404/

Gespräch mit H. über Kindererziehung.
Jetzt habe ich meine Arbeitspapiere als Wall um mich herum aufgebaut und widme mich dem Protokollieren:
Belkius Frau („Alex“) spricht über Herbert Fischer genauso negierend, wie er über sie. Würde man immer nur den Einen hören, könnte man ihm jeweils beipflichten. (Wie wenig Objektives enthalten also diese Äußerungen!) Nur als ich nach Gerd (Belkius) fragte, fragte, ob er noch (internationale) Volkslieder im Rundfunk mache und Alex mit geradezu herzgefrierender Abscheu antwortete: „Er macht doch nicht nur Volkslieder! Er macht die
ganze internationale Musik, Gerd und nur Volkslieder…!!“, da kam der widerwärtige Hochmut dieser Frau zum Ausdruck. Im übrigen sagte sie, sie habe jetzt „Blut geleckt“, wolle Regie-Assistenz machen, beim Fernsehen oder woanders. Vorher will sie aber dem Herbert, dem Alkoholiker, einen Denkzettel verpassen.

Manche Frauen, wenn sie sich zum Haß entschließen, sind dann undurchdringlich, seelenlos wie Stein und systematisch, wie ein Schreitbagger (Alex, meine Ex-Gattin, solche Züge auch bei Margot).

Das Dorow-Erlebnis bis jetzt:
- wie schon gesagt, die erotische Komponente. In schwülen Träumen habe ich mir vorgestellt, mit ihr zu vögeln.
- genauso aber auch die Lust auf’s Abenteuerliche, auf die Eskapade, sich mit einer Frau zu treffen, die ich bisher nie gesehen habe, nur einige lose Worte am Telefon gewechselt. Die Lust, jemand anderen kennenzulernen, sich vor ihm zu spreizen, auch, Vorstellung und Wirklichkeit zu vergleichen.
- zugleich tickt das Gewissen. Was ich L. damit zumute, möchte ich von ihr nicht zugemutet kriegen (werde es aber ertragen, und wenn ich mich selbst fesseln müßte).
- nachdem sie nicht kam: Registrieren des Unerwarteten, ich belächle mich selbst (und das nicht gequält, denn diese Wendung gehörte zu den Spielbedingungen) und freue mich, daß ich 30,- oder 40,- M gepart habe und somit meine angespannten Sparpläne für diesen Monat doch halbwegs einhalten kann.
- Wie gehts weiter? Wahrscheinlich ruft sie bald mal an (?) Ich rufe nicht an (nicht aus Gnatz). Irgendwann schreib’ ich ihr eine Karte. Wie wärs denn mit einem Verslein:
„Ein Männlein steht am Bahnhof
und friert bald ein.
Es wartet auf das Dorchen,
au, das wird fein!
Sag, wer mag das Männlein sein,
das auf Weiberlist viel rein?
War voll Mut und Glauben -
doch alles Schein.“

So habe ich jetzt 1/2 Stunde Protokoll geschrieben, während meine Genossen alle verbissen darum ringen, den NSW-Export zu katapultieren oder so.

„NSW“ = „nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet“, der Export dorthin bedeutete Erlös von „harter Währung“. Ihn zu steigern war ein dauendes „Kampfziel“ des Schwermaschinen- und Anlagenbaus.

Wahrscheinlich bin ich von Dekadenz, von Renegatentum erfaßt; auch einer eventuell in’s Haus stehenden Auszeichnung nach Abwägung aller Umstände (z. B. mein Artikel in der „Weltbühne“) nicht würdig.


Jedoch Spaß beiseite: Die Wichtigkeit des Protokollierens muß ich mehr begreifen, mir schrittweise theoretische Voraussetzungen erarbeiten; es gibt die Möglichkeit, damit etwas zusammenzutragen, zu sichern.

