Archive for Dezember, 2007

31. Mai 1982 - Pfingsten

Montag, Dezember 3rd, 2007


[…] Fahrt nach Hohen Neuendorf, D. und ganze Familie, Bücher vom Obstbau und von Kräutern, Magazin 3 und 5/82 gelesen, meist ziemliche Schmerzen in Rücken und Bein. Zusammen mit Rolf in Schmachtenhagen die Zaunfelder geholt, die ich bei dem Nachbarn zwischengelagert hatte. […]

Im Magazin stand (von R. Merle, glaub ich), daß man vom Menschen nichts erfährt, wenn man sich von Moralgeboten leiten läßt.

In der S-Bahn, mit der ich von Hohen Neuendorf abfahren will, zwei Pärchen im Fahrradabteil. Kurzer Wortwechsel, da sie meinen es sei voll. Die Eine: „Und er stößt das Rad mir auch noch in den Hintern!“ Ich:“Wo es so ein schöner Hintern ist.“ Sie beruhigen sich bald, sind gutgelaunt. Meine Anzüglichkeit hat die Eine nicht vergessen. Sie genießt aufreizend, gleichsam auch mir zur Schau, das Tändeln mit ihrem Freund. Beide sind jung (vielleicht 18-20), vital, schön, kraftvoll. Ihre Lippen sind blutrot geküßt, die Augen sind eisblau und glühend, beide sind von Liebe und Sonne gesättigt und dennoch nicht schlaff. Die Brüste springen unter dem Kittel. Eine junge Frau im ersten Vollgenuß des Sex. (Eine solche Partnerin für einen Urlaub, das wäre schön, aber das verlangt volles Engagement.) […]

Frühmorgens, als ich beim Starten verschiedene junge Pärchen sehe, die auf Tagestour gehen, beschleicht mich leise Wehmut. Wie lange vorbei sind diese Zeiten, wo jeder gemeinsame Tag, jede Stunde mit dem geliebten Menschen ein Erlebnis war. (Claudia Cardinale schreibt im Magazin 5/82, man solle nach der Heirat sein Verhalten nicht ändern, am besten getrennte Wohnungen behalten, damit alles schön bleibt.)

Als ich die Prenzlauer Promenade ‘reinkomme, fällt mir an einer Stelle immer das nächtliche Heimgehen mit X. ein (vor vielen Jahren), als ich mir vorgenommen hatte, ihren Körper auf der Straße abzutasten und befriedigt innehielt, als ich bis zu einigen Schamlöckchen vorgedrungen war.

30. Mai 1982 - Garten, Kino

Montag, Dezember 3rd, 2007



[…] viel im Garten: Gegen Blattläuse Bi 58 EC bei „Morellenfeuer“, „Jonathan“ und „Ostheimer Weichsel“ mit Pfählen versehen, gerichtet, beschnitten, Gurken auf dem Kompost gelegt, Pflaumen gewässert, gemäht, weiter aufgeräumt (für das Kinderhaus, für „Mesopotamien“)

# „Bi 58 EC“ war ein fürchterliches, systemisch wirkendes Schädlingsbekämpfungsmittel, eine „chemische Keule“, die ich später nie mehr verwendete, „Ostheimer Weichsel“ ist eine Sauerkirsche, die ich von L.s Vater, der sie selbst kultiviert hatte, geschenkt bekam und die ich gleichsam als sein Vermächtnis bewahre, nach zweimaligem Umpflanzen übrigens bis auf den heutigen Tag. „Mesopotamien“ war eine Anlage für die Kinder aber welcher Art, weiß ich nicht mehr. #

[…] Kino: „Kagemusha - der Schatten des Kriegers“ […]

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Die letzten Tage bei schönstem Wetter im Garten, viel Tätigsein. Rücken- und Beinschmerzen machen mir das Protokollieren fast unmöglich.

[…]

F. turnt herum, bezeichnet sich als Sportler, danach sagt er „Sportfenster“, kommt wohl von „Sportfan“(ster). Heut’ morgen sind wir auf dem Sprung zu gehen, sagt er: „Heide, zu Hause bleiben, aufräumen.“ Ein Pfiffikus, agil im Garten, wasserwild, abgehärtet.

