Archive for September, 2007

11. März 1982 - Nahverkehr - Aktfotografie

Mittwoch, September 12th, 2007

Im Konspekt zu Seve habe ich versucht, aus seinen theoretischen Grundlagen für dieses Buch, für die Handlungsanalyse, empirisch Brauchbares abzuleiten….

Mein gestriges Gespräch mit A. machte mir wieder bewußt, wie wenig vom wirklichen Menschen damit gegriffen wird. Es ist, als würden mit einem riesigen, weitmaschigen Kescher Flöhe gefangen. Was wirklich wichtig für einen Menschen ist (Menschen in Beziehung auf wen?), kann so verschiedenartig sein!

Zwar ist auch dieses wirklich Wichtige mit Handlungen verbunden, an ihnen ablesbar. Aber es gibt keinen einfachen, „empirisch abgezählten“ Weg, die Handlungen herauszufinden, die das Stigma des wirklich Bedeutsamen tragen. Für A. (meine Kollegin) ist z. B. wichtig, in dem Sinne, daß Grundlegendes über Persönlichkeiten zum Ausdruck kommt:

- die Konsequenz, innere Beteiligung, mit der sich Dieter (ihr Ehemann) für Andere (z. B. Hausgemeinschaft) engagiert

- die Perfidie, die G. (unser Chef), beim Organisieren seines Hausbaus zeigt

- wie „fies“, kriecherisch sich Minister und Andere vor ihren Augen verhalten haben

- wie „Belo“ (ihr Liebhaber) sie belauert und belauscht hat. „Seitdem kann ich nicht mehr.“

Die Frage nach der Toleranz zwischen Partnern ist meiner Ansicht nach falsch, sogar verlogen. Toleranz ist die Länge des Seils,an dem ich ihn gefangen halte. Es kann nur das Recht seiner völligen Selbständigkeit geben. Das heißt nicht Bindungslosigkeit. Nach Maßgabe seiner Persönlichkeit, seiner Arbeit und seiner Beziehung zu mir, muß der Partner selbständig entscheiden, wie er sich zu mir verhält, und ich muß das akzeptieren - und mich nach denselben Kriterien verhalten. Daraus ergibt sich eine Beziehung, die, solange sie bestehen bleibt, von Leben erfüllt ist.

Die Mutter mit den drei kleinen Kindern in der Straßenbahn - sehr jung, schmal, blaß, klein. Wie sie die drei Krabben geleitet, das macht froh. Darin liegt auch Naturtalent. Den Kraftaufwand sieht man ihr auch an und wünscht ihr einen lieben guten Mann.

Weiter vom Nahverkehr (gestern bei der Heimfahrt): Die kalte, junge (kaum 20J.) Berliner Schönheit (in modischer weißer Jacke, kaugummikauend). Ich komme neben ihr zu sitzen, lese aber betrachte sie einige Male bewundernd („Bei der hast Du nie eine Chance, viel zu arm, zu alt, zu wenig Oberfläche“). Sie atmet einige Male tief, doch ich beziehe das nicht auf mich. Leichter Druck an ihre Schulter, kurz bevor sie aussteigt, von mir angeschaut gerade, formen ihre Lippen raffiniert, vollendet einen Kuß in die Luft (alles unbewegten Gesichts). Ich bin hingerissen. Als sie an mir vorbei aussteigt, erlaube ich mir einen Hauch von einer Berührung. Draußen sehe ich sie gehen, von hinten erst, dann von der Seite, eine einzige Verlockung! Wann hat mich je die Geschlechtssüße so jäh durchschossen? Ich hinterher, als Galan mit schwerer Aktentasche? Ein Wortwechsel, die verwunderte Frage: Wie kommen sie mir vor?. - Diesmal habe ich mich nicht dazu entschlossen. Doch dies Erlebnis kommt, muß kommen. So tief sich in diese Frau schieben, bis ich auf den Menschen stoße? Oder die Frau finden, in der kein Mensch verborgen ist.

Abends gestern, als ich vom SEZ (Sport- und Erholungszentrum) kommend in der S-Bahn fahre ein zerzaustes Berliner Mädchen (vielleicht 18), schmal, mitgenommen, hart, lusterprobt, großäugig.

In der S-Bahn eine häßliche, vitale, intellektuelle Frau (unter 50). Sie schaut mich aus dicken Brillengläsern erwartungsvoll an als ich hereinkomme. Trotz ihrer Häßlichkeit sehe ich sie auch einige Male an (Meine neue Lebenszuwendung kann ich nicht auf anziehende Frauen begrenzen.), dicke kraftvolle Unterlippe, ein Auge ist halb zugeschwollen. Ich blicke vorsichtig, um nicht gleich von ihrem Blick gepackt zu werden. Als wir uns der Station nähern, rückt sie ihr Tuch zurecht, knöpft den Mantel zu, zieht die Handschuhe an, mit Bewegungen als würde sie dabei irgendwelche Fesseln zerreißen, gleichsam wutentbrannt. Ihre Lippen sind hart gepreßt.