2 1/2 Std. „Aus- und Weiterbildung….“, viele Anregungen zur Formung des Lehrgangs.
1 1/2 Std. Ausstellung „Berliner Atelier“ der Kunsthandwerker sowie „Malerei und Kunsthandwerk aus Mocambique“.
„Wendekreis des Krebses“ von C. D. ausgeliehen.

 

04. Februar 1982

Mittwoch, Juni 27th, 2007

Warum nicht auch Texte und Bilder, die mich beeindruckten, in dieses Buch?

5.30 Wecken, 2 Öfen, 6.10 Straßenbahn, (Eule), 7 Uhr Arbeit, 1 Std. ND, Eule
Disput mit KD über Passagen aus der Rede von G. Marchais.
21/2 Std. Resumee Kreativitätstraining Schmidt. Dazu 4 Seiten geschrieben, die wichtig für den 30. Lehrgang sind und darüber hinaus.
1 Std. „Aus- und Weiterbildung sozialistischer Leiter“, Berlin 1981, (Autorenkollektiv H. Richter)
Hier gibt s direkte Anregungen zur Rationalisierung unserer ZF-Lehrgänge.

mittags 1,50 M Spiegelei mit Champignons und

Ausstellung von Toni Mau in der „Galerie unter den Linden“, manche der Arbeiten haben mir gut gefallen, sowohl frühere als auch aus der letzten Zeit. In den frühen findet sich oft eine Gläubigkeit bis zur (optimistischen) Sentimentalität, in den späteren Ungläubigkeit, das Aufgeben der Hoffnung, den Konflikt durchdringen zu können; Anstarren bzw. Beschwören der Drohung. Es ist aber viel Ehrlichkeit und Ernst dahinter, und in den besten Sachen auch Originalität. Siebdruck „Felslandschaft“ hätte ich für 133,-M kaufen können. Habe geschwankt aber gemessen an meinen knappen Geldmitteln war das Blatt doch nicht stark genug.

weiter 11/2 Stunden Buch von H. Richter, dann Besuch (mit kleiner Flasche Korn), von Dr. G, früherer Lehrgangsteilnehmer. (Diskussion über freischaffende Künstler bei uns/ angestellte Künstler in der Sowjetunion).

16.45 Uhr 1/2 Stunde auf Dorow, die Schlange, gewartet.
1/2 Std. Ausstellung Hegewald im Tip angeschaut.

F. versorgt, wieder an L.s Lithos von F. erfreut.

Ein wenig gelesen in „Herr Moses in Berlin“. Diesmal haben mich die Ermahnungen/Hinweisungen von Knbloch gestört.
21 Uhr Bett, mindestens 1 Std. wach gelegen, Selbstbefriedigung,
Nachdenken über die Frau von Belkius, die ich traf und über das Dorow-Erlebnis.

 

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03. Februar 1982

Dienstag, Juni 26th, 2007

5.30 Wecken, Heizen 2 Öfen, 6.10 Uhr 20 min Fußweg,7.00 Arbeit, 1 Std. Zeitung (ND, Eule), 8-10 Uhr Lektüre, J. Schmidt/Alberg,

Anruf von Dorow, das beginnende D-Abenteuer belebt mich (Ich überhöre leise Skrupel.) 10-12 Uhr 5. Versuch Nähmaschine kaufen, mit Erfolg, 722,-Mark 20 min Mittagsweg, 0,70 M Wurstgulasch,

21/2 Stunden weiter Schmidt/Alberg, bis zu Ende. Der Artikel hat mir einen klaren theoretischen Zugang zum Kreativitätstraining erschlossen, mein theoretisches Gewissen in dieser Frage geweckt. Morgen als erstes werde ich ihn wiederholen und Schlußfolgerungen für meine Arbeit, sowie abgeleitete theoretische Fragen aufschreiben.
Vorgemerkt sind weitere Artikel aus dieser Vorwerg-Brochüre („Selbstkontrolle“, von Vorwerg), die ich noch vor dem Trainerlehgrgang aufnehme.

20 min Fußweg zum HdM.

