Archive for Juni, 2009

13. Juni 1989 – Urlaub - soziale Herkunft/Stellung der Abgeordneten von Berlin-Mitte

Dienstag, Juni 23rd, 2009

Am Sonntag, Pfarrer Palmer zeigte uns in- und auswendig die Neuburger Kirche, an der er enorm tatkräftig restauriert hat. Die Kirche zeigt innen ein frappierendes Konglomerat von spätmittelalterlicher und barocker Bemalung. Die alte Uhr, das Uhrwerk, wurde auch wieder in Gang gesetzt. In unserer Gegenwart ließ er einmal die Zeiger “rund um die Uhr” wandern. Glockengießerei Apolda.

890613neuburg2.jpg

Sehr schöner Boddenabend bei Strömkendorf. Gestern und heute einzigartiger Sonnenschein. Wir sind bis spät am FKK-Strand von Timmendorf.

Wir haben Trifonow “Zeit und Ort” ausgelesen mit der letzten schönen Geschichte:”Diesen Winter überleben”. Unerhörte Aktualität Trifonows, der ja immerhin schon 1981 gestorben ist.

C. und ich in bester Stimmung. Leider geht der Urlaub nun schon zu Ende.

Gestern hab’ ich mal die Abgeordneten von Berlin-Mitte ausgezählt. Von 220 Abgeordneten ordne ich 47 als hauptamtliche Funktionäre (von Partei, Staat und gesellschaftlichen Organisationen) und weitere 72 als “Angehörige des Apparats” ein. Das sind insgesamt 119! Von den fünf ersten Plätzen der Wahlkreislisten sind in allen Wahlkreisen (mit einer Ausnahme) jeweils vier Plätze durch Funktionäre bzw. Angehörige des Apparats besetzt. Das ist weitgehende Verschmelzung/Verfilzung von Exekutiver und Legeslativer!

Gestern Abend 1. Besuchstag Gorbatschows in der BRD.

Honecker ließ sich am Sonntag in Greifswald feiern - “herzergreifende” Kinderszenen. Immer wieder ruft er sein abgehacktes:”Alles Gute!”

# H. besuchte Greifswald und ließ sich demonstrativ feiern anläßlich der Wiedereinweihung des mit staatlicher Hilfe restaurierten Greifswalder Doms. #

11. Juni 1989 – Urlaub, Trifonow über Faschismus

Dienstag, Juni 23rd, 2009

Trifonow: “Faschismus ist das Hochkommen der Schlimmsten” und “Faschismus ist Straflosigkeit” (dies aus “Twerskoi Boulevard - 3″)

# Vielleicht ist unverständlich, warum ich diese einfachen Formulierungen als etwas Besonderes empfand. Sie erschienen mir bemerkenswert, weil der Faschismus hier in keinem Bezug zu Klasseninteressen verstanden wurde. Diese Auffassung ging also über die bei uns herrschende, auf Dimitroff zurückgehende Faschismusdefinition, hinaus. #

Und dieser Liedtext:

“Mein Pferd ist gesattelt, vom Hof geht’s hinaus.

An die stille Donau soll mein Rappe mich tragen.

Dort werde ich stehen, was ich tun soll mich fragen:

Erhängen oder ertränken oder zurückkehren nach Haus…”

Sehr schöner Radausflug. Pfarrer Palmer in Neuburg.

890611neuburg1.jpg

09. Juni 1989 – Urlaub - “Figaro”

Montag, Juni 22nd, 2009

890608b.jpg

Gestern “Figaros Hochzeit” - in einer mecklenburgisch-derben Aufführung (”ohne Finessen” - wie C. geschmäcklerisch meint) im Wismarer Theater. Mir hat es gut gefallen. Mozart holzschnittartig inszenieren - würde das gehen? Mozart durch Barlach gebrochen?

890608c.jpg

Unser erstes Glas Joghurt (0,75l) erfolgreich produziert. Heute vormittag Dauerregen. Ich koche Frühlingssuppe. Gleich lesen wir.

