11. März 1982 - Nahverkehr - Aktfotografie
Mittwoch, September 12th, 2007Im Konspekt zu Seve habe ich versucht, aus seinen theoretischen Grundlagen für dieses Buch, für die Handlungsanalyse, empirisch Brauchbares abzuleiten….
Mein gestriges Gespräch mit A. machte mir wieder bewußt, wie wenig vom wirklichen Menschen damit gegriffen wird. Es ist, als würden mit einem riesigen, weitmaschigen Kescher Flöhe gefangen. Was wirklich wichtig für einen Menschen ist (Menschen in Beziehung auf wen?), kann so verschiedenartig sein!
Zwar ist auch dieses wirklich Wichtige mit Handlungen verbunden, an ihnen ablesbar. Aber es gibt keinen einfachen, „empirisch abgezählten“ Weg, die Handlungen herauszufinden, die das Stigma des wirklich Bedeutsamen tragen. Für A. (meine Kollegin) ist z. B. wichtig, in dem Sinne, daß Grundlegendes über Persönlichkeiten zum Ausdruck kommt:
- die Konsequenz, innere Beteiligung, mit der sich Dieter (ihr Ehemann) für Andere (z. B. Hausgemeinschaft) engagiert
- die Perfidie, die G. (unser Chef), beim Organisieren seines Hausbaus zeigt
- wie „fies“, kriecherisch sich Minister und Andere vor ihren Augen verhalten haben
- wie „Belo“ (ihr Liebhaber) sie belauert und belauscht hat. „Seitdem kann ich nicht mehr.“
Die Frage nach der Toleranz zwischen Partnern ist meiner Ansicht nach falsch, sogar verlogen. Toleranz ist die Länge des Seils,an dem ich ihn gefangen halte. Es kann nur das Recht seiner völligen Selbständigkeit geben. Das heißt nicht Bindungslosigkeit. Nach Maßgabe seiner Persönlichkeit, seiner Arbeit und seiner Beziehung zu mir, muß der Partner selbständig entscheiden, wie er sich zu mir verhält, und ich muß das akzeptieren - und mich nach denselben Kriterien verhalten. Daraus ergibt sich eine Beziehung, die, solange sie bestehen bleibt, von Leben erfüllt ist.
Die Mutter mit den drei kleinen Kindern in der Straßenbahn - sehr jung, schmal, blaß, klein. Wie sie die drei Krabben geleitet, das macht froh. Darin liegt auch Naturtalent. Den Kraftaufwand sieht man ihr auch an und wünscht ihr einen lieben guten Mann.
Weiter vom Nahverkehr (gestern bei der Heimfahrt): Die kalte, junge (kaum 20J.) Berliner Schönheit (in modischer weißer Jacke, kaugummikauend). Ich komme neben ihr zu sitzen, lese aber betrachte sie einige Male bewundernd („Bei der hast Du nie eine Chance, viel zu arm, zu alt, zu wenig Oberfläche“). Sie atmet einige Male tief, doch ich beziehe das nicht auf mich. Leichter Druck an ihre Schulter, kurz bevor sie aussteigt, von mir angeschaut gerade, formen ihre Lippen raffiniert, vollendet einen Kuß in die Luft (alles unbewegten Gesichts). Ich bin hingerissen. Als sie an mir vorbei aussteigt, erlaube ich mir einen Hauch von einer Berührung. Draußen sehe ich sie gehen, von hinten erst, dann von der Seite, eine einzige Verlockung! Wann hat mich je die Geschlechtssüße so jäh durchschossen? Ich hinterher, als Galan mit schwerer Aktentasche? Ein Wortwechsel, die verwunderte Frage: Wie kommen sie mir vor?. - Diesmal habe ich mich nicht dazu entschlossen. Doch dies Erlebnis kommt, muß kommen. So tief sich in diese Frau schieben, bis ich auf den Menschen stoße? Oder die Frau finden, in der kein Mensch verborgen ist.
Abends gestern, als ich vom SEZ (Sport- und Erholungszentrum) kommend in der S-Bahn fahre ein zerzaustes Berliner Mädchen (vielleicht 18), schmal, mitgenommen, hart, lusterprobt, großäugig.
In der S-Bahn eine häßliche, vitale, intellektuelle Frau (unter 50). Sie schaut mich aus dicken Brillengläsern erwartungsvoll an als ich hereinkomme. Trotz ihrer Häßlichkeit sehe ich sie auch einige Male an (Meine neue Lebenszuwendung kann ich nicht auf anziehende Frauen begrenzen.), dicke kraftvolle Unterlippe, ein Auge ist halb zugeschwollen. Ich blicke vorsichtig, um nicht gleich von ihrem Blick gepackt zu werden. Als wir uns der Station nähern, rückt sie ihr Tuch zurecht, knöpft den Mantel zu, zieht die Handschuhe an, mit Bewegungen als würde sie dabei irgendwelche Fesseln zerreißen, gleichsam wutentbrannt. Ihre Lippen sind hart gepreßt.