HdM- „Haus der Ministerien“ - Sitz der meisten DDR-Industrieministerien, vormals Görings Reichsluftfahrtministerium, nachmals Sitz der Treuhandanstalt.

In diesem Haus hatte ich oft zu tun: Meine Arbeitsstelle zur Heranbildung von Führungskadern im Schwermaschinen- und Anlagenbau (ZF) war zwar juristisch selbständig, in ihrer inhaltlichen Ausrichtung aber natürlich auf die enge Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Schwermaschinen- und Anlagenbau (MSAB) angewiesen. Außerdem war auf Ebene der Partei und der Gewerkschaft unsere kleine Einrichtung den betreffenden Organisationsstrukturen des MSAB angeschlossen.)

Nachher noch Sitzung der Kulturfunktionäre, danach Abholung der Nähmaschine vom Centrum-Warenhaus.
1 Std. „Kulturfunktionäre“, (Bürokratie)
18 Uhr zu Hause, Kinder von Fränze, dann Fränze, Lomas (mit Sohn Peter), ihr Kinder- und Familienglück.

Zur Nähmaschine sagt L. mißbilligend: “Die wollte ich doch im Intershop kaufen.“

Wenn ich F. zu Bett bringe, ist es immer ein deutlich hörbarer und angenehmer Augenblick, wenn er auf Schlafen „umschaltet“. Das ganze Zubettbringen, beginnend mit dem Waschen, ist ja ohnehin ein ziemlich stabiler Ritus. Wenn er dann schon liegt, meine letzten beruhigenden Worte kommen, und ich beginne zum Schlafen zu singen, dann hat er das „Schninki-Ohr“ gepackt, dreht sich seitlich, und in sein Nuckeln mischt sich ein schnarchartiges Geräusch. Dann weiß ich, daß er den Frieden der Nacht vor sich spürt.

L.s Schwierigkeit zärtlich zu sein. Wahrscheinlich würde sie sich andernfalls ganz wehrlos machen, vielleicht sogar ihre Aktivität, sogar ihr Leben töten. Ich brauche zutiefst eine derart maßstabsetzende Frau. Jedoch mein Bedürfnis nach zärtlichem und wärmendem Spiel bleibt unbefriedigt. Ich möchte es im spielerischen Umgang mit Freundinnen erleben, jedoch ohne L. allzu sehr zu schaden.

L. hat zwei Lithos von F. gemacht, beide sind ähnlich und doch ganz verschieden und sehr, sehr gut.

In Nr.? des „Sonntag“, als Titel, war eine Radierung der Quevedo. Meine Erwartung, diese Künstlerin persönlich kennen zu lernen, wächst zu einem Punkt, an dem ich die Initiative ergreife. Vielleicht gibt die Goltzsche-Ausstellung am 17.2. dazu sogar einen zufälligen Anlaß.

Morgen, wie angekündigt, der Artikel über Selbstkontolle. Vielleicht gibt er mir einige Hinweise zur Verbesserung dieser Aufzeichnungen.
Alle
objektiven Daten müßten so knapp, konkret, weitgehend schematisiert wie nur irgend möglich erfaßt werden.
Die
subjektiven Daten müßten nach irgend welchen (aber nach welchen?) Kriterien geordnet werden. (Ordnung in der ein theoretischer Geist waltet und zugleich dem Leben abgelauscht.)
Wenn ich z. B. beantworten sollte: Was war heute mein wichtigstes Erlebnis? so fällt mir dies ungeheuer schwer.
Gebe ich den allerersten, blitzartigen Einfall an? So war es der Anruf von Dorow, um sich unseres morgigen Treffens zu versichern, der mich sofort in eine kräftige, gleichsam triumphierende sexuelle Erregung versetzte.

Besinne ich mich einen Augenblick länger, so kann ich nicht unterschlagen: Meine Empfindungen beim Blick auf ein Bild im ND von den Opfern eines Massakers in El Salvador (Wie flüssig solch Begriff wie „Massaker“ aus der Feder fließt!)

