Archive for Oktober, 2007

10. April 1982 - Erotik in der DDR

Donnerstag, Oktober 18th, 2007



[…] Wie begierig alle (?) Menschen auf das „Magazin“ sind. Erotik und Sex unterliegen keiner sehr strengen gesellschaftlichen Regulierung und Kontrolle mehr. Aber die geistige Verständigung über das, was sich da abspielt, in der Öffentlichkeit, ist demgegenüber sehr zurückgeblieben. „Erotika“ bleiben Geheimliteratur. Allein schon dieser Sammelbegriff! In der Sammlung von J.H. Bruns in Molsdorf reicht er vom groß angelegten wissenschaftlichen Werk bis zur saftigen Schweinerei. Größere Arbeiten über die Erotik unserer Gesellschaft oder aus der Sicht unserer Gesellschaft sind mir völlig unbekannt.

Das „Magazin“, das (gottlob!) seit Jahrzehnten wenigstens das Zeichen dafür ist, daß hier die Öffentlichkeit ein Thema hat (wenn es natürlich auch nicht das Forum für dieses Thema sein kann), widerspiegelt die Beschränktheit der öffentlichen Reflexion und zugleich das Hinterherhinken gegenüber westlichen Fragestellungen. Es ist noch nicht lange her, daß zum ersten Mal das weibliche Geschlechtsteil auf einem Aktphoto deutlich zu erkennen war […], genau, wie vor Jahren ein anderer „Schwellwert“ galt: Die Schambehaarung sollte nicht sichtbar sein. Noch heute („fotografie“ 3/82) ist es etwas Neues, wenn ein Aktphotograf sich für den erotischen Akt ausspricht (vom Männerakt oder gar dem Akt eines erregten Mannes oder gar dem Doppelakt eines Liebespaares zu schweigen).

Einige Darstellungen erregter Männer (bzw. Paare), wie ich sie bei J.H. Bruns sah (ähnlich alten griechischen oder römischen Darstellungen) bewirken bei mir eine eigentümliche Sachlichkeit: So also sieht das aus. Der Mann erscheint mir als Träger eines Fremdkörpers, bzw. als Anhängsel eines Werkzeugs. Ist genau das nicht das normale Gefühl einer Frau, wenn sie noch unerregt, einen Mann gegenübertritt - sachliches Interesse für eine lächerliche Monströsität?

Durch verschiedene emotionale Spannungen und Zwänge und ihre Unreife war die Frau früher daran gehindert, diese sachliche Erkenntnis zu gewinnen. Heute sind sie zu dieser Sachlichkeit fähig (in weit größerem Maße), und wo Liebe oder andere Emotionalität fehlt, geht es dann wirklich nicht darüber hinaus, wird der Verkehr zur (beiderseitig auch so aufgefaßten) Experimentalwissenschaft.

Mitreisende (während ich über Gruppenpsychotherapie lese): Eine Mutter, die ihr kleines Kind am Spazieren im fahrenden, schwankenden Wagen hindert. Der Kleine brüllt. Sie zwingt ihn auf den Schoß, schlingt ihren Arm, der in einer dicken, warmen Strickjacke steckt, um seine Hals, drückt ihr Gesicht an seines und redet ihm Müdigkeit ein. Er brüllt, strampelt, stößt - alles vergeblich. Minutenlang dauert dieses Szene, die mir buchstäblich die Luft raubt. Der bebrillte Vater sitzt reaktionslos gegenüber. Schließlich darf der Kleine sich wenigstens auf die Füße stellen.

Inzwischen spielt er friedlich, ist abgelenkt.

