
[…]
Hepa hab’ ich gestern zum Theater am 2.6. eingeladen (J. Hart im BE). Sie hat sich gefreut. Eine Frau, die ich wohl sehr sinnlich, doch auch mit einer gewissen Ernsthaftigkeit begehre. Bloß ihre ewige Melancholie, Depressivität geht mir auf den Geist. Wahrscheinlich kennt sie sich, ist „ein gebranntes Kind“ und hat daher Hemmungen vor völliger Hingabe und Lust. (Auch sie will „was für’s Leben“.)
Ständiges Thema ist ihre Arbeitsstelle, und nun erwähnt sie auch politische Verwicklungen von Freunden, […] irgendein Zusammenhang mit Biermann. Wie sie sagte, war sie noch nie im Theater in Berlin (weil sie allein nicht geht). Erwähnte einen langen Abend mit jemand von der bulgarischen Botschaft (anscheinend eine „Sie“). Sie hat immer das Bedürfnis zu sprechen. […]

Brief an Bettina Sahm, unglaublich, wie sehr einem dabei das sinnlose Gefühl anhängt, etwas Widriges zu tun.
Aus meinem Literaturstudium der letzten Tage entwickle ich ein Klassifikationsschema meiner Tätigkeiten, nach dem ich die Zeitverteilung seit Beginn dieser Aufzeichnungen analysiere (sowie Schlußfolgerungen für künftige Protokolle ziehe).
# Ich beginne hier mit einem Versuch, dem ich jahrelang viel Aufmerksamkeit geschenkt, dann aber unterbrochen, wenn nicht abgebrochen habe.
Dieser Versuch ist Ausdruck des persönlichkeitstheoretischen Interesses, das von vornherein mit meinem intensiven Tagebuchschreiben verbunden war. Während im Tagebuch fortlaufend Gedanken, Erfahrungen und Erlebnisse, also vor allem psychische Wiederspiegelungen meines realen Lebens, festgehalten wurden, ging es mir mit der Tätigkeitserfassung darum, mein empirisches Verhalten in relativ kurzen Zeitabschnitten (anfangs 10 Minuten-, später 30 Minuten-Einheiten), klassifiziert in fünf Hauptkategorien, die in mehr als 50 Unterkategorien aufgeschlüsselt waren (wie in den folgenden Bildern zu sehen ist) lückenlos zu dokumentieren.
Es war meine Absicht, über Jahre ein sehr umfangreiches empirisches Material der Selbstbeobachtung zu gewinnen, um daraus in späterer Zeit (Rentenalter) eine Einzelfallstudie zu entwickeln. In diesem Sinne (mit Weiterentwicklungen dieses Ansatzes, die ich zu gegebener Zeit darstellen werde) habe ich jahrelang gesammelt.
Immer lag dem ganzen Unterfangen die Doppelmotivation zu Grunde: Einerseits Selbsterkenntnis, andererseits Erkenntnis des „wirklichen Verhaltens und Denkens“ eines Individuums im Sozialismus (mit Zugriff auf eine große Datenbasis, die mir unabhängig von offiziellen Genehmigungen zur Verfügung gestanden hätte). In Letzterem liegt ein subversives Moment, obwohl ich mir keineswegs eine Widerständlerpose zuschreibe.
Nach 1990 ist mein Interesse an einer derartigen Einzelfallstudie erheblich zurückgegangen. Die Datenmassen liegen „unaufbereitet bereit“. Das öffentliche Reproduzieren großer Teile des Tagebuchs hat für mich absolute Priorität gewonnen. #
Das Klaassifikationsschema sieht wie folgt aus:



[…] Die erste Auswertung (17.2.-21.2.1982) habe ich gemacht. Das kann interessant werden. Jedoch: Lehren:
1. Die Auswertung unbedingt wöchentlich vornehmen
2. Die Kontakte in die Auswertung einbeziehen
3. Die Inhalte irgendwie mit erfassen, verallgemeinert bezeichnen.
[…]
Seit ich 24.5. beim Arzt war, werden die Schmerzen eher stärker. Die Schwester sprach zwar davon, daß Phenylbutazon „höllisch“ zu spüren sei. Das konnte ich im Augenblick der Spritze nicht bestätigen. Aber seitdem zeitweilig durchaus. Oft wird das ganze linke Bein, von der Arschbacke bis zu den Zehen taub. Na, bald sind die Tabletten alle. Oder hängt diese Wirkung damit zusammen, daß ich meist vor den Tabletten 1,2 Bier getrunken hatte? Oder weil ich in der eigentümlich angespannten Stellung des Mähens gewesen war? Sei’s drum, eine Verbesserung verspür’ ich z. Z. noch nicht, und der Reizstrom beginnt erst später.
A., die in ihren Kurschatten kräftig verliebt ist, hat ganz „beseelte Augen“, als sie mit ihm telefoniert.

Einer der schönsten und wichtigsten Akte des Magazins. Das will in der (bewältigten) Kühnheit erstmal erreicht sein.