„Kagemusha“ weckt in mir ähnliche Empfindungen wie „Iphigenie“, keine euphorische Begeisterung. Aber das Gefühl, daß hier etwas Fremdartiges, teilweise mir Unverständliches, gemacht wurde, woran ich nicht achselzuckend vorbei kann. Dazu z. B. „Iwan der Große“ von Eisenstein - das sind große historische Filme ohne Äußerlichkeit. (?)

Der Weg zum und vom Kino wird mir zur Qual.

War mit H. da, in allerkürzester Zeit geht mir dieser Mensch auf die Nerven, obwohl ich doch manches an ihr schätze und sie umgekehrt auch. Es ist auch nicht nur die Manie, immer das Negative einer Sache zu sehen, es ist auch ihre spezielle Art von Dummheit und die Art, wie sie ihr bewußt ist, sie sie erträgt, bzw. sie sich zäh dabei selbst behauptet. Phlegma, das unheimlich aufreizend ist.

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29. Mai 1982 - erotische Fotografie

Sonntag, Dezember 2nd, 2007

[…] acht Stunden im Garten,

abends Lektüre Lenin-Briefe und -Biografie (> Ines Armand) […]

 

Heute hab’ ich die letzten 4 Tabletten Phenylbutazon weggeschmissen, nachdem ich deutlich den Eindruck habe, daß sie, ohne viel zu helfen, eklige Schmerzen verursachen. Vor allem nach dem Mähen merke ich das Bein sehr. Im übrigen ein sehr tätiger Tag, der mich jetzt kaputt sieht.

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Aktfotos älterer Menschen, Akte von Männern, von Paaren. Rühren die Schwierigkeiten nicht daher, daß unsere Aktphotografie nach wie vor viel zu unerotisch ist? Ein bestimmtes Körperideal find’ ich nun mal nur bei der jungen Frau. „Ideale Akte“ also nur mit ihr. Erotik dagegen finde ich bei allen, auch bei den Alten, bei den „Häßlichen“. Und menschliche Erotik, denke ich, sollte etwas Schönes haben. Dies also sollte fotografiert werden. Also paradox: Gerade der erotische Akt führt mich zur Aktfotografie für alle Menschen.

Die Frage wäre es nun, die spezifische Schönheit der Erotik anderer Menschen zu entdecken, z. B. von Margot, z. B. von Hegrü. Der Pfad, um diese Problematik zu meistern, wird, glaub ich, immer schmaler, je älter die Leute. Aber es gibt ihn! Wahrscheinlich darf das Körperliche, so wie es in ihrer Erotik wohl kaum dominiert (ohne daß es fehlt) auch im Aktfoto nicht dominieren (jedoch auch nicht fehlen).

Die konsequente Orientierung auf den erotischen Akt, öffnet aber auch der üblichen Aktfotografie (schöner Frauen) neue Räume. Das heißt auch, einen menschlichen Sinn freimütig ausbilden!

Ich hab’ jedenfalls nicht die Absicht, Achsel- oder Schamhaar kürzen zu lassen.

 

Übrigens sind fast 50,-M/Std ein Professorenhonorar, dafür dürfte es wirklich nichts (Fotografisches) geben, was sie nicht bereit ist zu bieten.

 

28. Mai 1982 - systematische Tätigkeitserfassung

Sonntag, Dezember 2nd, 2007



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[…]

Hepa hab’ ich gestern zum Theater am 2.6. eingeladen (J. Hart im BE). Sie hat sich gefreut. Eine Frau, die ich wohl sehr sinnlich, doch auch mit einer gewissen Ernsthaftigkeit begehre. Bloß ihre ewige Melancholie, Depressivität geht mir auf den Geist. Wahrscheinlich kennt sie sich, ist „ein gebranntes Kind“ und hat daher Hemmungen vor völliger Hingabe und Lust. (Auch sie will „was für’s Leben“.)

Ständiges Thema ist ihre Arbeitsstelle, und nun erwähnt sie auch politische Verwicklungen von Freunden, […] irgendein Zusammenhang mit Biermann. Wie sie sagte, war sie noch nie im Theater in Berlin (weil sie allein nicht geht). Erwähnte einen langen Abend mit jemand von der bulgarischen Botschaft (anscheinend eine „Sie“). Sie hat immer das Bedürfnis zu sprechen. […]

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Brief an Bettina Sahm, unglaublich, wie sehr einem dabei das sinnlose Gefühl anhängt, etwas Widriges zu tun.