Für mich werden Glück und Unglück eigentümlich gleichwertig, ebenso Leben und Tod. Als ich gestern im Wald spazierte und mir vorstellte von einem noch hängenden Wipfel des Windbruchs erschlagen oder von einem der zahlreichen Anstande aus versehentlich erschossen zu werden, war das keineswegs erschreckend. Ich täts gleichmütig, vielleicht noch nichtmal ungern hinnehmen. Zugleich sage ich mir, daß ich eigentlich gerne und schön lebe. […]

09. April 1982 - Liebe und Sex

Donnerstag, Oktober 18th, 2007



[…] Warum hab ich die Zeichen bröckelnder Liebe nicht begriffen? Wie hab’ ich L. überschätzt? […] Was hat mich ihre menschlichen Schwächen immer so verkleinern lassen? Im Grunde kommt das aus der Sehnsucht, bei einem Menschen ganz und gar geborgen zu sein. Meine Schwäche, meine Angst vor der Einsamkeit, habe ich ihr aufgeladen. Ich wollte mich ihrer Vollkommenheit anheimgeben und hab sie so zum Götzen erhoben. Alleinseinkönnen, damit fängt (wie L. so oft betonte) das wirklich freie Verhältnis zum Adern an. Hoffentlich bin ich jetzt soweit.

Der Mensch kann nie bloßer Punkt sein, solang er lebt. Er muß sich immer beziehen. Aber der freie Mensch bezieht sich primär auf selbst gesetzte, objektive Ziele und erst über diese auf andere Menschen. Der Massenmensch bezieht sich primär auf Menschen, zwecks Produktion seines Glücks.

Marita ist von „Lady Chatterly“ beeindruckt. Als sie nach meinem Orgasmus weiter erregt bleibt, kommt sie auf die Stelle zu sprechen, wo der Schoß der Frau mit einem gierigen Schnabel verglichen wird. Ihre Äußerungen sind schwer zu werten. Sie scheint diesen Vergleich absurd zu finden, amüsiert sich darüber, zugleich glaube ich, daß sie doch irgendwie betroffen ist von diesem Gedanken. Wie ich ihre andauernde Aktivität erlebte? Nicht unangenehm. Sie hatte mich mehr oder weniger genotzüchtigt, ich fühlte kaum Verantwortung für ihr Lusterlebnis und keine Schuld, als es nicht eintrat. (Was aber trat bei ihr ein?) Diese Gefühle (des Verpflichtetseins) sind eigentlich das Belastende in solchen Situationen, zu Sollen, zu Müssen und nicht zu Können. Ihr Mühen an mir war daher eher angenehm. Wohin kommen wir, wenn ich sie mit Kraft und Begierde (aber mit Beherrschung) nehme? Wie war ihr Ablehnen meines starken Bewegens zu verstehen? Woran stellte sie das „Animalische“, das Freisein von Tabus und Hemmungen fest? Was bedeutet es ihr? Warum wollte sie mich unbedingt? Sie sagte Koketterie. Das hat sie doch nicht nötig. Wohl aber wollte sie die Frau auslöschen, von der ich kam…[…] Will sie noch mehr von mir? Ich glaube sicher. L. wird sie auch in mir „besiegen“ wollen. Aber außer diesen Motiven. Was erstrebt sie eigentlich? Lust? Glück? Wärme? Ich weiß es nicht. Weiß sie es? Frauen bzw. Situationen mit Frauen (nämlich ohne Liebe), bei denen Du Dir vorkommst, wie auf dem Prüfstand (bei L., bei Marita), nicht so bei Helga, nicht so bei Margot, die, ganz unerwartet, meine schönste, menschlichste Beziehung in dieser Zeit ist. Ist Marita schon mal Gewalt angetan worden? Wie frühzeitig fing sie mit dem geschlechtlichen Verkehr an? Leidet sie? Ich weiß nichts.

b820409.jpg

 

08. April 1982 - bei Jörg-Heiko Bruns in Molsdorf

Dienstag, Oktober 16th, 2007



[…] W. Shakepeare (in „Magazin“ 1/81, S.12):

„Wir sind aus dem gleichen Stoff,

aus dem ein Traum besteht,

und unser kurzes Leben ist eingebettet

in einen langen Schlaf.“

G. B. Shaw, „Magazin“ 7/81, S. 21

„Menschen sind weise nicht proportional zu

ihrer Erfahrung, sondern zu ihrer Fähigkeit,

Erfahrungen zu machen.“

„Den Abstand wahren ist das Geheimnis der Kultur.“ […]

Schöne Stunden in Molsdorf bei den Bruns’

Jörg-Heiko Bruns hatte ich anläßlich einer Ausstellung von L. in Magdeburg kennen gelernt. Er war damals in der 70-er Jahren einer der Ersten in der DDR, die eine kleine Kunstgalerie (unter der Schirmherrschaft des Kulturbundes in Magdeburg) eingerichtet hatten und erfolgreich betrieben. In der Zwischenzeit hatte er die Leitung des Barockschlosses Molsdorf bei Erfurt übernommen.