Fotoausstellung am Fernsehturm: Gesichter von Jugendlichen; eine gewisse Roheit (nicht wertend gemeint), Unbeseeltheit, ihnen ist ungeholfen;

Studenten in ihren Zimmern. Wie kommt es, daß fast alle diese Wände, gleich womit sie behängt sind, den Eindruck von etwas Fertigem machen. Es hängt nicht Eigenes, nur Angeeignetes an den Wänden.

Goltzsche-Ausstellung: Ein Eindruck, der sich den Worten entzieht, Spiegel des Reichtums des realen Lebens. An den Kunstmitteln wird nicht gespart, sie werden genossen. Menschen haben oftmals Bizarres, die Souveränität des Selbst, das der Schönheit dient, Kälte, Gewalt und Schönheit, (Wo bleibt das Häßliche?) von welcher Leidenschaft gespeist? Sensible Rationalität, rationale Sensibilität.

L. verweist jedoch auf das menschliche Eingehen in den Porträts (ja, auch in dem Chile-Blatt!)

An Goltzsche schreiben?

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Dieses Bild hat schon im „Magazin“ widersprüchliche Meinungen ausgelöst. Offensichtlich wurde damit irgendwas getroffen. […]

Die erste Reaktion ist: Die sind ja bloß nackt. Daß die Schamspalte der Rechten nicht erspäht werden muß, sondern selbstverständlich sichtbar ist, daß die Schambehaarung der Linken nach vorne in den Raum tritt, statt als das übliche Vlies der Konvention am Körper zu liegen, das sind genaue Details, die zu stören scheinen. Ja, was stören sei denn? Die übliche Gewohnheit, dem Modell das abzulauern, was gerade nicht mehr sichtbar ist. Sie stören meine Gewohnheit, sexuellen Reiz im Umgang mit der Darstellung zu gewinnen. Zugleich sind mir diese „wichtigen“ Details genau gegeben, d.h. sie können mir direkten sexuellen Reiz geben, doch ich bin um die Spannung des schwülen Weges dorthin betrogen.

Mir haben diese Gestalten die erotische Freude keineswegs genommen, sondern sie haben sie mit Vorstellungen der Freiheit und Sauberkeit verknüpft. Diese Einstellung wird vollauf von der rechten, der Hauptperson getragen. So wie sie steht und blickt, kannst Du sie nur als Mensch, nicht als bloßes Lustobjekt begehren. Schön und aufgeweckt, wie sie ist, wird das keine langweilige Sache sein. Diese letzte Erwartung wird aber noch mehr von ihrer „Schwester“ gestützt, die im Wechsel von Licht- und Schattenpartien ihres Körpers, den stärker gespreizten Beinen und anderen Spannungsmomenten versichert, daß die offene, wissende, illusionslose Zuwendung der Geschlechter gerade den Raum aufschließt für Entdeckungen, für feine Unterschiede, für freudige Überraschungen.

Nach dem Schreiben zu Aktphotos frag ich mich: Kann ich einen weiblichen Körper nicht anders als erotisch und letztlich sexuell empfinden? Letztlich heißt das, ihn nicht so zu sehen, wie er ist, sondern wie er in Beziehung auf meinen Zweck ist. Und diese Frage ist nicht nur in Bezug auf Frau zu stellen. Allgemeiner: Kann ich eine Sache, einen Menschen, ein Kunstwerk, eine Naturschönheit so sehen, wie sie ist (das ist die erste Forderung der Dialektik) oder sehe ich sie als mögliches Handlungsobjekt zur Befriedigung irgendwelcher bestimmter Bedürfnisse? Solange das zweite der Fall ist, bleibe ich in meinem Käfig (werde nie Kunst verstehen). Reine, zwecklose Freude am Leben, am Seienden! Das schließt auch die Zuwendung zum nicht Anziehenden, zum Häßlichen ein. (Verschmilzt sich „Faust“ irgendwo mit auch mit dem Häßlichen?) Tief berührt hat mich die Erzählung von A. Schmidt „Pocahontas“, diese Liebesgeschichte, diese Liebe zu einem häßlichen Mädchen. Hätte ich das auch gekonnt?

