Archive for Juni, 2009

30. Juni 1989 – DDR-Größenwahn

Dienstag, Juni 30th, 2009

Heute also das Disziplinarverfahren gegen Gr. Gestern HGL-Beratung # HGL - Hausgemeinschaftsleitung # mit extrem geringer Beteiligung. Erstmals Frau Petzoldt dabei. Diskussion zum Thema Kaufhalle - und zur Anspruchslosigkeit.

# Frau Petzoldt, die Frau von Pfarrer Petzoldt. In der Nachfolge meines Wahlgesprächs bei Petzoldts (Vergl. Eintrag vom 18.4. d.J.) hatte eine Zusammenarbeit mit Petzoldts begonnen (Vegl. auch Eintrag vom 28.4. d. J.) Man kann so etwas zynisch betrachten und sagen: Da wollte jeweils die eine Seite die andere benutzen. Ich habe das nie so gesehen, sondern immer als Beweis dafür, daß unsere demokratischen Formen hätten funktionieren können, wenn sie nicht von uns selbst, also von unserer Machthierarchie und unserem Machtverständnis, immer wieder zu reinen Formalien entwertet worden wären. #

Besuch Honeckers in “Magnitka” # Das traditionsreiche sowjetische Hüttenzentrum Magnitogorsk # heute mit 16 Bildern von ihm im ND.

C. erzählte gestern von schulenden Äußerungen des Dr. Schuchardt vom Außenministerium - DDR-Größenwahn. (Ähnlichen Größenwahn fand ich in den Äußerungen der Helga Labs # Leiterin der Pionierorganisation # auf dem pädagogischen Kongreß über unsere einzigartige Parteiführung.)

29. Juni 1989 – Frau Kottke

Sonntag, Juni 28th, 2009

Frau Kottke

# Sie war die Leiterin des in meinem Wohngebiet gelegenen “Clubs der Volkssolidarität” in der Rheinsberger Straße. Solche Clubs, von denen es viele gab, waren in den Wohngebieten die Anlaufpunkte vor allem für die Alten, Einsamen und Bedürftigen. Es gab Mittagstisch und Kaffe und häufig kulturelle Veranstaltungen. Bei mir war Frau Kottke die Seele des Ganzen, eine zurückhaltende Frau und Ur-Berlinerin, so etwas gibt es. Sie machte ihre Arbeit sachlich, ruhig, freundlich, aufopferungs- und ideenvoll, kurz mit Verstand und Herz. Von “ihren Schäfchen” wurde sie geliebt. Solche Menschen bekommen nie ein Denkmal und sind doch die einzigen, die es verdienen.#

erzählte mir gestern ganz deprimiert, daß ihre Helferin, Frau Steinke, seit vergangenen Montag in die BRD ausgereist sei.

Gestern in “Solaris”, erst 21.00 Uhr, 2 1/2 Stunden, das war anstrengend, aber ein guter Film. Magie Tarkowskischer Filmkunst!

Bin zum anerkannten, ja gefeierten Joghurtmacher aufgestiegen.

Wichtige Artikel in “Gesellschaftswissenschaften” 2/89, so besonders von Ametistow zur Reform des politischen Systems. Interessant S. 175, 183ff über demokratischen Persönlichkeitstyp (und sozialistischen und autoritären).

Dagegen unsere Verhältnisse, die mich immer wieder in Resignation (und Auflehnung) treiben.

28. Juni 1989 – politischer Pluralismus

Samstag, Juni 27th, 2009

890628.jpg # Die sowjetische Dichterin Anna Achmatowa #

A. erzählte, daß Henrik und Harald eine recht negative Meinung über N., # N. ist mein zukünftiger Chef. # den sie seit langem kennen, geäußert hätten. Er sei lahm, lasse sich am liebsten bewundern und andere arbeiten.

In der “NZ” hochinteressanter Artikel über den “Fall” Gdljan/Iwanow. Alles in allem verweist er auf die Verfilzung von “Mafia” und “Bürokratie”. - Das ist Macht, die sich verselbständigt, die Wurzel aller Übel.

Das hat der Kongreß # der Sowjetkongreß in der Sowjetunion # deutlich gemacht. Auf ihm kamen erstmals direkt Volksinteressen zur Sprache. all das geht nicht ohne Meinungspluralismus, der (über geheime und alternative Wahlen) zu erforderlichen Formen des politischen Pluralismus führt.