Beide sehr aufgeschlossen und kameradschaftlich. Er erzählt mir von den Empfängen der Parteibonzen (13 Teilnehmer) im Schloß, Axen und die „pazifistischen Jagdteilnehmer“, der lebenslustige Schloßherr Gotter, das Erlebnis eines solchen Baus (von ihm geführt), z. B. auch der „Tränensalon“, auch schöne Malereien, das Deckengemälde als Tisch oder Tanzfläche nutzbar, Gipsmotive (mit Anzüglichkeiten) im Damensalon. Die Sammlung Erotica - was eigentlich zur Allgemeinbildung gehören sollte. Die kanadische Schreigans, die den Pfau liebt, der Kirchenbau, die ganze schöne Anlage, des Bild „alte Zigeunerin“, Frau mit geöffnetem Vogelbauer (das bedeutet, wie da sein Vogel einfliegen kann), das Bidet im Eckschrank.

Einige hübsche Erfurterinnen machen mir wieder Lust auf Frauen. Bin gespannt, wie mich Marita nächstens empfängt (Sie hatte es einmal fast haßerfüllt abgewiesen, Ansprüche aus einem Beischlaf abzuleiten.) Ihre eifersüchtige Abneigung, wenn sie sich nach L. erkundigt. Sie könnte Lust haben, mich „um den Finger zu wickeln“. Eine Beziehung voll der „gewöhnlichen“, lebendigen Kompliziertheit, die mich interessiert. Ihr späteres Eingeständnis, wie dringlich sie einen Mann sucht (für dauernd, für’s Heiraten). Ihre Reaktion, als ich ihren Wolfgang, ihren langjährigen Liebhaber, nach dem Bild, als dumm bezeichne (der doch so clever ist). Möchte mehr wissen, was sie beim Akt erlebt. Ihre Falten, ihre nicht erreichten Orgasmen.

Ich bin begierig darauf, mehr Mensch zu erfahren. Viel genauer möchte ich wissen, wie das Liebesleben verschiedener Menschen verläuft. Das macht Marita so interessant. Bei mir handelt es sich hierbei wohl kaum um Flucht oder Betäubung. Diese Studien werden bereichern aber nicht im tiefen Sinne glücklich machen. Das erwarte ich nicht. Nach den (partiellen) Befriedigungen wird es notwendigerweise auch Krisen geben. Darüber muß mich der Gewinn an Leben, an Einsicht hinwegbringen. […]

Margot ist fähig, sehr innig, zart und tief zu empfinden. „Immer, wenn ich aufwachte, spürte ich Deine Hände.“ Als sie spätnachts ins Nachbarbett sprang (weil sie neben mir nicht schlafen konnte) und ich mich dann besorgt daneben kniete, weil ich dachte, ihr sei übel - dies hat sie bemerkt und sagte, wie froh es sie machte. Die Sensibilität ihrer Hände. Wie schön sie von ihrer Arbeit sprechen kann. Unsere innige Harmonie beim Tanzen, ihre Spontaneität dabei. Der Abschied mit lachendem Gesicht. Wie fest sie mich umfaßte bei der Begrüßung.

b820408.jpg

 

07. April 1982 - in der Bahn

Montag, Oktober 15th, 2007



5.35 Uhr DR nach Jena, Dr. Frohwalt Lange und Dr. Gentner

[Psychologen, die bei VEB Carl Zeiss Jena das Verhaltenstraining in großem Maßstab und unter Einsatz moderner Videotechnik praktizierten - in der DDR eine absolute Rarität. Mein Besuch diente dem Studium ihrer Erfahrungen und der Anbahnung einer Kooperation beim Kreativitätstraining.]