(Es geht um’s wirklich liebevoll sein, nicht um den bloßen Geschlechtsverkehr, den hab ich mit solchen Frauen auch schon 1 oder 2 mal erlebt und weiß noch, daß es nicht unangenehm war. Sie hielten gewissermaßen sexuell, was sie erotisch nicht versprachen.) könnte nicht in einer häßlichen, verletzten Frau mehr menschliche Sehnsucht zu entdecken sein, freizusetzen und zu befriedigen sein als in mancher Schönheit?

[…]

Der Ausdruck in der Bibel: „Er erkannte sie“. Wenn meine Frau von anderen „erkannt wird“, wenn ich sie nicht mehr „erkennen“ kann, das ist auch eine Wurzel der Eifersucht. ist es dasselbe wie „besitzen wollen“?

F. prostet dem Papa gerne zu. Wir stoßen unsere Tassen und Becher aneinander. Er stößt seinen Becher an die Butterdose:“Prost Butter!“

Bilder aus der “Fotografie”
Am Grabmal des unbekannten Soldaten in Moskau (nach 1970)

 

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Wegen solcher Bilder schäme ich mich meines Verhaltens in Nowgorod.

 

10. März 1982 - Leidenschaft

Montag, September 10th, 2007

[…]

Mein Körper, „meine Maschine“ funktioniert. Manchmal, in großen Zeitabständen, mache ich mir bewußt, welch großes Geschenk das ist. Genauer: Ich denk mal dran. Aber ich erlebe es nicht gut genug.

Zur Bezeichnung eines bestimmten Bereichs habe ich eigentlich ein dürftiges Vokabular: Liebe, Erotik, Sex. Auf mich bezogen sollte ich nicht auf die Begriffe „Lust“, „lüstern“ verzichten. Auf L. bezogen ist unerläßlich der Begriff „Leidenschaft“. (Ebenso wie bei „Genuß“ sollte ich auch bei diesen Begriffen mehr über den Wortsinn, über die Wortgeschichte wissen.)

Leidenschaft verlangt die völlige Hingabe ans Ziel meiner Wünsche, Leidenschaft schließt Verschmelzung ein. Eine „geteilte Persönlichkeit“ wird der Leidenschaft in Teilen frönen. Andere Teile (die Persönlichkeit selbst?) bleiben unberührt. Der wichtigste für Leidenschaft reservierte Teil ist der Geschlechtsteil, auch bei mir. Eine integrierte, ganzheitliche, einheitliche Persönlichkeit wird ganz von einer Leidenschaft erfaßt; aus Freude am Ästhetischen, Klugen, Sinnlichen, am Andern mit Haut und Haar. […]

Leidenschaft als Drang zur Verschmelzung ist zeitbegrenzt und Anspannung aller Kräfte (und Entladung). (Von „Leidenschaft zur Arbeit“ spricht man in etwas anderem Sinne, jedoch verwandt.) Anspannung der Kräfte, um die Verschmelzung möglich zu machen (Überwindung von Hindernissen, zumindest von Grenzen > Freiheit). Das mir mühelos Zugängliche entzündet keine Leidenschaft. Jedoch Leidenschaft lebensnotwendig, andernfalls erfahre ich nicht die größte Anspannung, Bestätigung und Befriedigung meiner Kräfte, also des Lebens überhaupt (bin schon etwas gestorben).[…]

In dem Augenblick, wo unser Zusammenleben von uns verlangt, die Leidenschaft zu zügeln, zu verdrängen, ist das Urteil gesprochen.[…]

Ein Zusammenleben ist möglich (in dem noch nicht mal sexuelle Leidenschaft völlig ausgeschlossen ist), wenn es Raum hat, die eigenen Leidenschaften ungehemmt zu erleben. Kameradschaftlich, zuverlässig, inhaltsreich miteinander leben (befriedigend) und bestimmte Leidenschaften in der Arbeit bzw. mit Dritten erleben. Das klingt ziemlich beschissen. Es ist aber -davon bin ich überzeugt - die Praxis fast aller langjährigen ehelichen oder nichtehelichen Gemeinschaften von Mann und Frau (solange sie noch zur Leidenschaft fähig sind). (Natürlich ist hier die Rechnung ohne den Dritten, den Gegenstand meiner Leidenschaft gemacht.)[…]

Ich verwechsle oft Leidenschaft oder auch nur Sinnlichkeit mit Lust oder gar Lüsternheit. […] Einen großen Teil meiner Lebenskraft wendete ich bisher dazu auf, meine Lebenskraft zu hemmen.

Goltzsche - nachdrückliche Behauptung des Rechts der Kunst! Seine Ausstellung ruft in mir des Gefühl hervor, in der Fülle des Schönen zu ertrinken. (Gerhard meint, Goltzsche meditiere über die gegenständliche Realität.)