In “Weltbühne” 26/89 ein typischer Leitartikel von Sus. Schäfer - u.a. Bemerkung über “Personenkult” - das Halblügen der SED!

27. Juni 1989 – Garten und mehr

Freitag, Juni 26th, 2009

APO-Versammlung (Lethargie),

Film von A.. German “Straßenkontrolle” - wir gehen nach 1 Stunde - kein sehr bedeutendet Film. C. las gestern einen guten Text des Schriftstellers Saalmann, über den Moralzustand der DDR bzw. in der DDR.

Telefonat mir F., dem die Damperfahrt sehr gut gefallen hat. Er zählt eine Menge Daten des Dampfers auf (18kn).

Das Wochenende in Schmachte mit enorm viel Lesen der “Neuen Zeit”.

Weitere abschließende Arbeiten am Haus, Gartenpflege. Es leben erfreulich viele Farne. Der Wildwuchs der Gräser. Die junge einsame Heckenrose will sogar blühen. Der Garten ist grüner als zu erwarten war. Brennesseln vertilgt. Die Beerenbüche machen Freude. Der kleine (doppelt) geschädigte Weinstock scheint sich zu erholen. Glück gehabt: 35m 3/4-Zoll Gartenschlauch gekriegt. Die eigene Joghurtproduktion ist angelaufen.

# Zum Thema Versorgung: Meine Joghurtproduktion klingt nach Freude an “do it yourself”, war es aber nur zum Teil. Es ging auch darum, sich wirklich zuverlässig mit Joghurt zu versorgen. Selbst in dem bevorzugt belieferten Berlin konnte ich in letzter Zeit oft, wenn ich nach der Arbeit zur Kaufhalle ging, keinen Joghurt mehr bekommen. In hochsommerlichen Hitzeperioden war es normal, daß im Berliner Umland in den Lebensmittelverkaufsstellen nur einmal pro Woche Bier angeliefert wurde. Man kaufte dann gleich einen ganzen Kasten, hatte also zu Hause dennoch Bier vorrätig aber die Verkaufsstellen waren leer.#

Dieter Papsch sagte gestern, daß den SAB # Schwermaschinen- und Anlagenbau # seit vorigem Jahr 4100 Arbeitskräfte verlassen hätten. Das Getriebewerk Penig hat seit Ende 88 einen Abgang von 120 Arbeitskräften, überwiegend Produktionsgrundarbeiter, davon 20 Ausreiser.

22. Juni 1989 – turbulente Zeit

Freitag, Juni 26th, 2009

Turbulente Zeit, hohe Belastung, bedingt einerseits durch das eingeleitete Disziplinarverfahren gegen Gr., andererseits durch weitere Leitungsprobleme (Gespräch mit Nachfolger) und gesellschaftliche Arbeit (Wahlkreisaktivtagung, WBA usw.). Sehr guter Zusammenhalt mir C., die mir in der Sache Gr. gut geraten hat. Erfolgreiche Diskussion der Einzelarbeiten im Lehrgang, nötig ist ein guter Übergang zur Kollektivarbeit.

Dienstag kleiner, schöner Besuch bei F. Ich freue mich auf das Wochenende.

890622.jpg

 

20. Juni 1989 – Abschluß Kreisschule ML

Freitag, Juni 26th, 2009

Heute Entscheidung im Parteiverfahren von C.

Psychisch durch Arbeitssituation belastet. Für mich wird jede, auch harmlose, Aufgabe zum Problem. (Vorher, nachher erlebe ich meist, das es keines war.)

gestern Abschlußgespräch Kreisschule ML.

# Ich hatte diesem Gespräch mit einer gwissen Erwartung entgegengesehn, denn mein Seminar der Kreisschule hatte sich auf mein Betreiben damals gegen das Sputnikverbot gewandt. Würde man mir das in irgendeiner Form zurückzahlen? Nichts geschah. Die Aufmüpfigkeit wurde unter den Teppich gekehrt. Es gab nicht nur Repression. Kritik verpuffen zu lassen, wie beim Anrennen gegen eine Art Wattewand, war auch eine Methode. #

Ernster Artikel in der # sowjetischen # “Neuen Zeit” zur Nationalitätenproblematik. Man könne sich oft nicht genug in die alten Fehler vertiefen, aber die tagtäglich sich ereignenden Unrechtmäßigkeiten würden kaum analysiert.