14.12 Uhr DR nach Erfurt, Angermuseum, Krämerbrücke, alte Stadt, Besuch bei Jörg Heiko Bruns in Schloß Molsdorf

Bacon S. 191: „Gott der Allmächtige, pflanzte zuerst einen Garten, und in der Tat ist dies die reinste aller menschlichen Freuden…“

Mitreisende: Zwei Monteure oder Ingenieure für Industrieroboter mit einem endlosen Gespräch über Getriebe, Drehmomente und Positioniergenauigkeiten.

Zwei andere Ingenieure, die sich wohl über EDV-Peripherie unterhalten, E-Motoren, Meßwerte.

Vier junge Arbeitertypen (Monteure, Absahner) mit Bierbäuchen, Bärten, erst schlafend, dann Biere und laut rufendes Gespräch. Leute, die in prallen Hosen stecken und prallen Hosen nachblicken.

Ein Pärchen neben mir auf der Bank. Er jungwirkend (vielleicht 40), mit Stupsnase, rosiger Haut, völlig ergrautem Haarschopf; sie derb, phantasielos, dickfellig, mit jedes Mal töricht-glücklichem Ausdruck, wenn sie einander zuwenden und gleichgültigen Blick, wenn sie auf andere Leute schaut. Sie frühstücken großartig. Jede Sorglichkeit, die sie präsentieren kann, (z. B. geschmacklose, in Servietten eingeschlagene Porzellantassen), präsentiert sie mit demselben Lächeln. Dabei hat sie ihre große Vorratstasche neben sich auf dem Sitz und nimmt die Fahrgäste nicht wahr, die gleichzeitig Plätze suchen.

Andere Leute, die triefäugig, dösig dasitzen, so wach wie Schweine im Mittagsdunst. Man könnte sagen mit Hölderlin: Alles seh’ ich, nur keine Menschen.

Doch, auf der Nebenbank eine schmale Frau, mit dunklen Augen, die meiner Schreiberei öfter zuschaut, und mir gegenüber ein alter Mann, der mit angenehmer Stimme nach dem nächsten Bahnhof fragt.

06. April 1982 - weiter Marita

Sonntag, Oktober 14th, 2007


[…][Telefoniert mit Nuría Quevedo]

Wegen der Fotografien der Mayerl-Bilder verweist mich N. Quevedo an ihren Mann, wegen des Atelierbesuchs (ja, aber…) auf’s nächste Jahr. Sie macht einige Bemerkungen zu Mayerl, mit denen ich übereinstimme.

Äußerungen Maritas: „Du bist wohl etwas bieder?“ Ich sei animalisch. Als sie einmal mit zwei Männern schlief, kam sie sich vor, „wie eine Puppe, die in der Luft gedreht wird“ (ein eigentümlicher, ursprünglicher Ausdruck). Erotische oder pornografische Bilder oder Filme reizen sie bis zum Orgasmus, „aber nur beim ersten Mal“. Sie spricht seit Stunden und fragt:“Soll ich Dir beichten?“ (Sie will beichten.) Sie habe Männer zu ihrem Vergnügen. Aber der Preis sei hoch. „Dann kann ich nicht mehr lieben.“ Enttäuschte Liebe würde ihr keiner anmerken, aber weinen würde sie „ganze Nächte durch“. „Ein Segen, daß mein Kind eine Fehlgeburt war, wenn es auch unheilbar krank gewesen wäre, wäre ich in’s Irrenhaus gekommen.“ Ihr Mitgefühl mit der hilflosen Kreatur, Hunde, Katzen, Kinder. Die Leute, die über ihr wohnen und ihre Kinder vernachlässigen „müßte man kastrieren“. Der verschenkte Schlitten. Brechts Kinderkreuzzug. Ich habe in der Nacht ganz viel zugehört, kaum selbst Position bezogen. Das hat sie verwundert, gereizt und war ihr zugleich angenehm. Sie empfand das sicher sehr zwiespältig. Beim nächsten Mal kann das nicht reichen. Zum Schluß sagte ich ihr, wie tief enttäuscht sie sei von den Männern und ganz zum Schluß, vorm Schlafen, daß sie ein liebenswerter Mensch sei. Das fiel mir in diesem Moment schwer, aber ich bin jetzt froh, daß ich es gesagt habe. Marita:“Wenn ich liebe, dann empfinde ich nicht Vergnügen oder Freude usw., dann bin ich einfach hingerissen.“ „Ich finde meinen Körper schöner, als den des Mannes.“ „Ich beobachte dabei die Männer ganz unbeteiligt („wie sie auf dem Höhepunkt gleichsam besinnungslos sind. - Du warst es nicht, hattest Du keinen richtigen Höhepunkt?“)