Hebbel (S.39): „Farben, die durch die Sprache kaum angedeutet werden können.“

„Der Künstler sieht nichts als das Ganze, und in jedem Gliede sein Spiegelbild;…“ (S.40)

In seinem Sinnen, Empfinden ist dem Menschen die Realität in aller ihrer erscheinenden Nuanciertheit gegeben. Das macht er sich durch die Kunst bewußt. In der Ratio, im Denken ist ihm das Wesen der Realität gegeben. Das macht er sich durch Wissenschaft bewußt. (Seine Tat gehört selbst der Realität an.) Das Bewußtsein, eben weil es nur Widerspiegelung, nicht Realität selbst ist, aber doch als Widerspiegelung Quasirealität sein will, übernimmt sich damit. Es zerfällt in relativ eigenständige Formen, in denen es einzelnen qualitativen Zügen der Realität weitgehend gerecht wird. Die verschiedenen Bewußtseinsformen aber zusammenzubringen ist mühselig und letztlich nur aus „dem Wissen, dem Erahnen dessen, was Leben ist“ im Tun halbwegs möglich. Kunst versucht ihren „Mangel“ bloß sinnlich zu sein durch darauf (auf dem Sinnlichen) fußende Abstraktion zu überwinden. Wissenschaft versucht den ihr anhaftenden Mangel, bloß rational zu sein durch darauf (auf dem Rationalen) fußende Sinnlichkeit zu überwinden.

Das sind Grundzusammenhänge, die, wie mir scheint, auch in den Widersprüchen zwischen L. und mir wirken. Die reale Dialektik erlaubt verschiedene Denkstile: Der Eine denkt mehr das Gleichzeitige, das Ineinanderbestehen der Widersprüche, das „Unentschiedene“ der Realität, das Unbewegte, den Nuancenreichtum, das „Dahingelagertsein der Widersprüche, ihr Fließen > L., Goltzsche, Vent - Künstler.

Der Andere denkt mehr die Lösung der Widersprüche, die Zuspitzung des Vielfältigen zum Einfachen (das die Vielfalt aufhebt, (enthält und auslöscht), die Klärung zur Ruhe > ich, Wissenschaftler.

Wenn es nicht gelingt, beide Denkstile zu verbinden (bei aller Bevorzugung eines mir näher liegenden), schlägt uns das Leben. Sie sind letztlich nur durch Handeln, nicht durch Reflexion zueinander zu bringen (und durch Diszipliniertheit sich anzupassen schon gar nicht).

Auch das Erlebnis der Leidenschaft unterliegt diesen Gesetzen.

Ist es mehr Erlebnis einer Klärung, einer bestimmten Befreiung (wie bei mir bisher), Aktion einer Fixierung, Einseitigkeit, Abstraktion, Erlebnis der bestimmten Widerspruchslösung (daher dann (Schein-)überwindung des Vorher, sogar Abwertung des Triebes und seiner Aktion)?

Oder ist es mehr Hochschlagen, -peitschen, triumphierend Genießen aller Widersprüche, höchstes Erleben des Alles in Einem, Alles zugleich? (Dann wird es positive Erinnerung, muß aber auch als Erinnerung abgespeichert werden, da nicht ständig alles weiterführbar, lebbar ist.)

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09. März 1982 - Beziehungsgrübeln

Sonntag, September 9th, 2007

[…]

Ich bin dem „Logikprinzip“ unterworfen („Faust“ oder „Wagner“).

Sie ist dem „Phantasieprinzip“ unterworfen („Mephisto“).

Für sie hat es keinen Wert, etwas mit „letzter Klarheit“ gesagt zu haben. „Wahrheit um jeden Preis“ - was für mich wie der letzte Anker, der absolute Anker, erscheint (und unsereins hat nur nicht die Kraft, sich fest daran zu halten - da beginnt der subjektive Selbstbetrug), ist für sie kein Wert. Ihr „letzter Wert“ ist „das Leben“, „die Spontaneität“, die kein Letztes kennt, die das Erreichte sofort in Frage stellt, die absolute Bewegung. Daher muß sie da, wo ich „absolute Wahrhaftigkeit“ fordere, irrlichtern, ausweichen, feige erscheinen dem tumben Geist. Ja, wenn ich allzu nachdrücklich bin, dann regt sich ihr Widerstand, je mehr ich versuche durch Systematik, durch scharfsinnige Analyse das Unfaßbare zu fassen, umso mehr ist sie versucht, sich nun gerade nicht fassen zu lassen und mich auch bewußt und absichtlich an der Nase herumzuführen, auszutrixen, den Selbstgerechten für dumm zu verkaufen, zu beobachten, wie der ach so Logische sich an den unwahrscheinlichsten Strohhalm klammert, letzten Endes zu erleben und zu genießen, wie der verhaßte „Wagner“ untergeht.