Auch die Empfindungen beim Stehen in der Schlange für die Nähmaschine, diese Spannung: Reicht es, reicht es nicht?, die einen eigentlich zum Herdenvieh macht, waren wichtig.
Wichtig als kalte Dusche, obwohl nicht prägend, auch L.s Reaktion auf die Nähmaschine.
Schön auch die Wahrnehmung des (präsentierten) Lomasschen Mutter- und Familienglücks.

Meine Studien der Texte zum Kreativitätstraining kann ich hier nicht direkt zählen. Das war mehr Begriffenes, weniger Erlebtes, obwohl auch dieses keineswegs fehlte.
Das werde ich morgen als Erstes machen: Resümieren, was ich begriffen habe und was dabei und wie geistiges Erlebnis wird.

Das war 1 Std. Protokoll, 22 Uhr Gute Nacht!

An dieser Stelle meiner Aufzeichnungen habe ich begonnen, Bilder und kleine Texte einzukleben. Meist sind es Zufallsfundstücke des Tages, oft besondere Perlen aus unserem realsozialistischen Alttag. Mitunter haben sie direkten Bezug zu dem, was ich schreibe, oft aber nicht.

Ein „besonders Kapitel“ sind Aktfotografien. Wahrscheinlich mein ständig waches erotisches Interesse (zu dem ich mich bekennen wollte), veranlaßte mich, alle mir greifbaren erotischen Abbildungen hier zu verewigen

Eine Fundstück aus dem “Eulenspiegel” 4/1982

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Allmonatlich brachte „die Eule“ eine Sonderseite, „Funzel“ genannt, auf der sich regelmäßig ein, zwei Nackedeis befanden, wie z.B. diese züchtige Dame.

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Und hier ein Kalenderspruch:

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02. Februar 1982

Samstag, Juni 2nd, 2007

5.15 Wecken, Heizen, 6.10 Straßenbahn, 7.00 Arbeit, 11/2 Std. Zeitung (ND, „horizont“), 1/2 Std. Informationslesen „heureka“, Bln 1981, von Mehlhorn/Mehlhorn.

Zum Tagebuch/Protokollieren:
Die in der vorliegenden Weise nicht zu bändigende Fülle bringt mich auf folgende Unterteilung dieser Aufzeichnungen in verschiedene Kategorien:
Zeitverläufe; Geldaufwendungen; körperliche Betätigungen; Erleben; Denken; Schlüsse/Ziele/Aufgaben. Ist das ein möglicher Weg?
Solche Fragen: Warum etwas getan? Welche Goldkörner gefunden? Mit wem Kontakt gehabt? Was war wichtig?

21/2 Std. Helm gelesen (Vergl 1.2.82), 1 Std. Lehrgangsgespräch, 1 Std. Exkursionsvorbereitung für 30. Lehrgang. 1 Std. Protokollband II der “Kritischen Psychologie” gesichtet, für mich zu allgemein.

4. Versuch Nähmaschine, 1. Versuch Kokosläufer
Bei Straßenbahnrückfahrt „Eulenspiegel“ Silvesternummer gelesen, langweilig. (Er ist nicht immer so ideenlos.) 17-20 Uhr Abendbeschäftigung, (Franz waschen, essen, nichts Ernsthaftes, Austausch mit L.)

Ich bin in einer diffusen Stimmung. Ich habe heute Sinnvolles gemacht, und doch grollt im Untergrund das Unbefriedigtsein. Ich bin beruhigt und ungeduldig zugleich in meinem Käfig.
Das Sinnvolle war z. B. das Studieren der Psychotherapie-Artikel
- sinnvoll für mein Kreativitätstraining,
- sinnvoll für meinen Trainerlehrgang,

