11. Juli 1982 - Westpropaganda
Sonntag, Januar 27th, 2008
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Lesen: Musil,
Fernsehen: Fußball WM, die BRD geht im Endspiel restlos unter. Gott sei Dank! Die BRD-Berichterstattung schaltet sofort unisono auf: “Vizeweltmeister! - Wenn uns das einer vor 4 Wochen prophezeit hätte…”
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Kürzlich im Westschulfunk ein Höhrbild über Adenauer: Mystifikationen, Legendenproduktion; kein einziger historischer oder sozialer Zusammenhang wird gründlich dargestellt. Aber: Man hört es sich an. Es war interessant. Unser Extrem dagegen ist oft, die Persönlichkeit des Politikers auf soziale und politische Haupt - und Staatsaktionen zu reduzieren. Die Persönlichkeit als besonderer, sogar einzigartiger, Raum darf niemals herausfallen.
Kürzlich zweimal hintereinander im Westfernsehen Inszenierungen beigewohnt: (nein, einmal war es im Rundfunk). 1. Diskussion unter Leitung des Mühlfenzel zur Ausländerproblematik in der BRD. Der Neofaschismus wird salonfähig gemacht.
Eine Linksempörte wird gegenüber einem (wahrscheinlich) ideologischen Neofaschisten tätlich; minutenlanges Durcheinander in Fernsehtotale bis zum Einsatz der Theaterpolizei. Ergebnis: Man entschuldigt sich bei dem korrekt auftretenden Neofaschisten, bittet ihn, seine Thesen zu verkünden, distanziert sich aufs schärfste von den linken Chaoten.
2. eine Schlager/Talk-(Quatsch-) Sendung, bei Rias wohl. Getalkt wird Gunter Gabriel. Der Frager bringt das Gespräch (nicht ungeschickt:” Gunter, bist du schonmal zensiert worden?” Gunter:” Ja, von Dir.”) auf Gunters “Deutschlandlied”, dass er aber ohne erklärende Worte nicht senden wolle, da sich alte Kameraden bestärkt fühlen könnten. Quakelei hin und her darüber. Dann wird das Publikum gefragt, was Gunter zum Abschluss singen soll, natürlich das” Deutschlandlied”. Der Frager gibt sich geschlagen. Das Lied entpuppt sich als listiges graues Mäuslein. Weil es grau, dumm, banal ist, wird es nämlich ohne Bedenken passieren, nach dem Motto:” Deshalb solch ein Zeck?”. Das Liedchen bekennt sich zu Deutschland, ist endlich mal positiv, Deutschlands goldener Weizen und goldenes Bier! Von der Ruhr bis nach Meißen und Schwerin. Auch hier ist das” Heil des Gesunden “programmiert.
Nach Gunter raunzt Katharina Thalbach im Talk. (Während ich schreibe, blöken sich unten auf dem Hof die Motorradbastler die Fußballtaten Deutschlands zu.)
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Mitten in der Nacht, 1.30 Uhr, sperrangelweit südlich steht mein Fenster offen, durch das herein den ganzen Tag der blaue Himmel strahlte. Doch nicht Grillenzirpen dringt herein, sondern dumpfes Großstadtdröhnen. Ich hab den ganzen Tag geruht und bin nun auf die Folter des Schlafenmüssens gespannt. Ich liege nackt bis auf die Hose, so dass wenigstens die gestaute Wärme aus dem Körper fließt. (Und meine Wirbel gleich wieder unterkühlt?) Munter, wehrlos, von Gesumm erfüllt, liege ich hier. Ich kann nur warten. Zu keiner Aktion bin ich fähig, die mich, wenn sie mich schon nicht befreit, doch wenigstens auf einen Weg brächte.
Die Krähen hacken auf mich ein und meine einzige Abwehr besteht immer wieder in der Selbstüberzeugung, dass ich eine alte, ganz feste, ledernen Haut habe. Das mag ein brauchbarer Schutz sein. Doch was sag ich dem wunden warmen Herzen in seinem sicheren Ledergefängnis?
“Höre nicht, wa es mir klagt, klagen ist für Toren.”
Und das unverständige Herz seufzt und arbeitet und taumelt und arbeitet und reißt an meinem Bein und arbeitet und pumpt unermüdlich den einmal endenden Strom.
Liegen, von Gesumm erfüllt und auf den Schlaf warten, das heißt: ich habe die bewusste Steuerung zurückgenommen, will mich dem Steuer der Müdigkeit überlassen. Doch dieses Steuer faßt nicht, weil gar keine Ermüdung da ist. So bin ich, ähnlich wie im Traum aber bei wachen Verstande, dem Unbewussten ausgesetzt. Besser: Es tritt zu Tage und es ist mit dem Gefühl zu vergleichen, einen Bienenschwarm in sich zu tragen.
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Vor Tagen bis 1:30 Uhr im Rias eine Chancon-Sendung gehört. Auch Hannes Wader, Franz Josef Degenhardt (”Pflaumenbäume”) kamen zu Wort, ein grünes Lied über Seveso, zuletzt Biermann mit Partnerin über den August 68 in der CSSR. B. ist ein großes Talent aber kein großer Künstler geworden. Er singt exhibitionistisch.
Einzelne Politlieder im Westrundfunk. - Schmerzlich spüre ich, was Lieder nicht können.
Gespielt fast nie, oder jetzt 1:00 Uhr, nach Mitternacht: Sie müssen doch eine ganze Menge können.