Mit L. nach meiner Fasson leben zu wollen, heißt den Wind in meine Kammer einzusperren. - Entweder die Kammer wird gesprengt oder der Wind entartet zum Furz und stirbt.

[…]

Daß L. letztlich Widersprüche nicht auflöst, sondern lebt, hat auch mit ihrer Kunst zu tun und ist ein Urquell dieser Kunst.(Daher weiß ich, daß ich im Tiefsten unfähig bin, Kunst zu schaffen.) Die künstlerische Gestalt muß diesen Widerspruch tragen, darf ihn nicht aus sich herausgereinigt haben. Freilich gibt es oberflächliche und tiefere Widersprüche - hier muß wieder die Logik des Lebens zu ihrem Recht kommen. […]

Ohne Abstraktion keine Tiefe! Freilich geht es um spezifisch künstlerische Abstraktion.

[…]

Heute morgen am Bahnhof Friedrichstraße ein Mann und eine Frau - es sah wie eine Dienstreisebekanntschaft aus - deren Münder buchstäblich ineinander verbissen waren. (Bildmotiv: Das sich verschlingende Paar.)

Eindruck vorige Woche: Mann und Frau (Mitte/Ende 60J.) steigen aus dem Bus. Sie, ungeschickt, behindert ihn. Er, mit großem Gesicht, riesigem Mund, mächtiger, hängender Unterlippe (ein altes Schwein-Ungeheuer) brummt irgend etwas. Sie (während des Aussteigens, kläglich):“Du hast mir doch gesagt, daß ich das so machen soll.“ Ich sehe sie draußen stehen. Er, über sie gebeugt, redet scheltend auf sie ein. Sie (kleiner), weggebeugt, den Unterarm wie zum Schutz vor einem Schlag erhoben, vor ihrem Gesicht, lamentiert weinerlich. (Das war am 4.3., vergl. dort letzten Absatz) Danach hatte ich keine Freude mehr, mit der schönen Frau zu äugeln. (Sie hatte die Szene übrigens übersehen.)

[…]

Je mehr sich eine Frau schön macht, umso mehr macht sie es für sich selbst.

Überhaupt Menschen, die vor allem sich selbst erleben.

Während der Mittagspause blicke ich krampfhaft nach Frauen, die mir gefallen könnten.

Der Mann kann nicht wissen, was es heißt, die Frau zum Lustobjekt zu machen, solange er nicht selbst als Begattungswerkzeug benutzt wurde.

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Zwei Äußerungen bedeutender Künstler der DDR zum Tode von Konrad Wolf.

Dieses Bild hätte ich ohne Hebbel nicht richtig verstanden:

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„Die Klage ohne Trauer ist mehr noch als die Trauer ohne Klage, dasjenige, was die Menschenseele, wo sie auch sehen oder hören mag, erdrückt. Es ist das Leben selbst, hingestellt in seiner vollen Bedürftigkeit.“ (6.8.1836)

weiter Hebbel: (18.7.36) „Unendlich viele Menschen haben nie einen Gedanken gehabt und sehen doch wie Denker aus; sie sind wie Kartenspieler: unendliche Kombinationen durch wenige, gegebene Blätter. Solchen Menschen ist nichts begreiflich zu machen.“

„Mensch mit Mensch im Verhältnis will immer Steigerung dieses Verhältnisses, wenigstens die Möglichkeit derselben. Darum ist der Kulminationspunkt solch eines Verhältnisses oft zugleich der Gefrierpunkt…“(2.9.36)

„Ach, die leidige Halbheit, die Mutter innerer Verzweiflung und jedes äußeren Konflikts.“

„Es wäre ein geistiger Zustand denkbar, wo der Mensch, indem er sich ganz und gar an den irdischen Kreis gewöhnt hätte, in einen anderen nicht mehr eintreten könnte; und die wäre, was Verdammnis heißen sollte.“ (S. 42)

„Töten, das Aufheben einer eigentümlichen Lebensrichtung.“(S. 43);

[…]

 

08. März 1982 - „Frauentag“

Samstag, September 8th, 2007

In J. Baldwins leidenschaftlichem, klugem Buch („Beale Street Blues“, in der Romanzeitung) lese ich einen wichtigen Satz:

„Ich glaube, daß die Ursache des Grolls - eines Grolls, hinter dem sich bodenloses Entsetzen verbirgt - etwas damit zu tun hat, daß eine Frau auf eine ungeheuerliche Weise beherrscht wird durch das, was die Phantasie des Mannes aus ihr macht - buchstäblich Stunde um Stunde, Tag um Tag; so wird sie Frau.“ (S. 34)

Auf dieses zutiefst menschliche, wissende Buch ist ohnehin zurückzukommen.[…]

Trauer um Konrad Wolf, den bedeutendsten unter den schaffenden Künstlern; Trauer um einen Menschen, der Hoffnung gab. Was hat ihn so früh zum Sterben gebracht?