Ich bereite mich auf einen Ausbildungslehrgang zum Verhaltenstrainer vor. Verhaltenstraining (z. B. Kreativitätstraining oder „Kommunikationstraining zur Problemlösung in konflikthaltigen Partnersituationen“ war etwas ganz Besonderes, geradezu Exotisches in der DDR. Ich war stolz, daß ich solche Trainingswochen zum Bestandteil unserer Lehrgänge gemacht hatte. Auf Dauer war uns die Verpflichtung auswärtiger Trainer zu aufwendig. Auf Grund meiner Vorbildung/Teilausbildung in Psychologie ergab sich der Anspruch, daß ich solch Training selbst durchführte. Dem standen strenge Regelungen der „Gesellschaft für Psychologie“ der DDR entgegen, die nur diplomierten Psychologen eine Weiterbildung zum Verhaltenstrainer ermöglichten. Es gelang mir eine Ausnahmegenehmigung zu erwirken, allerdings mit der Auflage, neben der eigentlichen Verhaltentrainerausbildung eine Reihe psychologischer Fächer zu belegen und mit Prüfung abzuschließen.

- sinnvoll für die Post-Interpretation meines Verhaltens zu M.
- sinnvoll für mein Verhalten zu Kollegen K-D. K.
- sinnvoll für meine Allgemeinbildung und -befähigung.

Aber die Möglichkeiten meine Fähigkeiten wirklich anzuwenden, sind mir extrem beschnitten.
Die Arbeit verlangt nur einen Bruchteil. Die Arbeit zu wechseln ist noch immer nicht möglich. Die Arbeit im Ausland ist in weiter Ferne. In die Öffentlichkeit zu wirken ist erschwert oder unmöglich (wobei mich am, meisten aufbringt, daß ich das nicht selbst bestimmen kann, daß Andere das für mich entscheiden).

All das schafft eine psychisch labile Situation. In sie hineinverflochten sind sexuelle Komponenten, die selbst auch erstaunlich gegenläufig sind.

Da ist das Bewußtsein und auch die jüngste Erfahrung der sexuellen Freiheit. Immer offener bekenne ich mich zu meinen sexuellen Wünschen (in Gedanken und in der Tat). Ich genieße das Bewußtsein, viele verschiedene Frauen „bumsen“ zu können und die Freiheit es nicht zu wollen. Zugleich ist das Sexverhältnis zu L. bedauerlich rational, ohne alle Selbstverständlichkeit, eigentlich krückenhaft oder voller Anstrengung. Zugleich wünsche ich mir jetzt sofort sexuelle Lust, die ich nicht bekommen kann.

Dennoch scheint mir dies mehr eine Seitenlinie des Lebensproblems. Es selbst besteht im Sinken der politischen Ideale, in einem Abbröckeln meiner politisch-ideologischen Position. Hervorgerufen wird das durch eine Fülle gesellschaftlicher Entwicklungen.
Ich kann das nicht nur als mein subjektives Problem akzeptieren.

Was werde ich morgen tun?
1. Den Artikel von Alberg/Schmidt über Kreativitätstraining studieren.
2. Danach im Buch zur Aus- und Weiterbildung sozialistischer Leiter lesen.
Beides mit dem Ziel, Gedanken für die erneuerte Gestaltung des 30. Lehrgangs zu sammeln.
3. sollte ich möglichst mit einer Beurteilung anfangen.
Jetzt 21 Uhr gehe ich duschen und schlafen.

 

01. Februar 1982

Freitag, Juni 1st, 2007

5.30 Wecken, Ofen geheizt, 6.10 Straßenbahn, 7 Uhr Arbeit ca. 1/2 Std. ND gelesen, dann 1 Std. „Sonntag“ und „Weltbühne“, 2 Std. Lehrgangsorganisation, 1 Std. psychologische Literatur geblättert.

„Sonntag“ war die Wochenzeitschrift des Kulturbundes. Sie wurde nach 1990 mit der westdeutschen „Deutschen Volkszeitung“ zur Ost-West-Wochenzeitung „Freitag“ verschmolzen. Die berühmte „Weltbühne“ wurde 1993 von dem Verleger Halunkewitz unter dubiosen Umständen eingestellt, seit 1997 erscheinen parallel die Neugründungen „Ossietzky“ und „Blättchen“.