R. und A. [meine Arbeitskolleginnen] regen sich mal wieder über gestiegene Preise auf und daß sich ihr Gehalt nicht erhöhe. Ich habe keine Lust, das wieder zu diskutieren. Der Kern der Antwort ist: Wie habt Ihr denn Eure Leistungen gesteigert?

Jeder Mensch sendet viele Impulse aus. Besonders beim ersten Kennenlernen ist die Vielzahl und Vielfalt dieser ursprünglichen Impulse zu beobachten. Die eigenen Impulse treffen auf die Impulse des Anderen. Dadurch gibt es Wärme, Licht, und eine Verbindung schweißt sich. Andere Impulse treffen nicht auf den Gegenimpuls des Partners. Sie gehen ins Leere, werden nicht bekräftigt, ersterben, werden nicht mehr ausgesendet. Oder sie treffen auf Gegenimpulse von anderen Menschen, so daß zu ihnen Beziehungen entstehen.

Evelyne erzählt, welche Motive sie für ihre Ehe hatte (und welche sie jetzt hat in der Beziehung mit ihrem Bernd). Einen dummen, bzw. unerfahrenen Mann nehmen, der sie nicht durchschaut, bei dem sie also allein, frei (?) bleiben kann, wenn sie es wünscht. Menschen (Evelyne, Marita, L.), die einen bestimmten Teil ihres Selbst nicht einbringen können in eine Beziehung. Die hier frei, unabhängig bleiben müssen. Welcher Teil ist das? Wann entsteht er, wie weit ist er beeinflußbar, umwandelbar? Ist er in keinerlei Beziehung einbringbar oder gibt es für jedes Teil des Selbst eine zumindest denkbare Partnerbeziehung?

Aus den Essays von Bacon: „Das Ich des Menschen ist ein kümmerlicher Mittelpunkt seiner Handlungen.“ (99)

„Wiederholungen bedeuten in der Regel Zeitverlust; doch es gibt keine bessere Zeitersparnis als die häufige Wiederholung der Frage, die zur Erörterung steht.“ (104)

„Auch sind Vorreden, Zitate, Entschuldigungen und andere persönliche Anspielungen nur große Zeitverschwendung, und obgleich sie aus Bescheidenheit hervorzugehen scheinen, sind sie bloße Großsprecherei.“ (104)

„Denn eine Menge ist noch keine Gesellschaft, und Gesichter sind nur eine Bildergalerie, wie Gespräche nur eine klingende Schelle, wo die Liebe fehlt.“ (109)

„In den Stunden der Mahlzeit, des Schlafes und der körperlichen Bewegung sorglos und heiter gestimmt zu sein, ist eine der besten Regeln für langes Leben.“ (134)

„In Hinsicht auf die Schönheit steht die der Gesichtszüge höher als die der Farbe und die der feinen und anmutigen Bewegung höher als die des Antlitzes.“ (181)

05. April 1982 - Marita

Sonntag, Oktober 14th, 2007



[…]