[…]

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Gewiß, nach Jahrzehnten des realen Sozialismus liegt es mir fern, mich an solchem Bild zu berauschen. Es könnte aus einer südlichen Sowjetrepublik sein. Und dennoch, Realismus und auch Skepsis hindern mich nicht, die Schönheit dieser Situation zu empfinden. (Fast muß ich sagen, trotz der „Allzuschönheit“ dieser Frau.)

Das sicherste Mittel, jede Liebe kaputt zu machen, ist unbedingte Treue.

 

07. März 1982 - Sinn meines Tagebuchs

Mittwoch, September 5th, 2007

[…]

Hebbel S. 17, 24.10.1839: Aufgabe der Kunst ist Darstellung des Lebens, d.h. Veranschaulichung des Unendlichen an der singulären Erscheinung.“ S. 18:“Ich halte es für die größte Pflicht eines Menschen, der überhaupt schreibt, daß er Materialien zu seiner Biografie liefere. Hat er keine geistigen Entdeckungen gemacht und keine fremden Länder erobert, so hat er doch gewiß auf mannigfache Weise geirrt, und seine Irrtümer sind der Menschheit eben so wichtig, wie des größten Mannes Wahrheiten.“ (Tagebücher als Barometer des Jahreszeitenwechsels der Seele und rückblickend Entdeckung geistiger Wendepunkte) S. 20: Das erste und einzige Kunstgesetz: An der singulären Erscheinung das Unendliche veranschaulichen.

Auch ich will am Einzelfall das Allgemeine erfassen, aber durchaus nicht in künstlerischer Gestaltung. Für mich ist das Tagebuch nicht Hintergrund, Gegenpart eines künstlerischen oder wissenschaftlichen offiziellen Werkes. Für mich ist es Selbstdarstellung und Selbstverständigung zugleich die Basis des wissenschaftlichen Werkes selbst. Daher ist das oberste Gesetz dieser Darstellung: uneingeschränkte Wahrheit. Ich bin mir bewußt, daß ich mit jeder Notiz empirische Daten für spätere wissenschaftliche und das heißt natürlich historisch-materialistische Verallgemeinerung schaffe.

Deshalb kann ich nicht so sehr Schlußfolgerungen oder gar Aphorismen bieten, mir kommt es darauf an, Sachverhalte möglichst genau und aktuell (also immer unter Zeitdruck) festzuhalten.

[…]

Über einige abstrakte theoretische und weltanschauliche Potenzen dieser Sache bin ich mir durchaus im Klaren. Hier wird der Mensch direkt gefaßt. Hier wird er als Ganzer gefaßt (nicht Teilung in verschiedene Wissenschaften, Künste, Biologie, Ideologie, Politik usw.), hier werden gesellschaftliche Tabus bzw. Verbote unwirksam. Es gilt auch mehr berühmte Tagebücher zu lesen. Auch „Anne Frank“, „Tagebuch der Armut“. Denkbar wäre es auch, dazu mal in einer Zeitschrift („Neues Leben“, „Magazin“) zu schreiben, z. B. berühmte Tagebücher vorstellen und sagen wie und warum ich selbst schreibe.

[…]

06. März 1982 - Hebbel-Tagebücher

Mittwoch, September 5th, 2007

[…]

Hebbel BdI S7f: „Es ist merkwürdig, wie die Frauen, die am Mann doch nur eben das lieben, was ihrer Natur gerade entgegengesetzt ist, ihn doch so gern zu dem machen wollen, was sie selbst sind; sie sind Göttinnen, die nur seine Sünden vergöttern und ihm diese Sünden dennoch nie vergeben.“

Unser gesellschaftliches Leben ist demokratisch, „breit dahingelagert“, horizontal gegliedert. Unserem Leben ist Bestialität wesensfremd. Es ist weniger auf Hierarchien zugeschnitten, die in dramatischen Konflikten bestätigt oder gestürzt werden. (Ich schreibe das alles im Bewußtsein des demokratischen Zentralismus.) Kommt daher auch eine Undramatik der Kunst, ein vielfaches Variieren und Abwandeln? Das denke ich bei Goltzsche, auch bei L. u.v.a. Und auch dieses Tagebuch ist so angelegt, sich in die menschliche Vielfalt zu vertiefen. Wir sind auf individuelle Befriedigung gerichtet. Weil unsere Gesellschaft geregelt ist?