Fotoausstellung am Fernsehturm: Gesichter von Jugendlichen; eine gewisse Roheit (nicht wertend gemeint), Unbeseeltheit, ihnen ist ungeholfen;
Studenten in ihren Zimmern. Wie kommt es, daß fast alle diese Wände, gleich womit sie behängt sind, den Eindruck von etwas Fertigem machen. Es hängt nicht Eigenes, nur Angeeignetes an den Wänden.
Goltzsche-Ausstellung: Ein Eindruck, der sich den Worten entzieht, Spiegel des Reichtums des realen Lebens. An den Kunstmitteln wird nicht gespart, sie werden genossen. Menschen haben oftmals Bizarres, die Souveränität des Selbst, das der Schönheit dient, Kälte, Gewalt und Schönheit, (Wo bleibt das Häßliche?) von welcher Leidenschaft gespeist? Sensible Rationalität, rationale Sensibilität.
L. verweist jedoch auf das menschliche Eingehen in den Porträts (ja, auch in dem Chile-Blatt!)
An Goltzsche schreiben?
Dieses Bild hat schon im „Magazin“ widersprüchliche Meinungen ausgelöst. Offensichtlich wurde damit irgendwas getroffen. […]
Die erste Reaktion ist: Die sind ja bloß nackt. Daß die Schamspalte der Rechten nicht erspäht werden muß, sondern selbstverständlich sichtbar ist, daß die Schambehaarung der Linken nach vorne in den Raum tritt, statt als das übliche Vlies der Konvention am Körper zu liegen, das sind genaue Details, die zu stören scheinen. Ja, was stören sei denn? Die übliche Gewohnheit, dem Modell das abzulauern, was gerade nicht mehr sichtbar ist. Sie stören meine Gewohnheit, sexuellen Reiz im Umgang mit der Darstellung zu gewinnen. Zugleich sind mir diese „wichtigen“ Details genau gegeben, d.h. sie können mir direkten sexuellen Reiz geben, doch ich bin um die Spannung des schwülen Weges dorthin betrogen.
Mir haben diese Gestalten die erotische Freude keineswegs genommen, sondern sie haben sie mit Vorstellungen der Freiheit und Sauberkeit verknüpft. Diese Einstellung wird vollauf von der rechten, der Hauptperson getragen. So wie sie steht und blickt, kannst Du sie nur als Mensch, nicht als bloßes Lustobjekt begehren. Schön und aufgeweckt, wie sie ist, wird das keine langweilige Sache sein. Diese letzte Erwartung wird aber noch mehr von ihrer „Schwester“ gestützt, die im Wechsel von Licht- und Schattenpartien ihres Körpers, den stärker gespreizten Beinen und anderen Spannungsmomenten versichert, daß die offene, wissende, illusionslose Zuwendung der Geschlechter gerade den Raum aufschließt für Entdeckungen, für feine Unterschiede, für freudige Überraschungen.
Nach dem Schreiben zu Aktphotos frag ich mich: Kann ich einen weiblichen Körper nicht anders als erotisch und letztlich sexuell empfinden? Letztlich heißt das, ihn nicht so zu sehen, wie er ist, sondern wie er in Beziehung auf meinen Zweck ist. Und diese Frage ist nicht nur in Bezug auf Frau zu stellen. Allgemeiner: Kann ich eine Sache, einen Menschen, ein Kunstwerk, eine Naturschönheit so sehen, wie sie ist (das ist die erste Forderung der Dialektik) oder sehe ich sie als mögliches Handlungsobjekt zur Befriedigung irgendwelcher bestimmter Bedürfnisse? Solange das zweite der Fall ist, bleibe ich in meinem Käfig (werde nie Kunst verstehen). Reine, zwecklose Freude am Leben, am Seienden! Das schließt auch die Zuwendung zum nicht Anziehenden, zum Häßlichen ein. (Verschmilzt sich „Faust“ irgendwo mit auch mit dem Häßlichen?) Tief berührt hat mich die Erzählung von A. Schmidt „Pocahontas“, diese Liebesgeschichte, diese Liebe zu einem häßlichen Mädchen. Hätte ich das auch gekonnt?
(Es geht um’s wirklich liebevoll sein, nicht um den bloßen Geschlechtsverkehr, den hab ich mit solchen Frauen auch schon 1 oder 2 mal erlebt und weiß noch, daß es nicht unangenehm war. Sie hielten gewissermaßen sexuell, was sie erotisch nicht versprachen.) könnte nicht in einer häßlichen, verletzten Frau mehr menschliche Sehnsucht zu entdecken sein, freizusetzen und zu befriedigen sein als in mancher Schönheit?
[…]
Der Ausdruck in der Bibel: „Er erkannte sie“. Wenn meine Frau von anderen „erkannt wird“, wenn ich sie nicht mehr „erkennen“ kann, das ist auch eine Wurzel der Eifersucht. ist es dasselbe wie „besitzen wollen“?
F. prostet dem Papa gerne zu. Wir stoßen unsere Tassen und Becher aneinander. Er stößt seinen Becher an die Butterdose:“Prost Butter!“
Bilder aus der “Fotografie”
Am Grabmal des unbekannten Soldaten in Moskau (nach 1970)
Wegen solcher Bilder schäme ich mich meines Verhaltens in Nowgorod.