Überlegungen zu diesen Notizen. Ich habe kaum damit angefangen und zweifle schon an ihrem Sinn.

1. Erfahrung: Es ist völlig unmöglich alles aufzuschreiben. (Dies vorher gewußt zu haben, ist etwas anderes als es jetzt erfahren zu haben.)

2. Erfahrung: Spontan, unter Zeitdruck schreibe ich karge Fakten (belanglose oder für sich sprechende). Was mir wichtigeres Erlebnis oder Eindruck war, bleibt ungesagt, aufgeschoben (auch Mutfrage).

3. Erfahrung (aus erstens und zweitens): Überwältigende Unmöglichkeit wirklich „zu bilanzieren“, d.h., wirklich bewußt zu leben.

4. Frage: Was „bilanziert“ in uns, wenn wir selbst es doch nur so bruchstückhaft, so unvollkommen tun?

5. Erfahrung: Der bis jetzt nur wenige Tage andauernde Versuch schärft enorm meine Aufmerksamkeit, Bewußtsein und Selbstbewußtsein.

6. Überlegung: Ordnungsmöglichkeiten für derlei Aufzeichnungen finden (bei Seve, Psychologie, Biographien, Biographieforschung)

Mittag Erbseneintopf (0,70 M), zum Alex(anderplatz) spaziert, 3. Versuch Nähmaschine (vergeblich), 2. Versuch Dachrinne (vergeblich), in Buchhandlungen gestöbert, zusammen 2 1/2 Stunden, (Gefühl der Erschöpfung und Unlust. Ich denke, die Lesefreude wird zurückgehen, wenn die Bücher nicht wesentlich besser werden.) Gegenüber Günther (dem Chef) übrigens die kleine Notlüge ich müsse zum Museum für deutsche Geschichte.

Habe jetzt gut 1 Std. in „Neurosenpsychologie“, Berlin 1976, den Aufsatz von J. Helm über die Wirksamkeit von Therapeuten gelesen und rückschauend mein Verhalten zu Margot unter dem Aspekt von Verhaltensweisen eines Therapeuten gesehen. Jetzt interessiert mich noch sehr der folgende Artikel von Helm über „Wirkungsbedingungen im psychotherapeutischen Gespräch“, S. 53ff.

Zu Hause 1/2 Std. Franzens Holzeisenbahn gebastelt, mit ihm gespielt, 1/2 Std. ziellos vertrödelt, ihn in’s Bett gebracht, von 19.00 bis 22.00 Besuch von M. P., Theaterleiter in Anklam, 22.30 im Bett, 1/2 Std. Gespräch mit L.

 

31. Januar 1982

Freitag, Juni 1st, 2007

8.00 F. versorgt, Kuchen gebacken, gekocht, Mittagsruhe, 2 Std. Familienspaziergang, L. zu B. Bs Geburtstag, abends Reagans Polenshow, gelesen Henry Miller, Post an Kurt und Ursel. Insgesamt 4 Maschinen gewaschen.

Diese Art Notizen erscheinen mir sinnlos,

Selbstbefriedigung, geduscht, 23.30 im Bett, halbe Stunde in „Sinn und Form“ geblättert

30. Januar 1982

Freitag, Juni 1st, 2007

7.45 aufgestanden, Einkauf 40,-M Lebensmittel, Frühstück zu dritt, geheizt, jetzt 10 Uhr L. zu Wilfert (Drucker), ich will (mit F.) zu B. L.. Wir unterhalten uns u.a. über Arbeitsmöglichkeiten. Ich habe Kopfschmerzen (Migräne), schleppe mich herum, Selbstbefriedigung, ich trockne Fotos, Besuch von Fr. mit Kindern, 21 Uhr zum Geburtstag von M. 1 Uhr zu Hause.