Ich beschreibe Symptome eines Stagnationszustands aber - wie sich 1989/90 erwiesen hat - ohne zu begreifen, wie weit fortgeschritten er schon war und ohne die geringste Vorstellung, wie rasant der Umschlag in dramatische Verfallsprozesse vor sich gehen würde.

Hebbel BdI S23: „Nur die nächst Folge einer Tat darf dem Menschen zugerechnet werden, alles andere ist Eigentum der Götter…“.

Zur Sprache sagt Hebbel (17.7.35):“…unsere Sprache deutet eher auf einen Mangel unseres Ichs, als auf einen Vorzug desselben hin, indem sie uns nur als ein Mittel der Erweiterung und Läuterung unserer Ideen … durch Besprechung mit unseresgleichen gegeben ist; hätten wir absolute Begriffe, so würde sie uns sehr entbehrlich sein…“

ebenda S. 11, 29.7.1835: In Gott treffen sich die physischen und psychischen Kräfte in höchster Potenz:

„der Geist ist selig in Hervorbringung der Ideen, der Körper in Hervorbringung der Körper,…“

Hebbel-Splitter:

„Augen, die für nichts und wieder nichts glühen.“

„Die einsame Sonne, das einsame Meer. Sonne, flutest und wogst du ebenso mit deinen Flammen., wie unten das Meer? Die einsame Katze darunter.“

„Das aus dem Wagen eines Schlachters gehobene schlafende Kalb.“

„Das Weib gebiert den Menschen nicht einmal, sondern zweimal. Auch die geistige Wiedergeburt durch die Humanität ist ihr Werk.“

„Leidenschaft begehr keine Sünde, nur die Kälte. Brich jede Blüte, selbst, wenn du sie nicht für ewig ins Wasserglas zu stellen gedenkst, nur dufte sie dir!“

„Die Natur - man darf’s in guter Gesellschaft freilich nicht sagen - spricht sich in höchster Naivität in einem Hund aus, der eine Petze, die, bevor sie seine Triebe befriedigt hat, ihm fortrennen will, ins Ohr beißt.“

„Wenn einem Philosophen ein Licht aufgeht, ist’s für den anderen immer ein Schatten.

 

05. März 1982 - Theorie der Persönlichkeit und Sex

Sonntag, September 2nd, 2007

Mit G. heute 2 Std. intensiv zur Lehrgangsgestaltung und -umgestaltung diskutiert, wobei er sich als Leiter bewährt, indem er alle guten Ideen aufgreift und die Richtung angibt, wie sie konkretisiert und realisiert werden können. In solchen Diskussionen (und Entscheidungen) kulminiert viel an Vorbereitungszeit und Ideen und werden viele zukünftige Handlungen vorbestimmt. Beides bezeichne ich hier im Protokoll oft pauschal als „Lehrgangsplanung“ und „Lehrgangsorganisation“. Damit will ich sagen, die Probleme, die ich dabei löse und die tatsächlichen Handlungen spiegeln sich nicht im geringsten adäquat in diesem Buch. Spontan geraten ins Tagebuch eigentlich nur Fragen, die Lebensfragen sind (und was das ist, wäre gesondert zu fragen), Fragen des Nichthandelns.

Davon ausgehend muß der mögliche Wert dieses Protokoll-Buches bestimmt werden, wenn z. B. Seve (S. 301-317)

Lucien Seve, „Marxismus und Theorie der Persönlichkeit“, Dietz Verlag, Berlin 1972

die „Handlung“ zu einem der fundamentalen Begriffe der Persönlichkeitspsychologie macht. […] Es gilt, für das Protokoll Wege zu finden, die tatsächlichen Handlungen zu fixieren, einmal nach ihrer bloß formalen Seite im Zeitverlauf zum anderen nach ihrem sozialen Inhalt.[…] Im Idealfall könnte so das ganze Lebensbuch die Widersprüchlichkeit und Einheit von Handeln (Verhalten/gesellschaftliche Bedeutung) und sich darauf erhebender „Selbstwelt“ deutlicher machen.

Müßte Galperin (vom Handeln zum Denken) nicht auch umgekehrt werden - vom Denken zum Handeln?

Pjotr J. Galperin, sowjetischer Psychologe, der besonders die Entstehung des Psychischen aus dem Handeln untersucht hat.