Doch noch Rad- und Fußwanderung. Entdeckung: Kirche bei Blowatz (Der Schlüssel steckt.) Boddenbad beim Ferienheim Damekow, Spaziergang bei Fährdorf.

Trifonow:”Das Ende des Winters”.

 

08. Juni 1989 – Urlaub - Nikolaikirche Wismar

Montag, Juni 22nd, 2009

Orgelmusik in der Nikolaikirche, wir waren vorher schutzlos durch den Regen gelaufen. Wir froren, haben uns aber nicht erkältet. In der Nikolaikirche - ausgehängt politisch -soziale -ideologische Stellungnahmen. Schlimme Fernsehnachrichten (Fergana, Kreutz)

schlechtes Wetter, Einkaufsvormittag in Wismar, dem schönen Städtel. Joghurtbereiter gekauft.

Heute Abend ins Theater.

890608a.jpg

890608d.jpg

07. Juni 1989 – Urlaub - Trifonow

Montag, Juni 22nd, 2009

Fernsehbericht im ZDF über sowjetische Kooperativen und Mafia.

 Ausflug, ca. 30km, zum Nordende der Insel nach Gollwitz. Ganz flache See, man muß hunderte Meter weit hineinlaufen. Trockenbrotmittag im Strandkorb, kühl. FKK-Strand Timmendorf, Gewitter abgepaßt. Abends zum Orgelkonzert.

Lesen: Trifonow: “Twerskoi Boulevard 3″ - ich bin begeistert.

06. Juni 1989 – Urlaub - Wismar; Peking

Sonntag, Juni 21st, 2009

890606.jpg

Gestern in Wismar beeindruckt durch Hafen (Taucher), Fischverkaufsstellen, Kirchen und Kirchenruinen, Portal des Fürstenhofes sehr schön, sympathische belebte Stadt, Ausstellung Arno Schmidt, Fischrestaurant, Theaterkarten für “Figaro” am 8.6., vergeblicher Versuch, ein Kofferradio in der Preislage bei 500,-M zu kaufen, Joghurtbereiter für 48,-M gesehen, noch nichts fotografiert.

Im Westfernsehen Berichte von Peking, Chomeinis Tod, Wahlen in Polen, Unglück im Ural.

Gelesen fast bis zu Ende Gorbatschhows Rede vor dem Deputiertenkongreß. Der Bericht im ND von diesem Kongreß wirkt deprimierend. (Sich diesem Gefühl nicht überlassen!)

Abends weiter Trifonow: “Das umgestürzte Haus”, sowie aus “Zeit und Ort”.

05. Juni 1989 – Urlaub - Kirchdorf

Sonntag, Juni 21st, 2009


Gestern Ausflug nach Timmendorf, 30 km bei Regen.

Kirche in Kirchdorf, frühgotisch. Schöner Friedhof, das Kirchenumfeld; Wall von der früheren Festungsanlage.

 890605.jpg

Gestern Abend Fernsehen: Armeeinsatz in Peking! Wahlen in Polen.

Tina Modotti/Vidal/Trotzki. Gute Geschichten von Trifonow.

Heute mal nach Wismar. Schön beeindruckende Stadt.  Jetzt am späten Nachmittag noch Radfahrt über die Dörfer Gagzow, Krusenhagen, Hof-Redentin (eigenartig beeindruckend).

03. Juni 1989 – Urlaub - Poel

Sonntag, Juni 21st, 2009


Gestern zum Urlaub in Wismar angekommen…

…und gut geschlafen.

# Wismar war eine DDR-Stadt, die ich noch nie besucht hatte. # 

Ausflug nach Poel, “Am schwarzen Busch”, insgesamt 40 km per Rad, wider Erwarten blendendes Wetter, Spaziergang abends an der Redentiner Bucht.

Vorm Schlafen in “Sowjetliteratur” 4/89 gelesen: A. Bek, ein Kapitel und W. Kawerin.

