… Am Freitagnachmittag mit C. im Klub “Peter Edel” - angenehmes Essen.
Danach zum “Toni”, “Die Stadt Hibiskus”, ein sehr guter chinesischer Film….
Am Sonntag Liebknecht-Luxemburg-Demonstration (wenig Teilnehmer?)…
Heute nun ist C.s erster Arbeitstag.
Auf Arbeit die ersten vier Einzelarbeiten diskutiert.
Nachher noch Kreisschule ML # Marxismus-Leninismus #…
Ausstellung chinesische Volkskunst.

# Das Tagebuch führt hier weder Zusammenhänge aus, noch Probleme an. Es gibt nur wenige knappe Signale, die sich dem Außenstehenden -so fürchte ich - kaum erschließen. Bedauerlich, denn eigentlich sind es Signale einer bedenkenswerten, in mancher Hinsicht reichen Normalität.
Peter Edel, heute kaum noch bekannt, war jüdischer Schriftsteller, KZ-Häftling, SED-Funktionär. In jedem Ostberliner Stadtbezirk gab es Klub- bzw. Kulturhäuser mit vielfältigem Veranstaltungsangebot und meist ganz ordentlichen Restaurants. In Weißensee war dieses Klubhaus nach dem 1983 verstorbenen Peter Edel benannt.
An den genannten chinesischen Film kann ich mich nicht mehr im Einzelnen erinnern. Mein googeln eben brachte kaum brauchbare Hinweise. Amüsant kontrastierend aber dieser Bericht aus einem Leipziger Jugendklub: “Der einzige Filmvorstellung die abgebrochen werden mußte, (Buh-Rufe en masse), war am 1.7.89 “Die Stadt Hibiskus” - ein furchtbarer Film. Interessanterweise wurde der Film, in Unkenntnis der Sachlage, zwei Tage nach seinem Verbot aufgeführt. Interessanterweise hat das nie jemanden interessiert.”
An der alljährlichen Liebknecht-Luxemburg-Demonstration (brrr, immer in der kältesten Jahreszeit!) nahm ich natürlich teil. In Berlin hatte diese Demo eine ziemlich große Tradition. Ich fühlte mich immer als Nichtberliner und mochte mich deshalb dieser Tradition nicht automatisch anschließen. Dementsprechend gering war meine Teilnahmebegeisterung. Aber nicht hinzugehen, kam für einen SED-Genossen nicht in Frage.
C. nahm nach ihrer schweren langwierigen Erkrankung eine Arbeit beim Verband der Film- und Fernsehschaffenden auf. Zu meiner eigenen beruflichen Arbeit erläutere ich später etwas mehr.
Kreisschule ML - Diese Form gehörte zum Parteisystem der Schulung und Propaganda. Jedes Parteimitglied mußte einmal im Monat an einem zweistündigen Parteilehrjahr teilnehmen. Diese Seminare wurden von (möglichst befähigten) Genossen aus den eigenen Reihen, den Propagandisten, geleitet. Die Propagandisten selbst wiederum wurden durch sog. Leitpropagandisten, die natürlich eine entsprechende Ausbildung haben mußten, monatlich angeleitet. Ich war als studierter Philosoph und Ökonom zum Leitpropagandisten berufen worden. Als Leitpropagandist hatte ich/nahm ich mir lange Zeit die Freiheit, meinen Propagandisten, angelehnt an den vorgegeben Lehrplan, interessante Fakten und Problemsichten zu vermitteln, die ich mir selbständig erarbeitete. Ab 1988 wurde diese Freiheit in dem Sinne beschnitten/modifiziert, daß ich zur (nebenberuflichen) Weiterbildung an der Kreisschule ML (etwa Fachhochschulniveau) verpflichtet wurde - ein Vorgang, halb Disziplinierung, halb echte Bildungsauffrischung. Das ganze Parteilehrjahr schwankte zwischen dogmatischer Exegese “aktueller Parteidokumente” (wie es besonders in den letzten Jahren von der Zentrale (Joachim Herrmann) immer rigoroser angestrebt wurde) und unkonventioneller, theoretisch bemühter Diskussion von Problemen, die uns auf den Nägeln brannten. Es gab eine ziemliche Bandbreite. Wie es konkret aussah, war sehr vom Stil der jeweiligen Parteiorganisation/Parteileitung einerseits und den teilnehmenden Genossen andererseits abhängig. Es gab auch hier, wie so oft in der DDR, einen Raum, den man so oder so ausfüllen konnte. Heute wird all das mit “Gehirnwäsche” abgetan.
Die Aufgabe, das eigene soziale Leben (z. B. unser gegenwärtiges tolles Krisengeschehen) geistig, theoriegeleitet, zu druchdringen, ist heute weniger gelöst, denn je. Ein Beweis dafür, daß diese Aufgabe sinnlos ist oder von “BIld” massenhaft oder von der Religion gehoben bestens erfüllt wird, ist das wohl kaum.
Ausstellung chinesische Volkskunst - DDR-Berlin hatte ein reiches Kunst- und Kulturangebot. In DDR-Berlin gab es Beschränkungen des Kunst- und Kulturangebots. Beide Sätze sind zutreffend. Ich teile nicht die Anklagen, daß wir unter einer geistigen Käseglocke leben mußten. #