18. Juni 1989 – Gründung Freidenkerverband

Mittwoch, Juni 24th, 2009

Von Skaby zurück bei Mädel. # “Mädel” nante C. ihre Mutter. #

Mädel hat diesen Zeitungsausschnitt für uns aufgehoben, den sie bemerkenswert fand.

890618.jpg

# Ein Beispiel offizieller Bemühungen, sich irgendwie auf die Erfordernisse der Zeit einzustellen. Ich denke, das war eine “Kopfgeburt”, eine “Initiative von Oben”, die keinen wirklich ansprach. Allzu durchsichtig wurde die Kanalisation der sich entwickelnden gesellschaftlichen Unruhe bezweckt. #

Eppler hielt anscheinend gute Rede zum 17.6.

ABV Andre K. # der meinem Wohnbezirk zugeordnete ABV (Abschnittsbevollmächtigte) der Polizei # sagte auf meine Frage nicht, was er als Leutnant als Gehalt bekomme. Er sagte, es sei viel, “zwei Gehälter”! WBA-Fete am Donnerstag war Erfolg.

 

17. Juni 1989 – in Skaby

Mittwoch, Juni 24th, 2009

Wochenende schön in Skaby mit C. Tote Kuh dort.

Viel gelesen (Simonow erinnert sich an Stalin), nichts Beeindruckendes.

# Wenn ich die Einträge dieser Tage und Wochen überblicke, fällt mir auf, welche Unmengen von Literatur wir in dieser ganzen Zeit der Krise gelesen haben; viel schöngeistige Literatur aber auch gesellschafts-/kulturpolitische und historische. Es war überhaupt eine Zeit vieler geistiger Äußerungen und des regen Austauschs (in gewissen Kreisen). Es wäre interessant, das mal mit unserem heutigen Verhalten in der Krise zu vergleichen. #

Ich fühle mich ständig nicht wenig politisch-gesellschaftlich belastet (depressiv).

 

15. Juni 1989 – erster Arbeitstag

Mittwoch, Juni 24th, 2009

Erster Arbeitstag, ohne sensationelle Überraschung aber mit Terminstreß -

Abschlußbericht Kreisschule ML,

WBA-Fete heute Abend. Das sind 4 Stunden Lebenszeit, die wie Wasser durch ein Sieb rinnt.

Im ND erblicke ich das endlose Referat der Ministerin Honecker.

Letztes Kapitel in Trifonows Buch “Zeit und Ort”: “Den Winter überleben”! Gestern im Zug: Dimiter Kordshnew, in der Spektrumreihe, “Der Garten mit den Amseln”, sympathisch, streckenweise recht gut.

14. Juni 1989 – Urlaubsende - eine Diskussion zum Mehrparteiensystem im Sozialismus

Dienstag, Juni 23rd, 2009

Urlaubsende! Nochmal Fahrt zum “Schwarzen Busch”, 2x abbaden.

Abends mit den Pensionswirten zusammen. Sie berichten von Flaute im Wismarer Hafen. Berichte DDR-Fernsehen vom Gorbatschow-BRD-Erstbesuch und vom pädagogischen Kongreß

Gute Artikel in “Kultur und Leben” 3/89.

# Ich kann es nicht herausfinden, ob der folgende Artikel aus “Kultur und Leben” stammt. Jedenfalls hatte ich ihn bei der entsprechenden Seite ins Tagebuch gelegt. Er ist ein anschauliches Beispiel dafür, welche Diskussionen uns damals bewegten, Diskussionen, die auch heute nicht gegenstandslos geworden sind. Ich frage mich, ob die Krise des Sozialismus zwingend zu seinem Untergang führen mußte, oder ob es nicht auch Auswege durch Verwirklichung neuer Chancen gegeben hätte. Das A und O bleibt ein tieferes Verständnis von Macht, politischer Macht und ökonomischer Macht, und davon sind wir heute, fürchte ich, nachdem offenkundig die klassischen Antworten des Marxismus-Leninismus nicht ausgereicht haben, nicht weniger weit entfernt als 1989. #

890614a.jpg

890614b.jpg