28. Mai 1989 – Wochenenderholung in krisenhaften Zeiten

Dienstag, Juni 16th, 2009

Schönes Wochenende mit C. in Schmachte. Dach der Laube geteert, Pflanzenpflege. Mit den Nachbarn Autogeburtstag gefeiert. 2x zum Tonsee geradelt. Die Kinder dort sagen:”Die Russen haben Stickstoff reingeleitet.” Prompt wäscht sich, auf das Gerücht hin, C. gleich nach dem Baden.

Rückfahrt über den Heinersdorfer Garten, bei F. und L. vorbei.

Im Garten L.s Freundin Steinhöfel erzählte, daß der Freund ihres Sohnes Peter diesmal zusammen mit seinem Bruder erstmals wählen wollte (mit Rücksicht auf Freundin und Kariere). Dabei erfuhren sie (mit ihrer Wahlbenachrichtigungskarte in der Hand), daß sie schon im Sonderwahllokal gewählt hatten!

Abends in der Badewanne erbitterter politischer Streit mit C. um den Fragenkomplex Mehrparteien- oder Einparteiensystem im Sozialismus. C. meint, es müsse unbedingt mehrere gegensätzliche Parteien im Rahmen einer sozialistischen Verfassung geben. Ich meine, daß mir nicht genügend zwingende Kriterien gegeben sind, um diese Frage zu entscheiden.

26. Mai 1989 – Ehrlichkeit und Wahlen

Montag, Juni 15th, 2009

Kerstin Kluge fragte mich nach der Realität unserer Wahlergebnisse. Sie erzählt von einem Gespräch mit Carsten Rosenwald, der die Sinnlosigkeit seiner Aktivität bei solchen Wahlen ausdrückte. Ich sagte ihr unverblümt meine Meinung zu dem Wahlfälschungsvorwurf.

# Kerstin und Carsten waren junge WBA-Mitglieder, bereit sich zu engagieren und etwas zu verändern. Ihre jetzt geäußerten Fragen und Zweifel sind ein Signal dafür, wie rasant jetzt die DDR-Staatsführung jedes Vertrauen verspielte. #

Ich mache eine Überschlagsrechnung. Mir sind bekannt, aus dem

WBA 9 etwa 100 Nichtwähler, Gegenstimmen ?

WBA 10 etwa 30 Nichtwähler, Gegenstimmen 9

WBA 11 etwa 100 Nichtwähler, Gegenstimmen 51

WBA 12 104 Nichtwähler, Gegenstimmen 20

WBA 13a etwa 100 Nichtwähler, Gegenstimmen 18

WBA 13b etwa 100 Nichtwähler, Gegenstimmen 16

WBA 14a etwa 90 Nichtwähler, Gegenstimmen 26

Summen 624 Nichtwähler, Gegenstimmen 138

(Das ist eine Minimalrechnung)

# Die Abweichung des WBA 10 erklärt sich daraus, daß dieser Wohnbezirk Häuser umfaßte, die unmnittelbar an den Mauerstreifens anschlossen, weshalb dort fast ausschließlich SED-Parteimitglieder angesiedelt waren. #

Berlin-Mitte hat insgesamt 1700 Nichtwähler und 991 Gegenstimmen. D.h. unsere ca. 10% der Wahlberechtigten bringen mehr als 1/3 der Nichtwähler und 1/6 der Gegenstimmen. Auf die restlichen 55 T Wahlberechtigten des Stadtbezirks darf es nur 1100 Nichtwähler gegeben haben, d.h. eine Wahlbeteiligung von durchschnittlich 98%.

Aber lassen wir diese Überschlagsrechnungen, die doch nur bestätigen, was wir schon schätzen.