Eine turbulente Nacht bei Marita, die mich um jeden Preis verführen will. Sie sagt, sie sei frigide, habe einen Orgasmus erst 3- oder 4-mal gehabt, was sich als die Wahrheit erweist. Ich bin zu allem anderen als zum GV aufgelegt. Aber sie kommt davon und von der ganzen damit verbundenen Problematik nicht weg. Sie redet die ganze Nacht eine Folge alberner Eitelkeiten, Illusionen und trauriger Wahrheiten, dazwischen krampfhafte und auch innige Gefühlsbezeugungen. Ein Mensch, der auf die Folter seiner ungelösten Konflikte und dummen Eitelkeiten gespannt ist. Eine Möglichkeit, da zu helfen sehe ich nicht. Sie ist voller Enttäuschung über „die Männer“ und kann in eine Beziehung nur das einbringen, was sie verachtet, so daß sie sich zum hilflosen Opfer macht. Ich bewahre noch eine dünne Sympathiebeziehung, weil ich die Umstände sehe, die sie zu dem gemacht haben, aber tragfähig ist das nicht. Ihr Körper und ihr Verhalten im Bett sind reizvoll. Aber was nützt das? Ein armes dummes Kind und zugleich Härte und Festgefahrensein einer 80-Jährigen. Ein trauriges Erlebnis. Dagegen ist Margot, die ja auch manche Illusionen hat, aus anderem Holz geschnitzt, so daß es mit ihr wirklich schöne Harmonien gibt. (Herrlich ihr Judogriff gegen den Frauen-Unhold.)

In dieser Beziehung an größeren Gewinn, an Tiefe und Festigkeit zu glauben, hieße sich etwas vorzumachen. Jedoch geht es nicht an, diese Erfahrung, noch ehe sie recht gemacht ist, wegzuschieben. Wie wenig habe ich reflektiert! (Ich muß frisch sein, wenn ich zu ihr gehe.) Vor allem muß ich aber in dem ganzen Wust von Lügen, Verstellungen und Schmerzrufen das Wesen sicherer erfassen. Ist nicht das ganze Tohuwabohu ein Ruf nach Widerstand, Gegengewicht (wenn schon nicht Erlösung)? Was drängt sie, sich in unentwegter Rede die ganze Nacht um die Ohren zu schlagen?

b820405.jpg

04. April 1982

Freitag, Oktober 12th, 2007



Rückfahrt Bad Elster - Berlin, Bacon-Essays, von Marita, an die ich immer wieder viel denke auf dieser Fahrt - eigenartig: aus dem Bett der einen Frau (und ihrem Herz) zum Herz der Anderen - „Weite meines Herzens“ (!). […]

„Frauen sind die Geliebten der Männer in der Jugend, die Gefährtinnen auf der Höhe des Lebens, die Pflegerinnen im Alter.“ (29)

„Das Reisen dient in jüngeren Jahren der Erziehung, in reiferen der Erfahrung. wer in ein Land reist, bevor er einigermaßen in dessen Sprache eingedrungen ist, sollte lieber zur Schule gehen, aber nicht auf Reisen.“ (73)

„Es ist seltsam, daß Leute auf Seereisen, wo sie nichts als Himmel und Wasser erblicken, Tagebuch führen, dagegen sie auf Landreisen, wo es viel zu beobachten gibt, es meistens unterlassen. Als ob Zufälligkeiten sich besser zum Aufzeichnen eigneten als sorgfältige Beobachtungen.“ (73)

„Denn wer gewohnt ist, vorwärtszuschreiten und trifft auf einen Halt, zerfällt mit sich selbst und ist nicht mehr der vorige Mensch.“ (77)

„Der größte Vertrauensbeweis der Menschen liegt darin, daß sie sich voneinander beraten lassen. (84) […]

Ein großes, großes, ein ungeahnt großes Problem ist es, den tieferen psychologischen Sinn (Bedeutung, Wert) des tatsächlichen Handelns aufzudecken. Wohlgemerkt, ich spreche nicht von der mehr oder weniger bewußten Motivation, eher vom psychologischen Hintersinn. […]

Übermut, Mutwillen gegenüber anderen Menschen (L. mir gegenüber, ich gegenüber Chr.) - eine kräftig negative Eigenschaft, Eigenschaft der Unreife, der Selbstüberschätzung.