 

Aus meinem Literaturstudium der letzten Tage entwickle ich ein Klassifikationsschema meiner Tätigkeiten, nach dem ich die Zeitverteilung seit Beginn dieser Aufzeichnungen analysiere (sowie Schlußfolgerungen für künftige Protokolle ziehe).

 

# Ich beginne hier mit einem Versuch, dem ich jahrelang viel Aufmerksamkeit geschenkt, dann aber unterbrochen, wenn nicht abgebrochen habe.

Dieser Versuch ist Ausdruck des persönlichkeitstheoretischen Interesses, das von vornherein mit meinem intensiven Tagebuchschreiben verbunden war. Während im Tagebuch fortlaufend Gedanken, Erfahrungen und Erlebnisse, also vor allem psychische Wiederspiegelungen meines realen Lebens, festgehalten wurden, ging es mir mit der Tätigkeitserfassung darum, mein empirisches Verhalten in relativ kurzen Zeitabschnitten (anfangs 10 Minuten-, später 30 Minuten-Einheiten), klassifiziert in fünf Hauptkategorien, die in mehr als 50 Unterkategorien aufgeschlüsselt waren (wie in den folgenden Bildern zu sehen ist) lückenlos zu dokumentieren.

Es war meine Absicht, über Jahre ein sehr umfangreiches empirisches Material der Selbstbeobachtung zu gewinnen, um daraus in späterer Zeit (Rentenalter) eine Einzelfallstudie zu entwickeln. In diesem Sinne (mit Weiterentwicklungen dieses Ansatzes, die ich zu gegebener Zeit darstellen werde) habe ich jahrelang gesammelt.

Immer lag dem ganzen Unterfangen die Doppelmotivation zu Grunde: Einerseits Selbsterkenntnis, andererseits Erkenntnis des „wirklichen Verhaltens und Denkens“ eines Individuums im Sozialismus (mit Zugriff auf eine große Datenbasis, die mir unabhängig von offiziellen Genehmigungen zur Verfügung gestanden hätte). In Letzterem liegt ein subversives Moment, obwohl ich mir keineswegs eine Widerständlerpose zuschreibe.

Nach 1990 ist mein Interesse an einer derartigen Einzelfallstudie erheblich zurückgegangen. Die Datenmassen liegen „unaufbereitet bereit“. Das öffentliche Reproduzieren großer Teile des Tagebuchs hat für mich absolute Priorität gewonnen. #

 

Das Klaassifikationsschema sieht wie folgt aus:

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[…] Die erste Auswertung (17.2.-21.2.1982) habe ich gemacht. Das kann interessant werden. Jedoch: Lehren:

1. Die Auswertung unbedingt wöchentlich vornehmen

2. Die Kontakte in die Auswertung einbeziehen

3. Die Inhalte irgendwie mit erfassen, verallgemeinert bezeichnen.

[…]

Seit ich 24.5. beim Arzt war, werden die Schmerzen eher stärker. Die Schwester sprach zwar davon, daß Phenylbutazon „höllisch“ zu spüren sei. Das konnte ich im Augenblick der Spritze nicht bestätigen. Aber seitdem zeitweilig durchaus. Oft wird das ganze linke Bein, von der Arschbacke bis zu den Zehen taub. Na, bald sind die Tabletten alle. Oder hängt diese Wirkung damit zusammen, daß ich meist vor den Tabletten 1,2 Bier getrunken hatte? Oder weil ich in der eigentümlich angespannten Stellung des Mähens gewesen war? Sei’s drum, eine Verbesserung verspür’ ich z. Z. noch nicht, und der Reizstrom beginnt erst später.

 

A., die in ihren Kurschatten kräftig verliebt ist, hat ganz „beseelte Augen“, als sie mit ihm telefoniert.

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Einer der schönsten und wichtigsten Akte des Magazins. Das will in der (bewältigten) Kühnheit erstmal erreicht sein.