# Heute mag es unverständlich sein, daß schon solche “unschuldigen” Nachrechnungen unerwünscht, wenn nicht verboten waren. Jeder WBA-Vorsitzende war verpflichtet, seine Wahlergebnisse vertraulich zu behandeln. Die Ergebnisse untereinander wurde nur “unter der Hand” ausgetauscht. Offiziell wußte man nicht, wie die anderen gewählt hatten und konnte somit auch nicht systematisch nachrechnen. Und nachdem das Wahlergebnis offiziell verkündet worden war, galt jede andere Meinung als “ein Angriff auf Partei und Regierung”. Ja, wir hatten es weit gebracht bei der Perversion demokratischer Prozeduren.#

Bei der WBA-Anleitung nächste Woche werde ich zu den Wahlen sprechen.

# Die Anleitung aller WBA-Vorsitzen erfolgte in der Regel durch das übergeordnete Organ, den “Kreisausschuß der Nationalen Front” oder bei besonderer Wichtigkeit durch den 1. Sekretär der SED-Kreisleitung. #

Ich werde nicht einfach Wahlfälschung vorwerfen. Ich verlange:

- eine gründliche detaillierte Darstellung und politische Einschätzung des Wahlergebnisses

- welche besonderen Maßnahmen müssen gezielt ergriffen werden? (Die Nichtwähler und Kabinenbenutzer sind oft junge Wähler/Mißerfolge unserer Jungwählerforen)

- die Ergebnisse der einzelnen Wahlkreise

- die Zahl und das Ergebnis der Vorwähler (Wähler in den Sonderwahllokalen)

- der Trend: Anstieg der Nichtwähler gegenüber der Wahl von 1986 bei mir 300%, Gegenstimmen verzehnfacht.

- Erforschung der Motive der Nichtwähler und Gegenstimmen (Nicht alles Feinde)

- Ehrlichkeit, um gewonnene Aktivität weiterzuentwickeln

- Wie widerlegen wir den Vorwurf der Wahlfälschung?

Es ist all das sinnlos fürchte ich oft, aber ich muß es tun. Nicht bis in alle Zukunft und bis in alle Sphären Selbstkrummschließer sein! Der politische Kampf hier ist schwer und nicht schön.

# Vorgriff: Die erwähnte WBA-Anleitung fand am 31.5. statt. Ich notierte im Tagebuch nur den Satz: “Diskussionsbeitrag zur Wahl abends bei der Anleitung der WBA-ler.” In der Diskussion sagte ich, was ich mir vorgenommen hatte. Der Kreissekretär zeigte sich in seinem Schlußwort irgendwie merkwürdig aber wenig berührt. Er orientierte bereits auf künftige Aufgaben und behandelte mich nur am Rande und wie einen Sonderling.

Eine traurige (aber nicht gänzlich unerwartete Erfahrung) war für mich das Verhalten der anderen WBA-Vorsitzenden. (Insgesamt waren wir etwa 40 Leute.) KEINER untertsütze meine Linie, auch nicht in abgeschwächter Form. Sie hatte alle die Zahlen ihrer eigenen WBA zur Verfügung. Hätten nur zwei, drei WBA ihre Zahlen hinzugefügt, wäre nachgewiesen worden, daß die offiziellen Zahlen des Kreises nicht stimmen konnten. Insgeheim hatte ich gehofft, daß solche “Ergänzung” kommen würde.

Dieses Erlebnis fällt mir immer wieder ein, wenn ich an Volker Brauns Geschichte “Das Wirklichgewollte” denke. Er hat es schlagend ausgedrückt: Wir haben es nicht wirklich gewollt!

Und eine letzte Bemerkung aus heutiger Sicht, 20 Jahre danach.

Nachdem nun die Leidenschaften für oder gegen Wahlfälschung längst erloschen sind, schätze ich, daß das Wahlergebnis in Wirklichkeit etwa so aussah: Wahlbeteiligung 85%, Gegenstimmen 5%. Jemand, der sich nicht an der Wahl beteiligte, hatte kaum mit nennenswerten Repressalien zu rechnen. 10 Monate später war die DDR Geschichte, die SED existierte nicht mehr und die PDS hatte bei Wahlen weniger als 20% erreicht.

Was lehrt uns das?#