03. April 1982 - Bad Elster

Mittwoch, Oktober 10th, 2007



6.00 Uhr Margot kommt [Sie mußte ab 22.00 Uhr in ihrem Kurhaus übernachten.]

Moritzbrunnen, Spaziergang, Badehaus, Kurhaus, Kirche, Russenviertel, im Bade-Cafe. zum Bahnhof, Zug nach Berlin um 1/2 Minute verpaßt. M. ist glücklich (schlecht verhohlen), entscheide mich für denn nächsten Tag zur Abfahrt aber denke gleich an Marita, schade. Gepäck am Bahnhof gelassen, langer Spaziergang, abends „Toscana“, von Margot bewerkstelligt, kommt das „ungleiche Paar“ an unseren Tisch, das sich erweist als Uwe Jens Heuer und Genn G., Mitarbeiterin der Abt. Kultur im ZK, wirklich interessantes Gespräch (Auslandsarbeit, Sprachen, unser Telefonat über Streikrecht, Margot erzählt interessant von ihrer Arbeit), 21.45 nach Hause, der Schließer kommt. 22.05 Uhr Margot zu mir, schöner Sex.

 

b820401.jpg

02. April 1982 - Lehrgangsabschluß, Abstecher nach Bad Elster

Mittwoch, Oktober 10th, 2007


Auswertungsrunde zum Abschluß in Herlasgrün:

Zu mir sagen sie, daß ich sicher wirke und auch im Kollektiv Sicherheit ausstrahle (erstaunlich für mich und wirklich erfreulich), ich glaube etwas von aktiv und anregend wurde auch gesagt, der „verschmitzte Humor“ wurde erwähnt und vor allem eine kürzere, präzisere Ausdrucksweise verlangt. […]

Im Zug nach Bad Elster:

[In Bad Elster treffe ich meine Bekannte Margot aus dem Zittauer Winterurlaub, die dort gerade zur Kur weilt.]

Das junge Mädchen (vielleicht 17 Jahre) mir gegenüber. - Immer wieder, „naturwüchsig“, entsteht Schönheit. Schöne junge Menschen!

Schönheit Margots, die auch in ihrer Jugendlichkeit liegt, Schönheit als das Selbstverständliche; das Schöne, das so sein muß, wie es ist und dabei richtig ist, richtig im Sinne von wahr und maßvoll. Die tiefere, menschliche Schönheit Richards, Christas (im Verhaltenstraining); Schönheit in der Beziehung zu anderen Menschen (bei den beiden Letztgenannten) hat nicht das Pflanzenhafte, Jungfräuliche der erstgenannten Schönheit. Wie sie erscheint, danach wäre ernsthaft zu fragen. […]

Fr. Bacon, „Essays“, Dieterich, 1967:

„Im Glück offenbart sich am stärksten das Laster, aber im Unglück die Tugend.“ (20)

„Drei Stufen der Heuchelei: Verschwiegenheit, Verstellung in negativer Form (Ich bin gar nicht der, als der ich scheine.), Heuchelei in positiver Form (Ich gebe vor das zu sein, was ich nicht bin.)“

Das Beste ist „im Ruf und im Ansehen von Offenheit zu stehen, Verschwiegenheit zu üben aber mit Maßen sich verstellen und heucheln zu können, falls nichts anderes übrigbleibt.“ (25)

 

01. April 1982 - Trainerlehrgang

Dienstag, Oktober 9th, 2007


Rückenschmerzen

[…] Beeindruckend, wie feinfühlig manche der Teilnehmer das Befinden anderer Teilnehmer aus der Gruppe einschätzen. Bei Traudl sowieso [Dr. Traudl Alberg, Supervisorin unseres Lehrgangs], aber auch bei Richard [Dr. Richard Huybrechts, HU Berlin], Christa, Karla, Christiane fand ich wiederholt Beispiel für solche Feinfühligkeit, gegenüber der ich ein „tumber Tor“ bin. (In ähnlicher Weise beeindruckt mich die überlegene Farbempfindlichkeit von L.)

[…]