10. April 1982 - Erotik in der DDR
Donnerstag, Oktober 18th, 2007
[…] Wie begierig alle (?) Menschen auf das „Magazin“ sind. Erotik und Sex unterliegen keiner sehr strengen gesellschaftlichen Regulierung und Kontrolle mehr. Aber die geistige Verständigung über das, was sich da abspielt, in der Öffentlichkeit, ist demgegenüber sehr zurückgeblieben. „Erotika“ bleiben Geheimliteratur. Allein schon dieser Sammelbegriff! In der Sammlung von J.H. Bruns in Molsdorf reicht er vom groß angelegten wissenschaftlichen Werk bis zur saftigen Schweinerei. Größere Arbeiten über die Erotik unserer Gesellschaft oder aus der Sicht unserer Gesellschaft sind mir völlig unbekannt.
Das „Magazin“, das (gottlob!) seit Jahrzehnten wenigstens das Zeichen dafür ist, daß hier die Öffentlichkeit ein Thema hat (wenn es natürlich auch nicht das Forum für dieses Thema sein kann), widerspiegelt die Beschränktheit der öffentlichen Reflexion und zugleich das Hinterherhinken gegenüber westlichen Fragestellungen. Es ist noch nicht lange her, daß zum ersten Mal das weibliche Geschlechtsteil auf einem Aktphoto deutlich zu erkennen war […], genau, wie vor Jahren ein anderer „Schwellwert“ galt: Die Schambehaarung sollte nicht sichtbar sein. Noch heute („fotografie“ 3/82) ist es etwas Neues, wenn ein Aktphotograf sich für den erotischen Akt ausspricht (vom Männerakt oder gar dem Akt eines erregten Mannes oder gar dem Doppelakt eines Liebespaares zu schweigen).
Einige Darstellungen erregter Männer (bzw. Paare), wie ich sie bei J.H. Bruns sah (ähnlich alten griechischen oder römischen Darstellungen) bewirken bei mir eine eigentümliche Sachlichkeit: So also sieht das aus. Der Mann erscheint mir als Träger eines Fremdkörpers, bzw. als Anhängsel eines Werkzeugs. Ist genau das nicht das normale Gefühl einer Frau, wenn sie noch unerregt, einen Mann gegenübertritt - sachliches Interesse für eine lächerliche Monströsität?
Durch verschiedene emotionale Spannungen und Zwänge und ihre Unreife war die Frau früher daran gehindert, diese sachliche Erkenntnis zu gewinnen. Heute sind sie zu dieser Sachlichkeit fähig (in weit größerem Maße), und wo Liebe oder andere Emotionalität fehlt, geht es dann wirklich nicht darüber hinaus, wird der Verkehr zur (beiderseitig auch so aufgefaßten) Experimentalwissenschaft.
Mitreisende (während ich über Gruppenpsychotherapie lese): Eine Mutter, die ihr kleines Kind am Spazieren im fahrenden, schwankenden Wagen hindert. Der Kleine brüllt. Sie zwingt ihn auf den Schoß, schlingt ihren Arm, der in einer dicken, warmen Strickjacke steckt, um seine Hals, drückt ihr Gesicht an seines und redet ihm Müdigkeit ein. Er brüllt, strampelt, stößt - alles vergeblich. Minutenlang dauert dieses Szene, die mir buchstäblich die Luft raubt. Der bebrillte Vater sitzt reaktionslos gegenüber. Schließlich darf der Kleine sich wenigstens auf die Füße stellen.
Inzwischen spielt er friedlich, ist abgelenkt.
Für mich werden Glück und Unglück eigentümlich gleichwertig, ebenso Leben und Tod. Als ich gestern im Wald spazierte und mir vorstellte von einem noch hängenden Wipfel des Windbruchs erschlagen oder von einem der zahlreichen Anstande aus versehentlich erschossen zu werden, war das keineswegs erschreckend. Ich täts gleichmütig, vielleicht noch nichtmal ungern hinnehmen. Zugleich sage ich mir, daß ich eigentlich gerne und schön lebe. […]