Daß Seve dem Handeln (dieser Einheit von abstraktem, individuellem Verhalten und konkreter sozialer Aktivität des Individuums) eine solch fundamentale Bedeutung zumißt, macht mir auch die Schädlichkeit der Onanie (und jeder Onanie im übertragenen Sinne) begreiflicher. Ihr zu Grunde liegt eigentlich ein Drang zur sozialen Begegnung. Dieser Drang ist behindert, seine Realisierung verhindert. Das Schlimme ist, daß die Onanie diesen Widerspruch (zwischen Drang und Hindernis) nicht löst, sondern seine lebendige Wurzel, den Drang (der eigentlich Wurzel des ganzen Lebens ist), mit Selbstbefriedigung schwächt, irreleitet, im Extrem ganz auslöscht. Das ist das eigentlich menschenmordende Wesen der Onanie, sobald sie mehr ist, als ein in ganz bestimmten Fällen statthaftes Überdruckventil.

Zur „Naturgewalt“ des Sexualtriebes: Klar ist (Elementarwissen) - es gibt biologische Faktoren des Sexualstrebens. Ebenso klar ist, der Mensch ist nicht direkt, unmittelbar, unbedingt, linear von biologischen Faktoren abhängig. Sein Verhalten wird immer bestimmt von einer Bedingungsgesamtheit, zu der biosexuelle Faktoren gehören. Damit ist aber für den konkreten Umgang mit diesen Faktoren noch nichts gewonnen, […]

So wurde ich heute früh, während ich zur Arbeit fuhr, von starken, drastischen sexuellen Wünschen und Vorstellungen geplagt (besser gesagt, ich habe sie genossen). Oft habe ich die Erfahrung gemacht, daß aus solchen Zuständen mit einer bloßen Willensanstrengung kaum oder gar nicht rauszukommen ist, daß dieser Faktor oft stunden-, ja, tagelang wirkt. Das führt oft zu der kurzschlüssigen Folgerung von der dominierenden Gewalt des biol-Sexuellen. Heute machte ich die andere Erfahrung (auch nicht zum ersten Mal), daß nach der Vorlesung der sexuelle Trieb völlig ausgelöscht war. (Er war nicht nur momentan nicht aktiviert, er, diese Triebfeder, war gar nicht vorhanden.) Daraus schließt man manchmal nicht weniger kurzsichtig, man könne monate- oder jahrelang schadlos ohne ihn auskommen. Jenseits aller Kurzschlußdeutungen bleibt aber die Frage:
Woher kommt die „Naturgewalt“ des Sexuellen so plötzlich, so stark, wohin verschwindet sie ebenso plötzlich? Weiter gefaßt ist das die Frage, was uns steuert und wie wir uns steuern können.
In diesen Bereich fällt wohl auch die Frage, wie es kommt, daß mich bestimmte Frauen […], die nicht wenig weiblich reizvoll sind, völlig kalt lassen und umgekehrt. (Eine andere Gruppe von Frauen zieht mich sexuell durchaus kräftig an […] aber ich weiß es jederzeit (bzw. unmittelbar „danach“), daß überhaupt keine menschliche Harmonie möglich ist. Es ist ein ganz eigenartig Unangenehmes dabei, etwa das Fehlen jeder Innigkeit, Güte.)

Es ist halt nicht nur ein „Knochen“, der in Loch gesteckt werden soll, es ist ein ganzes Relief, das seine Gegenform finden will.(Und auch nicht bloß gleichförmiges Relief, darin sind Haupt“zapfen“ und -„aussparungen“, die maßgebender sind als andere und zwar für jeden Menschen ganz spezifische.)

Im Fernsehen wird Faust I gegeben, und dabei werden auch einige sexuelle Bewegungen angedeutet. Wie immer erstaunt mich, daß alle Schauspieler meine Bewegungen kennen, daß alle Menschen meine Bewegungen machen. Ich mache, was alle, alle, alle machen und glaube, etwas völlig Einmaliges zu erleben.

Daß die Geschlechter zueinander müssen, ist etwas ebenso Unfaßbares, wie der Tod.

Eine erste halbe Stunde habe ich gestern in Hebbels Tagebuch I gelesen. Es fesselt mich. Doch ich segne schon jetzt unsere Zeit, die den vereinzelten, sachlichen, rüden Menschen hervorgebracht hat, der einige Vorurteile oder Dumpfheiten hinter sich hat. Dieser Mensch kommt mir vor, wie einer, der aus einem Ozean der Benommenheit auftaucht und nun tabula rasa, die wirkliche Wüste, die Wüste wirklich sieht.